Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle

1931–1937

Die konzeptionellen Anfänge der Forschungsstelle mögen in die späten 1920er-Jahre zurückreichen, doch erst am 27. Oktober 1931 wurde der »Sozialpsychologische Verein« gegründet, der bereits bei seiner Konstituierung in »Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle« umbenannt wurde. Initiator der zunächst eng mit dem Psychologischen Institut der Universität Wien assoziierten Einrichtung war Marie Jahodas Ehemann Paul Lazarsfeld (1901–1976), damals von der »Rockefeller Foundation« bezahlter Assistent am Psychologischen Institut. Präsident der als Verein gegründeten Forschungsstelle war Karl Bühler (1879–1963). Dazu kamen ein prominent besetztes Präsidium und ein ebensolches Kuratorium. Wissenschaftlicher Leiter war zunächst Paul Lazarsfeld bis zu seiner Abreise in die USA im September 1933, allerdings fungierte als offizielle Leiterin des Büros die Staatswissenschaftlerin Lotte Radermacher (1907–?). Im Sekretariat waren als Kassiererin deren Mutter Lilli Radermacher tätig, als Schriftführerin die Juristin und spätere Soziologin Gertrude Wagner (1907–1992) und als leitender Sekretär Hans Zeisel (1905–1992), der vom September 1933 bis Januar 1934 als interimistischer Leiter fungierte.
Marie Jahoda war zunächst nur gelegentliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle, welche zuerst in Wien 1., Burgring 9, dann Wien 1., Wallerstraße 8, zuletzt in Wien 1., Wächtergasse 1, untergebracht war. 1932/33 wurde Jahoda im Zuge der Marienthal-Studie halbtags angestellt; ein dauerndes, ganztägiges Dienstverhältnis bestand erst seit November 1934. Durch den Abgang von Lazarsfeld und Zeisel kam es im Januar 1934 zu einem Führungswechsel. Marie Jahoda übernahm gemeinsam mit Gertrude Wagner die wissenschaftliche Leitung, während die kommerzielle Abteilung vom schweizerischen Unternehmer Leo Gold, seit Dezember 1934 vom Wiener Kaufmann, Werbefachmann und Marktanalytiker Heinrich Faludi (1883–?) geleitet wurde.
Der Verein »Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle« löste sich im Januar 1935 freiwillig auf. Stattdessen gründete man wohl auf Initiative Jahodas im März 1935 die »Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeiter der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle«, nunmehr nicht als Verein, sondern als Gesellschaft nach dem Bürgerlichen Recht. Wissenschaftliche Leiterin waren wieder Marie Jahoda und – bis zu deren Emigration nach Großbritannien im Februar 1936 – Gertrude Wagner. Zum fixen Mitarbeiterstab zählten die Studentin Gertrude »Gerti« Kral (1902–?), der Wirtschaftspsychologe Theodor Neumann (1908–?), die Wirtschaftspsychologin Hedwig Weil (1899–?), die Zeitungsredaktionssekretärin Elisabeth »Liesl« Zerner (1905–1986) – die Schwägerin von Paul Lazarsfeld – und seit 1936 Julius Klanfer (1909–1967). Dazu kam im Oktober 1936 die Volontärin Frieda Goldman. Die kommerzielle Leitung hatte weiterhin Heinrich Faludi inne, zu dessen Mitarbeiterinnen seine Nichte, die Angestellte Susanne »Susi« Faludi, die Angestellte Cäcilia Herma und die Beamtin Margarete »Rita« Raudnitz zählten. Marie Jahoda, die im November 1936 verhaftet wurde, blieb übrigens bis Januar 1937 Leiterin der Forschungsstelle. Zu den Gründungsmitgliedern der Arbeitsgemeinschaft (Heinrich Faludi, Marie Jahoda, Gertrude Wagner) stießen ein Jahr später noch Benedikt Kautsky (1894–1960) als Vertreter des in Paris lebenden Werbepsychologen Hermann Maria Spitzer.
Die Forschungsstelle beschäftigte bis zu hundertsechzig Rechercheure, darunter den Werbeberater und Marktforscher Ernest Dichter (1907–1991), die Sozialwissenschaftlerin Herta Massing-Herzog (1910–) – später die zweite Ehefrau Paul Lazarsfelds –, die Sozialforscherin Lotte Radermacher (1907–), die Psychologin und Pädagogin Lotte Schenk-Danzinger (1905–1992), die Sozialpädagogin, Fürsorgerin und Schriftstellerin Elisabeth Schilder (1904–1983) und den Rechtsanwalt Joseph Thorvald Simon (d.i. Joseph Theodor Simon; 1912–).
Vom 5. Dezember 1935 bis Ende Januar 1936 weilte Marie Jahoda in Paris, wo sie übrigens Max Horkheimer (1895–1973) erstmals persönlich traf; für das von ihm geleitete Institut für Sozialforschung verfasste sie die Studie » Autorität und Erziehung in der Familie, Schule und Jugendbewegung Österreichs«. Jahoda knüpfte in Paris vor allem politische Kontakte, setzte sich aber auch mit Hermann Maria Spitzer in Verbindung, Werbepsychologe und Generalsekretär der »International Association of Department Stores«. Dieser kam Mai oder Juni 1936 persönlich nach Wien, um die Forschungsstelle zu inspizieren, und beteiligte sich danach an ihr mit einer Einlage von zehntausend Schilling, als deren Treuhänder Benedikt Kautsky fungierte. Im November 1937 betrug das Vermögen der Forschungsstelle ohne Büroeinrichtung zweitausend Schilling. Nach der Verhaftung Jahodas übernahmen im Januar 1937 die Wiener Rechtsanwaltsehefrau Ilse Bachrach und der in Paris lebende Hermann Maria Spitzer die Leitung der Forschungsstelle und legten das Unternehmen im März 1937 still.
Die Forschungsstelle betrachtete Marie Jahoda als »eine ganz einzigartige und ganz wienerische Erfindung«.1 Ihre Auftraggeber kamen meist aus der Privatwirtschaft: »Ankerbrotwerke« (Wien), Schuhfirma » Bally, Wiener Schuhfabrik« (Wien), »Budapester Fremdenverkehrsbüro«, Schuh- und Strumpffirma »Delka Aktiengesellschaft« (Wien), Waschanstaltsfirma »Wäscherei Habsburg« (Wien), Schreibgerätefirma »L. & C. Hardtmuth« (České Budějovice), »Warenhaus Herzmansky« (Wien), Kleidungs(versand)firma »Jelmoli« (Zürich), Strickwarenfirma »Kessler Strickwaren«, Lebensmittelfabrik »Mautner Markhof Kommanditgesellschaft« (Wien), Kaffeefirma und Lebensmittelkette »Julius Meinl Aktiengesellschaft« (Wien), Seidenhaus Miller (Wien), »Adolf J. Titze Feigen-Kaffee-Fabrik« (Linz) usw. Überwiegend handelte es sich um (etwa zwanzig) marktanalytische Untersuchungen, die einem »Generalschema« folgten und deren Befragungsergebnisse vielfach miteinander in Beziehung gesetzt sowie von sogenannten »Verkaufs- und Konsumbarometern« begleitet wurden. Vor dem sozialistischen Hintergrund der meisten Mitarbeiter der Forschungsstelle mag es verwundern, dass diese vor allem der Konsumsteigerung und damit dem Kapitalismus dienten. Daneben gab es aber auch unentgeltliche Studien, etwa über das Bildungsniveau des Großstädters oder den Lebensstandard der Wiener Bettler, in denen der sozialdemokratische Hintergrund des Leitungsteams der Forschungsstelle zum Tragen kam; hiezu zählt auch die Studie über die Wiener Stadtrandsiedlung Leopoldau, neben »Marienthal« die einzige erhaltene Untersuchung, an der Marie Jahoda – vermutlich leitend, mindestens aber führend – nachweislich beteiligt war. Die berühmteste Arbeit der Forschungsstelle ist aber zweifelsohne die Marienthal-Studie, die zu einem Klassiker der sozialwissenschaftlichen Literatur wurde.
Das Bemerkenswerte an der »Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeiter der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle« war wohl die Loslösung vom Psychologischen Institut der Universität Wien, wodurch die erste außeruniversitäre, rein private sozialwissenschaftliche Forschungseinrichtung Österreichs geschaffen wurde.

1 Mathias Greffrath: »Ich habe die Welt nicht verändert.« Gespräch mit Marie Jahoda, in: Die Zerstörung einer Zukunft. Gespräche mit emigrierten Sozialwissenschaftlern. Aufgezeichnet von Mathias Greffrath. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1979 (= das neue buch. 123.), S. 103–144, hier S. 118.

© Reinhard Müller -- Graz, im Oktober 2006

FORSCHUNGSSTELLE
Verein
Präsidium
Kuratorium
Max Horkheimer
Marie Jahodas Bezug
Untersuchungen
"Generalschema"
"Verkaufs- & Konsumbarometer"
Projekt "Leopoldau"