Marie Jahoda

Zwei Jahre später

Wien 1934, Typoskript, 4 S.
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Zwei Jahre später.

Während der ganzen Dauer unserer Arbeit in Marienthal wuchs in allen Mitarbeitern der Wunsch, in diesem Ort einmal nicht nur Wissenschaftler zu sein und zu beschreiben, sondern Organisator und zu helfen. Aber erst einundeinhalb Jahre nach dem Abschluss unserer Erhebungsarbeit bot sich dazu eine Gelegenheit im Rahmen des Freiwilligen Arbeitsdienstes, der wie in vielen anderen Ländern auch in Oesterreich organisiert wurde. Es gründete sich hier ein gemeinnütziger Verein »Jugend in Arbeit«, der es sich zum Ziel setzte, möglichst viele Jugendliche, Burschen wie Mädchen, im Freiwilligen Arbeitsdienst zu beschäftigen. Nach vielen Bemühungen gelang es, auch in Marienthal eine solche Gruppe zu organisieren.
Unser erster Aufenthalt in Marienthal hatte einen rein wissenschaftlichen Zweck gehabt und war nur gelegentlich und nebenher mit kleineren Hilfsaktionen für die Bevölkerung in Verbindung gebracht worden. Der Freiwillige Arbeitsdienst, den wir in Marienthal organisierten, hatte umgekehrt seinen Sinn vor allem als Hilfsaktion für die Bevölkerung. Dennoch gelang es, in Fortsetzung u[n]serer einstigen Arbeit. gelegentlich und nebenher einiges wissenschaftliche[s] Material über die Lage der Bevölkerung aufzunehmen und Beobachtungen zu machen, über die hier kurz berichtet werden soll. Da sich alle Beobachtungen im unmittelbaren Anschluss an die Tätigkeit der F[reiwilligen] A[rbeits-]D[ienst]-Gruppe ergaben, ist es wohl am Platz, einige Bemerkungen über den freiwilligen Arbeitsdienst als solchen vorauszuschicken.
Die Idee des Freiwilligen Arbeitsdienstes ist für unsere Zeiten aus den Nöten der Weltwirtschaftskrise geboren, doch hat sie ihr Vorbild in den jahrhundertealten Träumen des Menschengeschlechts von einer besseren Welt. Von der Utopia des Thomas Morus1 bis zur allgemeinen Nährpflicht des [Josef] Popper-Lynkeus sind alle Bilder eines Zukunftsstaates so organisiert gedacht, dass es dort nicht bezahlte Arbeit, sondern freie Arbeit aller für alle gibt, also Arbeitsdienst.
Allerdings unterscheidet sich der Arbeitsdienst in seiner heutigen Form grundlegend von jenen verlockenden Zukunftsbildern: während er dort nämlich als die einzige Arbeitsweise für den ganzen Staat und alle seine Bürger gedacht ist, lässt er heute zwei Arbeitsweisen nebeneinander bestehen: auf der einen Seite verkaufen Menschen nach wie vor ihre Arbeitskraft als Ware und bekommen einen Lohn dafür, auf der anderen Seite müssen Menschen am selben Ort beherrscht von den gleichen Gesetzen und der gleichen Moral ihre Arbeitskraft verschenken. U[n]d gerade diejenigen sollen ihre Arbeitskraft verschenken, die am wenigsten zu verschenken haben,

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die am meisten unter der Krise leiden, die Arbeitslosen.
In dieser Zweiheit der Arbeitsweise im heutigen Staat liegt die ganze Problematik des Arbeitsdienstes beschlossen. Zunächst die wirtschaftliche und gewerkschaftliche. Die Jugendlichen bekommen als Entgelt für ihre Leistung im F.A.D. die Verpflegung und 50 gr[oschen !] im Tag. Für etwa dieselbe Arbeitsleistung, zumindest für diese Anforderung bekommen andere im normalen Arbeitsverhältnis Stehende einen normalen Lohn. Daher bedeuten Arbeitskräfte, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verschenken, für ihre noch arbeitenden Kollegen eine scharfe Konkurrenz, die Möglichkeit unter Hinweis auf die bei weitem billigeren Kräfte des Arbeitsdienstes die Löhne stark zu senken, so dass die Gefahr besteht, dass durch diese Institution neben einer gewissen Linderung des Schicksales einiger weniger Arbeitsloser, die Lebenshaltung der gesamten Arbeiterschaft verschlechtert wird. Daher ist es zu begreifen, dass alle Gewerkschaften sich zunächst gegen die Einführung des freiwilligen Arbeitsdienstes, dessen lohndrückende Wirkung sie befürchteten, zur Wehr gesetzt haben.
Die Praxis jedoch hat erwiesen, dass das ökonomische Problem des Arbeitsdienstes auf einer anderen Seite vor allem liegt: trotz der verringerten Löhne sind die gesamtem Produktionskosten im Arbeitsdienst in der Regel höher als im normalen Arbeitsverhältnis, weil einerseits die stets ungeschulten, den verschiedentsten [!] Berufsgruppen entstammenden Kräfte, die noch dazu keinen besonderen Arbeitsehrgeiz haben, sondern die ganze Sache mehr als Wohlfahrtsaktion betrachten und andererseits der Mangel an Maschinen die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.
Weder vom gewerkschaftlichen noch vom ökonomischen Standpunkt aus lässt sich also der Arbeitsdienst in seiner heutigen Form rechtfertigen. Die Bedenken gegen ihn werden nicht kleiner, wenn man sich z[um] B[eispiel] seine heutige Praxis in Deutschland ansieht, wo er seinen ursprünglichen Sinn nahezu gänzlich verloren hat und nur mehr der militaristischen Ausbildung der Jugend dient.
Was trotz dieser, u[n]serer Meinung nach sehr wichtigen, Einwände für die Institution spricht, haben wir bei unserem ersten Aufenthalt in Marienthal erfahren, nämlich die psychologische Situation der Arbeitslosen, ihre Resignation, der ja nur auf eine Weise, nämlich durch Arbeitsbeschaffung wirksam entgegengetreten werden kann.
Sie wirtschaftliche Situation des Ortes Marienthal, wie wir sie im September 1933 bei Beginn der Organisation des Arbeitsdienstes

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dienstes [!] vorfanden, war nicht sehr geändert. Wohl war die Fabrik zum kleinen Teil wieder in Gang gesetzt worden, doch arbeiten dort, wo früher 1200 Menschen Beschäftigung fanden, heute bloss etwa 40. Aber diese Hebung des Lebensstandards für einen Teil der Bevölkerung wird in der Gesamtbetrachtung des Ortes aufgehoben durch die Verschlechterung der Unterstützungsbedingeungen [!], die seither durchgeführt wurden, die Kürzungen und Aussteuerungen bei dem anderen, grösseren Teil der Bevölkerung.
Die Ausgesteuerten, besonders die jungen Mädchen und Frauen finden in den Fabriken der Nachbarörter gelegentliche Arbeit, doch wird die so schlecht entlohnt, – 80 S[chilling] im Monat etwa –, dass sie dieser mühseligen Arbeit in weiter Entfernung häufig die Arbeit im freiwilligen Arbeitsdienst vorzogen. – Die ökonomische Situation in Marienthal hat sich also nicht geändert, keineswegs gebessert, nur die Komponenten sind verändert, aus dnene [!] sich heute die gleichgebliebene Komponente – die Gesamtlage des Ortes – zusammensetzt. Während vor zwei Jahren Marienthal dadurch ausgezeichnet war, dass die Lage der meisten Ortsbewohner weitgehende Uebereinstimmungen auswiesen, sind heute die sozialen Unterschiede im Ort wieder grösser. Doch konnten wir uns aus technischen Gründen nicht näher mit der Wirkung dieser neuerlichen wirtschaftlichen Differenzierung befassen, sondern haben unser Hauptaugenmerk auf die Grundhaltung der heute noch Arbeitslosen gelenkt, ohne ihre Stellung zu ihren glücklicheren Gefährten, die Arbeit gefunden hatten, weiter zu berücksichtigen.
Da soll zunächst von der Haltung derjenigen Menschengruppe gesprochen werden, die wir genauer beobachten konnten, nämlcih [!] von den Mitgliedern des freiwilligen Arbeitsdienstes. Das zuständige Arbeitsamt hatte fürs erste nur eine weibliche Arbeitsdienstgruppe, die anfänglich aus 12, später aus 15 Marienthaler Mädchen zwischen 14 und 25 Jahren bestand. Der Andrang zur Anmeldung war ursprünglich nicht gross gewesen, wir hatten gerade knapp die bewilligte Zahl zusammenbekommen, doch stieg das Inter-

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esse der Marienthalerinnen an der neuen Einrichtung merklich, als diese erfuhren, dass wir jedem Mitglied unserer Gruppe zunächst einmal ein neues Paar Schuhe und Stoff auf ein Arbeitskleid zur Verfügung stellen konnten.
Es ist nicht ganz einfach, gerade für weiblcieh [!] Arbeitsdienstgruppen eine ge[e]ignete Arbeit zu finden, die der Bestimmung des Gesetzes Rechnung trägt, die besagt, dass die Arbeitsleistung eine zusätzliche sein müsse, um die Konkurrenz gegen die im selben Berufszweig Arbeitenden möglichst auszuschalten. Der Verein »Jugend in Arbeit« hat für die Grosstadt [!] dieses Problem einwandfrei gelöst: Gruppen von arbeitsdienstwilligen Mädchen werden der Fürsorge der Gemeinde zur Verfügung gest[e]llt, um in allen jenen Fällen einzugreifen, die nicht krass genug sind, um ein behördliches Eingreifen zu rechtfertigen oder von zu kurzer Dauer sind. Wenn also in irgend einer Familie durch die ausserhäusliche Arbeit der Mutter die Haushaltsführung unendlich erschwert wird, die Erziehung der Kinder gefährdet wird, oder wenn durch eine vorübergehende Krankheit der Mutter die Ordnung während einiger Zeit nicht aufrecht erhalten werden kann, wenn alte Leute hilflos in ihren vier Wänden sitzen, weil ihre Aufnahme in ein Altersheim erst nach Wochen durchgeführt werden kann, und in unzähligen analogen Fällen werden die Gruppen der weiblciehn [!] Arbeitsdienstfreiwilligen eingesetzt um in sozialer Arbeit zu helfen.
Zunächst versuchten wir in Marienthal nach demselben Grundsatz zu arbeiten. Doch stellte sich hier bald ein bemerkenswerter Unterschied zwischen der grosstädtischen [!] und der dörfischen Atmosphäre heraus: in der Grosstadt []!] waren die Helferinnen sozusagen anonym aufgetreten, man kannte sie nicht beim Namen, ihre Aktionen hatten einen gewissermassen offiziellen Charakter, man brauchte sich vor ihnen nicht zu schämen. Ganz anders in Marienthal, wo [...]2

Quelle: Jean Ashton Rare Book and Manuscript Library, Columbia University, New York (New York), Paul F. Lazarsfeld Papers, Box 39. Abgedruckt in: Marie Jahoda. 1907–2001. Pionierin der Sozialforschung. Katalog zur Ausstellung des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich an der Universitätsbibliothek Graz vom 3. Juni bis 2. August 2002. Mit zahlreichen Erstveröffentlichungen von und über Marie Jahoda. Herausgegeben von Reinhard Müller. Graz: Universitätsbibliothek Graz 2002, S. 49–50. Für den Hinweis auf dieses Dokument danke ich Christian Fleck (Graz). Die Veröffentlichung auf dieser Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Lotte Bailyn (Belmont, Massachusetts) und der Jean Ashton Rare Book and Manuscript Library (New York, N.Y.).



1 Thomas Morus (d.i. Sir Thomas More; London 1478? – London 1535): Staatsmann und Humanist; schuf mit dem Werk »Utopia« einen Klassiker der sozialutopischen Literatur, der zuerst erschien unter dem Titel: Libellus vere aureus nec minus salutaris quam festivus de Optimo reip. statu deque nova insula Utopia, authore clarissimo viro Thoma Moro, inclytae civitatis Londinensis cive et vicecomite, cura M. Petri Aegidii Antverpiensis [d.i. Pierre Gilles] et arte Theodorici Martini Alustensis [d.i. Theodor Martin von Aelst], typographi almae Lovaniensium Academiae nunc primum accuratissime editus. [Louvain]: arte Theodorici Martini [1516], 54 Bl. Anmerkung Reinhard Müller.
2  Die nachfolgende(n) Typoskriptseite(n) konnte(n) nicht gefunden werden. Anmerkung Reinhard Müller.

© Reinhard Müller -- Graz, im Oktober 2006

MARIENTHAL-STUDIE
Otto Bauer als Anreger
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"Zwei Jahre später"
50 Jahre danach
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