[Karl Floch]

[Todescoiaden]

in: Der Floh (Wien), 11. Jg. (1870).

[Karl Floch]: Neu-freiherrliches Vergnügen. (Szene aus dem Leben), in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 10 (6. März 1870), S. 39.

39

Neu-freiherrliches Vergnügen.

(Szene aus dem Leben)

Personen:

Baron E. Todesko und sein Hofmeister.

Hofmeister: Nun, Herr Baron, wie haben Sie sich auf dem Balle des Fürsten Hohenlohe[1] unterhalten?

Baron: Gott über die Welt, wie kann man so fragen? Wie soll ich mich unterhalten haben? Wie kann me sich af e ferschtlichen Ball unterhalten? Supperflö hab' ich mich unterhalten.

Hofmeister: Verzeihen Sie, Herr Baron, was heißt supperflö?.

Baron: Was heißt, was heißt? Sie leben schon so lange in meinem Haus, wo so viel französisch konsternirt wird und haben noch so wenig proviantirt.

Hofmeister: Profitirt, mein Herr Baron. Profitiren heißt gewinnen und proviantiren heißt mit Lebensmitteln versorgen.

Baron: Nu, und is Geld ka Lebensmittel? Un wenn ich Geld gewinn, thu' ich mich nicht mit Lebensmittel versorgen? Und Sie wollen mir beweisen, daß profitiren und proviantiren nicht alleseins ist? Ich werde Ihnen den Unterschied sagen: Profitiren sagen die gemeinen Leut', große Kavaliere, wie Generale und so andere sagen immer proviantiren. Ich hab's selbst gehört.

Hofmeister: Meinetwegen. Aber ich weiß noch immer nicht, wie Sie sich beim Hohenlohe unterhalten haben.

Baron: Ausgezeichnet hab' ich mich unterhalten.

Hofmeister: Ich habe aber von Leuten, die auch dort waren, gehört, daß Ihnen kein Mensch in die Nähe gekommen ist.

Baron: Merkwürdig! Das reden die Leut', weil sie vor Neid zerspringen. Kein Mensch ist mir in die Nähe gekommen? Alle Kavaliere sind mir in die Nähe gekommen! Ich bin zum Beweis ganz blau, denn sie sind immer mit dem Ellbogen an mich gekommen. Vom Fürsten E. hab' ich einen Stoß in den Rücken gekriegt, vom General B. in der rechten Seite, von Sr. Exz'lenz dem Grafen H. in der linken Seite. Mich hat es sehr amusirt, wie die Herrschaften an mir herumgestoßen haben, ohne etwas dabei zu spüren. Unangenehm war mir nur die Kontesse [!] L., die mir mit ihrem spitzen Ellbogen einen Hieb auf die Nase gegeben hat, als ich mit der ganzen Galantomie des italienischen Regele-Omo ihr das Sacktuch vom Boden aufheben wollte.

Hofmeister: Aber gesprochen hat Niemand mit Ihnen?

Baron: Niemand hat gesprochen mit mir? Ein Attaché der französischen Gesandtschaft hat mir das linke Hühneraug' abgetreten. Seh'n Sie, ich geh' deßhalb in Pantoffel herum. Der Attaché hat sehr freundlich gesagt zu mir: milli pardon, was gewiß die feinste Entschuldigung ist, denn Milli-Kerzen[2] sind ja auch die feinsten Kerzen.

Ich hab' große Schmerzen gehabt und bin hingehinkt in e Winkerl damit ich den hohen Herrschaften nicht so überall im Weg bin und sie mich nicht so stoßen und treten. Und das Schönste is, wie ich so hinsieh', höre ich eine Herrschaft zu der andern sagen: »Der hat den Orden der Ehrenlegion verdient«. Er hat gewiß mich gemeint, weil mir der französische Attaché einen so fürchterlichen Tritt gegeben. Nun, denk ich mir, is auch gut; ich hab schon e Orden für weniger Verdienst bekommen, d.h. ich mein, für weniger Schmerzen.

Hofmeister: Also Alles, was man dort mit Ihnen gesprochen hat, war das Milli-Pardon.

Baron: Gott über die Welt, nein! Auch der junge Graf K. ist zu mir gekommen und hat mir sehr freundlich gesagt, es freut ihn, daß er das Vergnügen hat, mich da zu sehen, sonst hätte er mir heute schreiben müssen, weil morgen sein Wechsel bei mir fällig ist und er ihn jetzt nicht zahlen kann. Ich hab natürlich gesagt, daß ein so feiner Kavalier bei mir zahlen kann, wenn er will, da hat er mir sehr freundlich die Hand gedruckt und is weiter gegangen.

Hofmeister: Ja die Herren Kavaliere sind immer sehr freundlich, wenn sie ihre Wechsel nicht zahlen können. Aber finden Sie, Herr Baron, daß man Sie beim Fürsten Hohenlohe anständig behandelt hat?

Baron: Wissen Sie, lieber Freund, Sie fangen mich schon an zu giften. Was thun Sie mich so exkriminiren? Ich hab' mich sehr gut unterhalten. Is mer leid, wann's Ihnen nicht recht ist. Jeder unterhalt sich nach seinem Hogü*). Seien Sie so gut, die Kinder warten schon, gehen Sie jetzt zu Ihrer Obstruktion.

[1] Konstantin Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1828–1896): General und Erster Oberhofmeister; residierte seit 1867 im Wiener Augartenpalais (Palais Leeb). Anm. R.M.

[2] Milli-Kerzen: das sind Stearinkerzen. Anm. R.M.

*) Wahrscheinlich haut goût.

[Karl Floch]: Herr Eduard Todesco, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 11 (13. März 1870), S. 42.

42

Herr Eduard Todesco

(liest die jüngste Nummer des »Floh« sehr aufmerksam, schüttelt den Kopf, liest wieder, schüttelt wieder den Kopf und spricht endlich):

Merkwürdig! Der Hofmeister sagt mir, dieses Blatt macht sich lustig über mich, indem es fremde Wörter verdreht oder schlecht anwendet. Jetzt les' ich den Partikel über mich schon dreimal und finde kein einziges fremdes Wort verdreht oder schlecht angewendet. Mir scheint, der Hofmeister ist ein großer Figurant oder will mich mystiklistiren.

[Karl Floch]: Im Salon, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 12 (20. März 1870), S. 46.

46

Im Salon

eines hiesigen Bankiers ist große Gesellschaft.

Dr. Giskra[1] begegnet dem Baron Eduard Todesco. Leutselig erkundigt sich der Minister nach dem Befinden des Mannes, der für die »gute Gesellschaft« so interessant geworden, seitdem er in die Reihe der Mitarbeiter des »Floh« eingetreten.

Brn. Todesko: Ich danke, Ex'lenz. Ich konfundire mich, so gut es geht. Ich habe gestern die große Blessur gehabt, Ex'lenz zu Pferde zu sehen. Ex'lenz nehmen sich wirklich pittoyabel aus, so was man sagt, malerisch! Es schlagt Ihnen auch sehr gut an, das Reiten! So eine kleine Contusion alle Tag' ist gesund.

Giskra beißt sich in die Lippe und will fort. Todesco vertritt ihm den Weg und spricht weiter:

Erlauben Sie, Ex'lenz, daß ich die Gelegenheit échappire, Ihnen etwas zu sagen, was mich schon lange wie ein cochon (cauchemar = Alp?) drückt. Die Zeitungen erzählen, daß Ex'lenz an der gänzlichen Aufhebung des Konkubinats arbeiten?

Giskra (erstaunt): Des Konkubinats? Wie meinen Sie?

Todesco: Nun ja, des Konkubinats mit Rom.

Giskra (krampfhaft): Ach, das Konkordat meinen Sie?

Todesco: Ja, das ist doch alles Eins.

Giskra: Im Gegentheil: besser. Das Konkubinat mit Rom ist vorzüglich gesagt.

Todesco: Sehen Sie, Ex'lenz. Wenn die dummen Leut' vom »Floh« gehört hätten, daß ich das Konglomerat mit Rom sage, hätten sie gleich wieder was auszustellen gehabt. Ex'lenz finden es aber vorzüglich gesagt. Gewiß, ein Mann von Bildung soll seine Konvulsionen nur auf Männer vom Geniekorps beschränken.

Giskra (fängt an, im Gesichte blau zu werden): Nun, und was weiter?

Todesco: Ich meine, wie so eine liberale und wirklich demagogische Regierung dazu kommt, so ein Stück vom mitteren Alter zu haben, wie ein Minister für Exkommunikation?

Giskra (halb erstickt): Exkommunikation – wer?

Todesco: Nun, der Herr v. Plener[2] ist doch Minister für Handel und Exkommunikation.

Giskra reißt sein Taschentuch hervor, hält es an die Nase, als bekomme er Bluten, und stürzt ab.

Der Unglückliche wurde von einem Lachkrampf befallen, welcher volle 12 Stunden dauerte und erst dann sein Ende fand, als man Sr. Exzellenz meldete, daß Hr. v. Lonyai[3] mit der ungarischen Antwort in der Militärgrenz-Frage angekommen sei. Da ist Sr. Exzellenz das Lachen glücklich vergangen.

[1] Karl Giskra (1820–1879): Univ.-Prof. der Staatswissenschaften an der Universität Wien und Staatsmann, seit 1867 Präsident des Abgeordnetenhauses, 1867–1870 Innenminister. Anm. R.M.

[2] Ignaz (seit 1856: Edler von) Plener (1810–1908): Staatsmann, 1860–1865 Finanzminister, 1867–1870 Handelsminister, Januar und Februar 1870 Ministerpräsident. Anm. R.M.

[3] Recte Menyhért Lónyay (seit 1871 gróf de Nagylónya et Vásárosnamény; 1822–1884): Staatsmann, 1867–1871 Finanzminister, 1871–1872 ungarischer Ministerpräsident. Anm. R.M.

[Karl Floch]: Todesko-Anekdoten, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 13 (27. März 1870), S. 51.

51

Todesko-Anekdoten.

Haus- und Geschäftsfreunde des Herrn Baron von Todesko sind so liebenswürdig, uns eine Anzahl pikanter Anekdoten über diesen unerschöpflichen Humoristen einzusenden. Hier folgen einige:

Die kleine Baronesse hat Zahnschmerz. Sie klagt dem Papa. Dieser tröstet das Fräulein mit den zärtlichen Worten:

– Hab' nur ein Bischen Partitur, mein Engel. Es wird schon besser werden. Du bist ja meine muthige Thekla und ich dein guter Lear.

–––––

Der Herr Baron erscheint in seiner Loge. Es wird »Romeo und Julie« gegeben. Im ersten Akte lehnt er sich in einen Winkel zurück, schließt die Augen und sagt seinem Begleiter:

– Wenn er schwimmt, wecken Sie mich.

Der Herr Baron verwechselt nämlich die Stücke »Romeo und Julie« – »Hero und Leander« mit gewohnter Konsequenz.

–––––

Im Komptoir.

Ein Fremder: Erlauben Sie, Herr Baron, mich bei Ihnen auf die Firma Z. zu erkundigen.

Baron: Sehr gutes, sehr reiches Haus, habe dem Chef erst gestern einen Wechsel auf 30.000 Gulden eskamotirt.

–––––

In der Verwandtschaft des Herrn Barons [!] gibt es mehrere Knaben und kleine Mädchen. Neulich waren die Kinder beisammen. Man hört sie unbändig und aushaltend lachen. Die Eltern werden aufmerksam und begeben sich in die Kinderstube.

– Worüber lacht Ihr denn gar so herzlich?

 Ach, Mama, – stöhnt ein kleines Fräulein – der Nazi ahmt dem [!] Onkel Eduard nach und spricht so einen fürchterlichen Unsinn zusammen.

[Karl Floch]: Im Wohlthätigkeits-Bazar, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 14 (3. April 1870), S. 55.

55

Im Wohlthätigkeits-Bazar

sind mehrer Spenden eingelaufen, die aber von den Damen aus verschiedenen Rücksichten nicht ausgestellt, sondern der Redaktion des »Floh« zur Verfügung gestellt worden sind.

Es wurden gespendet:

Vom Ministerpräsidenten Hasner[1]: Zwei Standpunkte, ein Gesichtspunkt, zwei Grund- und drei Grenzlinien, ein frisch gewichster Boden der Verfassung.

Von Dr. Herbst[2]: Das Prinzip, auf dem er bereits seit zwei Jahren reitet. (Gebrechlich.)

Von Dr. Banhans[3]: Ein Exemplar des Hengstes, der mit Gottes Hilfe in zwei Jahren in Oesterreich nichts kosten wird.

Von Dr. Brestel[4]: Ein warmer Händedruck des Dr. Herbst. (Ohne Werth.)

Von Königswarter[5]: Fünf Papierzehnerln. (Sehr schmutzig.)

Von Gustav Heine[6]: Ein Band seiner gesammelten Inserate.

Von Baron Eduard Todesco (nach eigener schriftlicher Angabe): Eine Statue L.A. Kohn (soll heißen Laokoon) in dem Momente, wo er durch das rothe Meer geht.

Von Direktor Ascher[7]: Ein Stück von Anton Langer[8] unter der Bedingung, daß man es ihm niemals wieder zurückgibt.

Von Frl. Mayerhoff[9]: Eine Perlmuttergarnitur und ein Kleid, das man auf einen Sessel legen kann.

[1] Leopold Hasner (seit 1836: Edler von Artha; 1818–1891): Jurist und Staatsmann, 1867–1870 Minister für Kultus und Unterricht und Februar bis April 1870 Ministerpräsident. Anm. R.M.

[2] Eduard Herbst (1820–1892): Univ.-Prof. der Rechtswissenschaften und Staatsmann, 1867–1870 Justizminister. Anm. R.M.

[3] Anton (seit 1886: Freiherr von) Banhans (1825–1902): Staatsmann, 1870 Ackerbauminister, 1871–1875 Handelsminister. Anm. R.M.

[4] Rudolf Brestel (1816–1881): Univ.-Prof. der Mathematik und Staatsmann, 1867–1870 Finanzminister. Anm. R.M.

[5] Jonas (seit 1860: Ritter von; seit 1870: Freiherr von) Königswarter (1807–1871): Bankier, Gründer des Bankgeschäftes Königswarter & Todesco, seit 1850 Direktor der Oesterreichischen Nationalbank. Anm. R.M.

[6] Gustav (seit 1867: Ritter von) Heine (seit 1870: Gustav Freiherr von Heine-Geldern; 1812–1886): Publizist, Bruder des Dichters Heinrich Heine (1797–1856), 1847 Gründer und seither Herausgeber der Zeitung »Das Fremdenblatt« (Wien). Anm. R.M.

[7] Anton Ascher (1820–1884): Schauspieler, 1866–1872 Direktor des Carltheaters in Wien. Anm. R.M.

[8] Anton Langer (1824–1879): Schriftsteller, Journalist und Übersetzer; schrieb viele Theaterstücke, über hundert Romane (meist so genannte Fünf-Groschen-Romane) und übersetzte rund hundertfünfzig Romane aus dem Französischen. Anm. R.M.

[9] Recte Hermine Meyerhoff (1848–1926): Opernsängerin, seit 1869 am Wiener Carl-Theater. Anm. R.M.

[Karl Floch]: Todesko-Anekdoten, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 15 (10. April 1870), S. 56 [recte 60].

56 [recte 60]

Todesko-Anekdoten.

Diesen Donnerstag gab es große Soiree bei Baron Todesko. Vertreter der verschiedensten Nationen waren geladen. Man bewunderte allgemein das Sprachentalent des Gastgebers. Baron Todesko sprach nämlich mit Jedermann in seiner Muttersprache – nämlich jüdisch.

–––––

Baron Todesco im Salon Beust:

– Nein, dieses Tableau juivant von der Musica sacramenta und dieses Schäferspiel aus Watta ist delinquent! Aber dieser Karl Treumann wird alt, – er ist unstreitig der Nestroy (vermuthlich Nestor) unter den Komikern.

–––––

Der Baron Eduard Todesco sagte neulich zu einer Dame, die in einer Gesellschaft über Kränklichkeit klagte: »Sie müssen im Sommer eine Explosion in ein Bad machen und dort einen Arzt insultiren, das wird Ihnen gewiß helfen.«

[Karl Floch]: Todesco-Anekdoten, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 16 (17. April 1870), S. 63.

63

Todesco-Anekdoten.

Von allen Seiten, meldet uns der Jubilar Baron Todesco, habe ich bei meinem Judiläum Operationen entgegengenommen. Selbst der alte Grillpatzer hat mir ein Gedicht verifexirt; er hat schon im Jahre 1848 einem blaublutigen Standesgenossen, dem Grafen Schadetzky,[1] bei einem ähnlichen Judiläum ein Gedicht geschickt. Er sagt: Oesterreich ist auf deinem Lager! Nu, er übertreibt. A gutes Stück von Oesterreich hab' ich mer wohl angeschafft; aber ganz Oesterreich doch nicht. Man sagt mir, solche Uebertreibungen nennt man bei die Dichter poetische Lizitation und bei jeder Lizitation kommt Alles höher, als es werth ist.

–––––

Folgendes Schreiben ist uns eingesendet worden:

»Lieber Rothberger![2]

Ich lese in den Zeitungen, daß es im Ministerium Metamorp-Hosen gibt. Machen Sie mir eine solche, aber zugleich auch ein Metamorp-Gilet und Rock.

Ihr

Baron Eduard Freiherr v. Todesco

[1] Gemeint ist Josef Wenzel Graf Radetzky von Radetz (1766–1858): Feldmarschall, auf den der Dichter Franz Grillparzer (1791–1872) im Juni 1848 das Lobgedicht »An Radetzky« anlässlich der Niederschlagung der nationalen Revolution in Italien schrieb, mit dem berühmten Satz: »In deinem Lager ist Österreich«. Anm. R.M.

[2] Jakob Rothberger (1826–1899): Begründer einer Kleiderhaus-Firma in Wien. Anm. R.M.

[Karl Floch]: Todescoiaden, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 17 (24. April 1870), S. 67.

67

Todescoiaden.

Im Salon Todesco spricht man von Kunst im Allgemeinen und von Bildhauerei im Besonderen. Der Baron, der im Besitze einer aus karrarischem Marmor gefertigten Statue seiner Frau ist, hört eine Weile zu und fährt dann auf: »Da muß ich deprimiren! Das Berühmteste in der Archistriktur ist doch der Carrara, der meine Frau skalpirt hat.«

–––––

Anläßlich der neuen Gründungen des Herrn Strousberg[1] rief unser Baron aus: »Nein, dieser Strousberg erhält eine Eisenbahnkongestion nach der andern.[«]

[1] Bethel Henry Strousberg (d.i. Baruch Hirsch Strousberg; 1823–1884): deutscher Unternehmer, unter anderem auch im Lokomotivenbau. Anm. R.M.

[Karl Floch]: Theater-Floh, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 18 (1. Mai 1870), S. 71.

71

Theater-Floh.

[…]

Baron Todesco über »Bartelmanns Leiden«[1] im Theater an der Wien:

Die Carême der Stadt hatte sich zu dieser Vorstellung gedrängt, mir blieb nur ein Plafond-Sitz übrig, so daß ich eigentlich nur aus der Vogelrespektive berichten kann. Da Sie mich jedoch aufgefordert haben, sparodisch für den »Floh« über Theater zu reformiren, so stelle ich mich Ihnen sofort zur Dienstposition. – Das Stück ist aus dem Italienischen; ich für meine Person bin prinzipal gegen jede Transatlation, weil jeder vernünftige Mensch das Verschwinden aller Fremdsprachen, aus denen so viele Wörter zu uns kommen, die von Ungebildeten verwaldhornt werden, nach Möglichkeit purgiren soll. Die Explosion im ersten Akte ist etwas lang, dagegen ist die eigentliche Peripherie in der Mitte des Stückes sehr geschickt und effektiv. Im dritten Akte wirkt Rott[2] geradezu faszimentirend; ich stehe nicht an, diesen Schauspieler für ein Volumen mundi zu erklären, da alle Bühnen von der Nordsee bis zum Phosphorus keinen solchen Schauspieler aufzuweisen haben.

Die übrigen Schauspieler brachten es kaum zu einem Sukzessiv d'estime; keine Gestalt ist eigenthümlich und alle nach der Chaiselongue gearbeitet. Frau Rott[3] hat eine hübsche Büste, aber ihr Spiel ist zu affizirt und es wäre ihr das Cholera-Temperament von Frl. Herzog[4] zu wünschen. Herr Rüden[5] hat den besten Willen, aber er ist einmal dem Publikum unspetaktisch und – exempla trapezunt. Herr Friedrich[6] hat sogar einige Coupés gesungen, aber da sein Orkan wohl viel Vobulität, jedoch keine Schmelz besitzt, so blieb das Publikum in Differenz. Die rührige Direktion des Wiedener Theaters wird wohl den Schlappen, welchen sie erlitten, wieder zu repartiren wissen; sie hat Großes angestrebt und möge sich mit dem Spruch des Lateiners trösten: In mazzes voluisse satt ist.

[1] Bartelmann's Leiden. Lebensbild mit Gesang in drei Akten. (Frei nach dem Italienischen des Vittorio Bersezio) von Hugo Müller: deutsche Fassung von »Le Miserie del signor Travetti. Commedia in cinque atti« von Vittorio Bersezio (1830–1900). Anm. R.M.

[2] Karl Mathias Rott (1807–1876): Schauspieler, seit 1847 am Theater an der Wien. Anm. R.M.

[3] Maria Rosalia Lutz (1841–1872): Sängerin und Schauspielerin, seit 1862 mit Karl Matthias Rott verheiratet, mit dem sie schon vorher den außerehelichen Sohn Hans Rott (1858–1884) hatte, Komponist und Organist. Anm. R.M.

[4] Katharina Herzog (1819–1900): Schauspielerin, 1862–1893 am Theater an der Wien. Anm. R.M.

[5] Friedrich Rüden (d.i. Friedrich Rüden von Thelen; 1836–1900): Maler und Schauspieler, unter anderem bis 1871 am Theater an der Wien. Anm. R.M.

[6] Leo Friedrich (d.i. Leo Hermann; 1842–1908): Schauspieler, unter anderem am Theater an der Wien. Anm. R.M.

[Karl Floch]: Ueber die politische Situation, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 19 (8. Mai 1870), S. 75.

75

Ueber die politische Situation

schreibt unser geschätzter Mitarbeiter Baron Eduard Todesco:

 Unsere innere Situationslage ist sehr verwickelt. Ich weiß nicht, warum sich diese Czechen in einemfort auf ihr hysterisches Recht so stützen, vielleicht weil ihre erste Königin weiblichen Geschlechtes war? Was das französische Plebiskuit betrifft, so sieht man ganz deutlich, daß Napoleon III. der Onkel seines Neffen ist und zugleich ein Abkömmling jenes Louis quaterze des Fünfzehnten, der einmal gesagt hat: »L'été c'est moi!«[1] Die griechische Räubergeschichte ist ein unangenehmer Exzedenzfall. Ich hoffe, daß es die Sache des Hauses der Gemeinen sein wird, gegen diese Gemeinheit der griechischen Regierung zu protestiren. Im Uebrigen ist dieses Marathon aus der alten römischen Geschichte der Griechen bekannt. Der berühmte Geschichtsforscher Brockhaus erzählt unter M. darüber merkwürdige Geschichten, die ich übrigens als gebildeter Mann auswendig weiß. Auf der Ebene von Marathon fand nämlich jene große Seeschlacht statt, durch welche die alten Juden dem römischen Staate einverleibt und gezwungen wurden, zum Christenthum überzutreten.

Da fällt mir ein, daß die Zeitungen den Holzgethan[2] als unparlamentarischen Minister bezeichnen. Lächerlich! Wie kann er unparlamentarisch sein, wenn er der Schwager des Plener[3] ist, der doch parlamentarisch war?

[1] »L'État, c'est moi!« (Der Staat bin ich!) gilt als Losung von Louis XIV de Bourbon (1638–1715). Anm. R.M.

[2] Ludwig (seit 1855: Ritter von; seit 1865: Freiherr von) Holzgethan (1800–1876): Finanzbeamter und Staatsmann, 1870–1871 österreichischer und 1872–1876 österreichisch-ungarischer Finanzminister sowie Oktober bis November 1871 Ministerpräsident; als Unterstaatssekretär 1864–1865 Stellvertreter seines Schwagers, des Finanzministers Ignaz von Plener. Anm. R.M.

[3] Ignaz (seit 1856: Edler von) Plener (1810–1908): Staatsmann, 1860–1865 Finanzminister, 1867–1870 Handelsminister, Januar und Februar 1870 Ministerpräsident. Anm. R.M.

[Karl Floch]: Todescoiaden, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 20 (15. Mai 1870), S. 79.

79

Todescoiaden.

Baron Todesco begegnet den »Dichter« Mosenthal[1] und will ihm ein Kompliment machen, indem er sagt: »Ah, Herr Doktor, ich höre mit Vergnügen, daß wir nächstens im Burgtheater eine Nudität von Ihnen zu sehen bekommen.«

–––––

Zu seinem Advokaten sagte der Herr Baron dieser Tage: »Machen Sie rasch die nöthigen Eingaben, denn es ist Perikles in Morast. (Periculum in mora.)«

–––––

Bei der Ausstellung im Künstlerhause äußerte Herr von Todesco: »Nein, was diese Bildergaleeren schön zum Anschauen sind.«

–––––

Der Baron kauft einen neuen Flügel und findet, daß der Finanzboden ausgezeichnet ist.

[1] Salomon Hermann (seit 1872: Ritter von) Mosenthal (1821–1877): Dichter und Bibliotheksvorstand im Unterrichtsministerium, seit 1842 in Wien, zählte zu den beliebtesten Dramatikern und Librettisten seiner Zeit. Anm. R.M.

[Karl Floch]: Todescoiaden, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 21 (22. Mai 1870), S. 83.

83

Todescoiaden.

An der Börse.

– Hören Sie, mon cher lieber Herr von Königswarter,[1] Sie haben mir da eine Zigarre operirt, die ein entsetzliches Arheuma hat.

*

– Diese Donau-Rekrutirung ist eine Wohlthat für Wien.

*

– Zu Herrn Eduard Mautner[2] sagte der Baron von Todesco: »Lieber Mautner, Sie haben in der letzten Zeit so wenig gearbeitet, fehlt es Ihnen an Transpiration

*

– Zu seinem Bruder, dem Herrn Moriz von Todesco, sagte der Baron Eduard: »Willst Du nicht den Sommer bei mir zubringen? Ich habe eine Villa mit einer prachtvollen Kuranda.[3]«

Und Herr Moriz von Todesco antwortete: »Wann wirst Du endlich korrupt sprechen lernen? Kuranda ist ja ein Reichsrathsdüpirter, – Du willst wohl sagen, eine Villa mit einer schönen Veueranda

[1] Jonas (seit 1860: Ritter von; seit 1870: Freiherr von) Königswarter (1807–1871): Bankier, Gründer des Bankgeschäftes Königswarter & Todesco, seit 1850 Direktor der Oesterreichischen Nationalbank. Anm. R.M.

[2] Eduard Mautner (1824–1889): Dichter und Journalist. Anm. R.M.

[3] Ignaz (seit 1872: Ritter von) Kuranda (1811–1884): Publizist und liberaler Politiker, 1861–1884 Abgeordneter des Reichsrates. Anm. R.M.

[Karl Floch]: Todescoiade, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 22 (29. Mai 1870), S. 86.

86

Todescoiade.

Ich lese soeben, daß Herr Roquefort[1] ein Stück für das Carltheater geschrieben hat. Dieser Herr scheint also kein Käse, wie man mir bisher amputirte, sondern ein Schriftsteller zu sein.

[1] Gemeint ist François de La Rochefoucauld (1613–1680): französischer Schriftsteller, auch im 19. Jahrhundert noch viel gespielt. Anm. R.M.

[Karl Floch]: Todescoiaden, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 23 (5. Juni 1870), S. 91.

91

Todescoiaden.

Baron Eduard: Ich begreife nicht, daß diese »Miß Sarah Sampson« (unter und gesagt, ich kenne keine Familie, die so heißt, und die Sara ist doch von unsere Leut) erst jetzt im Deutschen gegeben wird. Ich habe dieses genitale Werk unseres Lessings, des Verfassers von Nathan dem Großen, voriges Jahr in Paris in dem Theater Saint-Porte-monnaie gesehen.

Ritter Moriz: Du sprichst schon wieder einen lapsus salami! – Das Theater heißt ja Notredame, und zwar deshalb, weil dort der »Glöckner von Notredame« zum ersten Male aufgeführt wurde.

–––––

Baron Eduard: Denk Dir nur, mon frère, es hat sich an der Börse schon wieder eine neue Combanditengesellschaft gebildet. Im vorigen Sequester sind mehrere zu Grunde gegangen.

Ritter Moriz: Du machst Einem wirklich rabbinat mit Deinen Ausdrücken. Du meinst wohl eine Commandanten-Gesellschaft? Warum kaufst Du Dir nicht ein Konversations-Lexikon von Fremdwörterbüchern?

–––––

Baron Eduard: Ist es doch wahr, daß das Accouchement des Fräuleins Ida Benza[1] im Operntheater demnächst stattfindet?

Ritter Moriz: Ich glaube nicht. Sie will früher einen Gastrollen-Zirkus in Paris unternehmen.

[1] Ida Benza, verheiratete Nagy (1846–1880): ungarische Opernsängerin, 1866–1868 an der Wiener Hofoper, danach in Budapest. Anm. R.M.

[Karl] Klič: Ein Mitarbeiter des »Floh«, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 24 (12. Juni 1870), S. 93. Karikatur des Eduard Freiherrn von Todesco, signiert »Klic / 1870«.

93

[Karl Floch]: An die löbliche Sammlung, Anordnung und Abfassung solcher Aufsätze des »Floh« hier, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 24 (12. Juni 1870), S. 94.

94

An die löbliche Sammlung, Anordnung und Abfassung solcher Aufsätze des »Floh«

hier.

Meine Herren Amtsbrüder!

Als Sie dieser Tage vor mehr als drei Monaten die gesammte Mitarbeiterschaft der Sammlung, Anordnung und Abfassung solcher Aufsätze des launisch-verdrießlichen Witzblattes »Floh« bildlich vom Gesichte abzeichneten, ohne meinen eigenen Aehnlichkeitsausdruck zu berücksichtigen, daß ich da nicht aus der Haut fuhr, war das Werk eines Augenblickes. Um diesen Fehler, welcher eine große Lücke in Ihrem Tagbuchblatte veranstaltete, gehörig auszufüllen, schicke ich Ihnen ein Lichtbild von mir. Sie können sich keinen Gedanken machen, wie verhängnißschwanger dieses Vorhaben war. Ein guter Freund von mir hatte nämlich den ursprünglichen Begriff, alle meine Lichtbilder bei den verschiedenen Bild-Lichtziehern und Lichtbild-Aussetzungen der Mutterstadt der österreichischen Alleinherrschaft mit Beleg zu schlagen, um eine Verlautbarung im »Floh« zu verhindern. Ich mußte mich daher neu ablichtbildern lassen, wovon ich Ihnen ein Muster für Ihren in's Fratzenhafte spielenden erhabenen mit einer gewissen Summe bei den Alten versehenen Zeichner sende.

Sie werden sich über meinen heutigen Griffel der Alten wundern. Oh, ich kann auch reinlich deutsch schreiben, wie die giftigen Brüder. Ich brauche nur bei jedem Fremden Worte das Wörterbuch nachzuschlagen1).

Und nun einige afrikanische Wurmröhren2) zu meiner Lebensgeschichtsbeschreibung. Mein Geschlecht hieß ursprünglich Deutsch, was im Französischen Tedesco heißt. Es gibt indessen, wie Sie wissen, ungebildete Leute, die es mit den Fremdwörtern nicht genau nehmen und so nannte man uns Todesco.

Unter allen meinen Brüdern geht es bei mir am edelsten zu. Ich rauche die feinsten Glimmstengel, ich fahre in einem zierlichen Geräthe3), meine Kinder spielen das Starkschwach4) und die Damen meines Hauses machen immer großes Putztischtuch5).

Vor zwei Monaten feierte ich das 25jährige Ablaßjahr6) meiner Ehe. Bei dieser Gelegenheit erhielt ich mehrere kleine Triumfe bei den alten Römern7).

Wegen meiner großen Verdienste an dem Staat, die sich auf mehrere Millionen belaufen, wurde ich in den Freiherrnstand erhoben, in welchem ich mich noch immer befinde.

Wien, 6. des Grasmonates 1870.

Ihr ergebener

Eduard Freiherr v. Todesco.

–––––

1Anmerkung der Redaktion: Jetzt erst verstehen wir das seltsame Deutsch des Herrn Baron. Nach dem Lexikon heißt also: »Sammlung, Anordnung und Abfassung solcher Aufsätze« Redaktion; »Amtsbrüder« Kollegen; »launisch, verdrießlich« humoristisch; »Tagebuch« Journal; »verhängnißschwanger« fatal; »ursprünglicher Bergriff« originelle Idee; »Aussetzen« exponiren; »Mutterstadt« Metropole; »Alleinherrschaft« Monarchie; »Verlautbarung« Publikation; »Ins Fratzenhafte spielen« karikiren; »erhaben« eminent; »eine gewisse Summe bei den Alten« Talent; »Griffel der Alten« Styl. Die »giftigen Brüder« sind ohne Zweifel die Gebrüder Grimm.

2) Offenbar hat der Herr Baron das Wort »datin« im Wörterbuch für Daten gelesen.

3) Elegante Equipage.

4) Fortepiano.

5) Toilette!

6) Jubiläum.

7) Ovation.

[Karl Floch]: Photogramme. (Neue Folge.), in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 47 (20. November 1870), S. 187.

187

Photogramme.

(Neue Folge.)

[…]

Baron Todesco.

Daß Sieg voraneilt stets dem preußischen Heeres-Affront,

Das geht fürwahr über seinen Hellespont.

Jedoch die Frank-Tiraden der Garde-Mabille

Sind ihm seit einiger Zeit auch schon zu viel.

[…]

[Karl Floch]: Baron Todesko, in: Der Floh (Wien), 11. Jg., Nr. 50 (11. Dezember 1870), S. 199.

187

Baron Todesko

ersucht um Aufschluß, ob die Pontiusfrage, um welche sich jetzt die politischen Conkubinationen drehen, noch von jenem Pontius herrührt, der als neutestamenlarischer Landesgerichtsrath sich unschuldiger Weise die Hände zu waschen pflegte?

Antworten wolle man direct an den Herrn Baron senden. (Verlängerte Kärntnerstraße, Todesco-Palais.)