Politische Untergrundarbeit

1933–1936

Im März 1933 begann die christlichsoziale Partei mit einem unblutigen Staatsstreich, der so genannten Selbstausschaltung des Parlaments, die Macht in Österreich zu ergreifen und ein autoritär-klerikales Einparteienregime zu errichten: den Ständestaat, auch als »Austrofaschismus« bezeichnet. Dieser wurde im Oktober 1934 gemäß der Verfassung vom 1. Mai 1934 auch formal als Bundesstaat auf christlicher und ständischer Grundlage konstituiert. Im Februar 1934 erhoben sich vor allem sozialdemokratische Arbeiter zur Verteidigung der Demokratie in Österreich, doch wurde dieser so genannte Februaraufstand gewaltsam und unter Einsetzung des Bundesheers blutig niedergeschlagen.1 Auch für Marie Jahoda war es das politische Ereignis dieser Jahre, wenngleich sie später eine kritische Distanz zur sozialdemokratischen Führung erkennen ließ. Nach dem gescheiterten Aufstand – Jahoda lebte damals im umkämpften Karl-Marx-Hof – wurde die »Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs« (SDAP) mit all ihren Teil- und Vorfeldorganisationen verboten. Während die Führungsspitze der österreichischen Sozialdemokratie im tschechoslowakischen Brünn (Brno) ihre Zentrale aufbaute, begann in Österreich selbst die sozialdemokratische Untergrundarbeit, vor allem aber jene der – ebenfalls verbotenen – »Kommunistischen Partei Österreichs« (KPÖ). Bald wurde Marie Jahoda selbst erstmals Opfer des Ständestaat-Regimes: Im November 1934 erfolgte ihre Entlassung als Volksschullehrerin aus religiösen (Jüdin, nun Konfessionslose) wie politischen Gründen (Sozialdemokratin).
Marie Jahoda hatte bereits 1933 ihre Tätigkeit im Untergrund aufgenommen. Durch Karl Frank (1893–1969) lernte sie Joseph Buttinger (1906–1992) – Deckname: Gustav Richter – kennen, dessen »linke Hand« sie in der illegalen Arbeit der folgenden Jahre wurde. Ihre Decknamen waren »Hanna« und »Lotte«.
1933/34 entstanden unzählige politische Gruppen, in denen sich Sozialisten und Kommunisten zu organisieren suchten. Marie Jahoda gehörte zunächst zu der im Herbst 1933 von Leopold Kulcsar (1900–1938) und seiner Frau Ilse Kulcsar (1902–1973) gegründeten und geleiteten Gruppe »Der Funke«, eine konsequent anti-kommunistische Splittergruppe, die im Wesentlichen Ideen der deutschen Gruppe »Neu Beginnen« propagierte. Die stärkste sozialistische Gruppe im österreichischen Untergrund wurde nach unzähligen Reibereien und Konflikten jene der »Revolutionären Sozialisten Österreichs« (RSÖ), welche seit Februar 1935 von Joseph Buttinger geleitet wurde.
Durch Marie Jahodas Freundschaft mit Buttinger spielten sich ihre illegalen Operationen im unmittelbaren Zentrum der sozialistischen Untergrundbewegung ab. Jahodas Aufgaben waren unter anderem die Organisation von Unterkünften für Illegale und Funktionärstreffen, Abtippen der Besprechungsprotokolle, Aufrechterhaltung von Verbindungen der illegalen Organisation und Empfang von Post für die Inlandsbewegung von der Exilorganisation. Als Mitglied des Schulungsausschusses war sie aber auch in der Bildungsarbeit tätig. Unter dem Pseudonym »M. Mautner« veröffentlichte sie einen Artikel über die Möglichkeiten von Intellektuellen in der Untergrundarbeit: »Die Intellektuellen und die revolutionäre Bewegung in Österreich«. Die Idee einer Revolution gegen den Ständestaat war zu diesem Zeitpunkt bereits fallengelassen worden: Nunmehr ging es darum, die Idee des Sozialismus zu verbreiten.
Marie Jahoda nutzte das Büro der »Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeiter der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle« als Tarnung, nämlich als »Poststelle« für Nachrichten der österreichischen Sozialisten im Exil für die Inlandsbewegung, und mietete zu diesem Zweck auch einen Banksafe an.


1 Das Ausmaß des Aufstands lässt sich an den Opferzahlen erahnen: Offiziell waren es 118 Tote und 486 Verwundete auf Seiten der Exekutive, 196 Tote und 319 Verwundete auf Seiten des sozialdemokratischen »Republikanischen Schutzbundes«; neun Sozialdemokraten wurden hingerichtet. Nach neueren Recherchen dürfte die Zahl der Toten jedoch 1.500 bis 2.000 betragen haben, jene der Verwundeten etwa 5.000.

© Reinhard Müller -- Graz, im Oktober 2006

UNTERGRUNDARBEIT
Februaraufstand
Kritik an der Parteiführung
Entlassung
Im Untergrund
Aufgaben
Karl Frank
Joseph Buttinger
"Der Funke"
"Revolutionäre Sozialisten"
Ziele der Illegalen
Banksafe für illegale Papiere