Marie Jahoda über die Bedeutung des inhaltlichen Aspekts der Marienthal-Studie

Keymer, Sussex, 1979

Marienthal ist einzigartig. [...] Marienthal konnte nur entstehen in einer Gruppe von Menschen, für die das Problem wichtiger war als die Methode. Und das ist es, was meiner Meinung nach diese statistisch naive Studie zu einer immer noch ausgezeichneten Studie macht. [...]
Es gab damals in Österreich eine weitreichende Diskussion in der Sozialdemokratischen Partei über die möglichen Konsequenzen der Arbeitslosigkeit. Ein Teil der Diskutanten hat gesagt, es ruiniere die Arbeitslosen und mache sie apathisch; und der andere Teil hat gesagt, es führe zu einer Revolution. Es war die öffentliche Debatte über die Konsequenzen der Arbeitslosigkeit, die Marienthal zu einer so bemerkenswerten Studie gemacht hat. Denn diese Studie hat ganz klar gezeigt, daß das Elend nicht zu einer sozialistischen Revolution führt, daß Menschen, die nicht genug zu essen haben und keine Aussicht auf eine regelmäßige Arbeitsmöglichkeit, nicht die Menschen sein können, die zu einer sozialistischen Revolution beitragen. Das ist die Bedeutung von Marienthal, mehr als die Methoden.

Mathias Greffrath: »Ich habe die Welt nicht verändert.« Gespräch mit Marie Jahoda, in: Die Zerstörung einer Zukunft. Gespräche mit emigrierten Sozialwissenschaftlern. Aufgezeichnet von Mathias Greffrath. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1979 (= das neue buch. 123.), S. 103-144, hier S. 120, 121–122.

© Reinhard Müller -- Graz, im Oktober 2006

MARIENTHAL-STUDIE
Otto Bauer als Anreger
Erhebungsinstrumente
Forschungsplan
methodolog. Grundregeln
inhaltliche Bedeutung
Verfasserschaft
Veröffentlichung
"Zwei Jahre später"
50 Jahre danach
zu "Einstweilen wird es Mittag"