[Marie Jahoda]

Die Stadtrandsiedlung Leopoldau

Ein Vorschlag der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle

[Wien 1933], II, 14 S.; Maschinenschrift.

Quelle: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich (Graz), Nachlass Paul Felix Lazarsfeld, Signatur 1, Filmrolle 1. Beachten Sie das Copyright!

[I]

WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGISCHE FORSCHUNGSSTELLE

DIE STADTRANDSIEDLUNG LEOPOLDAU

 Ein Vorschlag der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle

[II]

INHALT

Vorbemerkung

1

DIE VERGANGENHEIT

 

1. Die alte Welt

2

2. Gleichheit der äusseren Lebensbedingungen

2

3. Bindungen an die Großstadt

3

DIE ARBEIT IN DER SIEDLUNG

 

1. Die materielle Lebenshaltung

3

2. Die veränderte Wohnung

4

3. Nebenbeschäftigung

4

4. Arbeitsfreude

5

FAMILIE UND GEMEINSCHAFT

 

1. Kinder und Familie

5

2. Das geistige Leben

6

3. Lastenverteilung innerhalb der Familie

6

4. Das Gemeinschaftsleben

7

DIE TECHNIK DER UNTERSUCHUNG

 

1. Besuch in der alten Wohnung

8

2. Die Schule

9

3. Fürsorge

9

4. Kindergarten

9

5. Ärztlicher Dienstag

10

6. Hilfsdienste

10

7. Haushaltsbücher

11

8. Zeitverwendung und Lastenverteilung

11

9. Die Wirtschaftsgenossenschaft

11

MEDIZINISCHER ANHANG

 

[1]

Vorbemerkung

Im Folgenden wird ein Plan zur soziographischen Darstellung der Stadtrandsiedlung Leopoldau entworfen. Die Arbeit ist auf sechs Monate veranschlagt.

Die Leitung der Untersuchung wird einem Kommite [!] unterliegen, das aus Vertretern der Forschungsstelle, des psychologischen Instituts, einem ärztlichen Fachmann und Vertretern der »Gesiba« besteht.

Die Erhebungsarbeiten, die in den alten Wohnungen der Siedler bereits begonnen haben, werden durch unsere Mitarbeiter in der Siedlung fortgesetzt. Das jeweils abgelieferte Material wird in der Forschungsstelle verarbeitet. In den regelmässig stattfindenden Mitarbeiterkonferenzen soll das Arbeitsprogramm den Erfordernissen der Siedlungstätigkeit und der Untersuchung jeweils angepasst werden.

Als Abschluss der Untersuchung wird der »Gesiba« eine druckfertige Publikation zur Verfügung gestellt. Falls es von der »Gesiba« gewünscht wird, können die nötigen Verhandlungen mit dem Verleger auch durch uns geführt werden.

2

DIE VERGANGENHEIT

Hier und im Folgenden werden die Probleme angeführt, die sich bei einer ersten Betrachtung ergeben. Im zweiten Abschnitt wird dann über die Technik der Erhebung Einiges gesagt.

1. Die alte Welt

Welches ist die Herkunft der Siedler, ihre berufliche und menschliche Vergangenheit. In welchen Wohnungen haben sie gelebt, welches ist ihre Einstellung zu Beruf, Familie und zu dem bevorstehenden Berufswechsel. Was sind ihre Hoffnungen, Erwartungen und Sorgen im Hinblick auf das neue Siedlerleben.

2. Gleichheit der äusseren Lebensbedingungen

Die Möglichkeiten der soziographischen Untersuchung sind deshalb ausserordentlich weitreichend, weil sowohl durch die Ähnlichkeit der Familienstruktur, als durch die völlige Gleichheit der äusseren Lebensbedingungen alle Familien dieselben Startmöglichkeiten haben. Welches sind die Faktoren, die dann im einzelnen den besseren oder schlechteren materiellen und seelischen Siedlungserfolg verbürgen?

3

3. Bindungen an die Großstadt

Die Nähe der Großstadt ist eine der psychologischen Voraussetzungen der Siedlung und es wird ausserordentlich interessant sein festzustellen, in welchem Umfang diese Menschen den Kontakt mit der Stadt aufrechterhalten. Was die Stadt selbst ihnen bedeutet, wie weit sie den Kontakt mit den früheren Nachbarn und Bekannten aufrechterhalten – kurz, wie weit die Nähe der Großstadt tatsächlich Voraussetzung der Siedlung ist.

DIE ARBEIT IN DER SIEDLUNG

Da es sich hier in aller Regel um eine Änderung des Berufes handelt, werden die materiellen und seelischen Probleme des neuen Berufes von besonderem Interesse sein.

1. Die materielle Lebenshaltung

Vergleiche zur früheren Lebenshaltung müssen auf Grund genauer Aufzeichnungen über die Lebensverhältnisse in der Siedlung zu Resultaten führen, die für einen Teil der Siedlungsprobleme entscheidend sind. Gerade weil die Geldunterstützung durch selbst erwirtschaftete Naturalleistungen ersetzt werden sollen, ist die Frage der Verschiebung des Lebensstandards von Bedeutung.

[4]

2. Die veräderte Wohnung

Der Wohnraum auf der Siedlung ist zunächst als Notwohnung gedacht und es werden sich schon im Hinblick auf die enge Verquickung der Wohnung mit der Landwirtschaft Fragen der Raumeinteilung und Ausnutzung ergeben, die systematisch aufzuzeichnen für die weitere Siedlungstätigkeit aufschlussreich sein muss. Wie weit machen sich Selbständigtendenzen zur rationellen Raumausnützung geltend und wie weit ist hier Rat und Hilfe durch die Siedlungsleitung erforderlich.

3. Nebenbeschäftigung

Der Grundgedanke der Siedlung zielt letzten Endes darauf ab, eine Kombination mit einer mehr oder weniger regelmässigen normalen Berufsarbeit zu finden. Es wird sehr aufmerksam zu beobachten sein, wie weit zunächst das Fehlen dieser Nebenbeschäftigung als Mangel empfunden wird und wie weit die Bemühungen der Siedler reichen, in die ursprüngliche Berufssphäre zurückzukehren. Wie weit hierbei materielle, wie weit psychologische Elemente massgebend sind.

5

4. Arbeitsfreude

Es ist immer wieder umstritten, wie weit die Freude an der Arbeit eine Folge des betreffenden Berufes ist, oder wie weit sie eine Funktion des Charakters ist. Da hier Menschen einem völlig neuen Beruf zugeführt werden, wird es ausserordentlich aufschlussreich sein, wovon es abhängt, ob sie das neue Leben, der neue Beruf freut.

FAMILIE UND GEMEINSCHAFT

Schon durch die Notwendigkeit der gemeinsamen Arbeit ändert sich die innere Struktur der Familie. Wie weit darüber hinaus sich auch die Stellung der Gemeinschaft ändert, bedarf ausführlicher Feststellungen.

1. Kinder und Familie

Am deutlichsten wird die veränderte äussere Umgebung sich an den Kindern auswirken. Deshalb wollen wir hier auch die gesundheitlichen Veränderungen registrieren. Vielleicht wird aber auch die geänderte Lastenverteilung innerhalb der Familie zu einer Änderung in den Familienbeziehungen führen. Es ist zu erwarten, dass sich die gesamte Vorstellungswelt der Kinder durch die neuartige Umgebung und Nachbarschaft grundlegend ver-

6

ändert. Der Vergleich mit der Vergangenheit wird insbesondere auch im Schulbereich festzustellen sein. Ist schon der Übergang in die Siedlung für die Erwachsenen ein tiefer Einschnitt in ihrem Leben, so bedeutet sie für die heranwachsende Generation eine völlige Neubegründung aller materiellen und geistigen Werte.

2. Das geistige Leben

In der Gesamtbeschreibung des Lebens in der Siedlung darf nicht fehlen, wie weit, angeregt durch Interessen aus der Vergangenheit und durch die neue Arbeit in der Siedlung, wohl auch durch den Kontakt mit der Aussenwelt, Beschäftigungen und Interessen sich durchsetzen, denen über die materielle Notdurft des Tages hinaus allgemeine Bedeutung zukommt. Welche Art der Gruppenbildung sich innerhalb der Gemeinschaft zeigt, wie weit besondere Interessenrichtungen massgebend sind für das Entstehen von Interessengemeinschaften.

3. Lastenverteilung innerhalb der Familie

Da die Siedlungstätigkeit auf der Arbeit der ganzen Familie beruht, wird es interessant sein festzustellen, wer eigentlich die Arbeit leistet. Wie weit reicht das Interesse am Gedeihen der Sied-

7

lung bei den einzelnen Familienmitgliedern? Wieviel Arbeitszeit investiert jeder? Wieviel Arbeit empfindet man als Zwang und Pflicht und wieviel wird freiwillig getan?

4. Das Gemeinschaftsleben

Der Bau der Siedlung wurde in Gemeinschaftsarbeit vorgenommen. Mit der Auslosung der Häuser tritt ein neues Element in die Gemeinschaft ein. Die Frage, wie weit die selbständige Bewirtschaftung der eigenen Scholle verbunden werden kann mit ergänzenden Formen des Gemeinschaftslebens, also alle Fragen der Nachbarhilfe und vor allem der zukünftigen Entwicklung der Genossenschaft müssen im einzelnen verfolgt werden. Denn von den Erfolgen beider Elemente: der Eigenbewirtschaftung und der Genossenschaft hängt der gesamte Erfolg ab. Die Aufzeichnung aller Schwierigkeiten und Hemmungen und des schliesslichen Erfolges könnten sich als grundlegend für die Argumentation über diese Dinge erweisen.

[8]

DIE TECHNIK DER UNTERSUCHUNG

Hauptgrundsatz ist: unsere Mitarbeiter dürfen sich in keiner Weise als Reporter betätigen, sondern sollen sich sinnvoll in die Gemeinschaft der Siedlung einfügen. Dieser natürliche Kontakt sichert eine unverfälschte und getreue Wiedergabe der tatsächlichen Zustände.

Die im Folgenden angeführten Beispiele bedürfen selbstverständlich bei ihrer Durchführung der Revision und des Einvernehmens mit den Funktionären der »Gesiba«.

1. Besuch in der alten Wohnung

Im Zeitpunkt der Abfassung dieses Exposes wurde bereits eine grosse Zahl von Siedlern durch unsere Mitarbeiter in ihren alten Wohnungen aufgesucht. Mit der einführenden Bemerkung, dass wir die Wohnung für statistische Zwecke aufnehmen wollten, kommen wir in einen ersten Kontakt; während des Ausmessens entwickelt sich dann ein Gespräch, das von unserem Mitarbeiter so gelenkt wird, dass er die in diesem Stadium für uns wichtigen Fragen beantwortet erhält. Es handelt sich hier neben der Topographie der Wohnung vor allem um die Stimmung, in der die Menschen in das neue Leben übersiedeln, um die Pläne und Befürchtungen, die sie haben.

9

2. Die Schule

Nach unseren Erfahrungen ist der Kontakt mit der Schule, in die die Kinder gehen, ungewöhnlich ertragreich. Wir werden regelmässigen Einblick in die Schüler-Beschreibungsbogen erhalten und werden in den einzelnen Klassen Aufsatzthemen stellen lassen, deren Ergebnisse für uns aufschlussreich sind (»Unsere neue und alte Wohnung« – »meine [!] Lieblingsbeschäftigung« – »Was ich werden will« – etc.)

3. Fürsorge

Durch Unterstützung der normalen Fürsorgetätigkeit durch unsere Mitarbeiter kommen wir in natürlichen Kontakt gerade mit den Schwierigkeiten einzelner Familien. Auch erhält die Fürsorgerin viel leichter Antwort auf diese und jene Frage, die für unseren Zusammenhang wichtig erscheint.

4. Kindergarten

Wenngleich die Errichtung eines Kindergartens nicht sofort möglich ist, so wird es doch bei Eintritt besseren Wetters von den Eltern nur als angenehm empfunden werden, wenn eine unserer Mitarbeiterinnen die Kinder zu Spielen im Freien sammelt und mit ihnen

10

die Zeit verbringt, sie behütet – und dadurch die Eltern entlastet. Durch die Beobachtung der Kinder in diesen ungezwungenen Situationen lernen wir sie in voller Natürlichkeit kennen.

5. Ärztlicher Dienst

Wir haben die Absicht, den eventuellen Gesundheitsfortschritt der Kinder ständig zu beobachten und werden zu diesem Zweck einen Ärztlichen Dienst einrichten. Vielleicht empfiehlt es sich hierbei, mit der Krankenkasse eine entsprechende Vereinbarung zu treffen. (Siehe Anhang).

6. Hilfsdienste

Es wird sich immer wieder ergeben, dass bei der grossen Zahl der Familien irgendwelche Hilfsdienste erforderlich sind. In diesem Fall werden unsere Mitarbeiter als willkommene Helfer einspringen und in Garten, Haus oder Hof, je nachdem, wo sie sich nützlich machen können, leicht sich mit den Familien anfreunden. Es ist nach unseren Erfahrungen in Marienthal überhaupt damit zu rechnen, dass diese Kontaktfragen auf keinerlei Schwierigkeiten stossen.

11

7. Haushaltbücher

Zur exakten Feststellung des Wirtschaftsertrages und der Lebenshaltung bewährt es sich, einzelnen Familien, die sich dazu gegen angemessene Entschädigung bereit erklären, Haushaltbücher zur genauen Führung zu übergeben. Die Verarbeitung dieser Bücher ergibt dann, richtig ausgewählt, ein sehr exaktes Ergebnis über die Bewirtschaftung. Ergänzt können diese Aufzeichnungen werden durch die entsprechenden Wirtschaftszahlen der Gesamtsiedlung, die sich aus dem Betrieb der Genossenschaft ergeben.

8. Zeitverwendung und Lastenverteilung

Zuweilen wird es nötig sein, durch sorgsame Aufzeichnungen über die Zeitverwendung der einzelnen Familienmitglieder und über die Art ihrer Arbeitsleistung ein zahlenmässig genaues Bild über diese Probleme zu erhalten.

9. Die Wirtschaftsgenossenschaft

Reichhaltig wird auch das Material sein, das wir aus dem sich entwickelnden Genossenschaftsleben erhalten. Die ganzen Fragen der Rationalität der Wirtschaftsführung, der technischen

12

Schwierigkeiten werden hier klar zum Ausdruck kommen. Durch Aufzeichnungen über alle zentralen Veranstaltungen der Genossenschaft werden wir insbesondere auch über den Anteil des Gemeinschaftslebens in der Siedlung Aufschluss bekommen.

+ +

+

Schlussbemerkung

Es wäre unzweckmässig, im einzelnen hier weitere Vorschläge zu machen. Sie können nur im Einvernehmen mit der Leitung der Siedlung festgesetzt werden. Zweck der vorliegenden Bemerkungen ist lediglich, der Leitung der »Gesiba« ein Bild von der Art unserer Arbeit zu geben.

[13]

Anhang über medizinisch-statistische

Erhebungen

Wir haben durch einen medizinischen Fachmann ein kurzes Programm zusammenstellen lassen, nach dem man die körperliche Entwicklung der in der Siedlung untergebrachten Kinder und Jugendlichen zahlenmässig verfolgen kann.

1. Somatische Kriterien

A./ Grösse und Gewicht

Messungen zu Beginn und zum Abschluss der Untersuchungszeit. Es sollen parallel zu den Kindern der Siedlungen Kinder aus demselben sozialen Milieu, die an der ursprünglichen Wohnstätte geblieben sind, untersucht werden.

Bedingungen:

/ Gleiche Altersgliederung

/ Untersuchungen im ersten Lebensjahr alle 4 Wochen, für das 2.–15. Lebensjahr jedes halbe Jahr.

B./ Allgemeines Aussehen, Haut und Muskulatur

2. Körperliche Leistungsfähigkeit

Wie unter 1 nur Beziehung auf Kraft, Ausdauer und Ermüdbarkeit

[14]

3. Krankheitshäufigkeit

Festgehalten werden sollen:

/ Zahl der bettlägerigen Tage

/ durchgemachte akute Krankheiten

/ Häufigkeit chronischer Erkrankungen und Infektionen ([Clemens] Pirquets ärztlicher Befund)

/ Gebiss

/ rachitische Symptome.

4. Ernährungsbilanz

Energetische und qualitative Bestimmungen auf Grund von

a) kurzfristigen Erhebungen die alle Familien umfassen und nur den Verbrauch bestimmen oder

b) fortlaufende Erhebungen, die etwa ¼ der Familien umfassen und Verbrauch sowie Herkunft der Nahrungsmittel bestimmen.

Bedingungen: die kurzfristigen Erhebungen müssen einmal pro Vierteljahr ausgeführt werden.

Ein Vergleich mit der Lebensweise der analogen Bevölkerungsschicht ausserhalb der Siedlung wäre angezeigt, aber nicht unbedingt notwendig.