Reinhard Müller

Marie Jahoda. Laudatio anlässlich der Benennung des Marie-Jahoda-Platzes

Gramatneusiedl, am 1. Oktober 2010

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Sehr geehrte Frau Nationalratspräsidentin,

sehr geehrte Damen und Herren!

Marie Jahoda wird nicht nur hier in Gramatneusiedl mit Marienthal identifiziert, sondern, man kann wohl sagen, weltweit. Etwas, worunter Marie Jahoda zeitlebens ein wenig gelitten hat, verstellte die Marienthal-Studie doch bisweilen den Blick auf ihr übriges wissenschaftliches Werk. Natürlich war sie stolz auf die Marienthal-Studie, also auf das 1933 erstmals erschienene Buch »Die Arbeitslosen von Marienthal«, begründete dieses Werk doch später ihren internationalen Ruf als einer außergewöhnlichen Wissenschaftlerin. Das Buch hat aber auch Marienthal bekannt gemacht, nicht nur in den Sozial- und Kulturwissenschaften. Gerade der durch die Marienthal-Studie veranlasste Film »Einstweilen wird es Mittag…« von Karin Brandauer – er wird ja heute Abend hier noch gezeigt werden – erschloss Marienthal und das Thema Arbeitslosigkeit einem breiten Publikum.

Im Winter 1931/32 verbrachte Marie Jahoda im Zuge des Marienthal-Projekts viele Tage in dieser Fabrik- und Arbeiterkolonie und hatte dabei die Menschen Marienthals schätzen gelernt. Dies ist wohl auch der Grund, warum sie zwei Jahre später an den Ort ihrer Forschungen zurückkehrte, um hier ein Selbsthilfeprojekt für arbeitslose Marienthalerinnen zu initiieren und zu leiten. Nach ihrer politisch bedingten Vertreibung aus Österreich 1937 besuchte Jahoda Marienthal allerdings nur mehr ein einziges Mal: im Juni 1980 anlässlich eines Forschungsprojekts fünfzig Jahre nach der Marienthal-Studie. Wie nahe ihr aber Marienthal bis zuletzt blieb, zeigten die Gespräche in den 1990er-Jahren, als sie unserem »Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich« an der Universität Graz ihren wissenschaftlichen Nachlass testamentarisch vermachte. Mehrfach deutete sie an, wie wichtig es ihr ist, wüsste die Bevölkerung Marienthals über die internationale Bedeutung der Marienthal-Studie bescheid. Dies war auch mit ein Grund für das umfassende und seit 2002 währende Engagement des Archivs in und für Marienthal.

Marie Jahodas Nähe, ja, »Liebe«, wie sie es in einem ihrer letzten Interviews ausdrückte, »zu Marienthal« ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie nach dem Zweiten Weltkrieg kein ungetrübtes Verhältnis zu Österreich hatte. Ihre kritische Haltung war durch mehrere Umstände bedingt: durch scheinbare Kleinigkeiten, etwa, dass man nach 1945 ihren Namen meist deutsch, also Jahóda, und nicht tschechisch Jáhoda aussprach, vor allem aber durch fundamentale Ereignisse in ihrem Leben, wie ihre Vertreibung aus Österreich im autoritären christlichsozialen Ständestaat 1937 als Sozialistin und die fehlenden oder nur zaghaften Versuche, die während des Austro-Faschismus und Nationalsozialismus ins Exil Getriebenen nach 1945 in die Heimat wieder zurückzuholen. Wie viele andere auch musste Marie Jahoda erfahren, dass sie als österreichische Exilantin zumindest in den ersten Jahrzehnten der neuen demokratischen Republik Österreich in der Heimat nicht erwünscht war.

Die drei Jahrzehnte, die Marie Jahoda in Österreich verlebte, waren prägend. Sie wurde 1907 in Wien geboren und wuchs in einem jüdischen Elternhaus auf, in welchem Bildung, Kunst und Wissenschaft, aber auch die politische Diskussion eine große Rolle spielten. Jahoda trat zwar schon als Jugendliche aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft aus, beschäftigte sich aber insbesondere in den letzten Jahrzehnten ihres Lebens in durchaus positiver Annäherung mit Religion, insbesondere der jüdischen Religion. Ihre politische Heimat fand Marie Jahoda ebenfalls bereits als Jugendliche, und zwar in der Sozialdemokratie. Sie war in vielen sozialdemokratischen Organisationen, besonders Bildungsorganisationen, tätig und lebte später auch mit ihrem Mann, dem Soziologen Paul Lazarsfeld, den sie 1927 heiratete, im Karl-Marx-Hof in Wien. Zeitlebens blieb Marie Jahoda eine überzeugte und eine engagierte Sozialistin.

Die zweite Prägung betraf Jahodas Interesse an Kunst. Sie war nicht nur eine begeisterte Cellistin – sie machte Hausmusik mit ihrem Bruder Fritz, dem bekannten Komponisten und Dirigenten –, vor allem liebte sie die Literatur, wollte auch selbst einmal Schriftstellerin werden. Ihr früh und lange geschulter Umgang mit Sprache ermöglichte ihr einen wissenschaftlichen Schreibstil, der sie zu einer Pionierin dessen machte, was man heute »public understanding« nennt, also die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte in einer allgemein verständlichen Sprache. Die Marienthal-Studie ist wohl das beste Beispiel dafür, eine – auch – literarische Leistung der damals gerade mal fünfundzwanzigjährigen Marie Jahoda. »Wissenschaft«, meinte sie einmal etwas überspitzt in einem Gespräch, »die sich nicht in der Alltagssprache ausdrücken kann, ist, zumindest sozial gesehen, wertlose Wissenschaft.«

Eine weitere Prägung Jahodas erfolgte auf dem Gebiet der Wissenschaften selbst, insbesondere durch das Psychologische Institut an der Universität Wien, wo sie vor allem das »methodische Handwerk«, wie sie es nannte, bei Charlotte und Karl Bühler erlernte und wo sie 1932 zur Doktorin der Philosophie, Fachgebiet Psychologie, promoviert wurde. Was sie hier an Methodik gelernt hatte, praktizierte sie erstmals in der Marienthal-Studie, die vor allem auch deswegen ein Klassiker der empirischen Sozialforschung wurde, weil man hier eine ganze Bandbreite von Methoden auf ein Thema anwandte. Und die Vielzahl von Methoden sowie deren spezielle Kombination blieben auch für das spätere Werk Marie Jahodas kennzeichnend.

Schließlich wurde in Österreich auch der Grundstein dafür gelegt, der Marie Jahoda zu einer frühen Vor- und Mitkämpferin der Frauenbewegung machte. So wurde die achtzehnjährige Mitzi, wie sie im Freundeskreis genannt wurde, als erste Frau »Obmann, Geschlecht weiblich«, wie Jahoda einmal in einem Radiointerview ironisch bemerkte, der »Vereinigung sozialistischer Mittelschüler« und ein Jahr später Sekretärin der landesweiten Mittelschülerorganisation. Auch diesbezüglich sei wieder auf die Marienthal-Studie verwiesen, in welcher der unterschiedlichen Wirkung von Arbeitslosigkeit auf Männer und Frauen viel Raum gewidmet wurde. Und das Projektteam selbst war in seiner Zusammensetzung – leider nicht nur für damals – bemerkenswert: Neun Frauen standen sechs Männern gegenüber, wobei Frauen die Hauptarbeit der Feldforschung sowie die Organisation des Projekts leisteten, und den Text schrieb ebenfalls eine Frau: Marie Jahoda. Bis zuletzt blieb ihr vor allem die soziale Gleichberechtigung der Frauen ein Anliegen, nicht nur in ihrem politischen Handeln, sondern auch in ihrer Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst; so übersetzte sie zwölf Jahre vor ihrem Tod noch die Gedichte der Louïse Labé, eine emanzipierte französische Schriftstellerin des frühen 16. Jahrhunderts, ins Englische.

Marie Jahoda, seit 1934 als Revolutionäre Sozialistin im Untergrund propagandistisch tätig, wurde 1936 in der von ihr geleiteten »Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle« in Wien verhaftet und im darauffolgenden Jahr wegen Verbrechens gegen das Staatsschutzgesetz zu drei Monaten Haft verurteilt. Internationale Proteste aus Politik und Wissenschaft bewahrten sie nach fast acht Monaten Untersuchungs- und Strafhaft vor der abzusehenden Haftverlängerung, allerdings nur unter der Bedingung, Österreich zu verlassen. Im September 1937 ging Marie Jahoda nach England ins Exil, wo sie sich mit mehreren kleinen Forschungsprojekten über Wasser halten konnte. Knapp vor Kriegsende, im April 1945, durfte sie dann endlich zu ihrer damals bereits fünfzehnjährigen Tochter Lotte, von der sie seit ihrem englischen Exil getrennt leben musste, nach New York reisen. Und erst hier konnte die nunmehr Zweiundvierzigjährige 1949 eine universitäre Karriere beginnen: als Professorin der Psychologie an der renommierten New York University.

1958 ging Marie Jahoda, die sich von ihrem Mann Paul Lazarsfeld 1934 hatte scheiden lassen, zurück nach England: »aus Liebe«, wie sie in ihren Memoiren schrieb. Sie heiratete damals den Labour-Abgeordneten und späteren Staatssekretär Austen Albu. Und wieder war ihre Berufskarriere unterbrochen. Erst 1962 wurde sie Professorin für Sozialpsychologie, übrigens der erste derartige Lehrstuhl in Großbritannien. 1973 emeritiert, blieb sie aber bis zu ihrem Schlaganfall 1995 der universitären Forschung eng verbunden. Seither forschte, schrieb und übersetzte die beinahe Erblindete in ihrem Landhaus in Keymer, Sussex, wo sie 2001 verstarb.

Marie Jahodas Forschungsgebiete waren ebenso bunt und facettenreich wie ihr Leben. Um nur einige Beispiele zu nennen: Sie beschäftige sich mit Vorurteilen, insbesondere mit Antisemitismus, mit der Psychoanalyse, mit den Zusammenhängen von sozialer Organisation und psychischer Gesundheit. Sie verfasste wegweisende pädagogische Schriften für die Sozialpsychologie, aber auch für die sozialwissenschaftliche Ausbildung an technischen Universitäten, und sie war in den frühen 1970er-Jahren eine Vorkämpferin mit ihrer Kritik an einer unbeschränkten Ausbeutung der Natur und der damit verbundenen ökonomischen Wachstumsideologie. Zentral blieb aber immer ihre Beschäftigung mit der Arbeitswelt, mit der Funktion von Arbeit für den Einzelnen und die Gesellschaft sowie mit den Wirkungen von Arbeitslosigkeit auf das Individuum wie auf die Gemeinschaft. Der Titel der deutschen Übersetzung ihres wichtigen Werkes »Employment and Unemployment« (1982) könnte – nicht zuletzt, weil als Frage formuliert, und Marie Jahoda blieb bis zuletzt eine Hinterfragende und Suchende – als Motto für ihr Gesamtwerk dienen: »Wieviel Arbeit braucht der Mensch?«

Es freut mich wirklich sehr, dass die Bürgermeisterin von Gramatneusiedl, Frau Erika Sikora, die Initiative ergriffen und mit dem Marie-Jahoda-Platz hier, an einer der wichtigsten Wirkungsstätten Marie Jahodas, ein Stück bleibender Erinnerung geschaffen hat. Erinnerung an eine weltberühmte Wissenschaftlerin und deren Verbundenheit mit den Menschen von Marienthal, Erinnerung an eine bemerkenswerte Frau und Erinnerung an einen außergewöhnlichen Menschen: Marie Jahoda.

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin, darf ich dich bitten, das von dir initiierte Projekt nunmehr auch zu vollenden und die Enthüllung der Tafel vorzunehmen.