Ehe mit Paul Lazarsfeld

1927–1934

Am 15. Oktober 1927 heiratete Marie Jahoda in Wien den damaligen Gymnasialprofessor für Mathematik Paul Felix Lazarsfeld (1901–1976), den sie 1919 in einem Ferienlager erstmals getroffen hatte, dem sie 1924 in der »Vereinigung sozialistischer Mittelschüler« wieder begegnete und mit dem sie seit 1925 – gegen den Willen ihres Vaters – liiert war. »The marriage did not work.«1 Bereits im Herbst 1928 kulminierten die Konflikte in der Ehe derart, dass das Paar eine vorübergehende Trennung beschloss. »Paul and I decided that something had to be done about our marriage, that we both needed to reflect on its future, free from irritations of daily life. Paul would have some psychotherapy and I went to Paris for almost a year.«2
Marie Jahodas Aufenthalt in Paris wurde als Studienreise ausgegeben. Sie besuchte seit Herbst 1928 Sprachkurse der »Alliance Française de Paris« und Vorlesungen an der Sorbonne, las in der Bibliothèque Nationale de France und nahm Kontakt mit französischen Sozialisten auf. Zunächst arbeitete sie als Übersetzerin an der Sprachschule »Berlitz France«, dann einige Monate als Sekretärin und Gesellschafterin der Sozialistin Angelica Balabanoff (1878–1965), schließlich im Sommer 1929 zwei Monate als Privatlehrerin im Badeort Étretat (Seine-Maritime). Im Herbst 1929 kehrte Jahoda nach Wien zurück.
Kaum ein Jahr später, am 17. Juli 1930, wurde in Wien die gemeinsame Tochter Lotte Franziska Lazarsfeld geboren – unter denkbar ungünstigen Umständen. Einige Monate nach der Geburt des Kindes zog die junge Familie Lazarsfeld in den eben eröffneten Karl-Marx-Hof, Wien 19., Heiligenstädter Straße 84, einem musterhaften Sozialbau des »Roten Wien«.
Ständige Affären mit anderen Frauen waren die eine Seite von Paul Lazarsfeld, der emanzipierte und fürsorgende Vater die andere. Auch gab sich Marie Jahoda selbst einen Teil der Schuld am Scheitern ihrer Ehe. 1932 begann Paul Lazarsfelds Beziehung mit seiner später zweiten Ehefrau, der Soziologin und Psychologin Herta Herzog (1910–), was dazu führte, dass seither das Ehepaar getrennt lebte. Marie Jahoda begab sich 1932 bis 1933 in eine vierzehnmonatige Psychoanalyse bei Heinz Hartmann (1894–1970); ihre Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse von Sigmund Freud (1856–1939) in den 1970er-Jahren beruhte also auch auf Selbsterfahrung. 1933 beschlossen Paul Lazarsfeld und Marie Jahoda die Trennung, und am 12. Juli 1934 wurde die Ehe – vorgeblich wegen der Emigration Paul Lazarsfelds in die USA – geschieden.
Marie Jahoda-Lazarsfeld zog dann als alleinerziehende Mutter – unterstützt von ihrer Schwester Rosi Kuerti und ihrer Mutter – in eine Wohnung in Wien 19., Döblinger Hauptstraße 60. »From the age of 25 to 50 I was a single woman, earning my living, becoming gradually quite proud of my independence, but emotionally of course dependent on friends – women and men.«3

1 Marie Jahoda Albu: Reconstructions. [Keymer, Sussex: Published by the author] 1996, S. 38.
2 Marie Jahoda Albu: Reconstructions. [Keymer, Sussex: Published by the author] 1996, S. 42.
3 Marie Jahoda Albu: Reconstructions. [Keymer, Sussex: Published by the author] 1996, S. 46.

© Reinhard Müller -- Graz, im Oktober 2006

EHE MIT P. F. LAZARSFELD
Carl Jahoda und P. F. Lazarsfeld
Ehekonflikte
Paris
Geburt der Tochter
Karl-Marx-Hof
Lazarsfeld als Vater
Schuld am Scheitern der Ehe
Psychoanalyse
Trennung
Unterstützung

Ella Lingens
Sofie Lazarsfeld