Marie Jahoda

Brief an Christian Fleck. in Graz (Steiermark). Keymer (Sussex), am 20. Januar 1888

Quelle: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich (Graz), Virtuelles Archiv »Marienthal«, Sammlung Christian Fleck. Beachten Sie das Copyright!

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17 THE CRESCENT, KEYMER, HASSOCKS, SUSSEX. BN6 8RB

HASSOCKS (07918) 2267

20. Januar 88

Lieber Herr Fleck,

vielen Dank für Ihre Zusendung, die ich natürlich mit sehr grossem Interesse gelesen habe, nicht nur aus egoistischen Gründen, sondern auch aus dem Wunsch zu verstehen, wie Ihre Generation unsere sieht. Ich bewundere Ihre Gründlichkeit der Materialanalyse und die Originalität Ihrer Interpretation, aber ich muss Ihnen doch an einigen Stellen widersprechen. Allerdings habe ich Ihnen genug Beweise für die Unzulänglichkeit meines Gedächtnisses gegeben um vage Erinnerungen in Zweifel zustellen; ich werde mich deshalb so weit wie möglich an nachweisbare Fakten halten.

Ich glaube, Sie erwecken eine falsche Vorstellung von der Entstehungsgeschichte Marienthals. Die Feldarbeit war zwischen Herbst [19]31 und Frühjahr [19]32. Bis zum Sommer haben wir kollektiv das Material diskutiert. Im Sommer [19]32 habe ich das Material mit mir aufs Land genommen und den Bericht geschrieben. [Hans] Zeisel hat gleichzeitig den Anhang geschrieben, [Paul] Lazarsfeld war führend an den Diskussionen beteiligt, aber weder er noch die Bühlers [d.s. Charlotte und Karl Bühler; Anm. R.M.] haben den Text verändert. Alles das und die Auslieferung des Manuskripts an den deutschen Verleger geschah lange vor [Adolf] Hitlers Machtergreifung und vor der Ausschaltung des österreichischen Parlaments. Die einzig ausschlagende Veränderung, die wie ich glaube vom Verlag angeregt wurde, war, dass die Namen der Autoren, weil sie jüdische Abstammung erschliessen liessen, vom Titelblatt auf die inneren Seiten verlegt wurden. Ich habe Marienthal nicht ›vorsichtig‹ geschrieben – ich fürchte, wir hatten damals noch immer politische Illusionen – sondern in der wachsenden Erkenntnis, dass die Beschreibung ohne politischen Kommentar überzeugender sein würde. Die ›Integration der zwei Welten‹ ist seit Marienthal für mich nur noch in der Themenwahl wichtig, nicht in Methoden oder in politischer Interpretation. (Von dem Gesichtspunkt her tut es mir leid, dass Sie in der Besprechung meines Kampf artikels [!] die Forderung nach fachlicher Kompetenz nicht erwähnt haben.) Die Datierung des Vorworts ist allerdings zweideutig. Nach der Bücherverbrennung hätte Hirzel das Buch wohl nicht veröffentlicht.

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Sie zweifeln, dass wir Mitarbeiter aus anderen politischen Kreisen in Marienthal hatten; ich glaube mit Unrecht. Lotte Danziger, z.B., kam nicht aus der sozialistischen Jugendbewegung sondern aus dem psychologischen Institut und ist den deutsch-nationalen – wie ich glaube – nahegestanden.

Sie implizieren, dass ich an der Gründung der Forschungsstelle beteiligt war, und bezweifeln, dass finanzielle Motive dabei im Spiel waren. Beides ist unrichtig. Die Forschungsstlle [!] war eine Erfindung von Lazarsfeld, angeregt durch die Berichte amerikanischer Besucher am psychologischen Institut. Und die finanziellen Motive waren tasächlich [!] dringend. Lazarsfeld war Mittelschulleher [!] und gleichzeitig Assistent am Bühler Institut, von dem er zunächst keinen Gehalt bekam. Die doppel Arbeit war aufreibend aber notwendig. Marktuntersuchungen zu machen wer ein Ausweg, derKonzentration [!] auf die Sozialwissenschaften ermöglichte und im Einklang mit L[azarsfeld]’s Faszination mit Methodik stand. Die Untersuchungen (Tee, Kaffeekonsummation [!], Herrenkleider, Wäschereien, etc.) waren tatsächlich unpolitisch. Die Gründung war 1927 (Zeisel glaubt 1926), nicht 1931. Die finanzielle Situation junger Intellektueller war damals ausserordentlich prekär. Ich arbeitete halbzeitig in der Foschungsstelle [!] von 1931 an, bekam aber erst als ich die Leitung übernahm einen Gehalt. Bis dahin verdiente ich als Lehrerin oder im [Otto] Neurath Museum.

Die Daten über meine frühen Tätigkeiten sind nicht ganz richtig, Ich [!] habe 1927, nicht [19]28 geheiratet; war [19]28/29 in Paris, habe 1933 promoviert, und gewönlich [!] 2 Berufe gleichzeitig ausgeübt, einen mehr zum Geldverdienen, den anderen aus Interesse. Das macht eine chronologische Darstllung [!] zu kompliziert. Später: ich war 13 Jahre, nicht 10 Jahre in den USA. Aber diene biographischen Details sind nicht sehr wichtig; vielleicht gilt das für alle meine Bemerkungen, die Sie mir hoffentlich nicht übelnehmen werden. Es wäre schön, wenn Sie wieder einmal nach England kämen und wir die Beziehung zwischen Sozilawissenschaft [!] u. Politik ausführlicher diskutieren könnten.

Mit herzlichen Grüssen,

Marie Jahoda

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