Käthy Breuer [d.i. Katharina Breuer, geborene Mautner]

Jugenderinnerungen der Schwester Konrad Mautners. Kommentiert von Gerlinde Haid

in: Volkskunde. Erforscht – gelehrt – angewandt. Festschrift für Franz C[arl] Lipp zum 85. Geburtstag. (Herausgeber: Dr. Gunter Dimt.) Linz: Oberösterreichisches Landesmuseum [1998] (= Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich. 7.), S. 25–36.

Die Veröffentlichung auf dieser Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Judith Pór-Kalbeck, Wien. Beachten Sie das Copyright!

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JUGENDERINNERUNGEN DER SCHWESTER KONRAD MAUTNERS, KÄTHY BREUER

KOMMENTIERT

VON

GERLINDE HAID

Was im folgenden wiedergegeben wird, sind die Lebenserinnerungen von Käthy Breuer, der drei Jahre jüngeren Schwester Konrad Mautners. Sie hat diese in hohem Alter um 1975 niedergeschrieben beziehungsweise diktiert, wobei ihr der Sohn Dr. Franz Breuer und die Enkelin Elisabeth Baum-Breuer hilfreich zur Seite gestanden sind. Sie sind es auch, die diese Erinnerungen in Manuskriptform gebracht und treu bewahrt haben und sie hiemit für eine Veröffentlichung zur Verfügung stellen. Sie gehören zu jenem Zweig der Mautner-Familie, der bis heute mit großer Liebe an Gößl, Konrad Mautners Wahlheimat und Stätte seiner Volksmusiksammlung, hängt und für den es nach der Emigration 1938 zum Schlimmsten gehörte, nicht wie gewohnt im Sommer dorthin zurückkehren zu können.

Käthy Breuer ist am 17. Februar 1883 in Wien, Rudolfsplatz 11, als drittes Kind von Isidor und Jenny Mautner geboren. Sie heiratete den Rechtsanwalt Dr. Hans Breuer, Sohn des berühmten Arztes Dr. Josef Breuer, wurde jedoch schon mit 44 Jahren Witwe. Sie war sehr kunstliebend, hatte eine Gesangsausbildung und sang im Chor von Bruno Walter, mit dem die Familie zeitlebens befreundet war. Im übrigen war sie eine überzeugte Monarchistin – eine Gesinnung, die sie auch nach ihrer 1938 erfolgten Emigration in England aufrecht erhielt. Sie starb am 23.9.1979 in Reading in England; ihre Urne wurde am Döblinger Friedhof beigesetzt. Noch oft hatte sie von England aus das geliebte Gößl besucht – im Alter von 94 Jahren, als sie kaum noch gehen konnte, schwamm sie zum letzten Mal im Toplitzsee! Ihre so anschaulich geschriebenen Gschichten aus dem Elternhaus sind ein außerordentlich hübsches Zeitdokument aus dem Wien um 1900, entstanden in Erinnerung an eine unbeschwerte Mädchenzeit im Schoße einer Fabrikantenfamilie, geprägt vom Ästhetizismus und Liberalismus der Jahrhundertwende, wie dies für das großbürgerliche, assimilierte Judentum dieser Zeit allgemein typisch war. Die Mautners führten ein offenes Haus, in dem zahlreiche Künstler – Maler und Bildhauer, Komponisten, Schriftsteller, Schauspieler und Sänger – aus und ein gingen, unter ihnen Gerhart Hauptmann, Richard Strauss, Gustav Mahler, Ferdinand Schmutzer, um nur einige der bekanntesten zu nennen. Der Fabrikant Fritz Waerndorfer, Mitbegründer und Mäzen der Wiener Werkstätten, war mit der Familie verschwägert. Die Kinder wurden großteils privat unterrichtet, wobei das Musische eine große Rolle spielte und Wert auf Reisen gelegt wurde; die große Liebe galt dem Theater. Der Religionsunterricht fußte auf jüdischer Tradition, die von den Eltern allerdings kaum noch praktiziert wurde.

Obgleich Konrad Mautner, dessen Kindheit und Jugend diese Gschichten aus dem Elternhaus so plastisch erstehen lassen, zu den bedeutendsten Volksmusikforschern Österreichs gehört, ist der Rolle des Großbürgertums in der Heimatbewegung der Jahrhundertwende bisher wenig volkskundliche Aufmerksamkeit geschenkt worden – ausgenommen in Zusammenhang mit Tracht1. Von kulturhistorischem Interesse ist an diesem Zeitdokument aber nicht allein der Umgang mit den bäuerlichen Traditionen im Gößl, sondern durchaus auch das Leben in Wien mit den häuslichen Theateraufführungen, der Rezeption der Puppenspiele, den Gedichten zu Neujahr, der Hausmusik, der Hochzeit in Alt-Wiener-Kostüm mit Auftritt eines »Serenissimus« und anderes.

Der Familie Breuer sei herzlich für die Überlassung des Manuskriptes gedankt; Hofrat Dr. Lipp, der selbst das Ausseerland zu seiner Wahlheimat erkoren hat, ist die kommentierte Veröffentlichung dieses Textes mit den besten Wünschen zum Geburtstag gewidmet.

Käthy Mautner als »Nannerl« in Nestroys »Schlimme Buben«, 1893

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GSCHICHTEN AUS DEM ELTERNHAUS

Memoiren von Käthy Breuer (1883–1979)

Hans2, mein geliebter Mann, und ich hatten beide das Glück, in unserem Elternhaus ein wundervolles Beispiel der österreichischen Kultur der Jahrhundertwende zu finden. In über 40 Friedensjahren hatten Kunst und Wissenschaft sich in Österreich wunderbar entwickelt. Nationalitäten- und Rassenprobleme wurden nur von fanatischen Politikern ernst genommen und jeder konnte »nach seiner Facon glücklich werden«. Eine gewisse finanzielle Sicherheit schien sich ungestört zu erhalten, kein Wunder also, daß sich auf solchem Boden eine anregende, freie, aber hoch-kultivierte Geselligkeit entwickelte. Ich glaube, es gab kaum eine markante Persönlichkeit aus dieser Zeit, die nicht mit meinen Eltern oder Schwiegereltern in Berührung gekommen war.

Bei Breuers, in dem gemütlichen Heim im dritten Stock, Brandstätte Nr. 6, waren es meist Ärzte und Gelehrte jeden Alters, die an den berühmten Doktoren-Abenden oder den ebenso beliebten Donnerstagen teilnahmen, während bei meinen Eltern, im Winter in der Löwelstraße, im Sommer in Pötzleinsdorf, in dem bezaubernden Biedermeierhaus Khevenhüllerstraße 2, sich ein buntes Gemisch von Künstlern, Politikern, Aristokraten und ungezählten Verwandten einfand. Das Buch, in welchem wir mit Hilfe von Gräfin Johanna Hartenau die Autogramme aller Gäste des Hauses Mautner vereinigten und unseren Eltern [d.s. Isidor Mautner und Jenny Mautner; Anm. R.M.] an ihrem goldenen Hochzeitstag am 19. März 1926 überreichten, gibt einen Ausschnitt aus diesem illustren Kreis3.

Wir vier Kinder, Stephan, Conrad, Marie und ich, aßen mittags von klein auf bei Tisch und außer bei größeren Festlichkeiten auch abends und kamen daher frühzeitig mit allen diesen Notabilitäten in Kontakt oder lernten sie zumindest vom Sehen kennen. Das war besonders der Fall, als meine Eltern in den neunziger Jahren ihre Wohnung in den Löwelstraße 12 vergrößerten und die im unteren Stock gelegene Wohnung dazumieteten. Sie wurde mit der alten Wohnung durch eine Wendeltreppe verbunden, und es war unser größtes Vergnügen, versteckt auf dem obersten Treppenabsatz zu sitzen und die Ankunft der prominenten Gäste zu beobachten.

Ich will nun im Lauf dieser Erinnerungen, was mir an kurzen Geschichten oder Anekdoten über diese prominenten Gäste einfällt, wahllos niederschreiben.

Ich bin am 17. Februar 1883 als drittes Kind meiner Eltern Isidor und Jenny Mautner4 geboren. Meine Brüder Stephan und Conrad waren damals 6, respektive 3 Jahre alt, und nach weiteren drei Jahren kam meine Schwester Marie zur Welt5. Meine Eltern wohnten damals in Wien 1., Rudolfsplatz 11. Meine Großeltern Mautner lebten in Nachod in Böhmen [d.i. Náchod, Tschechische Repubilk; Anm. R.M.], wo mein Großvater Handweber beschäftigte und ihre Waren in Österreich und auch über die nahe Grenze in Deutschland persönlich verkaufte6. Als mein Vater 15 Jahre alt war, wurde er nach Wien geschickt, um dort einen Absatz für diese Produkte zu finden. Das Geschäftslokal dafür befand sich am Tiefen Graben im 1. Bezirk, und das Personal bestand aus einem Hausknecht und einem Hund, der das Handwagerl zog.

Wie mein Vater in wenigen Jahren aus solch kleinen Anfängen sein großes internationales Unternehmen aufbaute, ist uns immer ein Rätsel geblieben. Er überzeugte seinen Vater bald, daß es notwendig sei, die Produktion auf maschinelle Weise umzustellen, und kaufte zu diesem Zwecke die erste Fabrik in Schumburg bei Reichenberg [d.i. Šumburk bei Liberec, Tschechische Republik; Anm. R.M.] und errichtete eine weitere in Nachod. Jedenfalls war das Unternehmen innerhalb von sechs Jahren schon so ertragsfähig, daß er meine Mutter, die er bei einer Hochzeit von Verwandten kennengelernt hatte, als Braut heimführen konnte. Er war damals 22 Jahre alt, seine Braut 19.

Die Eltern meiner Mutter, David und Helene Neumann, lebten in Wien und stammten aus Preßburg [d.i. Bratislava, Slowakei; Anm. R.M.] im damaligen Ungarn7. Ich habe meinen Großvater Neumann nicht gekannt; er starb im Jahre 1880. Er war mit Verwandten an einer Seidenfabrik

Konrad Mautner

Bleistiftzeichnung von Viktor Hammer

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beteiligt, die sein Sohn Heinrich Neumann bis zu seinem Tod weiterführte. Die Großeltern Neumann besuchten im Sommer oft Bad Ischl im Salzkammergut und nahmen einige ihrer sechs Kinder mit in die Sommerfrische. Meine Mutter, die sehr zart war, wurde meist im Zug auf eine Bank gelegt und in eine Decke gewickelt, um aus Ersparnisgründen nur halbe Fahrt (als unter 14 Jahren) zu zahlen. Mutter erinnerte sich, daß sie schon 17 Jahre alt war und zu ihrem Leidwesen noch immer auf diese Art reiste.

In Ischl, wo die ganze kaiserliche Familie ihren Sommersitz hatte, besuchte mein Großvater täglich die Esplanade und saß dort immer auf derselben Bank, von wo er die kaiserlichen Gäste beobachten und begrüßen konnte. Als er einmal krankheitshalber nicht zugegen war, wurde ihm nachträglich berichtet, daß der Vater Kaiser Franz Josephs, der alte Erzherzog Franz Karl, seinen Adjutanten fragte: »Was ist denn los? Wo ist denn heut’ der Neumann?«

Nach dem Tod meines Großvaters zog meine Großmutter Helene zu uns. Meine Eltern hatten damals eine schöne Wohnung in der Löwelstraße Nr. 12 hinter dem neuerbauten Burgtheater genommen, wo wir alle schön Platz hatten. Obwohl ich erst 4 Jahre alt war als meine Großmutter starb, erinnere ich mich ganz genau an sie und weiß, daß sie mir in ihrer sanften, lieben Art die Anfangsgründe des Lesens beigebracht hatte. Sie war es, die ihren drei schönen Töchtern Bertha Waerndorfer, Marianne Benedikt und meiner Mutter Jenny Mautner die Vorliebe für Geselligkeit im schönsten Sinn im Verkehr mit geistig hochstehenden Menschen aller Art eingeimpft hatte.

Um diese Zeit – ich glaube, es war 1888 – kaufte mein Vater das ehemalige Geymüller Schlößl, Khevenhüllerstraße 2 (damals noch Bergstraße) in Pötzleinsdorf bei Wien8. Pötzleinsdorf wurde erst einige Jahre später – bei Errichtung von Groß-Wien – als zum 18. Bezirk gehörig Wien einverleibt. Bis dahin mußte man jedesmal, wenn man in die Stadt fuhr, beim Währinger Gürtel vier Kreuzer Maut zahlen.

Die ersten Jahre teilten wir das Pötzleinsdorfer Haus mit der Familie von Mutters Schwester, den Waerndorfers, die aber nach einigen Jahren ein Haus im Cottage erwarben, und von da an waren wir Alleinbewohner des wunderschönen Biedermeierhauses mit dem großen, lieben Garten, dessen Bäume im Grundplan eingezeichnet waren und die zum Großteil noch heute vorhanden sind. Wir vier Kinder hatten natürlich eine wundervolle Zeit im geliebten Pötzleinsdorf. Wir zogen meistens Ende April mit großem Möbelwagen, der unter anderem das Bösendorfer Klavier und unzählige andere Gegenstände beförderte, hinaus, so daß wir Mutters Geburtstag am 3. Mai draußen feiern konnten, und nach Vaters Geburtstag am 7. Oktober wieder in die Löwelstraße in die Stadt. Wegen der »großen Entfernung« – der blaugepolsterte Pferdestellwagen brauchte über eine Stunde zum Schottentor – gingen wir zuerst alle nicht in die Schule, sondern hatten einen Hauslehrer, Herrn Wagner, der uns in den Volksschulfächern unterrichtete. Als Stephan mit zehn Jahren in die Realschule eintrat, fuhr er täglich mit seinem Vater hinein, denn Vater hatte zuerst einen Einspänner und später einen zweispännigen Wagen angeschafft. Die Pferde waren im Stallgebäude untergebracht und nebenan war ein Zimmer für den Stallburschen und den Gärtnerburschen. An der anderen Seite des Stalles war die Wohnung des Gärtners und seiner Familie. Das Gärtnerehepaar Karl und Therese Hradek hatte sechs Kinder, die unsere täglichen Spielgefährten waren, und man kann sich vorstellen, welche herrlichen Spiele und Veranstaltungen bei uns stattfanden.

Übrigens waren während der Woche unsere Tage genau mit Stunden besetzt, und nur sonntags waren die Gärtnerkinder alle mit uns. Wir hatten zuerst ein Schweizer Fräulein, Fräulein Emma, das sehr lieb war, dann eine französische Gouvernante, Antoinette Damez, die wir nicht leiden konnten und die schließlich nach einer Affaire mit einem Heiratsschwindler unser Haus verließ. Und von 1893 an bekamen wir eine englische Gouvernante,

Jenny Mautner, geb. Neumann, mit den drei Erstgeborenen: Stephan (stehend), Conrad und Käthy

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Evelyn Caroline Ings, die 12 Jahre – bis zu meinem 22. Jahr – bei uns blieb und durch die wir die Liebe und Vertrautheit mit England, unserer späteren Heimat, so richtig eingepflanzt bekamen. Natürlich gab es auch Differenzen, besonders mit mir, und beim Schlafengehn, wo wir beiden Mädel schon im Bett lagen und Miss Ings ihre langen Haare mit den berühmten »100 strokes« kämmte und die Franse in Papilloten eindrehte, diskutierte ich oft so lange mit ihr, bis meine Schwester die Decke über die Ohren zog und energisch um Ruhe bat.

Unsere Cousine Lisa Waerndorfer hatte einen Franzosen geheiratet, der aber in London lebte, und sie hatte Miss Ings interviewed und sie nach Wien instradiert. Es gab damals noch sehr wenige Engländerinnen in Wien, und wir erwarteten ihre Ankunft mit Spannung. Irgend etwas klappte nicht mit ihrer Reise, und als sie an dem bestimmten Termin nicht ankam, waren wir sehr enttäuscht. Bruder Stephan nutzte die Stimmung und zog sich aus Mutters Garderobe als Dame mit Hut und Schleier an und erschien so im Kinderzimmer. Wir waren überzeugt, daß es die englische Gouvernante wäre, machten unsere schönsten Verbeugungen und stammelten ein mühsam erlerntes »how do you do«, worauf Stephan in lautes Lachen ausbrach und wir wütend unseren Irrtum erkannten. Von Miss Ings lernten wir außer Englisch auch das damals in Wien noch wenig bekannte Tennisspiel. Vater hatte in unserem Garten eine Wiese als Tennisplatz herrichten lassen, wollte aber eine schöne Rotbuche, die im rechten »out« stand, nicht opfern. Es war daher eine besondere Kunst, diese Buche beim Spiel zu umgehen oder die Bälle aus ihren Zweigen heraus zu kriegen. Miss Ings spielte immer mit langem Kleid, Hut und Handschuhen und einem hohen gestärkten Halskragen. Das war wohl ein wenig anders als die jetzige Tennisausrüstung.

Neben dem Tennisplatz befand sich »das untere Salettl«, in dem wir mit der Zeit eine ständige Bühne eingerichtet hatten. Ein Podium, das in Vaters Büro nicht mehr gebraucht wurde, fungierte als Bühne, rote alte Vorhänge konnten auf- und zugezogen werden, und die Buben mit ihrem Zeichenlehrer Josef Breitner9 machten die Dekorationen. Auf dieser Bühne führten wir fast jeden Sonntag irgend etwas auf. Sehr oft waren es improvisierte. Stücke, aber da Conrad und ich zu verschiedenen Geburtstagen Stücke verfaßten, lernten wir sie ordentlich auswendig und führten sie in herrlichen Kostümen, die meist aus Klavier- und Tischdecken bestanden, vor einem gemischten Publikum auf. Sehr beliebt waren kurze Stücke von Hans Sachs und vor allem die Puppenspiele, die unser Hausarzt Dr. Josef Winter mit Richard Kralik gesammelt und herausgegeben hatte10. Ein Lieblingsstück war »Kasperl als Bräutigam«, in welchem Conrad den Kasperl und ich seine Frau Katherl spielte. Stephan und Marie mußten sich mit untergeordneten Rollen wie Müller und Fleischhauer begnügen.

Eine besonders glänzende Aufführung war »Don Juan«, auch aus den Puppenspielen. Wir hatten sogar einige Male wirkliche Burgschauspieler als Zuschauer, wie Sonnenthal11 und Gabillon12, dessen Enkel Lutz Bettelheim den Don Juan spielte. Als er bei einer Stelle nicht weiter konnte, stampfte er wütend auf den Boden, so wie es sein Großvater [d.i. Ludwig Gabillon; Anm. R.M.] manchmal im Burgtheater machte, um den Souffleur in Bewegung zu setzen. Conrad spielte in allen Aufführungen den Leporello-Kasperl, ich den Comptur und Marie die Donna Anna. Conrads Cellolehrer Alexander Fimpel hatte einen Schwager, der Kostümschneider im Burgtheater war, und so hatten wir einige Standardkostüme, die uns herrliche Dienste leisteten. Noch 1905, als wir schon alle erwachsen waren, benützten wir unsere Salettlbühne noch einmal an [Friedrich] Schillers hundertstem Todestag und führten »Turandot« mit einem von mir verfaßten Prolog auf. Marie war Turandot, ich Prinz Kalaf, Dora Breuer der Kaiser von China und Hanna Brüll die intrigante Adelma. Als Statisten wirkten unsere Flirts wie Hans und Robert Breuer13, Ferdinand Schmutzer14 und andere mit. Es war nicht lange danach, daß Hans und ich uns verlobten, und nach meiner Heirat 1906 blieb die Pötzleinsdorfer Bühne geschlossen.

Käthy und Marie Mautner im Biedermeierkostüm

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Außer den Aufführungen in Pötzleinsdorf führten Marie und ich meist zu Neujahr kurze Dialoge für unsere Eltern auf, die meistens von Miss Ings mit prächtigen Kostümen ausgestattet wurden. Einmal waren wir als Glocken verkleidet, um ein englisches Gedicht: »Hark the bells are ringing« vorzustellen. Ein anderes Mal war es »Where are you going to, my pretty maid?« in Rokoko-Kostümen, und späterhin machten wir uns selbständig und rezitierten Dialoge aus Molière-Stücken auf französisch.

Theaterspiel war überhaupt unsere Leidenschaft, und in späteren Jahren, als wir verheiratet waren, setzten wir unsere Aufführungen fort, die sehr vervollkommnet und verfeinert wurden, da mein lieber Mann und sein Bruder Robert höchst amüsante und witzige Texte für Couplets und Theaterstücke schrieben. Ich habe die Manuskripte für die beiden wichtigsten, »Orakelspiel« und »Wunderkuren«, gut aufgehoben und werde später noch über die jeweiligen Aufführungen berichten.

Die Couplets, oft Parodien zu [Franz] Schubert- und [Robert] Schumann-Liedern, habe meistens ich, begleitet von Robert am Klavier, gesungen, denn ich hatte von 17 Jahren an Singstunden bei Albine Mandyczewsky, der Frau des Archivars der Musikfreunde und Musikhistorikers Eusebius Mandyczewsky [!]15, und sang auch in seinem Chor den zweiten Alt. Sie wohnte auf der Tuchlauben, und um zu ihr zu gehen, mußte man ein Durchhaus vom Kriegsministerium passieren, wo der Chef des Generalstabs, Feldzeugmeister Beck16, sein Büro hatte. Ich hatte ihn im Sommer 1900 in Velden am Wörthersee, wo ich mit der Familie Eissler (Eltern der Braut meines Bruders Stephan) auf Ferien war, kennengelernt, und er war besonders nett zu mir. Wenn ich zur Singstunde ging, kam er meistens gerade aus seinem Büro und blieb für einen kleinen Plausch mit mir vor dem Kriegsministerium stehen. Nun war aber dort eine Wache-Abteilung postiert, die, solange der Chef zu sehen war, Gewehr präsentieren und den Generalmarsch blasen mußte. Das war mir schließlich so peinlich und so auffallend, daß ich bald große Umwege machte, um nicht beim Kriegsministerium vorbeizukommen, wo natürlich die Vorübergehenden stehenblieben, um zu sehen, warum Generalmarsch und Trommelwirbel ertönten.

Übrigens blieben wir alle mit Excellenz Beck bis zu seinem Tode sehr befreundet. Er brachte mir Bonbons von den Hofbällen mit, lud uns in seine Loge ins Burgtheater ein und zu Festlichkeiten, wie der kaiserlichen Fußwaschung am Gründonnerstag, und anderen mehr. Er spielte auch regelmäßig Tarock mit Vater und dessen Freunden.

Ich will nun über wichtige Begebenheiten aus meiner Kindheit berichten und dabei nicht chronologisch vorgehen.

Einer der größten Eindrücke ist mit dem siebzigsten Geburtstag meines Großvaters Isaac Mautner im Frühjahr 1893 verbunden. Ich war damals 10 Jahre alt, und die ganze Familie versammelte sich bei den Großeltern, die damals noch ständig in Nachod in Böhmen lebten. Aus Wien waren wir, das heißt meine Eltern, Geschwister und Miss Ings, unser langjähriges Faktotum die Cilli, sowie die Familie von Vaters Schwester Jenny Schur eingetroffen. Die Familie Schur bestand aus Vater Moritz, seiner Frau und sechs Kindern: Röschen, Hans, Helene, Emmy, Josef und Anton. Vaters jüngste Schwester Adelheid Goldschmied lebte in Nachod und war mit dem Direktor der Mautner Fabriken, Otto Goldschmied, verheiratet. Sie hatte zwei Söhne, Friedl und Kurt die natürlich auch anwesend waren.

Da Mutters Schwäger, Samuel Waerndorfer und Moritz Benedikt, an der Weberei, Spinnerei und Färberei Mautner beteiligt waren, hatte die Firma den Namen Waerndorfer, Benedikt, Mautner angenommen, den sie aber nur wenige Jahre führte, da sich Onkel Waerndorfer mit 35 Jahren (!) zur Ruhe setzte und Onkel Benedikt eine eigene Spinnerei eröffnete.

Am siebzigsten Geburtstag waren wir im großelterlichen Haus alle gerade zum Nachtmahl versammelt, und Onkel Otto Goldschmied hielt eben eine feierliche Geburtstagsrede, als ein furchtbarer Krach ertönte. Die Türe ins Vorzimmer fiel mit großem Gepolter zu und Cilli, die eben das Dessert hereinbringen sollte, ließ das Tablett mit allem Geschirr vor Schrecken zu Boden fallen. Gang und Speisezimmer waren sofort mit Rauch erfüllt, und die Männer der Familie liefen hinunter, um die Ursache des Krachs zu ergründen. Es stellte sich mit der Zeit heraus, daß im Gang eine Bombe explodiert war, die zwar viele Fenster in den umliegenden Häusern zerbrochen hatte, aber durch das

Käthy Breuer, geb. Mautner, in der Emigration in London.

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Zuschlagen der schweren Gangtüre in der Wohnung der Großeltern eigentlich keinen Schaden angerichtet hatte. Mit der Zeit fand man auch den Täter, einen stellenlosen Arbeiter (nicht aus Vaters Fabrik), der einer anarchistischen Organisation angehörte und durch Legen der Bombe seine Gesinnung dokumentieren wollte.

Mir ist das Bild meines Großvaters noch unvergeßlich, der sich in völliger Ruhe mit seinem Gebetbuch im raucherfüllten Speisezimmer niederließ. Auch unsere Miss Ings war nicht aus ihrer Ruhe zu bringen und ließ nicht ab, unsere Mäntel und Hüte zu suchen, obwohl man ihr immer wieder wegen Feuergefahr die Kerze auslöschte, die sie auf der Suche immer wieder anzündete. Schließlich waren wir Kinder alle mit unseren Mänteln bekleidet und wurden von unseren Eltern in das Direktorhaus außerhalb der Stadt geleitet. Dieser Gang war unheimlich, und bei jeder Nebengasse erwarteten wir einen Attentäter, und als ich schließlich im Bett war, fürchtete ich mich, die Füße auszustrecken, weil ich eine Bombe im Bett erwartete.

Am nächsten Morgen packten wir unsere Sachen und fuhren mit den Großeltern nach Wien, wo diese die letzten Jahre ihres Lebens verbrachten.17 Sie wohnten zuerst einige Wochen bei Schur, fanden dann aber eine schöne Wohnung an der Mölker Bastei, wo sie mein Vater täglich vor dem Mittagessen besuchte. Großvater Isaac überlebte die Übersiedlung nur kurze Zeit, aber Großmutter Julie erlebte noch die Geburt ihres ersten Urenkels Andreas Mautner und verschied erst mit 85 Jahren im Jänner 1906.

Onkel Waerndorfer, der, wie ich schon sagte, sich mit 35 Jahren zur Ruhe setzte, verbrachte einen Teil des Jahres mit seiner Frau Bertha in Monte Carlo, wo sie eifrig das Casino besuchten. Meine Eltern besuchten sie hie und da, und Vater versuchte auch sein Glück im Spielsaal. So gewann er einmal eine größere Summe, die er sofort seiner Frau übergab, und Mutter Jenny ging damit gleich in ein Antiquitäten-Geschäft, wo sie eine wunderschöne Kamin-Garnitur, bestehend aus einer Empire-Uhr und zwei Leuchtern aus Silber und Marmor, kaufte. Am nächsten Tag hatte aber Vater kein Glück im Casino und verlangte das Geld zurück; aber das war schon ausgegeben. Vater mußte sich vorläufig etwas Geld ausleihen, aber die Kamin-Garnitur wurde nach Wien mitgenommen, wo sie bis an Mutters Lebensende eine Zierde des Kamins im Pötzleinsdorfer Kuppel-Zimmer bildete.

Die Eltern hatten mich damals nach Monte Carlo mitgenommen, während meine Brüder in der Schule waren, und Marie mit Masern im Bett lag. Ich sah damals unsere Kaiserin am Hauptplatz in einen offenen Fiaker steigen, wo Kaiser Franz Josef dann neben ihr Platz nahm. Die Kaiserin war wie immer seit dem Tod des Kronprinzen ganz in Schwarz gekleidet und hielt in einer Hand einen Fächer, in der anderen einen Sonnenschirm, um sich vor zudringlichen Augen zu schützen. Aber ich konnte trotzdem ihr noch immer schönes Gesicht bewundern. Ich wurde damals auch von den Eltern ins Theater mitgenommen, und so habe ich den Tamanio als Troubadour und die Patti in einer Konzertaufführung gehört. Sie sang das »Veilchen« von [Wolfgang Amadeus] Mozart und »Home sweet home«, war aber schon 70 Jahre alt und nicht mehr gut bei Stimme.

In Wien führten wir Kinder ein sehr geregeltes Leben. Stephan ging von zehn Jahren an in die Realschule in der Schottengasse, Conrad wegen starker Kopfschmerzen nur mit Unterbrechungen ins Schottengymnasium, lernte aber zu Hause bei Professor Richard Wahle18, dessen Bruder der von uns sehr gefürchtete Violin-Lehrer Fritz Wahle war, bei dem Stephan und Marie Violinstunden hatten. Mutter spielte mit ihm und dem Cellisten Fimpel jeden Montag Kammermusik, und ich auch manchmal. Fritz Wahle war ein äußerst strenger und ungeduldiger Lehrer und beschimpfte uns weidlich. Das beliebteste Schimpfwort war »Klaviergans«, aber auch vor Mutter hatte er keinen Respekt, und sie ließ es sich ruhig gefallen.

Mutter nahm ihr Frühstück im Bett, während Vater schon um halb acht zu Fuß in sein Büro in der Eisengasse gegangen war, wo er zum Schrecken sei-

Jenny Mautner, geb. Neumann, vor dem Karmin

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ner Angestellten schon vor 8 Uhr die Post übernahm. Er hatte sein Unternehmen, die Österreichischen Textilwerke, mit der Zeit so vergrößert, daß er meist von einer Fabrik zur anderen auf Reisen war und schließlich vor dem Ersten Weltkrieg 24 Fabriken in der Monarchie, in Deutschland und auch in Italien besaß.19 Daß die Buben in diesem Konzern arbeiten mußten, war ganz selbstverständlich, und ein anderer Beruf kam für sie gar nicht in Frage. Conrad verstand es aber, während der ihn nicht sehr interessierenden Büroarbeit an seinem »Steirischen Raspelwerk«, einer Sammlung steirischer Lieder und Weisen, zu arbeiten, und das ist eigentlich das einzige, was erhaltengeblieben ist und bleibende Berühmtheit erlangt hat20.

Wir Mädel hatten eine sehr geregelte Einteilung von diversen Lehrgegenständen. Von 9 bis 10 hatten wir Aufgaben für unseren Lehrer Unschuld von Mehlasfeld [recte Melasfeld; Anm. R.M.] zu machen, bei dem wir täglich von 3 bis 7 Uhr in den Volksschul-Gegenständen Unterricht hatten. Englisch lernten wir täglich von 10 bis 11 bei Miss Ings, Französisch zweimal wöchentlich bei Mademoiselle Damez, Klavier bei Frau Schlesinger zweimal wöchtenlich [!], Fechten bei Barbesetti, einem Italiener, Turnen bei Herrn von Unschuld und Zeichnen bei dem Bildhauer Josef Breitner, der das Denkmal von Heinrich Jasomirgott an der Schottenkirche geschaffen hatte. Auch Italienisch hatten wir späterhin bei den Schwestern Pina und Nina Zarkewich aus Triest, mit denen wir auch Kammermusik spielten. Während der Stunden mit Herrn von Unschuld trachteten wir womöglich, zum Fenster hinauszuschauen, um die Ankunft unserer Burgtheater-Schauspieler um sechs Uhr beim Bühnentürl zu beobachten. Kainz21, Maries Schwarm, kam im eigenen Fiaker, während Devrient22, der meine, bescheiden zu Fuß anlangte.

Wir wurden auch oft von Mutter ins Burgtheater geführt, manchmal selbst nach Anfang der Vorstellung, wenn zufällig eine Loge leer war. Am Sonntag waren im Burgtheater immer klassische Vorstellungen, zu denen wir mit dem Sohn des ungarischen Außenministers Lukascs gingen, der in Wien am Theresianum studierte und sonntags bei uns speiste.

Das war alles aber nur im Winter. Im Frühjahr und Herbst blieben wir in Pötzleinsdorf und kamen nur selten in die Stadt. Gegen Ende Juni machten wir im Pädagogium in der Hegelgasse unsere Prüfung, die meist lauter »sehr gut« einbrachte. Eigentlich habe ich nie etwas anderes gelernt, als Volksschulfächer bei Herrn von Unschuld und späterhin Literatur; Geschichte, Geographie und Naturgeschichte bei Fräulein Slamatzka, einer Schwester des Direktors der Lehrerbildungsanstalt. Aber es scheint für damalige junge Mädchen genug gewesen zu sein.

Um 11 Uhr gingen wir täglich mit Miss Ings über die Ringstraße bis zur Aspernbrücke und zurück. Wenn sich Mutter hie und da diesem Spaziergang anschloß, ermahnte uns Vater, wir sollten sie davon abhalten, bei den am Wege liegenden Antiquitäten-Geschäften einzukehren. Das gelang uns aber glücklicherweise nicht, denn sonst wäre die schöne Biedermeier-Sammlung nie zustande gekommen. Im Sommer machten wir nur vor 1893 verschiedene Reisen, zum Beispiel zum Veldeser See, nach Skeveningen [recte Scheveningen; Anm. R.M.] mit Rheinreise und 1893 die große Wagenfahrt von Landeck übers Stilfser Joch nach Madonna di Campiglio. Da es damals auf dem Weg keine Hotels gab, kehrte man bei den Wegmachern ein, die einen mit Käse, Brot und Wein bewirteten. Marie, die damals ungefähr sechs Jahre alt war, erwischte ungesehen ein Flascherl Wein, das sie austrank. Als wir uns nach dem Essen wieder auf den Weg machten, schwankte sie so bedenklich hin und her, daß die Brüder sie führen mußten und schließlich erkannten, daß sie einen guten Schwips hatte. Sie wurde dann schnell wieder in den Wagen gepackt, wo sie bis zur Übernachtung in Bormio und dort dann bis zum nächsten Morgen volle 18 Stunden durchschlief. In Madonna lernten wir durch Dr. Spiegler, einen Arzt aus dem [Gustav] Mahler-Kreis, unseren späteren Hausarzt Dr. Josef Winter kennen, der einen großen Einfluß auf unsere Lektüre und Erziehung ausübte. Da wir sehr lesehungrig waren und nicht vor langen Epen zurückschreckten, lasen wir zum Beispiel das Fritjof-Lied, die Gudrun-Sagen und das Nibelungen-Lied zu unserem Vergnügen. Ab 1894 verbrachten

Käthy Mautner, verehel. Breuer (links) und Marie Mautner, verehel. Kalbeck, als alte Damen

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wir aber jeden Sommer in Gößl am Grundlsee, wo die Burgschauspieler Gabillon und Hartmann23 auch ihren Sommeraufenthalt verbrachten. Vor allem hatte sich Gabillon ein Blockhaus am Grundlsee gebaut und die Waerndorfers und Benedikts animiert, auch hinzukommen. Diese wohnten einen Sommer beim Veit in Gößl, während die Mautners beim Steinfeld hausten. Aber im nächsten Sommer waren sie bereits beim Veit, während die Waerndorfers in Grundlsee Wohnung genommen hatten. Und die Mautners blieben beim Veit bis zum Ersten Weltkrieg und darüber hinaus. Aber unsere Gößler Geschichte wird ein anderes Kapitel.

In Wien, zuerst Löwelstraße 12, ab 1908 Löwelstraße 8, gab es die berühmten Sonntag-Abende, an denen die Familie und prominente Gäste aus den künstlerischen Kreisen aus aller Welt teilnahmen. Hier kamen die Burgtheater-Schauspieler, vor allem Josef Kainz, oft nach dem Theater zum Nachtmahl, hier las Auguste Wilbrandt Gedichte ihres Mannes vor24. Hier hielt Hofmannsthal die Festrede zu Gerhart Hauptmanns sechzigstem Geburtstag oder spielte Richard Strauss einen Entwurf für die österreichische Volkshymne, von der der Gesandte Fürst Tucher [d.i. Heinrich Freiherr Tucher von Simmelsdorf; Anm. R.M.] sagte: »Sie klingt mir nicht festlich genug«, worauf Strauss bescheiden erwiderte: »No ja, der [Joseph] Haydn bin ich halt nicht«. Er war eigentlich sehr bescheiden, was seine Kompositionen betraf, hatte durch seine Frau Pauline [de Ahna] auch eine strenge Schule durchgemacht. Sie sagte zum Beispiel bei einer Gesangsprobe: »Sing dir dein’ Dreck selber, wenns dir nicht recht ist.« Sie behandelte ihn äußerst streng. Als er von einer langen Südamerika-Reise heimkam, war sie schon im Bett und dachte nicht daran, aufzustehen, sondern sagte nur: »Deine Milch ist auf dem Nachtkastl, gute Nacht«.

Eine andere schöne Geschichte war die, wo sie von ihren Einkünften sprach: »Wir haben ein Konto in jeder größeren Stadt in Europa und Amerika. Und das schönste dabei ist, wenn der Richardl stirbt, dann geht das noch 50 Jahr weiter!« Sie hat den Richardl aber nur um einige Monate überlebt.

Wenn man in ihre Loge in der Wiener Oper eingeladen war, schwärmte sie die ganze Zeit von ihren eigenen Erfolgen als Sängerin. »Wie ich das gesungen hab’, da ist die [Maria] Jeritza nix dagegen.« Und in der Pause ging sie meist auf die Bühne, um die Sängerinnen zu belehren und ihre Schminke auszubessern.

Vor kleinen Gemeinheiten scheute sie nicht zurück. So versuchte sie mit allen Mitteln, Mutters langjährige ideale Köchin auszumieten, aber die loyale Kathi dachte nicht daran, das geliebte Mautner-Haus zu verlassen. Als Strauss im Jahre 1918 zuerst an die Wiener Oper kam, boten meine Eltern ihm die Wohnung in der Löwelstraße an, während sie in Pötzleinsdorf waren, was die Strauss’schen auch gerne annahmen. Aber die Stadt Wien mietete ihm bald die schöne Wohnung in der Belvederegasse, wofür sich Strauss mit dem Manuskript der »Ägyptischen Helena« bedankte.

An einem anderen Abend sagte Frau Hauptmann: »Es gibt Bücher, ohne die ich nicht leben möchte«, worauf der ungarische Gesandte höflich fragte: »Welche, zum Beispiel?« Worauf ihr nicht ein einziges einfiel und sie verzweifelt rief: »So hilf mir doch, Gerhart!«

Hier fand auch der große Zweikampf zwischen Elisabeth Schumann und Julia Culp statt. Elisabeth Schumann sang nach einem Lunch bei meinen Eltern Richard Strauss’ »Freundliche Vision«, von ihrem Mann Carl Alwin begleitet. Unter den Zuhörern befand sich auch die berühmte Liedersängerin Julia Culp. Als Elisabeth Schumann bei der Stelle »Eine Wiese voller Margeriten« nicht absetzte, sondern den Atem – ihren wundervollen, langen Atem – weiter anhielt, unterbrach Julia Culp mit den Worten: »Wenn ich in einem Konzert das so sänge, würde man mit Äpfeln nach mir werfen!« Wütend rief Pauline Srauss [!], die wohl die langatmige Version vorgeschlagen hatte: »Sie können ja gar kan Strauss singen, Sie mit ihren [Franz] Schubertln und [Robert] Schumanndln«, wozu Alwin den Walküren-Ritt am Klavier anstimmte, der die Damen schließlich besänftigte.

Übrigens waren die Familienverhältnisse bei Elisabeth Schumann eher kompliziert, da sie dreimal verheiratet war, und ich habe selbst gehört, wie sich ihr zweiter Mann, Carl Alwin, folgendermaßen vorstellte: »Darf ich vorstellen: Mein Name ist Alwin, meine Frau, Frau Schumann, mein Sohn Herr Puritz, mein Bruder Herr Pindar, mein Bruder Herr Pinkus.« Als in späteren Jahren einmal Elisabeth Schumann und Anna Mahler (Gustav Mahlers Tochter) bei mir in London zum Tee waren, und ich

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etwas verspätet nach Hause kam, entschuldigte ich mich damit, daß im Portsmouth Club, wo ich wahrend des Krieges arbeitete, die Haushälterin gerade zum dritten Mal geheiratet hatte und fügte hinzu: »Und dabei ist sie gar nicht attraktiv.« Dabei fiel mir erst ein, daß beide Damen drei- bis viermal verheiratet waren. Aber die liebe Schumann sagte gutmütig: »Na, ich bin zum dritten Mal verheiratet, aber ich habe mich immer eher attraktiv gefunden.«

Nach diesem Intermezzo zwischen den beiden Kriegen, das eigentlich eine neue Blütezeit im Wiener Leben bedeutete, kehre ich wieder in meine frühere Jugend zurück und will noch einiges über unsere Lehrer erzählen. Unser Religionslehrer Jakob Fischer war ein Original. Er kam um sieben Uhr früh nach Pötzleinsdorf, Marie und ich flüchteten meistens auf einen Baum, um nicht gleich mit der Stunde zu beginnen und behaupteten, nicht herunter zu können. Wenn wir aber doch soweit waren, verlangte er von uns zuerst »Scharf’s Blatt« (die Sonn- und Montagszeitung), dann einen Schnürriemen, den er als Uhrkette benützte und einige Malzzuckerln. Dann begann langsam der Unterricht, und zwar wie fast alle unsere Stunden im oberen Salettl im 2er Garten der Khevenhüllerstraße. Von unserem Lehrer Herrn von Unschuld, von uns Vunschi genannt, habe ich schon erzählt, auch von anderen Lehrern. Hinzuzufügen wäre noch, daß ich Kochen bei der lieben Köchin Kathi Falk und Handarbeiten bei Miss Ings lernte. Zeichenunterricht hatten wir bei dem Bildhauer Josef Breitner und später bei Ferdinand Schmutzer.

Kathi Falk stammte aus Wolkersdorf, wo Vater jedes Jahr hinfuhr, um sein Faßl Wein für den Jahresbedarf bei den Falks einzuschaffen. Kathi hatte seit 30 Jahren in meinem Elternhaus gelebt und nahm nach Mutters Tod deren Langhaardackel Füchsi mit sich.

Die Hunde waren natürlich ein Kapitel für sich. Da gab es den großen Hofhund Caesar, einen behäbigen, gutmütigen Bernhardiner, der als Gesellschaft manchmal einen feschen Foxterrier Spatzl oder einen bissigen Boxer Boxl hatte. Auch waren durch viele Jahre die kurzhaarigen Dackel Gusti und Fritzl im Hof und in der Gärtnerwohnung zu Hause und Gusti hatte im Lauf der Jahre 18 junge Dackel produziert, für die man gute Eltern zu finden hatte. Die noblen Hunde aber, die sowohl in die Löwelstraße als auch ins Gößl mitgenommen wurden, waren der schottische Collie Locki, ein besonderer Liebling von Miss Ings und, in späteren Jahren, der langhaarige, rotgoldene Dackel Füchsi, der Mutters Eigentum war und in mehreren Exemplaren erneuert wurde.

Was jetzt unter dem Namen »Geymüller Schlößl« als Uhren-Museum gezeigt wird, ist zwar von [Johann Jakob] Geymüller erbaut und durch zwei Jahre bewohnt worden, aber meine Eltern haben es durch fünfzig Jahre, von 1888 bis 1938 bewohnt und durch ihre Gastfreundschaft und intellektuelle Geselligkeit zur Blüte gebracht.

Baulich wurde es eigentlich nach Geymüllers Entwürfen kaum verändert. Nur eine geschlossene Veranda wurde um 1910 angebaut, sonst blieben Haus und Garten seit seiner Erbauung um 1810 unverändert. Die rote Kuppel mit Halbmond dürfte auch schon zu dieser Zeit existiert haben. Es heißt, daß ein türkischer Botschafter diese und die Fenster ohne Fensterkreuz hat errichten lassen. Wenn man das Haus vom Hof aus betrat, wo ein wunderbares, duftendes Fliedergebüsch es vom übrigen Hof trennte, so kam man in den Billardsaal, wo ein Billardtisch schon zu Zeiten meiner Eltern vorhanden war, aber nicht viel benützt wurde. Von dort führten Türen zu Küche, Badezimmer, zur Wohnung des Butlers Johann Hainisch und über eine halbrunde Halle zur Stiege, die mit zeitgenössischen [Josef] Kriehuber-Portraits von Mutter geschmückt wurde. Oben war dann zuerst eine Halle, dann das Speiszimmer, der Kuppelsaal, wo Festlichkeiten wie Stephans oder meine Hochzeit gefeiert wurden. Zu Stephans Hochzeit (1900) wurde von unserem Hausarzt, Dr. Josef Winter, zu [Franz] Schuberts Deutschen Tänzen ein schöner Text verfaßt und von uns mit Gesang und Tanz vorgeführt. Bei meinem Polterabend wurde das Stück in großem Stil wiederholt (1906). Auch erschien ein »Serenissimus«, eine damals sehr beliebte komische Figur eines hohen Herrn (ähnlich dem Grafen Bobby), der die Gäste mit idiotischen und taktlosen Fragen belästigte.

Stellwagen waren gemietet worden, welche die 120 Gäste beförderten, und im Kuppelsaal gab es ein herrliches von Kathi gekochtes Nachtmahl. Es war eine Doppelhochzeit. Dr. Robert Breuer, Chefarzt des Rothschild-Spitals, heiratete Hanna Brüll, Tochter des Komponisten [Ignaz] Brüll, und Dr. Hans

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Breuer und ich waren das andere Paar. Alle Gäste waren in Alt-Wiener Kostüm gekleidet, die Frauen insbesondere, aber auch die Herren mußten Halsbinden und »Vatermörder« tragen. Mutter hatte das wirklich durchgesetzt, und sogar Vater [Josef] Breuer, der solche Sachen gar nicht gern hatte, mußte so einen Halskragen tragen.

Bevor die Tramway, zuerst mit Pferden, dann elektrisch, bis Pötzleinsdorf fuhr, ging von Am Hof bis zur Pötzleinsdorfer Kirche ein Stellwagen, der von Pferden gezogen wurde, und in dem wir sogar den Collie mitnehmen konnten, wenn wir ein ganzes Coupé besetzten. Die Stellwagenpferde wurden übrigens im Falle eines Feuers von der Feuerwehr in voller Fahrt ausgespannt und verwendet, und der Stellwagen mußte eben warten, bis das Feuer gelöscht war.

Wie erwähnt, kamen die Mautners im Jahre 1886 zum ersten Mal nach Gößl. Die Mädeln konnten längere Zeit nicht Steirer Tracht tragen, da die formidable Miss Ings das für »common« ansah. Conrad und Stephan dagegen liefen schon bald in Lederhosen herum.

Zu dieser Zeit besaßen die meisten Bauernfamilien handgeschriebene Liederbücher, in denen neben steirischen Liedern auch städtische verzeichnet waren. Manche dieser Lieder waren sehr sentimental, was besonders mir gefiel. Sehr schöne Lieder-Bücher hatten die Annerls, die das damals älteste Haus in Gößl bewohnten, mit einem Balken aus dem 13. Jahrhundert, andere waren im Besitz von Veit Bertha, der Tochter des Wirtes.

Conrad und Käthy waren große Bücherwürmer und Käthy hatte einige Jungmädchenhefte abonniert, darunter auch ein bayrisches, in dem eine Rundfrage nach einem »Ständelied« veröffentlicht war, also nach einem Lied, das mit den alten Gilden im Zusammenhang stand. Conrad und Käthy sandten eines ein, das sie aus einem Gößler Liederbuch kannten und das lautete: »Dirndl, willst ein’ Edelknabn oder willst ein’ Bauern haben?« Soweit ich mich erinnern kann, war das der Anfang von Conrads folkloristischer Tätigkeit.

Ein anderes Buch, das die Mautnerkinder mit großer Begeisterung erfüllte, war eines über »Deutschland im 15. Jahrhundert«, das wir von Josef Winter bekommen hatten. Darin waren auch Regeln über gutes Benehmen bei Tisch enthalten, und einige Zeit aßen wir nach diesen Regeln. Man mußte auf der linken Schulter eine Serviette haben, um nicht angetropft zu werden, Spargel war nach dem Aussaugen hinter sich zu werfen, Rülpsen war verpönt, und man sollte nicht »gierig mit den Händen in die heiße Brühe greifen«. Einige dieser Regeln riefen die Mißbilligung von Johann, dem Butler, hervor.

Von Fritz Wahle, dem cholerischen Violinlehrer, habe ich schon gesprochen. Er war besonders gegen Stephan unausstehlich, und hatte auch Hans Breuer, wo er ebenso unterrichtete, das Violinstudium verleidet. Conrad lernte Cello bei dem milderen Alexander Fimpel, brachte es aber auch nicht so weit, daß es ihm wirklich Freude machte. Außer Mundharmonika spielte er eigentlich kein Instrument späterhin. Die Melodien der Volkslieder wurden von Fimpel niedergeschrieben, nachdem Conrad und Käthy sie ihm vorgesungen hatten. Später fuhr Conrad mit seiner Frau Anna mit einem Grammophon zu entlegenen Bauernhäusern und machte Platten von Volksliedern, die dann auch von Fimpel niedergeschrieben wurden.

Conrad, der viel an Migräne litt (er wurde »Conrad mit dem Plutzer« genannt), lernte die ersten Jahre zu Hause, ging mit 10 und 11 Jahren ins Schottengymnasium, lernte dann aber wieder zwei Jahre zu Hause bei Professor Wahle, der ein Bruder des Geigers war, aber von einfacherem Temperament und großer allgemeiner Bildung. Er verbrachte diese zwei Jahre in Pötzleinsdorf mit Professor [Richard] Wahle, während der Rest der Familie in der Löwelstraße wohnte.

Wir Mautner-Kinder erhielten unsere zeichnerische und malerische Ausbildung bei dem Bildhauer Josef Breitner. Er war kein weltfremder Künstler, sondern machte überall mit. Einmal wanderte er sogar mit den beiden Buben von Steyr über das Tote Gebirge bis Gößl. Er blödelte gern und erfand spezielle Gerichte wie Pischingertorte mit Spinat. Die beiden Mädeln lernten später Zeichnen und Malen bei dem bekannten Maler und Radierer Ferdinand Schmutzer, mit dem Conrad sehr befreundet war, bei dem er aber selbst nicht lernte. Bei den Stunden waren oft auch Freunde und Verwandte anwesend, wie Conrads spätere Frau Anna, die zeichnerisch auch sehr begabt war. Der bekannte Schriftsteller und Journalist der Neuen Freien Presse, Daniel Spitzer25 (Verfasser der Rubrik »Wiener Spaziergänge«), der oft bei Mautners war, hatte ursprünglich

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Jenny Mautner mit dem Argument beeindruckt, wie gut es für die Entwicklung von Kindern sei, wenn sie zeichnen lernten und dadurch einen besseren Sinn für Sehen und Beobachten entwickelten. Vielleicht war diese Anregung für unsere Entwicklung wichtig.

Die zeichnerische Begabung Stephans und Conrads machte sich schon früh bemerkbar. Stephan produzierte für die »Chronik« einige ausgezeichnete Portraits, während Conrad die Seiten mit Figuren sehr im Stil des »Raspelwerks« bevölkerte. Die »Chronik« ist im Stil von illuminierten mittelalterlichen Büchern gehalten und enthält sogar eine lustige Dokumenten-Fälschung, die beweisen sollte, daß das Mautnerhaus älter sei, als das benachbarte Elissenhaus. Zu diesem Zweck wurde ein ehrwürdiges Dokument in sehr altem Deutsch verfaßt und in einem Ofen gebräunt. Stephan war 16 und Conrad 13,26 als sie die »Chronik« verfaßten, die jetzt im Besitz von Michael Mortimer27 ist. Um nicht zurückzubleiben, verfaßten die beiden Mädeln, Käthy (13) und Marie (10), ihrerseits ein illustriertes Werk über eine abenteuerliche Figur, »Klette van der Merschenkleevern«, wo sich Maries malerisches Talent schon sehr früh zeigte und welches sich im Besitz der Familie Kalbeck befindet

Im Unterschied zu Stephan war Conrad kein enragierter Jäger, obwohl Jagen und besonders Wildern in den von ihm gesammelten Liedern so angepriesen wird. Er ging gern im Toten Gebirge herum, hatte aber nicht die hochalpinen Neigungen von Marie. Er ging gern auf Almen. Einmal war er in Gesellschaft eines Prinzen Montenuovo28, dem er während einer Übernachtung in einer Almhütte sagte: »Bitt schön, gebens die hochfürschtlichen Füß aus meinem Gsicht«.

Keiner meiner Brüder hatte Vaters Flair für Industrie und Kommerz. Beide aber hatten großes künstlerisches Talent und schufen mehr von bleibendem Wert auf diesem Gebiet, als sie auf industriellem geschaffen hätten. Auch Marie hatte große künstlerische Begabung und hinterließ eine Fülle von Portraits, Landschafts- und folkloristischen Bildern.

Literatur

Katharina Breuer-Mautner und Maria Kalbeck-Mautner, Erinnerungen an die Mautner-Villa. In: Unser Währing. Vierteljahresschrift des Vereins zur Erhaltung und Förderung des Währinger Heimatmuseums, 3. Jg., Wien 1968, 2. H., S. 14–18.

Friedrich C. Heller, Die Zeit der Moderne. In: Musikgeschichte Österreichs, hrsg. v. Rudolf Flotzinger und Gernot Gruber, Bd. 3, Wien 1995, S. 91–172.

Michael Martischnig, Zum 100. Geburtstag von Konrad Mautner (1880–1924). Mit Angaben zu seiner Biographie, seiner Bibliographie sowie zu den wichtigsten Besprechungen seiner Werke. In: Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerkes 29, Wien 1980, S. 143–149.

Österreichisches Biographisches Lexikon, Wien 1954ff. (ÖBL)

Österreich-Lexikon, Wien 1966 (ÖL)

Traum und Wirklichkeit. Wien 1970–1930. Katalog zur 93. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, 1985.

Anmerkungen:

1

Vgl. Trachten nicht für jedermann? Heimatideologie und Festspieltourismus, dargestellt am Kleidungsverhalten in Salzburg zwischen 1920 und 1938. Salzburg, 1993 (Salzburger Beiträge zur Volkskunde, Bd. 16)

2

Dr. Hans Breuer war Sohn des bekannten Internisten und Mentors von Sigmund Freud, Dr. Josef Breuer, geb. in Wien am 15.1.1842, gest. in Wien am 20.6.1925 (ÖBL 1, 1954, 131)

3

Es befindet sich heute im Besitz von Dr. Franz Breuer.

4

Isidor Mautner, geb. in Nachod in Böhmen am 7.10.1852, gestorben in Wien am 13.4.1930, war Gründer des größten Textilkonzerns Österreich-Ungarns (ÖBL 6, 1975, S. 164–165).

5

Stephan Mautner war Industrieller, Maler, Graphiker und Schriftsteller, geb. in Wien am 12.2.1877; er ist vermutlich 1945 in Auschwitz umgekommen (ÖBL 6, 1975, S. 165). Konrad Mautner ist der bekannte Volksmusikforscher, geb. 23.2.1880 in Wien, gestorben am 15.5.1924 in Wien (ÖBL 6, 1975, S. 165; Martischnig, 1980). Marie, heiratete den Regisseur und Schriftsteller Paul Johannes Kalbeck (geb. am 15.7.1884 in Obgornigh, Schlesien [d.i. Oborniki Śląskie, Polen; Anm. R.M.], gest. am 5.11.1949), Sohn des berühmten Musikschriftstellers und Brahms-Biographen Max Kalbeck (vgl. ÖBL 3, 1961, 187).

6

Der Großvater war Isaac Mautner, geb. im März 1824 in Nachod in Böhmen, gestorben in Nachod am 27.8.1901 (ÖBL 6, 1975, S. 164). Laut vorliegendem Bericht verstarb er aber in Wien!

7

David Neumann gründete mit seinem Bruder Adolf Neumann von Ditterswald 1879 in Königinhof (Böhmen) [d.i. Dvůr Králové nad Labem, Tschechische Republik; Anm. R.M.] die Weberei und Baumwolldruckfabrik M. B. Neumanns Söhne (ÖBL 7, 1978, 96).

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8

Johann Jakob Geymüller (†1834), der Erbauer des Schlössels, war der Bruder des Bankiers Johann Heinrich Freiherr von Geymüller, der zu seiner Zeit ein glanzvoller Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens im Wiener Vormärz war (ÖBL 1, 1954, 436).

9

Josef Breitner, geb. in Wien am 19.12.1864, gest. in Wien am 22.11.1930 war Bildhauer und Schüler der Wiener Kunstgewerbeschule (ÖBL 1, 1954, 111).

10

Deutsche Puppenspiele, hrsg. v. Richard Kralik und Joseph Winter, Wien 1885. Der Mediziner Josef Winter gehörte zu jenem Kreis von [Richard] Wagnerianern, die sich im Haus des Dichters Richard von Kralik zu zwanglosen Diskussionen einfanden, wo neben den Schriften Wagners auch die Werke [Friedrich] Nietzsches oder das Kapital von Karl Marx besprochen wurden. 1881 entstand aus diesem Kreis eine Sagengesellschaft, die sich eine Erneuerung des Lebens aus dem Geist der germanischen und griechischen Mythologie vorstellte (vgl. Heller 1995, 95). Richard Kralik von Meyrswalden ist am 1.10.1852 in Eleonorenhain in Böhmen [d.i. Lenora, Tschechische Republik; Anm. R.M.] geboren und verstarb in Wien am 4.2.1934 (ÖBL 4, 1969, 199).

11

Adolf von Sonnenthal, geb. am 21.12.1834 in Pest [d.i. Budapest; Anm. R.M.], gestorben am 4.4.1909 in Prag, Schauspieler, seit 1856 am Wiener Burgtheater (ÖL 1077).

12

Ludwig Gabillon, geb. am 16.7.1818 in Güstrow (Mecklenburg), gest. am 13.2.1896 in Wien, gefeierter Burgtheaterschauspieler, Persönlichkeit von stärkster Eigenart (ÖBL 1, 1954, 386).

13

Dr. Robert Breuer war Arzt wie sein Vater und heiratete Hanna Brüll, die Tochter des bekannten spätromantischen Komponisten Ignaz Brüll, der als Mitglied der ständigen Kunstkommission des Ministeriums bis zum Ende der Monarchie großen Einfluß auf die Kulturpolitik Österreichs nahm (Heller 1995, 98).

14

Ferdinand Schmutzer, geb. am 21.5.1870 in Wien, gest. am 26.10.1928 in Wien, war Grafiker, Radierer, Maler und Mitglied der Wiener Secession (ÖL 1966, 1027–1028).

15

Eusebius Mandyczewski, geb. am 18.8.1857 in Czernowitz [d.i. Černivci / Чернівці; Anm. R.M.], gest. am 13.7.1929 in Sulz (NÖ), war Musikwissenschaftler und Komponist (ÖBL 6, 1975, 49).

16

General Friedrich Graf Beck-Rzikowsky, geb. 21.3.1830 in Freiburg i[m] Br[eisgau], gest. am 9.2.1920 in Wien, war 1881–1901 Chef des Generalstabes der gesamten bewaffneten Macht und hatte als solcher großen Anteil an der Ausgestaltung der österreichisch-ungarischen Armee vor dem Ersten Weltkrieg (ÖBL 1, 1954, 62).

17

Nach der Familienüberlieferung sind die Großeltern erst 1899 nach Wien gekommen.

18

Richard Wahle, geb. am 14.2.1857 in Wien, gest. am 21.10.1935 in Wien, war positivistischer Philosoph, Schriftsteller, Dozent in Wien (ÖL, 1226).

19

Nach Paul Kalbeck waren es 150 Fabriken in der ganzen Familie. Die Zahl ist also ungewiß.

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Lt. Auskunft von Dr. Franz Breuer hat er schon 1899 mit dieser Arbeit begonnen.

21

Josef Gottfried Ignaz Kainz, geb. am 2.1.1858 in Wieselburg [d.i. Mosonmagyaróvár; Anm. R.M.] (Ungarn), gest. am 20.9.1910 in Wien, spielte als einer der größten Schauspieler deutscher Zunge seit 1899 am Wiener Burgtheater (ÖBL 3, 1961, 179).

22

Max Devrient, geb. am 12.12.1857 in Hannover, gest. am 13.6.1929 in Chur, war Burgschauspieler und glänzender Interpret von Melodramen (ÖBL 1, 1954, 182).

23

Der Schauspieler Ernst Hartmann, geb. am 8.1.1844 in Hamburg, gest. am 10.10.1911 in Wien, wurde von [Heinrich] Laube 1864 an das Burgtheater berufen (ÖBL 2, 1959, 195).

24

Der Schriftsteller und Redakteur Adolf von Wilbrandt (geb. am 24.8.1837 in Rostock, gest. am 10.6.1911 in Rostock), kam 1871 nach Wien, wo er von 1881–87 Burgtheaterdirektor war; seine Gattin Auguste Wilbrandt (geb. am 1.6.1843 in Zwickau, gest. am 30.3.1937 in Wien), war Burgschauspielerin (ÖL 1276).

25

Daniel Spitzer, geb. am 3.7.1835 in Wien, gest. am 11.1.1893 in Meran, war ein humoristisch-satirischer Schriftsteller und Feuilletonist (ÖL 1086).

26

Laut einer anderen Familienüberlieferung waren sie 19 und 16.

27

Michael Mortimer ist einer der Söhne von Konrad Mautner. Er kämpfte im 2. Weltkrieg auf der Seite Englands und erhielt wegen eines Einsatzes zu Kriegsende im Dachsteingebiet eine neue Identität. Er verstarb 1997 in England. Die anderen Kinder waren Dipl.-Ing. Matthias Mautner (†), der die Grundlseerin Flora Schanzl heiratete, nach Amerika auswanderte, dann aber nach Grundlsee zurückkehrte; der Arzt Dr. Lorenz Mautner (†), der nach Toronto emigrierte, und die technische Zeichnerin und Porzellan-Restauratorin Anna, verheiratete Wolsey, die nach England emigrierte, von wo aus sie jeden Sommer Grundlsee besucht.

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Alfred Fürst von Montenuovo, geb. in Wien am 16.9.1854, gest. in Wien am 6.9.1927, war Hofbeamter mit großem Einfluß auf Kaiser Franz Josef in dessen letzten Lebensjahren (ÖBL 6, 1975, 361).