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Max Todesco

Abschrift des Stiftungsbriefes der Kinderbewahranstalt zu Gramatneusiedl. Wien, am 22. August 1846

Quelle: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich (Graz), Nachlass Georg Grausam, Signatur 48. Beachten Sie das Copyright!

Transliteration: Reinhard Müller.

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Fr

CM

Abschrift.

Kk. Cont. Stämpel

d. 4. August 1846

Wien

Stiftungsbrief.

Wir Pfarrer zu Moosbrunn und der Filialkirche zu Gramatneusiedl, dann Gemeinde und zugleich Herrschaft Gramatneusiedl bekennen einverständlich mit dem Herrn Max Todesko, ältester Sohn des verstorbenen Herrn Hermann Todesco k[aiserlich] k[öniglich] priv[ilegierter] Großhändler und Besitzer der Spinnfabrik zu Gramatneusiedl (genannt Marienthal) im eigenen Namen und im Namen seiner fünf Geschwister für uns und unsere Nachfolger kraft dieses Stiftsbriefes:

Es habe der nunmehr verstorbene Herr Hermann Todesko in der menschenfreundlichen und wohlthätigen Absicht in dem Orte Gramatneusiedl auf seine eignen Kosten mit Ausschluß aller Mitleidenschaft sowohl von Seite der Gemeinde als auch jeder anderen Person, eine Kinderbewahranstalt für die Arbeiter der genannten Fabrik und die Bewohner der gedachten Gemeinde für immerwährende Zeiten zu gründen, nächst dem Schulhause zu Gramatneusiedl einen Grund angekauft, und hierauf ein neues zu diesem Zwecke ganz geeignetes Gebäude aufgeführt, gehörig eingerichtet und mit der Aufschrift »MDCCCXLIV Kinderbewahranstalt gestiftet von Hermann Todesco« versehen. Die Aufführung dieses Gebäudes auf den bezeichneten Platze geschah deßwegen, damit die Schule von Gramatneusiedl und die Kinderbewahranstalt daselbst entweder gegenwärtig, oder für die Zukunft, wenn es immer thunlich sein wird, von dem dortigen Schullehrer besorgt werde, wodurch für die Jugend der Vortheil erricht würde, daß sie von der frühesten Kindheit an, bis nach vollendeten für die Normalschule pflichtigen Alter immer unter derselben Aufsicht gehalten wäre, für den Schullehrer aber eine Erleichterung in der Ausbildung der Jugend, und eine Verbesserung seines Einkommens ergäbe.

Der Herr Stifter hat ferner die Verpflichtung übernommen, das auf obbeschriebene Weise neu erbaute Haus für alle künftigen Zeiten in gutem Baustande zu erhalten, die Steuerschuldigkeit hievon zu bestreiten, die Feuer-Assecuranz-Gebühr zu berichtigen, die Wärterin oder den Wärter der Anstalt nebst der, demselben eingeräumten freien Wohnung in dem Gebäude, mit einem Gehalte und Holzpauschale von jährlichen wenigstens 120 Fr CMze. [d.s. Gulden Conventions Münze; Anm. R.M.] aus eigenen zu besolden, und demselben ein jährliches Pauschale von 10 Fr CMze. zur Bestreitung der Beleuchtung und Nachschaffung kleiner Requisiten, als Trinkgläser etc[etera] auszuwerfen, auch die sonstigen Kosten der Anstalt, so wie alle, aus dieser Stiftung

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für die Zukunft etwa hervorgehenden, wie immer Namen habenden Lasten aus Eigenem zu tragen, so daß die Gemeinde und rücksichtlich Herrschaft Gramatneusiedl lediglich auf jede, wie immer Namen hebende unterthänige Abgabe und Leistung von diesem Hause Verzicht zu leisten hat, so wie sie auch darauf wirklich in so lange Verzicht leistet, als dasselbe zu dem gestifteten Zwecke verwendet wird.

Da weiter dem neu erbauten Hause vier Fenster in dem Schulhausgarten angebracht sind, so verpflichtete sich der Herr Stifter, diese Fenster für den nicht vorherzusehenden Fall wieder vermauern zu lassen, als das neu erbaute Haus für die Zukunft nicht mehr zu einer Kinderbewahranstalt verwendet werden sollte, welche Verpflichtung, sowie auch die obige Befreiung von allen unterthänigen Abgaben und Leistungen ausdrücklich auf dem erbauten Hause grundbücherlich einverleibt werden wird, sobald die hohe Genehmigung dieses Stiftungsbriefes erfolgt ist.

Dagegen behält sich Herr Max Todesco für sich, und im Falle seines Todes für die männliche Nachkommenschaft seines seligen Vaters, Herrn Hermann Todesco nach den Grundsätzen der Primogenitur das Recht vor, die Statuten für die Kinderbewahranstalt zu beantragen, den jeweiligen Schullehrer oder auch eine andere geeignete Person als Wärter oder Wärterin zur Besorgung der Anstalt in der Art zu bestellen, daß das aufzunehmende Individuum dem jeweiligen Herrn Pfarrer des Ortes präsentirt, und von demselben, oder im Instanzenzuge von dem hochwürdigsten fürsterzbischöflichen Consistorium, wenn dagegen kein gegründetes Bedenken obwaltet, angenommen werden wird. Im Falle eines erhobenen Anstandes aber gegen das gewählte Individuum ist dieser Anstand bekannt zu geben, und eine andere geeignete Person als Wärter oder Wärterin von dem Berechtigten zu bestimmen, in derselben Art wie vorher gesagt wurde.

In Ermanglung aller männlichen Nachkommen des seligen Herrn Hermann Todesco geht dieses Bestellungs- rücksichtlich Ernennungsrecht auf den jeweiligen Herrn Pfarrer des Ortes über, der sich zu dem Ende mit dem Besitzer der Fabrik zu Marienthal ins Einvernehmen setzen wird.

Sollte aus was immer für Gründen diese Anstalt nicht fortbestehen können, so soll dem, nach den Grundsätzen der Primogenitur berufenen männlichen Nachkommen des seligen Herrn Hermann Todesco das Recht zustehen, über diese Anstalt und ihr Vermögen nach der Größe, wie sie zu jener Zeit bestehen werden, jedoch nur zu wohlthätigen Zwecken zu verfügen. In diesem Falle wird das Gebäude jenen grundherrlichen und allgemeinen Lasten unterzogen, welche von andern unterthänigen Realitäten zu leisten sind.

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Endlich ist der mitgefertigte Herr Max Todesco, als gegenwärtiger Besitzer der Fabrik zu Marienthal einverstanden, daß dieser Stiftungsbrief zur Sicherstellung aller hier eingegangenen Verpflichtungen bei dem zur Herrschaft Gramatneusiedl dienstbaren Fabriksgebäude auf seine Kosten am ersten Ort grundbücherlich einverleibt werde; jedoch behält er sich das, schon von dem seligen Herrn Stifter in dem kk. Kreisamts-Commissions-Protocolle erwähnte Recht bevor, für den Fall, als er diese Fabrik ohne diese Verpflichtungsbelastung verkaufen wollte, diese, hier übernommenen Stiftungsverbindlichkeiten mit Genehmigung der hohen Landesstelle auf eine andere Weise pupillarmäßig sicherzustellen.

Nachdem diese Stiftung mit hohem Regierungsdekrete v[om] 20. Juli 1844 Z[ahl] 43069 intimirt, mit löblichen k.k. Kreisamtsdekrete v. 3. August 1844 Z. 14.542 genehmiget worden ist, und auch der hiernach verfaßte Stiftungsbrief die Bestätigung der hohen Landesstelle mit Erlaß vom 1. Juli d[ieses] J[ahres] Z. 39.083 erhalten hat, verpflichten wir Unterfertigte uns für uns und unsere Nachfolger, für die Aufrechthaltung dieser Stiftung für immer getreulich zu sorgen, und sind von diesem Stiftungsbriefe vier gleichlautende Exemplare ausgefertigt worden, von welchen eines dem Herrn Maxmilian [!] Todesco als Ältesten der Familie übergeben, das zweite in der Kirchenlad zu Gramatneusiedl aufbewahrt, das dritte in der gestifteten Anstalt unter Glas und Rahmen gebracht, das vierte aber an das hochwürdigste fürsterzbischöfliche Consistorium abgegeben werde.

Wien am 22. August 1846.

Josef Grießmüller, m[anu] p[ropria] Ortsrichter

Johann Spieglgraber m.p. Geschworner.

Mathias Hofschneider m.p. Geschworner.

Josef Fischer m.p. Geschworner.

Michael Fischer m.p. Geschworner.

Ignaz Wöber m.p. Ausschuß.

Josef Buchner m.p. Ausschuß.

Max Todesco m. p.
k.k. priv. Großhändler und Fabriks Inhaber.

D[okto]r Franz Gutherz m.p.
Hof- u. Gerichtsadvokat als Hermann Todeskoscher [!] Erben Bevollmächtigter und Zeuge.

Dr. August Bathioli m.p.
als Zeuge,

Anton Schallerl m.p.
l[andes]f[ürstlicher] Pfarrer.

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Abschrift des Stiftungsbriefes der Kinderbewahranstalt zu Gramatneusiedl

Faksimile:

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© Reinhard Müller
Stand: Juni 2010

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