Christian Fleck

Marienthal. Die Polizei beobachtet die Sozialforscher, die die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit beobachten. Eine Vorbemerkung

in: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich. Newsletter (Graz), Nr. 16 (Dezember 1997), S. 3–7.

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Marienthal

Die Polizei beobachtet die Sozialforscher, die die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit beobachten

Eine Vorbemerkung

Die folgenden drei hier abgedruckten Aktenstücke erhielt das »Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich« von Klaus Taschwer (Wien), der die Kopien dieser Dokumente von einem Wiener Rechtsanwalt bekommen hatte. Es konnte nicht festgestellt werden, aus welchem Archiv sie stammen. Zu vermuten ist, daß sich die Originale im Niederösterreichischen Landesarchiv befinden.

Im semidokumentarischen Film von Karin Brandauers »Einstweilen wird es Mittag« gibt es eine kleine Szene, in der der Dorfgendarm von Marienthal über seine Beobachtung der Wiener Sozialforscher Bericht erstattet. Die nachfolgend wiedergegebenen Dokumente bestätigen, daß diese Szene nicht erfunden wurde. In den publizierten Erinnerungen und unveröffentlichten Interviews von Paul F. Lazarsfeld, Marie Jahoda, Hans Zeisel und Charlotte Danzinger über »Marienthal« fand diese Episode keine Erwähnung. Die Beobachtung der Beobachter blieb ihnen verborgen. Erst anläßlich der Hausdurchsuchung in den Räumlichkeiten der »Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle« in der Wächtergasse 1 im I. Wiener Gemeindebezirk im November 1936 machten Mitarbeiter der Forschungsstelle die Bekanntschaft mit der Polizei des Ständestaates. Die politisch weniger Aktiven unter den »Rechercheuren« der Forschungsstelle, wie beispielsweise Ernst Dichter, erlebten ihre zeitweilige Verhaftung als aus heiterem Himmel kommend. Andere, wie die in der nach dem Februar 1934 verbotenen sozialdemokratischen Bewegung aktive Marie Jahoda, führten ihre Inhaftierung zurecht auf ihre illegale politische Tätigkeit zurück. In den wochenlangen Verhören gelang es Jahoda immer wieder, den Vernehmungsbeamten, einen Dr. Stegerwald, darüber zu täuschen, welches der beschlagnahmten Materialien nun wissenschaftlicher Natur und welches illegaler politischer Provenienz war. Stundenlang stritten die beiden über den Inhalt einer beschlagnahmten Mappe mit der Aufschritt »Denkgewohnheiten« und den darin gefundenen »stenographischen Vormerkungen, ›Was ist Soz.‹, ›was bringt dieser Zustand‹, ›Wie Soz. Geworden‹«. Der Polizist wollte das unbedingt als politisches Agitationsmaterial betrachtet wissen, wohingegen Jahoda darauf beharrte, daß es Vorarbeiten zu einer Studie im Auftrag von Max Horkheimer seien. Hingegen akzeptierte Stegerwald Statistiken über die Ergebnisse von Betriebsratswahlen in Wiener Großbetrieben als wissenschaftliches Material, obwohl sich auf einem der Blätter das Kürzel »Z.K.« (wohl für »Zentralkomitee der Revolutionären Sozialisten«) befand.

Der hier bemühte Gerichtsakt enthält natürlich auch Hinweise auf frühere politische Aktivitäten Jahodas und anderer, es fehlt darin aber jeder Hinweis auf die Observation der Feldforschung in Marienthal.

Die hier abgedruckten Dokumente sind in zweierlei Hinsicht von Interesse. Zum einen liefern sie den Beweis dafür, daß Sozialforschung schon in der rechtsstaatlichen Phase der Ersten Republik die Aufmerksamkeit des Polizeiapparats erregte, handelt es sich hier doch nicht nur um den Bericht des eifrigen Gendarmerie-Postenkommandanten Johann Gründl (Dokument 1), sondern auch um Dokumente über ergänzende Erhebungen der zuständigen Bezirkshauptmannschaft (Dokument 2) und der Bundes-Polizeidirektion Wien (Dokument 3). Drei Punkte erscheinen daran bemerkenswert: Die von der Bezirkshauptmannschaft gewählte Formulierung, es möge festgestellt werden, »ob es sich hier etwa um eine politische Agitation unter dem Deckmantel einer wissenschaftlichen Aktion der Universität handelt«, verweist auf Defizite an Rechtsstaatlichkeit: Ist es denn illegitim, politische Agitation zu betreiben? Sind die Sicherheitsbehörden eines Rechtsstaates – und als solchen betrachtete sich die Republik Österreich 1931 noch – befugt, derartige Agitation zu observieren? Ob die Ab- bzw. Mithörung eines Telefonats, das Lotte Danzinger »am Samstag, den 12.12.1931 nachmittags« noch dazu mit jemandem führte, der über eine Geheimnummer verfügte, erfolgte, um das »nicht ausschliesslich dem Studium der Arbeitslosen« gewidmete Tun festzustellen, oder ob es schon aus Sorge um eine mögliche »politische (kommunistische) Propaganda« erfolgte, ist unklar. Eine Verletzung der Privatsphäre war es jedenfalls.

Aufschlußreich ist weiters das merkwürdige Verständnis der sozialen und normativen Struktur von Wissenschaft, das in den Dokumenten zutage tritt. In dem »streng vertraulich(en)« Schreiben der Bundes-Polizeidirektion wird der »wissenschaftliche Zweck« der »praktischen Studien« deswegen anerkannt, weil sie »tatsächlich […] im Auftrage des erwähnten [d.i. Psychologischen;

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C.F.] Institutes« erfolgten und weil dem Institutsleiter Karl Bühler »ueber die hiebei erzielten Forschungsergebnisse […] Berichte vorgelegt« wurden. Wären die »angeblich Studierenden des Psychologischen-Institutes« weniger glimpflich davongekommen, wenn sie keinen professoralen Mentor gehabt hätten? Die Forderung des Gendarmen, die Sozialforschung aus »sicherheitspolizeilichen […] Gründen […J behördlich autorisiert« zu sehen, weist ihn jedenfalls als einen aus, der mit der polizeiwissenschaftlichen Tradition des aufgeklärten Absolutismus intim vertraut war.

Schließlich ist die pädagogische Kompetenz und Sorge des »Postenkommando(s)« erwähnenswert. Über die Vorträge über Erziehungsfragen (siehe dazu: »Die Arbeitslosen von Marienthal«, Neuausgabe 1975, S. 30) weiß der Gendarm zu berichten, daß nach Ansicht von »freizügigen, zünftigen Erziehern« dabei Meinungen geäußert wurden, die »als ›selbst für künftige Geschlechter verfrüht‹ bezeichnet wurden«.

Andererseits enthalten die Beobachtungen der Sicherheitsbehörden einige Informationen über die Feldforschung in Marienthal, die bislang nicht bekannt waren oder für die man sich bisher nur auf die Erinnerungen der Beteiligten stützen konnte.

In »Marienthal« wurde über die Erhebung nur mitgeteilt, daß sie im Herbst 1931 begann und daß Lotte Danzinger von Anfang Dezember bis Mitte Jänner 1932 in Marienthal wohnte; insgesamt seien 120 Arbeitstage dort verbracht worden (»Die Arbeitslosen von Marienthal«, Neuausgabe 1975, S. 30). An anderer Stelle berichtet Paul F. Lazarsfeld über die Rolle von Otto Bauer bei der Wahl des Themas (»Eine Episode«, S. 214), und Marie Jahoda berichtet über dessen Empfehlung des Untersuchungsortes (»Die Arbeitslosen von Marienthal«, München 1991, S. 119).

Dem Gendarmen verdanken wir den Hinweis, daß auch Oskar Helmer, Exponent des rechten Flügels der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs« und damals niederösterreichischer Landeshauptmannstellvertreter, ein Empfehlungsschreiben verfaßte.

Die wenigen Informationen, die »Marienthal« über die Kriminalitätsentwicklung in diesem Dorf enthält (siehe über Anzeigen S. 63) resultierten offenkundig aus der Nichtkooperation des Gendarmeriepostens, der die Sozialforscher »mit ihrem Begehren an die Dienstbehörde« verwies.

Schließlich sind die Hinweise auf die Zahl von fünfzehn an der Feldforschung beteiligten »Studenten«, die namentliche Erwähnung von Gertrud Wagner und Walter Wodak (siehe dazu »Diplomatie zwischen Parteiproporz und Weltpolitik. Briefe, Dokumente und Memoranden aus dem Nachlaß Walter Wodaks 1945–1950, hrsg. und eingleitet von Reinhold Wagnleitner« Salzburg 1980), die zugeschriebene politische Orientierung von Lotte Danzinger und die aktive Rolle Karl Bühlers zwar nicht gänzlich neu, aber eine Bestätigung bislang eher vager Angaben in der Memoirenliteratur.

Während der im engeren Sinn wissenschaftshistorische Wert der im folgenden im Wortlaut wiedergegebenen Dokumente eher gering zu veranschlagen ist, ist die darin deutlich werdende polizeiliche Observationen vermeintlicher »politischer Agitation unter dem Deckmantel einer wissenschaftlichen Aktion der Universität« doch ein bemerkenswertes Dokument österreichischer Zeit- und Wissenschaftsgeschichte.

Christian Fleck

(Graz)

Dokument 1: Bericht des Gendarmerieposten-Kommandos Gramatneusiedl an die Bezirkshauptmannschaft Mödling. Gramatneusiedl, am 19. Dezember 1931.

Gramatneusiedl

Bezirk Mödling, Nied[er]-Öst[erreich]

E. Nr. 15 res.

Studierende des Psychologischen-Institutes in Marienthal.

An die

Bezirkshauptmannschaft

in

Mödling.

Gramatneusiedl. am 19. Dezember 1931.

Seit November 1931 betreiben angeblich Studierende des Psychologischen-Institutes der Wiener Universität unter der arbeitslosen Bevölkerung von Marienthal angeblich Studien, veranstalten Preisausschreiben unter den arbeitslosen Jugendlichen unter der Devise »Wie stellen sie sich die Zukunft vor«, halten öffentliche Vorträge unter dem Titel »Erziehungsfragen der heutigen Zeit,« haben sowohl in der Volks- als auch in der Hauptschule und in der Gemeindekanzlei Gramat-

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neusiedl Zutritt und stellten selbst an das hiesige Postenkommando das Ansinnen, Daten über die zunehmende Kriminalität im hiesigen Ueberwachungsrayone zu liefern.

So erschien am 5.11.1931 am hiesigen Posten Dr. Gertrude Wagner,1 Wien, I., Wallnerstrasse Nr. 8 wohnhaft und der angebliche Student Walter Wodak,2 Wien, II., Rembrandtstrasse Nr. 35 wohnhaft und baten um Aufschluss über die Kriminalität in Marienthal seit Stillegung des Betriebes. Sie gaben an, vom Psychologischen-Institut der Wiener Universität nach Marienthal entsendet worden zu sein, um Studien über die Auswirkung der Arbeitslosigkeit anzustellen.

Vom Postenkommando wurde dem Ansuchen nicht entsprochen und die Ersuchenden mit ihrem Begehren an die Dienstbehörde gewiesen.

Derzeit ist in Marienthal Dr. Lotte Danzinger,3 22.12.1905 in Wien geboren und zuständig, Lehrerin, Wien, IX., Alserbachstrasse Nr. 11 wohnhaft, tätig.

Zu den Vorträgen waren bisher Herren aus Wien als Vortragende erschienen. Bei den Vorträgen, die unter dem Titel »Erziehungsfragen der heutigen Zeit« abgehalten werden, wurden Ansichten geäussert, die, wie bekannt wurde, selbst bei freisinnigen, zünftigen Erziehern als »selbst für künftige Geschlechter verfrüht«, bezeichnet wurden.

Auch sonstige Aeusserungen und manches Tun der Studierenden lässt den Verdacht aufkommen, dass die Arbeiten der angeblichen Sendlinge der Wiener Universität nicht ausschliesslich dem Studium der Arbeitslosen dienen.

Dr. Lotte Danzinger rief am Samstag, den 12.12.1931 nachmittags die Telefonnummer R 23412 an. Zufällig wurden einige Redewendungen, die dabei von der Danzinger gebraucht wurden, erfahren: »Guter Boden, mit der Gendarmerie keine Schwierigkeiten.«

Wie in Erfahrung gebracht werden konnte, ist die Nummer R 23412 eine sogenannte Geheimnummer. Es konnte daher von hier aus nicht festgestellt werden, mit wem oder mit welcher Teilnehmerstelle die Danzinger damals gesprochen hat. Auch die Nummer R 43412 (Hotel »Praterstern«) wurde damals von der Danzinger aufgerufen.

Die Danzinger forderte auch einen Postboten des hiesigen Ueberwachungsrayones auf, ihr zu sagen, wer hier die Arbeiterzeitung und das Kleine Blatt aboniert [!] hätte.4

Wenn schon alle diese Umstände höchstens den Verdacht einer politischen (kommunistischen) Propaganda rechtfertigen, so wäre mit Rücksicht auf die Tätigkeit der Personen schon aus sicherheitspolizeilichen und nicht zuletzt auch aus pädagogischen Gründen die Feststellung wichtig, ob die im Akte genannten Personen ihre Tätigkeit behördlich autorisiert ausüben und ob es der Wahrheit entspricht, dass es sich um offizielle Abgesandte des »Psychologischen-Institutes« der Wiener Universität handelt.

Der Bürgermeister von Gramatneusiedl, Josef Bilkovsky, gab über Befragen an, dass er amtlich von der Tätigkeit dieser Personen keine Verständigung erhalten habe, doch wurde er vom Eintr[e]ffen derselben vom Landeshauptmann-Stellvertreter Hellmer5 brieflich avisiert.

1 Gertrude Wagner, geb. Höltei (Görz [Gorizia] 1907 – Wien 1992), österreichische Sozialwissenschaftlerin; 1931 Dr. rer. pol. an der Universität Wien, 1939 Ph.D. (Anthropology) an der University of London. Fürsorgerin bei der Kinderübernahmestelle der Stadt Wien. Außerdem seit 1931 Mitarbeiterin und seit 1934 gemeinsam mit Marie Jahoda (geb. Wien 1907) Leiterin der »Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle« in Wien. 1935 Emigration nach Großbritannien; Senior Research Officer der »Wartime Social Survey« in London. 1949 Rückkehr nach Wien und bis zur Pensionierung 1967 Angestellte der »Österreichischen Länderbank«. Außerdem österreichische Repräsentantin der »International Organization of Conumers Unions«. Red.

2 Walter Wodak (Wien 1908 – Wien 1974), österreichischer Diplomat. 1933 Dr. jur. an der Universität Wien. Mitglied der Sozialdemokratie, nach dem Februar 1934 der »Kommunistischen Partei Österreichs«. 1938 Emigration über Jugoslawien und Frankreich 1939 nach Großbritannien. 1945 Rückkehr nach Österreich, Mitglied der »Sozialistischen Partei Österreichs«. Seit 1947 im diplomatischen Dienst. Red.

3 Charlotte »Lotte« Schenk-Danzinger, geb. Danzinger (Wien 1905 – Wien 1992), österreichische Psychologin. 1930 Dr. phil. (Psychologie) an der Universität Wien, hier Assistentin am Psychologischen Institut. 1963 habilitiert für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Universität Innsbruck, 1969 umhabilitiert an der Universität Graz, 1976 tit. a.o. Univ.-Prof. Seit 1966 Lehrerin an der Pädagogischen Akademie des Bundes in Wien. Red.

4 »Arbeiter-Zeitung« (Wien), Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie, erschien 1889–1934 in Wien, 1934–1938 in Bmo und 1945–1989 wieder in Wien, seit 1989 bis zur Einstellung 1991 als parteiunabhängige Zeitung. »Das Kleine Blatt« (Wien), 1927–1934 erscheinende sozialdemokratische Tageszeitung im Kleinformat, 1934–1938 vom Ständestaat-Regime und 1938–1944 von den Nationalsozialisten weitergeführt, 1947–1971 Wochenzeitung der »Sozialistischen Partei Österreichs«. Red.

5 Gemeint ist Oskar Helmer (Gata [Gattendorf] 1887 – Wien 1963), österreichischer Schriftsetzer und sozial-

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Erfahren wurde ferner, dass sowohl die Leitung der Hauptschule, als auch die der Volksschule von Gramatneusiedl, vom Bezirksschulrate die Weisung erhalten hätte [!], die Untersuchung des Psychologischen-Institutes zu unterstützen und den mit der Untersuchung betrauten Personen fachliche Hilfe zu gewähren.

Johann Gründl [recte Bendl; Anm. R.M.]

Revierinspektor

Bezirkshauptmannschaft Mödling

Am 24. Dez. 1931

Zahl XI-1118 Beilg.

Dokument 2: Bericht der Bezirkshauptmannschaft an die Niederösterreichische Landesamtsdirektion in Wien. Mödling, am 24. Dezember 1931.

Bezirkshauptmannschaft Mödling,

Z: XI-1118 am 24. Dezember 1931.
Studierende des

Psychologischen Institutes in Gramatneusiedl. (Marienthal.)

An die

n.ö. Landesamtsdirektion II

in

Wien

behufs Kenntnisnahme. Bemerkt wird, dass an den Bezirksschulrat Mödling von Prof. Karl Bühler6 in Wien unterm 14.11.1931 das Ersuchen gestellt wurde, die psychologische Untersuchung von Schulkindern in Gramatneusiedl zu gestatten. Der Bezirksschulrat Mödling hat mit Erlass Z: 967 vom 25.11.1931 die Direktion der Hauptschule in Gramatneusiedl von diesem Ansuchen verständigt und die diesbezügliche Bewilligung erteilt.

Es wird gebeten, im Wege der Polizeidirektion Wien, bez[iehungs]w[eise] des Landesschulrates festzustellen, ob es sich hier etwa um eine politische Agitation unter dem Deckmantel einer wissenschaftlichen Aktion der Universität handelt.

Der Bezirkshauptmann:

[unleserlich]

Pr. N. Stammzahl 2526 Jahr 1932

Registr. Zeichen XIV/219

Dokument 3: Bericht der Bundes-Polizeidirektion in Wien an die Niederösterreichische Landesamtsdirektion in Wien. Wien, am 24. Juni 1924.

Bundes-Polizeidirektion in Wien.

Pr. Zl. IV-535/32. Wien, am 24. Juni 1932.
Studierende des psychologischen Institutes, Untersuchungen in Gramatneusiedl.

Streng vertraulich

An

die Amtsdirektion II der niederösterreichischen Landesregierung

in

Wien

Unter Bezugnahme auf die Zuschrift vom 13. Jänner 1932, Pr. II-4070/32, beehrt sich die Bundespolizeidirektion Nachstehendes mitzuteilen:

Nach den im Rektorate der Wiener Universität sowie im psychologischen Institute eingeholten Auskünften ist tatsächlich eine Gruppe von 15 Studierenden, darunter auch die im Berichte des Gendarmerie-Postenkommandos Gramatneusiedl genannten Personen, im Auftrage des erwähnten Institutes damit befasst, zu wissenschaftlichen Zwecken in Marienthal bei Gramatneusiedl praktische Studien unter der Bevölkerung über die Wirkungen der Arbeitslosigkeit anzustellen. Ueber die hiebei erzielten Forschungsergebnisse werden dem Institutsleiter Universitätsprofessor Dr. Karl Bühler, Vorstand des psychologischen Institutes Berichte vorgelegt. Die Abschrift eines solchen vom psychologischen Institute zur Verfügung gestellten Berichtes ist angeschlossen. Das

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demokratischer Politiker. 1920–1921 Mitglied der Provisorischen Burgenländischen Landesregierung, 1921–1934 Mitglied der Niederösterreichischen Landesregierung, seit 1927 als Stellvertretender Landeshauptmann. 1945–1959 Abgeordneter zum Nationalrat, 1959 Mitglied des Bundesrates. 1945 Unterstaatssekretär im Staatsamt für Inneres, 1945–1959 Bundesminister für Inneres. 1927–1934 Landesparteisekretär und 1945–1957 Landesobmann der niederösterreichischen Sozialdemokratie, 1945–1959 Steilvertretender Bundesparteiobmann der »Sozialistischen Partei Österreichs«. Er war übrigens auch Präsident der »Österreichischen Länderbank«, bei welcher Gertrude Wagner später arbeitete. Red.

6 Karl Bühler, seit 1940 Karl L[udwig] Buhler (Mekkesheim bei Heidelberg 1879 – Los Angeles 1963), amerikanischer Psychologe deutscher Herkunft. 1922–1938 o. Univ.-Prof. der Psychologie an der Universität Wien und Vorstand des Psychologischen Instituts. Begründete 1922 das Psychologische Institut der Stadt Wien, dessen Leiter er war. 1938 Emigration über Norwegen und Großbritannien 1940 in die USA, wo er zuletzt Clinical Professor of Psychiatry an der University of Southern California in Los Angeles war. Red.

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gesamte Material dieser Forschungsarbeiten soll später zusammengefasst und in einem Werke herausgegeben werden. Die erwähnte Tätigkeit der Studierenden, die bis zu den Ferien fortgesetzt werden soll, beschränkt sich nach den Weisungen des Institutes bloss auf den Ort Marienthal.

Ueber die im Berichte des Gendarmeriepostenkommandos Gramatneusiedl genannten Personen wird im einzeinen Folgendes mitgeteilt:

Die I., Wallnerstrasse Nr. 8 wohnhafte Gertrude WAGNER, geborene Höltei, (am 13. Dezember 1907 zu Görz [Gorizia, Italien; Anm. R.M.] geboren, nach Wien zuständig, konfessionslos, verheiratet) ist die Tochter des Hofrates Ingenieur Jakob Höltei und seiner Gattin Stefanie, welche in Wien, IX., Hahngasse Nr. 6 wohnen. Gertrude Wagner studierte an der Wiener Handelsakademie und war auch mehrere Semester an der philosophischen Fakultät der Wiener Universität inskribiert. Sie steht dermalen angeblich als Fürsorgerin der Kinderübernahmsstelle in städtischen Diensten. Ihr Gatte Ludwig Wagner,7 (am 23. Februar 1900 zu Wien geboren und zuständig, konfessionslos), der früher auch den Namen Wielander geführt hat, ist angeblich Redakteur der »Arbeiter-Zeitung«. Er fungiert als Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Schriftleiter der seit dem Jahre 1925 in Wien erscheinenden periodischen Druckschrift »Der Schulkampf«, des Organes des »Bundes sozialistischer Mittelschüler Oesterreichs«, ist wiederholt in Versammlungen sozialistischer Mittelschüler als Redner aufgetreten und hat sich auch an anderen sozialdemokratischen Veranstaltungen beteiligt. Im Jahre 1918 wurde gegen ihn von der Bundespolizeidirektion eine Anzeige wegen Verdachtes des Verbrechens des Hochverrates an die Staatsanwaltschaft I zu Wien erstattet, da er im Besitze von Flugblättern sozialrevolutionären Inhaltes betreten worden war; das bezügliche gerichtliche Verfahren wurde jedoch eingestellt. Wagner war auch an den von sozialdemokratischer Seite veranlassten Demonstrationen, welche im Jahre 1929 vor dem Café Prückl8 im Wiener I. Bezirke anlässlich der Aussperrung der Angestellten seitens der Eigentümerin stattfanden, beteiligt. Er wurde im Jahre 1929 vom Strafbezirksgerichte I zu Wien wegen Uebertretung nach § 312 St[raf] G[esetz] mit 15 S eventuell 24 Stunden Arrestes bestraft. Gertrude Wagner gehört angeblich gleichfalls der sozialdemokratischen Partei an, doch hat sie sich bisher politisch nicht bemerkbar gemacht.

Als bestraft erscheint sie nicht vorgemerkt.

Walter Wodak, Student, (am 22. November 1908 zu Wien geboren, hierselbst heimatberechtigt, mosaisch, ledig) in Wien II., Rembrandtstrasse Nr. 35 wohnhaft, ist der Sohn des Kaufmannes Jakob Wodak und seiner Gattin Emilie, welche unter derselben Adresse wohnen. Walter Wodak hat das Realgymnasium absolviert und ist gegenwärtig Hörer an der juristischen Fakultät der Wiener Universität. Er fungiert als Obmann der »Vereinigung sozialistischer Mittelschüler«, ferner als Vorstandsmitglied des »Verbandes der sozialistischen Studenten Oesterreichs« und ist in dieser Bewegung schon seit mehreren Jahren tätig.

Vom Strafbezirksgerichte I zu Wien wurde er im Jahre 1928 wegen Uebertretung nach § 19, 20 Pressgesetz zweimal zu je 10 S eventuell je 12 Stunden Arrestes verurteilt.

Die im VIII. Bezirke, Alserstrasse Nr. 43 wohnhafte Dr. Lotte Danzinger, (am 22. Dezember 1905 zu Wien geboren, hierselbst heimatberechtigt, evangelisch A[ugsburger] B[ekenntnis], ledig), die Tochter des Magisters der Pharmazie Leo Erwin Danzinger und seiner Gattin Pauline, studierte nach Absolvierung des Realgymnasiums an der philosophischen Fakultät der Wiener Universität, wo sie im Februar 1930 zum Doktor der Philosophie promoviert wurde. Gegenwärtig ist sie als Fürsorgerin der städtischen Kinderübernahmsstelle der Gemeinde Wien tätig.

Dr. Lotte Danzinger, die zu irgendwelchen nachteiligen Wahrnehmungen bisher keinen Anlass gegeben hat, erscheint als bestraft oder beanständet nicht vorgemerkt. In politischer Beziehung ist sie links orientiert, jedoch bisher aktiv nicht hervorgetreten.

Brauch

n.ö. Landesamtsdirektion

23. Jun. 1932

Zahl 2526/1 1 Heft

7 Ludwig Wagner (Wien 1900– ?), amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler österreichischer Herkunft. Mitglied der Wiener »Vereinigung sozialistischer Mitteischüler«, Mitarbeiter sozialdemokratischer Zeitungen und Zeitschriften, 1923/24 Initiator und Mitbegründer des »Bundes Sozialistischer Mittelschüler Österreichs« sowie 1925–1933 Redakteur dessen Organs »Der Schulkampf« (Wien). Emigrierte 1934 in die Tschechoslowakei, später in die USA, wo er zuletzt Professor of Econorulcs in Pitsburgh war. Red.

8 Gemeint ist das 1903 eröffnete, heute noch existierende »Café Prückel«, Wien 1., Stubenring 24 / Dr.-Karl-Lueger-Platz 6. Red.