Käthy Breuer [d.i. Katharina Breuer, geborene Mautner]

G’schichten aus dem Elternhaus. Memoiren von Käthy Breuer (1883–1979).

[Wien 1975], [I], 21 S.; Maschinenschrift mit fotokopierten Fotos.

Quelle: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich (Graz), Virtuelles Archiv »Marienthal«, Sammlung Judith Pór-Kalbeck. Beachten Sie das Copyright!

[Titelblatt]

G’SCHICHTEN AUS DEM ELTERNHAUS

Memoiren von

KÄTHY BREUER

1883–1979

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G’schichten aus dem Elternhaus

Memoiren von Käthy Breuer (1883–1979)

Hans [Breuer], mein geliebter Mann, und ich hatten beide das Glück, in unserem Elternhaus ein wundervolles Beispiel der österreichischen Kultur der Jahrhundertwende zu finden. In über 40 Friedensjahren hatten Kunst und Wissenschaft sich in Österreich wunderbar entwickelt. Nationalitäten- und Rassenprobleme wurden nur von fanatischen Politikern ernst genommen und jeder konnte »nach seiner Façon glücklich werden«. Eine gewisse finanzielle Sicherheit schien sich ungestört zu erhalten, kein Wunder also, dass sich auf solchem Boden eine anregende, freie aber hochkultivierte Geselligkeit entwickelte. Ich glaube, es gab kaum eine markante Persönlichkeit aus dieser Zeit, die nicht mit meinen Eltern oder Schwiegereltern in Berührung gekommen war.

Bei Breuers, in dem gemütlichen Heim im dritten Stock Brandstääte [recte Brandstätte; Anm. R.M.] No. 6 waren es meist Ärzte und Gelehrte jeden Alters, die an den berühmten Doktoren Abenden oder den ebenso beliebten Donnerstagen teilnahmen, während bei meinen Eltern, im Winter in der Löwelstrasse, im Sommer in Pötzleinsdorf in dem bezaubernden Biedermeier Haus Khevenhüllerstrasse 2. sich ein buntes Gemisch von Künstlern, Politikern, Aristokraten und ungezählten Verwandten einfand. Das Buch, in welchem wir mit Hilfe von Gräfin Johanna Hartenau die Autogramme aller Gäste des Hauses Mautner vereinigten und unseren Eltern [d.s. Isidor Mautner und Jenny Mautner; Anm. R.M.] an ihrem goldenen Hochzeitstag am 19. März 1926 überreichten, gibt einen Ausschnitt aus diesem illustren Kreis.

Wir vier Kinder, Stephan, Conrad, Marie und ich, assen mittags von klein auf bei Tisch und ausser bei grösseren Festlichkeiten auch abends und kamen daher frühzeitig mit allen diesen Notabilitäten in Kontakt oder lernten sie zumindest vom Sehen kennen. Das war besonders dann der Fall, als meine Eltern in den Neunziger Jahren ihre Wohnung in der Löwelstrasse 12 vergrösserten und die im unteren Stock gelegene Wohnung dazu mieteten. Sie wurde mit der alten Wohnung durch eine Wendeltreppe verbunden und es war unser grösstes Vergnügen versteckt auf dem obersten Treppenabsatz zu sitzen und die Ankunft der prominenten Gäste zu beobachten.

Ich will nun im Lauf dieser Erinnerungen, was mir an kurzen Geschichten oder Anekdoten über diese prominenten Gäste einfällt, wahllos niederschreiben.

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Zunächst will ich mit dem Anfang beginnen: Ich bin am 17. Februar 1883 als drittes Kind meiner Eltern Isidor und Jenny Mautner geboren. Meine Brüder Srephan [!] und Conrad waren damals 6, respektive 3 Jahre alt und nach weiteren drei Jahren kam meine Schwester Marie zur Welt. Meine Eltern wohnten damals in Wien I. Rudolfsplatz 11.

Meine Grosseltern Mautner lebten in Nachod in Böhmen [d.i. Náchod, Tschechische Republik; Anm. R.M.], wo mein Grossvater Handweber beschäftigte und ihre Waren in Österreich und auch über die nahe Grenze in Deutschland persönlich verkaufte. Als mein Vater 15 Jahre alt war, wurde er nach Wien geschickt um dort einen Absatz für diese Produkte zu finden. Das Geschäftslokal dafür befand sich am Tiefen Graben im I. Bezirk und das Personal bestand aus einem Hausknecht und einem Hund, der das Handwagerl zog.

Wie mein Vater in wenigen Jahren aus solch kleinen Anfängen sein grosses internationales Unternehmen aufbaute, ist uns immer ein Rätsel geblieben. Er überzeugte seinen Vater bald, dass es notwendig sei die Produktion auf maschinelle Weise umzustellen und kaufte zu diesem Zwecke die erste Fabrik in Schumburg bei Reichenberg [d.i. Šumburk bei Liberec, Tschechische Republik; Anm. R.M.] und errichtete eine in Nachod. Jedenfalls war das Unternehmen innerhalb von sechs Jahren schon so ertragsfähig, dass er meine Mutter, die er bei einer Hochzeit von Verwandten kennen gelernt hatte, als Braut heimführen konnte. Er war damals 22 Jahre alt, seine Braut 19.

Die Eltern meiner Mutter, David und Helene Neuman, lebten in Wien und stammten aus Pressburg [d.i. Bratislava, Slowakei; Anm. R.M.] im damaligen Ungarn. Ich habe meinen Grossvater Neuman nicht gekannt; er starb im Jahre 1880. Er war mit Verwandten an einer Seidenfabrik beteiligt, die sein Sohn Heinrich Neuman bis zu seinem Tod weiterführte. Die Grosseltern Neuman besuchten im Sommer oft Bad Ischl im Salzkammergut und nahmen einige ihrer sechs Kinder mit in die Sommerfrische. Meine Mutter, die sehr zart war, wurde meist im Zug auf eine Bank gelegt und in eine Decke gewickelt, um aus Ersparnis Gründen als unter 14 Jahre nur halbe Fahrt zu zahlen. Mutter erinnerte sich, dass sie schon 17 Jahre alt war und zu ihrem Leidwesen noch immer auf diese Art reiste.

In Ischl, wo die ganze kaiserliche Familie ihren Sommersitz hatte, besuchte mein Grossvater täglich die Esplanade und sass dort immer auf derselben Bank, von wo er die kaiserlichen Gäste beobachten und begrüssen konnte. Als er einmal krankheitshalber nicht zugegen war, wurde ihm berichtet, dass der Vater Kaiser Franz Josef’s, der alte Erzherzog Franz Karl, seinen Adjutanten fragte: »Was ist

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denn los? Wo ist denn heut der Neuman?«

Nach dem Tod meines Grossvarets [!] zog meine Grossmutter Helene zu uns. Meine Eltern hatten damals eine schöne Wohnung in der Löwelstrasse No. 12 hinter dem neuerbauten Burgtheater genommen, wo wir alle schön Platz hatten. Obwohl ich nur 4 Jahre alt war, als meine Grossmutter starb, erinnere ich mich ganz genau an sie und weiss, dass sie mir in ihrer sanften, lieben Art die Anfangsgründe des lesens [!] beigebracht hatte. Sie war es, die ihren drei schönen Töchtern, Bertha Waerndorfer, Marianne Benedikt und meiner Mutter Jenny Mautner die Vorliebe für Geselligkeit im schönsten Sinn im Verkehr mit geistig hochstehenden Menschen aller Art eingeimpft hatte.

Um diese Zeit – ich glaube es war 1888 – kaufte mein Vater das ehemalige Geymüller Schlössl, Khevenhüllerstrasse 2 (damals noch Bergstrasse) in Pötzleinsdorf bei Wien. Pötzleinsdorf wurde erst einige Jahre später – bei Errichtung von Gross-Wien – als zum 18. Bezirk gehörig Wien einverleibt. Bis dahin musste man jedesmal, wenn man in die Stadt fuhr, beim Währinger Gürtel vier Kreuzer Maut zahlen.

Die ersten Jahre teilten wir das Pötzleinsdorfer Haus mit der Familie von Mutter’s Schwester, den Wärndorfers, die aber nach einigen Jahren ein Haus im Cottage erwarben, und von da an waren wir Alleinbewohner des wunderschönen Biedermeier Hauses mit dem grossen, lieben Garten, dessen Bäume im Grundplan eingezeichnet waren und die zum Grossteil noch heute vorhanden sind. Wir vier Kinder hatten natürlich eine wundervolle Zeit im geliebten Pötzleinsdorf. Wir zogen meistens Ende April mit grossem Möbelwagen, der unter anderem das Bösendorfer Klavier und unzählige andere Gegenstände beförderte, hinaus, so dass wir Mutter’s Geburtstag am 3. Mai draussen feiern konnten, und nach Vater’s Geburtstag am 7. Oktober wieder in die Löwelstrasse in die Stadt. Wegen der »grossen Entfernung« – der blaugepolsterte Pferde Stellwagen brauchte über eine Stunde zum Schottentor – gingen wir zuerst alle nicht in die Schule, sondern hatten einen Hauslehrer, Herrn Wagner, der uns in den Volksschulfächern unterrichtete. Als Stephan mit zehn Jahren in die Realschule eintrat, fuhr er täglich mit seinem Vater hinein, denn Vater hatte zuerst einen Einspänner und später einen zweispännigen Wagen angeschaft [!]. Die Pferde waren im Stallgebäude untergebracht

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und nebenan war ein Zimmer für den Stallburschen und den Gärtnerburschen. An der anderen Seite des Stalles war die Wohnung des Gärtners und seiner Familie. Das Gaertner Ehepaar, Karl und Therese Hradek, hatte sechs Kinder, die unsere täglichen Spielgefährten waren, und man kann sich vorstellen was für herrliche Spiele und Veranstaltungen bei uns stattfanden.

Übrigens waren während der Woche unsere Tage genau mit Stunden besetzt und nur Sonntags waren die Gärtner Kinder alle mit uns. Wir hatten zuerst ein Schweizer Fräulein, Fräulein Emma, die sehr lieb war, dann eine französische Gouvernante, Antoinette Damez, die wir nicht leiden konnten und die schliesslich nach einer Affaire mit einem Heiratsschwindler unser Haus verliess. Und von 1893 angefangen bekamen wir eine englische Gouvernante, Evelyn Caroline Ings, die 12 Jahre – bis zu meinem 22. Jahr – bei uns blieb und durch die wie [!] die Liebe und Vertraulichkeit mit England, unserer späteren Heimat, so richtig eingepflanzt bekamen. Natürlich gab es auch Differenzen, besonders mit mir und beim Schlafengehen, wo wir beiden Mädeln schon im Bett lagen und Miss Ings ihre langen Haare mit den berühmten »100 strokes« kämmte und die Franse in Papilloten eindrehte, diskutierte ich oft solange mit ihr, bis meine Schwester die Decke über die Ohren zog und energisch um Ruhe bat.

Unsere Cousine Lisa Wärndorfer [recte Waerndorfer; Anm. R.M.] hatte einen Franzosen geheiratet, der aber in London lebte und sie hatte Miss Ings interviewed [!] und sie nach Wien instradiert. Es gab damals noch sehr wenige Engländerinnen in Wien und wir erwarteten ihre Ankunft mit Spannung. Irgendetwas klappte nicht mit ihrer Reise, und als sie an dem bestimmten Termin nicht ankam, waren wir sehr enttäuscht. Bruder Stephan nutzte die Stimmung und zog sich aus Mutter’s Garderobe als Dame mit Hut und Schleier an und erschien so im Kinderzimmer. Wir waren überzeugt, dass es die englische Gouvernante wäre, machten unsere schönsten Verbeugungen und stammelten ein mühsam erlerntes »how do you do«, worauf Stephan in lautes Lachen ausbrach und wir wütend unseren Irrtum erkannten. Von Miss Ings lernten wir ausser Englisch auch das damals in Wien noch wenig bekannte Tennis Spiel. Vater hatte in unserem Garten eine Wiese als Tennisplatz herrichten lassen, wollte aber eine schöne Rotbuche, die im rechten »Out« stand, nicht opfern. Es war daher eine besondere Kunst diese Buche beim Spiel zu umgehen oder die Bälle aus ihren Zweigen heraus zu

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kriegen. Miss Ings spielte immer mit langem Kleid, Hut und Handschuhen und einem hohen gestärkten Halskragen. Das war wohl ein wenig anders als die jetzige Tennis Ausrüstung.

Neben dem Tennisplatz befand sich »das untere Salettl« in dem wir mit der Zeit eine ständige Bühne eingerichtet hatten. Ein Podium, das in Vater’s Büro nicht mehr gebraucht wurde, fungierte als Bühne, rote alte Vorhänge konnten auf- und zu gezogen werden und die Buben mit ihrem Zeichenlehrer Josef Breitner machten die Dekorationen. Auf dieser Bühne führten wir fast jeden Sonntag irgend etwas auf. Sehr oft waren es improvisierte Stücke, aber da Conrad und ich zu verschiedenen Geburtstagen Stücke verfassten, lernten wir sie ordentlich auswendig und führten sie in herrlichen Kostümen, die meist aus Klavier- und Tischdecken bestanden, vor einem gemischten Publikum auf. Sehr beliebt waren kurze Stücke von Hans Sachs und vor allem die Puppenspiele, die unser Hausarzt Dr. Josef Winter mit Richard Kralik gesammelt und herausgegeben hatte. Ein Lieblingsstück war »Kasperl als Bräutigam«, in welchem Conrad den Kasperl und ich seine Frau Katherl spielte. Stephan und Marie mussten sich mit untergeordneten Rollen wie Müller und Fleischhauer begnügen.

Eine besonders glänzende Aufführung war »Don Juan«, auch aus den Puppenspielen. Wir hatten sogar einige Male wirkliche Burgschauspieler als Zuschauer, wie Sonnenthal und Gabillon, dessen Enkel Luz Bettelheim den Don Juan spielte. Als er bei einer Stelle nicht weiter konnte, stampfte er wütend auf den Boden, so wie es sein Grossvater manchmal im Burgtheater machte, um den Soufleur [!] in Bewegung zu setzen. Conrad spielte in allen Aufführungen den Leporello-Kasperl, ich den Comptur und Marie die Donna Anna. Conrad’s Cello Lehrer Alexander Fimpel hatte einen Schwager, der Kostümschneider im Burgtheater war und so hatten wir einige Standard Kostüme die uns herrliche Dienste leisteten. Noch 1905 als wir schon alle erwachsen waren, benützten wir unsere Salettel Bühne noch einmal an [Friedrich] Schiller’s 100ten Todestag und führten Schiller’s »Turandot« mit einem von mir verfassten Prolog auf. Marie war Turandot, ich Prinz Kalaf, Dora Breuer der Kaiser von China und Hanna Brüll die intrigante Adelma. Als Statisten wirkten unsere Flirts wie Hans und Robert Breuer, Ferdinand Schmutzer etc[etera] mit. Es war nicht lange danach dass Hans und ich uns verlobten, und nach meiner Heirat 1906 blieb die Pötzleinsdorfer Bühne geschlossen.

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Ausser den Aufführungen in Pötzleinsdorf führten Marie und ich meist zu Neu Jahr kurze Dialoge für unsere Eltern auf, die meistens von Miss Ings mit prächtigen Kostümen ausgestattet wurden. Einmal waren wir als Glocken verkleidet um ein englisches Gedicht »Hark the bells are ringing« vorzustellen. Ein anderes Mal war es »Where are you going to, my pretty maid?« in Rokoko Kostümen und späterhin machten wir uns selbständig' und rezitierten Dialoge aus Moliere [recte Molière; Anm. R.M.] Stücken auf französisch.

Theaterspiel war überhaupt unsere Leidenschaft und in späteren Jahren als wir verheiratet waren, setzten wir unsere Aufführungen fort, die sehr vervollkornmend [!] und verfeinert wurden, da mein lieber Mann und sein Bruder Robert höchst amüsante und witzige Texte für Couplets und Theaterstücke schrieben. Ich habe die Manuskripte für die beiden wichtigsten »Orakelspiel« und »Wunderkuren« gut aufgehoben und werde später noch über die jeweiligen Aufführungen berichten.

Die Couplets, oft Parodien zu [Granz] Schubert- und [Robert] Schumann Liedern, habe meistens ich begleitet von Robert am Klavier gesungen, denn ich hatte von 17 Jahren an Singstunden bei Albine Mandyczewsky [recte Mandyczewski; Anm. R.M.], der Frau des Archivars der Musikfreunde und Musikhistorikers Eusebius Mandyczewsky [!], und sang auch in seinem Chor den zweiten Alt. Sie wohnte auf der Tuchlauben, und um zu ihr zu gehen, musste man ein Durchhaus vom Kriegsministerium passieren, wo der Chef des Generalstabs, Feldzeugmeister Beck [d.i. Friedrich Graf Beck-Rzikowsky; Anm. R.M.], sein Büro hatte. Ich hatte ihn im Sommer 1900 in Velden am Wörthersee, wo ich mit der Familie Eissler (Eltern der Braut meines Bruders Stephan) auf Ferien war, kennen gelernt und er war besonders nett zu mir. Wenn ich zur Singstunde ging, kam er meistens gerade aus seinem Büro und blieb für einen kleinen Plausch mit mir vor dem Kriegsministerium stehen. Nun war aber dort eine Wache Abteilung postiert, die solange der Chef zu sehen war, Gewehr präsentieren und den Generalmarsch blasen musste. Das war mir schliesslich so peinlich und so auffallend, dass ich bald grosse Umwege machte, um nicht beim Kriegsministerium vorbei zu kommen, wo natürlich die Vorübergehenden stehen blieben um zu sehen, warum Generalmarsch und Trommelwirbel ertönten.

Übrigens blieben wir alle mit Excellenz Beck bis zu seinem Tode sehr befreundet. Er brachte mir Bonbons von den Hofbällen mit, lud uns in seine Loge ins Burgtheater ein und zu Festlich-

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keiten, wie die kaiserliche Fusswaschung am Grün-Donnerstag etc. Er spielte auch regelmässig Tarock mit Vater und dessen Freunden.

Ich will nun über wichtige Begebenheiten meiner Kindheit berichten und dabei nicht chronologisch vorgehen.

Einer der grössten Eindrücke ist mit dem 70ten Geburtstag meines Grossvaters Isaac Mautner im Frühjahr 1893 verbunden. Ich war damals 10 Jahre alt und die ganze Familie versammelte sich bei den Grosseltern, die damals noch ständig in Nachod in Böhmen lebten. Aus Wien waren wir, d[as] h[eißt] meine Eltern, Geschwister und Miss Ings, unser langjähriges Faktotum die Cilli, sowie die Familie von Vater’s Schwester Jenny Schur eingetroffen. Die Familie Schur bestand aus Vater Moritz und seiner Frau und sechs Kindern, Röschen, Hans, Helene, Emmy, Josef und Anton. Vater’s jüngste Schwester Adelheid Goldschmied lebte in Nachod und war mit dem Direktor der Mautner Fabriken Otto Goldschmied verheiratet. Sie hatte zwei Söhne, Friedl und Kurt, die natürlich auch anwesend waren.

Da Mutter’s Schwäger, Samuel Wärndorfer [recte Waerndorfer; Anm. R.M.] und Moritz Benedikt an der Weberei, Spinnerei und Färberei Mautner beteiligt waren, hatte die Firma den Namen Wärndorfer, Benedikt, Mautner angenommen, den sie aber nur wenige Jahre führte, da sich Onkel Wärndorfer mit 35 Jahren (!) zur Ruhe setzte und Onkel Benedikt eine eigene Spinnerei eröffnete.

Am 70ten Geburtstag waren wir im grosselterlichen Haus alle gerade zum Nachtmahl versammelt und Onkel Otto Goldschmied hielt eben eine feierliche Geburtstagsrede, als ein furchtbarer Krach ertönte. Die Türe ins Vorzimmer fiel mit grossem Gepolter zu und Cilli, die eben das Dessert hereinbringen sollte, liess das Tablett mit allem Geschirr vor Schrecken zu Boden fallen. Gang und Speisezimmer waren sofort mit Rauch erfüllt und die Männer der Familie liefen hinunter um die Ursache des Kraches zu ergründen. Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass im Gang eine Bombe explodiert war, die zwar viele Fenster in den umliegenden Häusern zerbrochen hatte, aber durch das Zuschlagen der schweren Gangtüre in der Wohnung der Grosseltern eigentlich keinen Schaden angerichtet hatte. Mit der Zeit fand man auch den Täter, einen stellenlosen Arbeiter (nicht aus Vater’s Fabrik) der einer anarchistischen Organisation angehörte und

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durch Legen der Bombe seine Gesinnung dokumentieren wollte.

Mir ist das Bild meines Grossvaters noch unvergesslich, der sich in völliger Ruhe mit seinem Gebetbuch im raucherfüllten Speisezimmer niederliess. Auch unsere Miss Ings war nicht aus ihrer Ruhe zu bringen und liess nicht ab unsere Mäntel und Hüte zu suchen, obwohl man ihr immer wieder wegen Feuergefahr die Kerze auslöschte, die sie auf der Suche immer wieder anzündete. Schliesslich waren wir Kinder alle in unseren Mänteln bekleidet und wurden von unseren Eltern in das Direktorhaus ausserhalb der Stadt geleitet. Dieser Gang war unheimlich und bei jeder Nebengasse erwarteten wir einen Attentäter, und als ich schliesslich im Bett war, fürchtete ich mich die Füsse auszustrecken weil ich eine Bombe im Bett erwartete.

Am nächsten Morgen packten wir unsere Sachen und fuhren mit den Grosseltern nach Wien, wo diese die letzten Jahre ihres Lebens verbrachten. Sie wohnten zuerst einige Wochen bei Schur, fanden dann aber eine schöne Wohnung an der Mölker Bastei, wo sie mein Vater täglich vor dem Mittagessen besuchte. Grossvater Isaac überlebte die Übersiedlung nur kurze Zeit, aber Grossmutter Julie erlebte noch die Geburt ihres ersten Urenkels Andreas Mautner und verschied erst mit 85 Jahren im Jänner 1906.

Onkel Wärndorfer [recte Waerndorfer; Anm. R.M.], der wie ich schon sagte, sich mit 35 Jahren zur Ruhe setzte, verbrachte einen Teil des Jahres mit seiner Frau Bertha in Monte Carlo, wo sie eifrig das Casino besuchten. Meine Eltern besuchten sie hie und da und Vater versuchte auch seinGlück [!] im Spielsaal. So gewann er einmal eine grössere Summe, die er sofort seiner Frau übergab und Mutter Jenny ging damit gleich in ein Antiquitäten Geschäft, wo sie eine wunderschöne Kamin Garnitur bestehend aus einer Empire Uhr und zwei Leuchtern aus Silber und Marmor kaufte. Am nächsten Tag hatte aber Vater kein Glück im Casino und verlangte das Geld zurück; aber das war schon ausgegeben. Vater musste sich vorläufig etwas Geld ausleihen, aber die Kamin Garnitur wurde nach Wien mitgenommen, wo sie bis an Mutter’s Lebensende eine Zierde des Kamins im Pötzleinsdorfer Kuppel-Zimmer bildete.

Die Eltern hatten mich damals nach Monte Carlo mitgenommen, während meine Brüder in der Schule waren und Marie mit Masern im Bett lag. Ich sah damals unsere Kaiserin am Hauptplatz in einen offenen Fiaker steigen, wo Kaiser Franz Josef dann neben ihr Platz nahm. Die Kaiserin war wie immer seit dem Tod des Kronprinzen, ganz in Schwarz gekleidet und hielt in einer Hand einen Fächer, in der anderen einen Sonnenschirm, um sich vor zudringlichen Augen zu schützen. Aber ich konnte trotzdem ihr noch immer schönes Gesicht

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bewundern. Ich wurde damals auch von den Eltern ins Theater mitgenommen und so habe ich den Tamanio als Troubadour und die [Adelina] Patti in einer Konzertaufführung gehört. Sie sang das »Veilchen« von [Wolfgang Amadeus] Mozart und »Home sweet home« war aber schon 70 Jahre alt und nicht mehr gut bei Stimme.

In Wien führten wir Kinder ein sehr geregeltes Leben. Stephan ging von zehn Jahren an in die Realschule in der Schottengasse, Conrad wegen starker Kopfschmerzen nur mit Unterbrechungen ins Schottengymnasium, lernte aber zu Hause bei Professor Richard Wahle, dessen Bruder der von uns sehr gefürchtete Violin Lehrer Fritz Wahle war, bei dem Stephan und Marie Violinstunden hatten. Mutter spielte mit ihm und dem Cellisten Fimpel jeden Montag Kammermusik und ich auch manchmal. Fritz Wahle war ein äusserst strenger und ungeduldiger Lehrer und beschimpfte uns weidlich. Das beliebteste Schimpfwort war »Klaviergans« aber auch vor Mutter hatte er keinen Respekt und sie liess es sich ruhig gefallen.

Mutter nahm ihr Frühstück im Bett, während Vater schon um halb acht zu Fuss in sein Büro in der Eisengasse gegangen war, wo er zum Schrecken seiner Angestellten schon vor 8 Uhr die Post übernahm. Er hatte sein Unternehmen, die Österreichischen Textilwerke mit der Zeit so vergrössert, dass er meist von einer Fabrik zur anderen auf Reisen war und schliesslich vor dem ersten Weltkrieg 24 Fabriken in der Monarchie, in Deutschland und auch in Italien besass. Dass die Buben in diesem Konzern arbeiten mussten war ganz selbstverständlich und ein anderer Beruf kam für sie gar nicht in Frage. Conrad verstand es aber während der ihn nicht sehr interessierenden Büroarbeit an seinem »Steirischen Raspelwerk«, einer Sammlung steirischer Lieder und Weisen zu arbeiten, und das ist eigentlich das einzige was erhalten geblieben ist und bleibende Berühmtheit erlangt hat.

Wir Mädeln hatten eine sehr geregelte Einteilung von diversen Lehrgegenständen. Von 9–10 hatten wir Aufgaben für unseren Lehrer Unschuld von Mehlasfeld [recte Melasfeld; Anm. R.M.] zu machen, bei dem wir täglich von 3–7 Uhr in den Volksschul Gegenständen Unterricht hatten.. [!] Englisch lernten wir täglich von 10 bis 11 bei Miss ings [recte Ings; Anm. R.M.], Französisch zwei mal wöchentlich bei Mademoiselle Damez, Klavier bei Frau Schlesinger

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zweimal wöchentlich, Fechten bei Barbestti, einem Italiener, Turnen bei Herrn von Unschuld und zeichnen bei dem Bildhauer Josef Breitner, der das Denkmal von Heinrich Jasomirgott an der Schottenkirche geschaffen hatte. Auch Italienisch hatten wir späterhin bei den Schwestern Pina und Nina Zarkewich aus Triest [Trieste, Italien; Anm. R.M.] mit denen wir auch Kammermusik spielten. Während der Stunden mit Herrn von Unschuld trachteten wir womöglich zum Fenster hinauszuschauen, um die Ankunft unserer Burgtheater Schauspieler um sechs Uhr beim Bühnentürl zu beobachten. Kainz, Marie’s Schwarm kam im eigenen Fiaker, während Devrient, der meine, bescheiden zu Fuss anlangte.

Wir wurden auch oft von Mutter ins Burgtheater geführt, manchmal selbst nach Anfang der Vorstellung, wenn zufällig eine Loge leer war. Am Sonntag waren im Burgtheater immer klassische Vorstellungen, zu denen wir mit dem Sohn des ungarischen Aussenministers Lukascs gingen, der in Wien am Theresianum studierte und Sonntags bei uns speiste.

Das war Alles aber nur im Winter. Im Frühjahr und Herbst blieben wir in Pötzleinsdorf und kamen nur selten in die Stadt. Gegen Ende Juni machten wir im Pädagogium in der Hegelgasse unsere Prüfung, die meist lauter »Sehr gut« einbrachte. Eigentlich habe ich nie etwas anderes gelernt als Volksschulfächer bei Herrn von Unschuld und späterhin Literatur, Geschichte, Geographie und Naturgeschichte bei Fräulein Slamatzka [recte Slameczka; Anm. R.M.], einer Schwester des Direktors der Lehrerbildungs Anstalt. Aber es scheint für damalige junge Mädchen genug gewesen zu sein.

Um 11 Uhr gingen wir täglich mit Miss Ings über die Ringstrasse bis zur Aspernbrücke und zurück. Wenn sich Mutter hie und da diesem Spaziergang anschloss, ermahnte uns Vater, wir sollten sie davon abhalten bei den am Wege liegenden Antiquitäten Geschäften einzukehren. Das gelang uns aber glücklicher Weise nicht, denn sonst wäre die schöne Biedermeier Sammlung nie zustande gekommen.

Im Sommer machten wir nur vor 1893 verschiedene Reisen, z[um] B[eispiel] zum Veldeser See, nach Skeveningen [recte Scheveningen; Anm. R.M.] mit Rheinreise und 1893 die grosse Wagenfahrt von Landeck übers Stilfser Joch nach Madonna di Campiglio. Da es damals auf dem Weg noch keine Hotels gab, kehrte man bei den Wegmachern ein, die einen mit Käse, Brot und Wein bewirteten. Marie, die damals ca. 6 Jahre alt war, erwischte ungesehen ein

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Flascherl Wein das sie austrank. Als wir uns nach dem Essen wieder auf den Weg machten, schwankte sie so bedenklich hin und her, dass die Brüder sie führen mussten und schliesslich erkannten, dass sie einen guten Schwips hatte. Sie wurde dann schnell wieder in den Wagen gepackt, wo sie dann bis zur Übernachtung in Bormio und dort dann bis zum nächsten Morgen volle 18 Stunden durchschlief. In Madonna lernten wir durch Dr. Spiegler, einem Arzt aus dem [Gustav] Mahler Kreis unseren späteren Hausarzt Dr. Josef Winter kennen, der einen grossen Einfluss auf unsere Lektüre und Erziehung ausübte. Da wir sehr lesehungrig waren und nicht vor langen Epen zurückschreckten, lasen wir z.B. das Fritjof Lied, die Gudrun Sagen und das Nibelungen Lied zu unserem Vergnügen. Ab 1894 verbrachten wir aber jeden Sommer im Gössl am Grundlsee, wo die Burgschauspieler Gabillon und Hartmann auch ihren Sommeraufenthalt verbrachten. Vor allem hatte sich Gabillon ein Blockhaus am Grundlsee gebaut und die Wärndorfers [recte Waerndorfers; Anm. R.M.] und Benedikts animiert auch hinzukommen. Diese wohnten einen Sommer beim Veit in Gössl, während die Mautners beim Steinfeld hausten. Aber im nächsten Sommer waren sie bereits beim Veit, während die Wärndorfers in Grundlsee Wohnung genommen hatten. Und die Mautners blieben beim Veit bis zum ersten Weltkrieg und darüber hinaus. Aber unsere Gössler Geschichte wird ein anderes Kapitel.

In Wien, zuerst Löwelstrasse 12, ab 1908 Löwelstrasse 8, gab es die berühmten Sonntag Abende, an denen die Familie und prominente Gäste aus den künstlerischen Kreisen aus aller Welt teilnahmen. Hier kamen die Burgtheater Schauspieler, vor allem Josef Kainz, oft nach dem Theater zum Nachtmahl, hier las Auguste Wilbrandt Gedichte ihres Mannes vor. Hier hielt Hofmannsthal die Festrede zu Gerhardt Hauptmann’s 60ten Geburtstag oder spielte Richard Strauss einen Entwurf für die österreichische Volkshymne, von der der Gesandte Fürst Tucher [d.i. Heinrich Freiherr Tucher von Simmelsdorf; Anm. R.M.] sagte: »Sie klingt mir nicht festlich genug«, worauf Strauss bescheiden erwiderte: »No ja, der [Joseph] Haydn bin ich halt nicht.« Er war eigentlich sehr bescheiden, was seine Kompositionen betraf, hatte auch durch seine Frau Pauline eine strenge Schule durchgemacht. Sie sagte zum Beispiel bei einer Gesangsprobe: »Sing dir dein’ Dreck selber, wenn’s dir nicht recht ist.« Sie behandelte ihn äusserst streng. Als er von einer langen Süd Amerika Reise heimkam, war sie schon im Bett

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und dachte nicht daran aufzustehen, sondern sagte nur: »Deine Milch ist auf dem Nachtkastl, gute Nacht.«

Eine andere schöne Geschichte war die, wo sie von ihren Einkünften sprach: »Wir haben ein Konto in jeder grösseren Stadt in Europa und Amerika. Und das schönste dabei ist, wenn der Richardl stirbt, dann geht das noch 50 Jahr’ weiter!« Sie hat den Richardl aber nur um einige Monate überlebt.

Wenn man in ihre Loge in der Wiener Oper eingeladen war, schwärmte sie die ganze Zeit von ihren eigenen Erfolgen als Sängerin. »Wie ich das gesungen hab, da ist die [Maria] Jeritza nix dagegen.« Und in der Pause ging sie meist auf die Bühne um die Sängerinnen zu belehren und ihre Schminke auszubessern.

Vor kleinen Gemeinheiten scheute sie nicht zurück. So versuchte sie mit allen Mitteln Mutter’s langjährige ideale Köchin auszumieten, aber die loyale Kathi dachte nicht daran das geliebte Mautner Haus zu verlassen. Als Strauss im Jahre 1918 zuerst an die Wiener Oper kam, boten meine Eltern ihm die Wohnung in der Löwelstrasse an, während sie in Pötzleinsdorf waren, was die Straussens auch gerne annahmen. Aber die Stadt Wien mietete ihm bald die schöne Wohnung in der Belvedere Gasse, wofür sich Strauss mit dem Manuskript der »Ägyptischen Helena« bedankte.

An einem anderen Abend sagte Frau Hauptmann: »Es gibt Bücher, ohne die ich nicht leben möchte.«, worauf der ungarische Gesandte höflich fragte: »Welche, zum Beispiel?« worauf ihr nicht ein einziges einfiel und sie verzweifelt rief: »So hilf mir doch, Gerhardt!«

Hier fand auch der grosse Zweikampf zwischen Elisabeth Schumann und Julia Culp statt. Elisabeth [Robert] Schumann sang nach einem lunch bei meinen Eltern Richard Strauss’ »Freundliche Vision«, von ihrem Mann Carl Alwin begleitet. Unter den Zuhörern befand sich auch die berühmte Lieder Sängerin Julia Culp. Als Elisabeth Schumann bei der Stelle »Eine Wiese voller Margeriten« nicht absetzte sondern den Atem – ihren wundervollen, langen Atem – weiter anhielt, unterbrach Julia Culp mit den Worten: »Wenn ich in einem Konzert das so sänge, würde man mit Äpfeln nach mir werfen!« Wütend rief Pauline Srauss [!], die wohl die langatmige Version vorgeschlagen hatte: »Sie können ja gar kan Strauss singen, Sie mit ihren [Franz] Schubertln und [Robert] Schumanndln!«, wozu Alwin den Walküren Ritt am Klavier anstimmte, der die Damen schliesslich besänftigte.

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Übrigens waren die Familienverhältnisse bei Elisabeth Schumann eher kompliziert, da sie dreimal verheiratet war und ich habe selbst gehört, wie er zweiter Mann, Carl Alwin, folgendermassen vorstellte: »Darf ich vorstellen: Mein Name ist Alwin, meine Frau, Frau Schumann, mein Sohn Herr Puritz, mein Bruder Herr Pindar, mein Bruder Herr Pinkus.« Als in späteren Jahren einmal Elisabeth Schumann und Anna Mahler (Gustav Mahler’s Tochter) bei mir in London zum Tee waren und ich etwas verspätet nach Hause kam, entschuldigte ich mich damit, dass im Portsmouth Club, wo ich während des Krieges arbeitete, Die [!] Haushälterin gerade zum dritten Mal geheiratet hatte und fügte hinzu: »Und dabei ist sie gar nicht attractiv [!].« Dabei fiel mir erst ein, dass beide Damen 3 bis 4mal verheiratet waren. Aber die liebe Schumann sagte gutmütig: »Na, ich bin zum dritten Mal verheiratet, aber ich habe mich immer eher attractiv [!] gefunden.«

Nach diesem Intermezzo zwischen den beiden Kriegen, die eigentlich eine neue Blütezeit im Wiener Leben bedeutete, kehre ich wieder in meine frühere Jugend zurück und will noch Einiges über unsere Lehrer erzählen. Unser Religionslehrer Jakob Fischer, war ein Original. Er kam um Sieben Uhr Früh nach Pötzleinsdorf, Marie und ich flüchteten meistens auf einen Baum um nicht gleich mit der Stunde zu beginnen und behaupteten nicht herunter zu können. Wenn wir aber doch soweit waren, verlangte er von uns zuerst »Scharf’s Blatt« (Die Sonn- und Montags Zeitung), dann einen Schnürriemen, den er als Uhrkette benützte und einige Malzzuckerln. Dann begann langsam der Unterricht und zwar, wie fast alle unsere Stunden im oberen Salettl im 2er Garten der Khevenhüllerstrasse. Von unserem Lehrer Herrn von Unschuld, von uns Vunschi genannt habe ich schon erzählt, auch von anderen Lehrern. Hinzuzufügen wäre noch, dass ich Kochen bei der lieben Köchin Kathi Falk und Handarbeiten bei Miss Ings lernte. Zeichenunterricht hatten wir bei dem Bildhauer Josef Breitner und später bei Ferdinand Schmutzer.

Kathi Falk stammte aus Wolkersdorf, wo Vater jedes Jahr hinfuhr um sein Fassl Wein für den Jahresbedarf bei den Falks einzuschaffen. Kathi hatte seit 30 Jahren in meinem Elternhaus gelebt und nahm nach Mutter’s Tod deren Langhaardackel Füchsi mit sich.

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Die Hunde waren natürlich ein Kapitel für sich. Da gab es den grossen Hofhund Caesar, einen behäbigen, gutmütigen Bernhardiner, der als Gesellschaft manchmal einen feschen Foxterrier Spatzl oder einen bissigen Boxer Boxl hatte. Auch waren durch viele Jahre die kurzhaarigen Dackel Gusti und Fritzl im Hof und in der Gärtner Wohnung zu Hause und Gusti hatte im Lauf der Jahre 18 junge Dackel produziert, für die man gute Eltern zu finden hatte. Die nobeln Hunde aber, die sowohl in die Löwelstrasse als auch ins Gössl mitgenommen wurden, waren der schottische Colly Locki, ein besonerer [!] Liebling von Miss Ings und in späteren Jahren der langhaarige, rotgoldene Dackel Füchsi, der Mutter’s Eigentum war und in mehreren Exemplaren erneuert wurde.

Was jetzt unter dem Namen »Geymüller Schlössl« als Uhren Museum gezeigt wird, ist zwar von [Johann Jakob] Geymüller erbaut und durch zwei Jahre bewohnt worden, aber meine Eltern haben es durch fünfzig Jahre, von 1888 bis 1938 bewohnt und durch ihre Gastfreundschaft und intellektuelle Geselligkeit zur Blüte gebracht.

Baulich wurde es eigentlich nach Geymüllers Entwürfen kaum verändert. Nur eine geschlossene Veranda wurde c[irk]a 1910 angebaut, sonst blieb Haus und Garten seit seiner Erbauung um 1810 unverändert. Die rote Kuppel mit Halbmond dürfte auch schon zu dieser Zeit existiert haben. Es heisst, dass ein türkischer Botschafter diese und die Fenster ohne Fensterkreuz hat errichten lassen. Wenn man das Haus vom Hof aus betrat, wo ein wunderbares, duftendes Fliedergebüsch es vom übrigen Hof trennte, so kam man in den Billiard [!] Saal, wo ein Billiardtisch [!] schon zu Zeiten meiner Eltern vorhanden war aber nicht viel benützt wurde. Von dort führten Türen zu Küche, Badezimmer, zur Wohnung des Butlers Johann Hainisch und über eine halbrunde Halle zur Stiege die mit zeitgenössischen [Josef] Kriehuber Portraits von Mutter geschmückt wurde. Oben war dann zuerst eine Halle, dann das Speisezimmer, der Kuppelsaal, wo Festlichkeiten wie Stephan’s und meine Hochzeit gefeiert wurden. Zu Stephan’s Hochzeit (1900) wurde von unserem Hausarzt, Dr. Josef Winter zu [Franz] Schubert’s Deuteschen [!] Tänzen ein schöner Text verfasst und von uns mit Gesang und Tanz vorgeführt. Bei meinem Polterabend wurde es in grossem Stil wiederholt. (1906) Auch erschien ein »Serenissimus«, eine damals sehr beliebte komische Figur eines hohen Herrn (ähnlich dem Grafen Bobby), der die Gäste mit idiotischen und taktlosen Fragen belästigte.

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Stellwagen waren gemietet worden, welche die 120 Gäste beförderten und im Kuppelsaal gab es ein herrliches von Kathi gekochtes Nachtmahl. Es war eine Doppelhochzeit. Dr. Robert Breuer, Chefarzt des Rothschild Spitals heiratete Hanna Brüll, Tochter des Komponisten Brüll und Dr. Hans Breuer und ich waren das andere Paar. Alle Gäste waren in Alt-Wiener Kostüm gekleidet, die Frauen insbesonders, aber auch die Herren mussten Halsbinden und »Vatermöreder [!]« tragen. Mutter hatte das wirklich durchgesetzt und sogar Vater Breuer, der solche Sachen gar nicht gern, hatte, musste so einen Halskragen tragen.

Bevor die Tramway, zuerst mit Pferden, dann elektrisch, bis Pötzleinsdorf fuhr, ging von Am Hof bis zur Pötzleinsdorfer Kirche ein Stellwagen, der von Pferden gezogen wurde und in dem wir sogar den Colly mitnehmen konnten, wenn wir ein ganzes Coupe [!] besetzten. Die Stellwagenpferde wurden übrigens im Falle eines Feuers von der Feuerwehr in voller Fahrt ausgespannt und verwendet und der Stellwagen musste eben warten bis das Feuer gelöscht war.

Wie erwähnt kamen die Mautners im Jahre 1886 zum ersten Mal nach Gössl[.] Die Mädeln konnten längere Zeit nicht Steirer Tracht tragen, da die formidable Miss Ings das für »common« ansah. Conrad und Stephan dagegen liefen schon bald in Lederhosen herum.

Zu dieser Zeit besassen die meisten Bauernfamilien handgeschriebene Liederbücher in denen neben steirischen Liedern auch städtische verzeichnet waren. Manche dieser Lieder waren sehr sentimental, was besonders mir gefiel. Besonders schöne Lieder-Bücher hatten die Annerls, die das damals älteste Haus in Gössl bewohnten mit einem Balken aus dem 13. Jahrhundert, andere waren im Besitz von Veit Bertha, der Tochter des Wirtes.

Conrad und Käthy waren grosse Bücherwürmer und Käthy hatten einige Jungmädchenhefte aboniert [!], darunter auch ein bayrisches in dem eine Runfrage [!] nach einem »Ständelied« veröffentlicht war, also nach einem Lied das mit den alten Gilden im Zusammenhang stand. Conrad und Käthy sandten eines ein, das sie aus einem Gössler Liederbuch kannten und das lautete: »Diandl willst ein’ Edelknabn oder willst ein’ Bauern habn?« Soweit ich mich erinnern kann,

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war das der Anfang von Conrad’s folkloristischer Tätigkeit.

Ein anderes Buch, das die Mautnerkinder mit grosser Begeisterung erfüllte war eines über »Deutschland im 15. Jahrhundert«, das wir von Josef Winter bekommen hatten. Darin waren auch Regeln über gutes Benehmen bei Tisch enthalten und eineige [!] Zeit assen wir nach diesen Regeln. Man musste auf der linken Schulter eine Serviette haben um nicht angetropft zu werden, Spargel war nach dem Aussaugen hinter sich zu werfen, Rülpsen war verpönt und man sollte nicht »gierig mit den Händen in die heisse Brühe greifen«. Einige dieser Regeln riefen die Missbilligung von Johann dem Butler hervor.

Von Fritz Wahle, dem cholerischen Violin Lehrer habe ich schon gesprochen. Er war besonders gegen Stephan unausstehlich und hatte auch Hans Breuer, wo er auch unterrichtete, das Violin Studium verleidet. Conrad lernte Cello bei dem milderen Alexander Fimpel, brachte es aber auch nicht so weit dass es ihm wirklich Freude machte. Ausser Mundharmonika spielte er eigentlich kein Instrument späterhin. Die Melodien der Volkslieder wurden von Fimpel niedergeschrieben nachdem Conrad und Käthy sie ihm vorgesungen hatten. Später fuhr Conrad mit seiner Frau Anna mit einem Grammophon zu entlegenen Bauernhäuser [!] und machte Platten von Volksledern [!], die dann auch von Fimpel niedergeschrieben wurden.

Conrad der viel an Migränen litt (er wurde »Conrad mit dem Plutzer« genannt) lernte die ersten Jahre zu Hause, ging mit 10 und 11 Jahren ins Schottengymnasium, lernte dann aber wieder zwei Jahre zu Hause bei Professor Wahle, der ein Bruder des Geigers war aber von einfacherem Temperament und grosser Allgemein Bildung. Er verbrachte diese zwei Jahre in Pötzleinsdorf mit Professor Wahle, während der Rest der Familie in der Löwelstrasse wohnte.

Wir Mautner Kinder erhielten unsere zeichnerische und malerische Ausbildung bei dem Bildhauer Josef Breitner. Er war kein weltfremder Künstler, sondern machte überall mit. Einmal wanderte er sogar mit den beiden Buben von Steyr über das tote Gebirge bis Gössl. Er blödelte gern und erfand spezielle Gerichte wie Pischingertorte mit Spinat. Die beiden Mädeln lernten später Zeihnen [!] und Malen bei dem bekannten Maler und Radierer Ferdinand Schmutzer, mit dem Conrad sehr befreundet war, bei dem er aber

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selbst nicht lernte. Bei den Stunden waren oft auch Freunde und Verwandte anwesend wie Conrads spätere Frau Anna, die zeichnerisch auch sehr begabt war.

Der bekannte Schriftsteller und Journalist der Neuen Freien Presse Daniel Spitzer (verfasser [!] der Rubrik »Wiener Spaziergänge«) der oft bei Mautners war, hatte ursprünglich Jenny Mautner mit dem Argument beeindruckt, wie gut es für die Entwicklung von Kindern sei wenn sie zeichnen lernten und dadurch einen besseren Sinn für Sehen und Beobachten entwickelten. Vielleicht war diese Anregung für unsere Entwicklung wichtig.

Die zeichnerische Bagabung [!] Stephans und Conrads machte sich schon früh bemerkbar. Stephan produzierte für die »Chronik« einige ausgezeichnete Portraits während Conrad die Seiten mit Figuren sehr im Stil des »Raspelwerks« bevölkerte. Die »Chronik« ist im Stil von illuminierten mittelalterlichen Büchern gehalten und enthält sogar eine lustige Dokumenten Fälschung die beweisen sollte, dass das Mautnerhaus älter sei als das benachbarte Elissenhaus. Zu diesem Zweck wurde ein ehrwürdiges Dokument in sehr altem Deutsch verfasst und in einem Ofen gebräunt. Stephan war 16 und Conrad 13 als sie die »Chronik« verfassten die jetzt im Bestz [!] von Michael Mortimer ist. Um nicht zurückzubleiben verfassten die beiden Mädeln, Käthy (13) und Marie (10) ihrerseits ein illustriertes Werk über eine abenteuerliche Figur, »Klette van der Merschenkleevern«, wo sich Marie’s malerisches Talent schon sehr früh zeigte und welches sich im Besitz der Familie Kalbeck befindet.

Zum Unterschied von Stephan war Conrad kein enragierter Jäger, obwohl Jagen und besonders Wildern in den von ihm gesammelten Liedern so angepriesen wird. Er ging gern im Toten Gebirge herum, hatte aber nicht die hochalpinen Neigungen von Marie. Er ging gern auf Almen. Einmal war er in Gesellschaft eines Prinzen Montenuovo [d.i. Alfred Fürst von Montenuovo; Anm. R.M.], dem er während einer Übernachtung in einer Almhütte sagte: »Bitt schön, gebens die hochfürschtlichen Füss aus meinem Gsicht.«

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Keiner meiner Brüder hatte Vater’s industrielles Flair. Beide hatten grosse zeichnerische und malerische Begabung und schufen auf diesem Gebiet mehr von dauerhaftem Wert (z.B. Studien in der Albertina Sammlung von Stefan, Das Steirische Rasperlwerk von Konrad u[nd] v[ieles] A[ndere]) als es ihnen je auf industriellen Gebiet geglückt wäre. Auch meine Schwester Marie war mit einer großen künstlerischen Begabung gesegnet und hinterließ eine Fülle von Portraits, Landschaften und Folkloristische Bilder. 

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Zubesuch bei den Grosseltern Mautner in Nachod

Jenny Mautner

Isidor Mautner

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Jenny Mautner mit Stefan, Conrad und Käthy

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Marie und Käthy Mautner