Verfolgung und Vertreibung

1936–1937

Am 27. November 1936 fand in den Räumen der »Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeiter der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle« aufgrund »vertraulicher Mitteilungen«, also einer Denunziation, eine Hausdurchsuchung statt. Verhaftet wurden Marie Jahoda, Theodor Neumann (1908–?), Hedwig Weil (1899–?), Elisabeth Zerner (1905–1986), deren Bruder, der Pysiker Friedrich Zerner (1895–1951), Heinrich Faludi (1883–?), dessen Nichte, die Angestellte Susanne Faludi, die Angestellte Cäcilie Herma, die Stenotypistin Wilhelmine Lettner (geborene Reiter) und der etwas später im Büro eingetroffene Ingenieur Fritz Jahnel (1901–1952). »It was a most awkward day«,1 erinnerte sich Marie Jahoda. Der Vorfall blieb von der Presse weitgehend unbeachtet.
Anschließend wurden auch in den Wohnungen der Festgenommenen Hausdurchsuchungen durchgeführt. Die Listen der in Forschungsstelle und in der Wohnung Jahodas beschlagnahmten Gegenstände geben Einblick in die wissenschaftlichen und politischen Aktivitäten der Forschungsstelle und Marie Jahodas. Am 28. November 1936 wurde auch eine Hausdurchsuchung an Jahnels Arbeitsplatz, dem »Österreichischen Institut für Bildstatistik« (Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien), durchgeführt, wobei die dort beschäftigte Bedienerin Marie Schneider (geborene Loibl) festgenommen wurde. Marie Jahoda, Neumann, Elisabeth Zerner, Jahnel und Schneider blieben von den über dreißig Festgenommenen in Untersuchungshaft; nur drei gehörten der illegalen Organisation der Sozialdemokratie an: Jahoda, Jahnel und Schneider. Gegen weitere rund hundert Personen wurden in diesem Zusammenhang Verwaltungsverfahren eingeleitet. Schließlich wurde am 7. Dezember 1936 noch beim arbeitslosen Industrieangestellten Fritz Keller eine Hausdurchsuchung durchgeführt, er selber am 17. Dezember verhaftet.
Bei den Vernehmungen bestritt Marie Jahoda – wie auch die anderen Inhaftierten – jegliche Schuld. Jahodas Erinnerungen an Verhöre reichen von heiteren Begebenheiten bis zu schrecklichen Bildern. Als die Polizei aber am 5. Januar 1937 Jahodas Safe bei der »Zentraleuropäischen Länderbank« mit Unterlagen und Druckwerken verbotener Organisationen entdeckte, wurde die Lage für sie prekär, und am 25. März 1937 legte sie ein Teilgeständnis ab, in der Forschungsstelle etwa im März 1936 »eine Poststelle für verbotene Vereinigungen sozialdemokratischer Natur« eingerichtet zu haben.
Am 29. Dezember 1936 übermittelte die Bundes-Polizeidirektion in Wien ihren ersten Bericht an die Staatsanwaltschaft Wien 1., dem ein zweiter Bericht am 7. März 1937 folgte. Am 27. Februar 1937 wurden Marie Jahoda, Fritz Jahnel und Marie Schneider aus der Anhaltehaft in der Bundes-Polizeidirektion in Wien in das Gefangenenhaus des Landesgerichtes für Strafsachen Wien I eingeliefert, wo sich ihre Haftbedingungen etwas besserten und wo sie sogar – wie in Jugendjahren – Gedichte schreiben konnte. Dabei fühlte sich Marie Jahoda durchaus als privilegierte Gefangene.
In einem Schreiben des Staatssekretärs für Auswärtige Angelegenheiten (Außenministerium) vom 25. Mai 1937 wurde auf mehrere ausländische Interventionen zu Gunsten Jahodas hingewiesen und um eine baldige Erledigung des Verfahrens ersucht. Interventionen kamen nachweislich vom französischen Ministerpräsidenten Léon Blum (1872–1950) aus Paris, von Max Horkheimer (1895 – 1973), wie Jahodas Brief vom August 1937 belegt, vom General Secretary des Institute of Sociology an der University of London Alexander Farquharson (1882–1954), vom Secretary der »Catholic Social Guild, Oxford« Reverend L. O’Hea S.J., von der Quäkerin und Sozialanthropologin Margery Fry (1874–1958) und vom österreichischen Wirtschaftswissenschaftler, visiting Professor Friedrich August Hayek (1899–1992) aus London, aber auch von dem katholischen Sozialwissenschaftler, Universitätsprofessor Johannes Messner; (1891–1984), aus Wien. Am 24. Juni 1937 reichte schließlich auch Betty Jahoda für ihre Tochter ein Gnadengesuch ein, welches sich jedoch am 8. Juli 1937 durch Verschleppung beim Bundesministerium für Justiz erledigt hatte.
Aufgrund der Anklageschrift vom 28. Mai 1937 fand am 2. Juli 1937 vor dem Landesgericht für Strafsachen Wien I die Hauptverhandlung gegen Marie Jahoda – verteidigt von Egon Bergel (1894–1969) – und Marie Schneider – verteidigt von Walter Fröhlich – wegen Verbrechens nach § 5 Staatsschutzgesetzes statt. Marie Jahoda wurde wegen Einrichtung einer Poststelle für die verbotene Organisation der »Revolutionären Sozialisten« – unter strafmildernder Berücksichtigung ihres Geständnisses – zu drei Monaten Kerker, Marie Schneider wegen desselben Deliktes zu zwei Monaten Kerker verurteilt.
Am 20. Juli 1937 intervenierte der Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten neuerlich, diesmal zu Gunsten einer baldigen Strafentlassung Jahodas: Doch Marie Jahoda war bereits am 15. Juli 1937 entlassen worden, allerdings unter der Bedingung, Österreich zu verlassen. Da ihr Reisepass von den Behörden eingezogen wurde, hatte sie nun außerdem den Status einer Quasi-Staatenlosen. Diese Situation nötigte Marie Jahoda zur »terrible decision I had to make [...] in my whole life«:2 Freiheit bedeutete zugleich Verlust der Heimat, mittelloser Weg ins Exil und Trennung von der Tochter, welche zu ihrem Vater in die USA reisen musste. Anfang September 1937 verließ Marie Jahoda Österreich: mit zwanzig Pfund (etwa zwei durchschnittliche Monatslöhne) in der Tasche.




1 Marie Jahoda Albu: Reconstructions. [Keymer, Sussex: Published by the author] 1996, S. 52.
2 Marie Jahoda Albu: Reconstructions. [Keymer, Sussex: Published by the author] 1996, S. 60.

© Reinhard Müller -- Graz, im Oktober 2006

VERFOLGUNG & VERTREIBUNG
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schreckliche Bilder
5. Jänner 1937
Polizeibericht 1
Polizeibericht 2
Haftbedingungen
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Erfahrungen aus der Haft
Brief an Horkheimer
internat. Fürsprache
abgelehntes Gnadengesuch
Anklage
Hauptverhandlung
Urteil
politische Intervention
Vertreibung