[Paul Felix Lazarsfeld & Marie Jahoda]

Anweisung für Marienthal.

[Wien 1931], 2 S.; Maschinenschrift.

Quelle: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich (Graz), Nachlass Paul Felix Lazarsfeld, Signatur 1, Filmrolle 1. Beachten Sie das Copyright!

[1]

Anweisung für Marienthal.

Die Untersuchung geht von den objektiven und vorgegebenen Daten zu immer psychologischeren und spezialisierteren vor.

 I.

Zuerst: Familien und Altersaufbau, Wohnungsverhältnisse (ist bereits auf Katasterblättern erhoben).

 

dann die zwei Hauptfragen

 

A) Wovon leben die Leute.

 

B) Wie verbringen sie ihre Zeit.

 

ad A)

die Frage zerfällt in drei Teile.

 

 

a)

Woher nehmen sie das Geld und Lebensmittel (wer beschafft Sie [!]).

 

 

b)

Was konsumieren sie tatsächlich?

 

 

c)

soweit ihre Mittelverwendung eine freie ist, wodurch wird Sie [!] charakterisiert (lieber mal hungern und dafür ins Kino? Wer in der Familie ist am besten genährt? etz. [!])

 

 

 

Quellen: Haushaltungsstatistiken, karakteristische [!] Mahlzeiten und Ausgaben, Erzählungen über Vergleich mit früher.

 

ad B)

Anlage möglichst genauer Tagesinventare. Kann bei einzelnen vielleicht durchgeführt werden, bei den meisten wird der heutige und gestrige Tag erfragt werden müssen, bei einzelnen weniger beweglichen kann vielleicht beobachtet werden. Sehr wichtig ist dabei auch ein Inventar der Geräte über die noch verfügt wird, Zeitungen Ge- [!] Radio, Bücher etz. [!] eventuell auch ex contarrio [!] also von der Pfandleihanstalt aus gesehen. Aus dem vorhandenen ersten Material werden die ersten Ansatzpunkte herauszuholen zu holen [!] sein für die Frage

II.

Stellung zur Arbeitslosigkeit:

 

Was hat jeder einzelne getan um Arbeit zu finden.

 

Wer hat auswärts Arbeit gefunden, wieso?

 

Welcher Arbeitsersatz wird geleistet? (Schrebergarten, Tierzucht, Arbeit bei Bauern etz. [!])

 

Stellung zu gelegentlicher Arbeitsmöglichkeit.

 

Welche Veränderungen hat die Zeitbewertung durchgemacht?

 

Empfinden Verhältnisse: (Verzweifelt, resigniert, stumpf, abgefunden,

2

 

zufrieden, hoffnungsvoll.)

 

Welche Pläne haben die Erwachsenen?

 

Welche Pläne haben die Jugendlichen?

 

Unterschiede zwischen Arbeitslosen und Arbeitenden?

 

Verhältnis zur Fürsorge (Nach H[ildegard] Hetzer)

III.)

Schliesslich suchen wir eine allgemeine Sozialkarakteristik [!] des Ortes, in der Annahme, dass sich im Laufe der Erhebung auch hier Beiträge zur Struktur der Arbeitslosigkeit finden werden, danach ist zu verfolgen: Autorität der Eltern, Konflikte zwischen den Bewohnern, Verhältnis der Geschlechter, Themen der Vereinsabende, Verkehr mit der Aussenwelt, politische Veränderungen.

Im allgemeinen sind drei Arten von Material zu unterscheiden:

 

1.)

Physikalisch-Statistisch: Geld, Essen etz. [!]

 

2.)

Psychologisch-Statistisches: Beschäftigungen, Konflikte etz. [!]

 

3.)

Umweltsmarken: Karakteristische [!] Aussprüche und Verhaltungsweisen, die die Stellung zur Aussenwelt, die »psychologische Umwelt« kennzeichnen.

Als Ziel[e] der Arbeit sind dreierlei anzusehn:

 

 1)

Da[s] Phänomen Arbeitslosigkeit möglichst fein zu karakterisieren [!], sei es vom einzelnen her, sei es vom Kollektiv her.

 

2)

Wenn möglich mit Vergleich von früher und anderswo, oder durch Zerlegung in Phasen die Wirkungen der A[rbeits-]L[osigkeit] zu zeigen.

 

3)

Alle verfügbaren Mittel der sozialpsychologie [!] einmal auf ein Kollektiv zu konzentrieren, um zu sehen, wie weit heute eine Soziographie heute schon möglich ist.