Marie Jahoda über die Abfassung der Marienthal-Studie

Wien und österreichische Alpen, 1932

Der ganze Stil der Produktion von Marienthal war eine Gruppenangelegenheit. Paul Lazarsfeld zum Beispiel hat nicht ein einziges Wort an dem Buch geschrieben. Als wir das Material zusammen hatten, habe ich es genommen und das Buch geschrieben. Aber natürlich war Paul führend beteiligt. Wir hatten regelmäßige Gruppenzusammenkünfte, wo jeder, der in Marienthal war, berichtet hat – Anekdoten, Eindrücke, Ideen, wie man quantifizieren könnte –, und Lazarsfeld war der leitende Einfluß, der das kristallisierte.

Mathias Greffrath: »Ich habe die Welt nicht verändert.« Gespräch mit Marie Jahoda, in: Die Zerstörung einer Zukunft. Gespräche mit emigrierten Sozialwissenschaftlern. Aufgezeichnet von Mathias Greffrath. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1979 (= das neue buch. 123.), S. 103-144, hier S. 121.


Ja, ich habe den Text geschrieben und einige Analysen gemacht, zum Beispiel über die Beziehung zwischen der Höhe der Arbeitslosenunterstützung und der Stimmung der Arbeitslosen. Alle Mitarbeiter der Forschungsstelle sind wöchentlich für zwei bis drei Stunden zusammengekommen und haben über alles berichtet, was sie beobachtet und gearbeitet haben. Paul [Lazarsfeld] hat diese Versammlungen geleitet und Diskussionen angeregt, darin war er außerordentlich gut. Wir haben gemeinsam die Kapitelfolge des Buches bestimmt, und im Sommer 1932 habe ich dann das ganze Material mit aufs Land genommen, um ungestört zu arbeiten. Ich erinnere mich noch, wie schwer der Koffer war, den ich zum West-Bahnhof getragen habe. Wissen Sie, Schreiben ist wunderbar, wenn es keine Unterbrechungen gibt und man wirklich konzentriert arbeiten kann. Das war sehr angenehm. Aber Schreiben kann man nur allein. Schreiben im Komitee ist nicht möglich. Ich wollte immer, und habe es nie getan, eine Untersuchung über intellektuelle Arbeitsmethoden machen. In den Sozialwissenschaften finden Sie nur noch sehr selten ein Buch, einen Artikel oder einen Bericht mit einem Autor. Und wie das Schreiben von vielen Leuten gemeinsam vor sich geht, war mir immer unverständlich. Das Schreiben ist für mich eine individuelle Beschäftigung. Aber ich bin nie dazu gekommen, das zu untersuchen. Intellektuelle Arbeitsmethoden, auch wie man die Literatur bewältigt, wie genau man Notizen macht, alles das hätte ich gern untersucht. Vielleicht werden Sie mal so eine Arbeit über intellektuelle Arbeitsmethoden machen. Damals war uns allen klar, daß Schreiben immer nur einer kann. Der Hans Zeisel hat den Anhang geschrieben, das war sein Hauptbeitrag, er war nur sehr gelegentlich in Marienthal.

Stefanie Engler und Brigitte Hasenjürgen: Biographisches Interview mit Marie Jahoda, in Marie Jahoda: »Ich habe die Welt nicht verändert«. Frankfurt/Main-New York: Campus Verlag 1997, S. 101-169, hier S. 112–113.

© Reinhard Müller -- Graz, im Oktober 2006

MARIENTHAL-STUDIE
Otto Bauer als Anreger
Erhebungsinstrumente
Forschungsplan
methodolog. Grundregeln
inhaltliche Bedeutung
Verfasserschaft
Veröffentlichung
"Zwei Jahre später"
50 Jahre danach
zu "Einstweilen wird es Mittag"