Marie Jahoda über Entstehung und Publikation der Marienthal-Studie

Wien, 1933

Die Feldarbeit war zwischen Herbst 1931 und Frühjahr 32. Bis zum Sommer haben wir kollektiv das Material diskutiert. Im Sommer 32 habe ich das Material mit mir aufs Land genommen und den Bericht geschrieben. [Hans] Zeisel hat gleichzeitig den Anhang geschrieben, [Paul] Lazarsfeld war führend an den Diskussionen beteiligt, aber weder er noch die Bühlers [d.s. Charlotte Bühler und Karl Bühler] haben den Text verändert. Alles das und die Auslieferung des Manuskripts an den deutschen Verleger geschah lange vor [Adolf] Hitlers Machtergreifung und vor der Ausschaltung des österreichischen Parlaments. Die einzig ausschlaggebende Veränderung, die, wie ich glaube, vom Verlag angeregt wurde, war, dass die Namen der Autoren, weil sie jüdische Abstammung erschliessen liessen, vom Titelblatt auf die inneren Seiten verlegt wurden. Ich habe Marienthal nicht ›vorsichtig‹ geschrieben – ich fürchte, wir hatten damals noch immer politische Illusionen –, sondern in der wachsenden Erkenntnis, dass die Beschreibung ohne politischen Kommentar überzeugender sein würde.

Marie Jahoda: Auszug aus einem Brief an Christian Fleck in Graz. Keymer, Hassocks (West Sussex), am 20. Januar 1988. Quelle: Christian Fleck, Graz. In ihrem Brief an Christian Fleck vom 11. August 1988 betonte Jahoda nochmals, dass »Hirzel schon darauf bestanden hatte, die jüdischen Namen der Verfasser nur auf der Innenseite, nicht auf dem Buchdeckel zu nennen.« Für die Bereitstellung der Briefe danke ich Christian Fleck (Graz).

© Reinhard Müller -- Graz, im Oktober 2006

MARIENTHAL-STUDIE
Otto Bauer als Anreger
Erhebungsinstrumente
Forschungsplan
methodolog. Grundregeln
inhaltliche Bedeutung
Verfasserschaft
Veröffentlichung
"Zwei Jahre später"
50 Jahre danach
zu "Einstweilen wird es Mittag"