Brief von Charlotte Lütkens an Ernest Manheim in Chicago, Ill. London, am 28. Mai 1938
Transliteration and comment byReinhard Mülle [1]

47 Albany Street, Regent's Park
London N.W. 1

28. Mai 1938

Lieber Dr. Mannheim [!],
so sehr ich mich für Sie freute, dass Sie eine so erfreuliche Arbeit in Chicago gefunden haben, so sehr bedauerte ich, dass Sie nicht mehr in London sind, wohin wir seit einem halben Jahr unsre Zuflucht genommen hane [!] - einstweilen noch ohne Aussicht auf eine einigermassen auskömmliche Arbeit.

Sie hatten mir seinerzeit so freundlich Ihre Hilfe für Amerika angetragen, falls ich dort etwas zu erledigen hätte. Ich komme heute darauf zurück, mit einer Bitte, die, denke ich, Ihnen nicht viel Mühe machen wird. Ich sah zu meiner Freude, dass Sie zu den Ass[istant] Editors des American Journal of Sociology zählen, mit dem ich seit mehr als einem Jahr ein Hühnchen zu rupfen habe. Ich wurde vor mindestens zwei Jahren - durch den mittlerweile wohl nach New York gegangenen Mr. Edward Shils [2] - und im Einverständnis besonders von Prof. L[ouis] Wirth [3] aufgefordert, eine Arbeit "On American Intelligentsie [!]" [4] dem Journal einzureichen. Sie werden sich vielleicht erinnern, dass ich mich s[einer] Z[ei]t, in London damit beschäftigte; Shils über den diese Korrespondenz ging, erklärte mir, dass meine Bedenken, es sei eigentlich kaum Sache eines Ausländers, dies Thema zu behandeln, und dass ich es nur bruchstückhaft machen könne, seien nicht berechtigt und man bäte mich, das Manuskript möglichst im Beginn des Jahres 1937 einzusende[n], damit man es im Zusammenhang mit der dann erwarteten Diskussion über Karl Mannheims Buch [5] bringen könne. Ich sandte also im März vorigen Jahres das Manuskript an Shils. Bis Juli blieb ich ohne Bestätigung; dann schrieb ich, da mein Mann [6] mittlerweile pensioniert worden war und mir also nun doppelt daran lag, in Amerika publiziert zu werden, und erhielt zur Antwort, er (Shils) habe das Englisch ein wenig durchgesehen und werde die Arbeit dem von einer Reise zurückkehrenden Wirth nunmehr weitergeben. Seither, d.h. also seit etwa zehn Monaten, habe ich Shils und Wirt[h] mit Briefen, Mahnungen, persönlichen Bestellungen durch Reisende, Erinnerungen seitens Karl Mannheims usw. verschiedentlich gemahnt: ich bin genau so klug wie vor einem Jahr - weiss nicht einmal, wo das Manuskr[ipt] ist und sehe mich vollkommen ohne Aussicht, auch nur einen Bescheid zu bekommen, ob man sich zum Druck entschlossen hat!

Sie werden begreifen, dass ich recht verstimmt bin - und wenn mir nicht eben so viel daran läge, die Arbeit gedruckt zu sehen, dann gäbe ich das Resultat vieljahrelanger - und nicht einfacher oder angenehmer - Arbeit einfach für verloren. Das kann ich mir aber einfach nicht leisten. Ich muss wissen, ob das Journal die Sache bringt - und hoffe natürlich sehr, dass die Redaktion nicht zurücktritt. Ich habe, nachdem ich eine sehr dringende Anfrage im März sandte, die wieder nicht beantwortet wurde, gestern eine Rückantwortkarte an Prof. Wirth geschickt, weil ich hoffe, er wird sich auf diesen ökonomisch-moralischen Druck hin wenigstens eine Zeile abringen. Aber Sie täten mir einen besonderen Gefallen, wenn Sie Wirth auch noch einmal daran mahnen würden. Natürlich ist mir mehr daran gelegen, in Amerika gedruckt zu sein, als das Manuskript (ich habe unglücklicherweis nicht mal einen völligen Abzug ausser dem nach Amerika gegangenen!) zurückzuerhalten: wenn aber die Redaktion sich doch entschliesst, das Manuskript abzulehnen, so möchte ich doch wenigstens dies wissen und das M[anu]s[kript] wiederhaben. Das ist doch eigentlich nicht zu viel verlangt? Ich muss das alles auch so bald wie möglich wissen, weil ich 1) hier am Institute of Sociology über das gleiche Thema im Februar einen gekürzten Vortrag hielt und man diesen drucken will, was ich mit Rücksicht auf die amerikanische Veröffentlichung bis jetzt nicht zugesagt habe, 2) ich für eine holländische Zeitschrift einen Aufsatz schreiben soll, der - wenn Chicago nicht druckt - ja einfach das alte Manuskript sein könnte. Ich habe schliesslich andere Dinge zu tun und muss sehen, mir irgendwie und -wo einen Namen zu machen, durch [den] es uns vielleicht doch möglich wird, einen [!] neue Existenzgrundlage zu finden.

Das ist alles sehr lang und umständlich: doch ich bin sicher, Sie begreifen meine Situation, und auch meine Verstimmung. Im Grunde kann ich die ganze Sache einfach nicht verstehen! das [!] Ausmass der Schlamperei wäre schon für "Bohęme" unangebracht - aber "Intellektuelle" sollten sich doch ein bischen [!] von dieser unterscheiden... Ich betone noch einmal, dass ich natürlich am liebsten sähe, das Manuskript erschiene im Journal und in nicht zu ferner Zeit, da auch Manuskripte vom Altern nicht immer schöner und reizvoller werden.

Ich hoffe, Sie und die Ihren fühlen sich wohl in Chicago. Der alte Kontinent ist kaum mehr eine angenehme Stätte.

Mit bestem Dank im Voraus und vielen guten Wünschen
Ihre

Charlotte Lütkens.


[1]  
Das Original dieses Briefes befindet sich im Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich, Graz, Nachlass Ernest Manheim, Signatur 31/1.
Charlotte Lütkens, geborene Mendelsohn (*Erfurt 1896, †Bonn 1967), deutsche Soziologin; emigrierte 1937 nach Großbritannien; 1937-1949 Lecturer of Sociology am Queen Mary's College der University of London; 1949 Rückkehr in die BRD, hier vor allem als sozialdemokratische Parteifunktionärin aktiv. Anm. R.M.

[2]  
Edward Albert Shils (*1910, †Chicago, Ill. 1995), amerikanischer Soziologe und Übersetzer; Professor of Sociology an der University of Chicago in Chicago, Ill. Anm. R.M.

[3]  
Louis Wirth (d.i. Alois Wirth; *Gemünden, Hunsrück 1897, †Chicago, Ill. 1952), amerikanischer Soziologe deutscher Herkunft (kam bereits 1911 in die USA); 1926-1928 Instructor, 1931 Assistant Professor, 1932-1940 Associate Professor, 1940-1952 Professor of Sociology an der University of Chicago in Chicago, Ill. Anm. R.M.

[4]  
Siehe dazu auch den Brief von Ernest W. Burgess an Ernest Manheim. Anm. R.M.

[5]  
Karl Mannheim (d.i. Károly Mannheim; *Budapest 1893, †London 1947), Cousin von Ernest Manheim; deutsch-britischer Soziologe österreichisch-ungarischer Herkunft, emigrierte 1933 nach Großbritannien. Beim "Buch" handelt es sich wohl um Karl Mannheim: Ideology and utopia: an introduction to the sociology of knowledge; with a preface by Louis Wirth. (Translated from the German by Louis Wirth and Edward Shils.) London / New York: Kegan Paul, Trench, Trubner & co. / Harcourt, Brace and company 1936; zuerst deutsch: Ideologie und Utopie. Bonn: F. Cohen 1929 (= Schriften zur Philosophie und Soziologie. 3.). Anm. R.M.

[6]  
Gerhart Lütkens (*Pinneberg, Schleswig-Holstein 1893, †Bonn 1955), deutscher Diplomat und sozialdemokratischer Politiker, seit 1922 mit Charlotte Mendelsohn verheiratet; seit 1923 im diplomatischen Dienst, 1937 pensioniert und Emigration nach Großbritannien; 1947 Rückkehr in die BRD. Anm. R.M.