Marienthal-Studie

1931–1932

»Die Arbeitslosen von Marienthal« – kurz »Marienthal-Studie« genannt – ist längst ein internationaler Klassiker der empirischen Sozialforschung. Das Buch zählt zu den berühmtesten deutschsprachigen Gemeindestudien und gilt als erste systematische Untersuchung über die psycho-sozialen Folgen von Arbeitslosigkeit. Diese Studie begründete den Ruf Marie Jahodas als Pionierin der Sozialforschung.
Zwischen Juni 1929 und Februar 1930 wurde die Textilfabrik der Fabrik und Arbeiterkolonie Marienthal (in den niederösterreichischen Gemeinden Gramatneusiedl und Reisenberg) schrittweise stillgelegt. Die Folgen für Marienthal und seine Bewohnerschaft waren katastrophal: 1931 waren schon 77 Prozent der 478 Familien völlig abhängig von der Arbeitslosenunterstützung, welche damals durchschnittlich nur ein Viertel des Gehalts betrug, maximal dreißig Wochen ausbezahlt wurde und bei der geringsten einmaligen Gelegenheitsarbeit ersatzlos gestrichen wurde.
Die Studie über die Arbeitslosen von Marienthal geht auf eine Anregung Otto Bauers (1881–1938) zurück, wurde jedoch auch durch eine Sozialreportage von Ludwig Wagner (1900–1963) aus dem Jahr 1930 beeinflusst. Nach Vorbereitung und Planung der Studie durch Paul Lazarsfeld (1901–1976), der noch 1930 damit begonnen hatte, startete man in der ersten Novemberwoche 1931 mit den Untersuchungen vor Ort. Den Großteil der Feldforschung führte Lotte Schenk-Danzinger (1905–1992) – damals noch »Danziger« – durch, die von Anfang Dezember 1931 bis Mitte Januar 1932 in Marienthal lebte. Insgesamt waren bis Mai 1932 fünfzehn Personen an den Forschungen beteiligt, welche zusammen etwa hundertzwanzig Tage in der Arbeiterkolonie verbrachten: die Hauptschuldirektorin Maria Deutsch (1884–1973), Elfriede Guttenberg, der Hochschulstudent Karl Hartl (1909–1979), Marie Jahodas Cousine, die Ärztin Clara Jahoda (1901–1986), Marie Jahodas spätere Schwägerin, die Studentin Hedwig E(rna) F(riederike) Jahoda (1911–1961) – damals noch »Deutsch« –, Marie Jahoda, der Projektleiter Paul Lazarsfeld, die schon erwähnte Universitätsassistentin Lotte Schenk-Danzinger, der Arzt Paul Stein, die Ärztin Josefine Stroß (1901–1995), die Forschungsstelle-Angestellte Gertrude Wagner (1907–1992), der Student Walter Wodak (1908–1974), der Forschungsstelle-Sekretär und Rechtsanwaltspraktikant Hans Zeisel (1905–1992) – damals noch »Zeisl« –, seine Schwester, die Studentin und Sportlerin Ilse Zeisel (1909–1999) – damals ebenfalls »Zeisl« –, sowie der Arzt und Kabarettist Kurt Zinram. Alle Angehörigen des Projektteams durften nicht bloße Beobachter sein, sondern mussten auch eine für die Bevölkerung nützliche Funktion kostenlos übernehmen: zum Beispiel durch Verteilung von Kleidern, Abhaltung von Näh- und Turnkursen, ärztliche Untersuchungen. Das Team arbeitete mit eine Vielzahl von Erhebungsinstrumenten: Erhebungsbogen über alle Familien, Lebensgeschichten, Zeitverwendungsbogen, Inventare der Mahlzeiten, Schüleraufsätze, Büchereientlehn-Unterlagen usw. Dass derartige Aktivitäten auf das Misstrauen der Behörden stieß, zeigt die Beobachtung der Beobachter durch die Gendarmerie.
Einen ersten Einblick in Absichten und Ziele gibt die »Anweisung für Marienthal«, die wohl Ende Dezember 1931 verfasst wurde. Die angewandte Methodologie fasste Paul F. Lazarsfeld 1933 in vier Grundregeln zusammen: 1) Verwendung quantitativer und qualitativer Methoden, 2) Erhebung objektiver Tatbestände und subjektiver Einstellungen, 3) Einbeziehung gegenwärtiger und historischer Daten, 4) Benutzung reaktiver und nicht-reaktiver Instrumente. In diesem Mix empirischer sozialwissenschaftlicher Methoden liegt ein Grund für das internationale Auf- und Ansehen der Marienthal-Studie. Dem entgegen wollte Marie Jahoda auch stets die inhaltliche Komponente betont wissen, die ihrer Meinung nach den Erfolg der Marienthal-Studie entscheidend mittrug: das Thema Arbeitslosigkeit und seine Behandlung vor sozialistischem Hintergrund.
Den Haupttext der Studie verfasste Marie Jahoda, während Hans Zeisel den Anhang »Zur Geschichte der Soziographie« schrieb. Der Beitrag Paul Lazarsfelds, der die namentlich gezeichnete Einleitung zum Buch schrieb, bestand vor allem im Konzeptuellen. Im Juni 1933 erschien die Marienthal-Studie im Leipziger »Verlag von S. Hirzel«. Da die Namen der Autoren zu jüdisch klangen, wurde auf deren Nennung in der Erstauflage verzichtet – ein Zugeständnis an den Nationalsozialismus, der im März 1933 in Deutschland zur Macht kam. Obwohl das Buch bald vom Markt verschwand, bezeugen die Rezensionen, die selbst im Deutschen Reich noch 1934 erschienen, das rege und positive Interesse deutschsprachiger wie internationaler Sozialwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen. Erst in den 1970er-Jahren wurde die Marienthal-Studie wiederentdeckt und ist seither in zahlreichen Neuauflagen und Übersetzungen erschienen.
Hingewiesen sei auf eine Arbeit Marie Jahodas, die ebenfalls auf dem Material der Marienthal-Studie fußte: »The Influence of Unemployment on Children and Young People in Austria« (1933). Marie Jahodas anhaltendes Interesse an Marienthal und dessen Bewohnerschaft zeigt sich auch daran, dass sie zwei Jahre später nach Marienthal zurückkehrte, um hier ein Projekt für arbeitslose Marienthalerinnen im Rahmen des »Freiwilligen Arbeitsdienstes« zu organisieren; leider ist der Bericht darüber nur als Fragment erhalten. Hier arbeitete sie mindestens im Sommer 1934, vermutlich aber auch noch später, mit 20 bis 30 britischen Quäkern zusammen, welche jeweils im Sommer (bis 1937) nach Marienthal kamen, um der notleidenden Bevölkerung zu helfen. Auf diese Begegnung dürfte auch der Umstand zurückzuführen sein, dass sich 1937 die englische Quäkerin sowie Rechts- und Sozialreformerin Margery Fry (1874–1958) 1937 für Marie Jahodas Freilassung aus der politischen Haft massiv und erfolgreich einsetzte.
Seit ihrem Exil kehrte Marie Jahoda nur noch einmal nach Marienthal zurück: Im Juni 1980 diskutierte sie im ehemaligen Fabrikgasthaus anlässlich des Projekts »Marienthal 1930–1980. Rückblick und sozialpsychologische Bestandaufnahme in einer ländlichen Industriegemeinde«, welches von Michael Freund (1949–), János Marton (1949–) und Birgit Flos (1944–) durchgeführt wurde.
1986 wurde die Marienthal-Studie – wohl einzigartig innerhalb der Sozialwissenschaften – von der österreichischen Regisseurin Karin Brandauer (1945–1992) verfilmt, eine Mischung aus Spielfilm und Dokumentation: »Einstweilen wird es Mittag« (Erstsendung 1. Mai 1987). Marie Jahoda stand dieser Verfilmung jedoch recht kritisch gegenüber.
Durchgeführt wurde die durch die Wiener Arbeiterkammer und die »Rockefeller Foundation« geförderte Marienthal-Studie im Rahmen der »Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle«.

Weiterführende Informationen: Marienthal-Website des AGSÖ

© Reinhard Müller -- Graz, im Oktober 2006

MARIENTHAL-STUDIE
Otto Bauer als Anreger
Erhebungsinstrumente
Forschungsplan
methodolog. Grundregeln
inhaltliche Bedeutung
Verfasserschaft
Veröffentlichung
"Zwei Jahre später"
50 Jahre danach
zu "Einstweilen wird es Mittag"