Georg Grausam

Gramatneusiedl anno 1823

in: Pfarrblatt St. Peter u. Paul für Gramatneusiedl, Marienthal, Neureisenberg und Kirchberger-Siedlung Mitterndorf (Gramatneusiedl), 4. Jg., Nr. 1 (November 1954), S. [3–4].

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Gramatneusiedl anno 1823.

Da mit dem 1. September 1954 Gramatneusiedl gesetzlich von der Großstadt Wien getrennt und wieder dem Lande Niederösterreich zugeteilt wurde, ist es wie vor dem 15. Oktober 1938 eine eigene, selbständige »freie« Gemeinde.

In seiner über 900 jährigen Geschichte, die mit der Kirche innig verbunden ist, geben hauptsächlich die pfarrlichen Dokumente, wie Matriken, Beichtregister, Inventare, Gedenkbücher usw. Aufschluß über Häuser und Personen, die einst lebten.

Für 1774 verzeichnet das Protokoll B (Pfarrarchiv Moosbrunn) für Gramatneusiedl 53 Familien in 40 Häusern mit insgesamt 224 Einwohnern.

Das Beichtregister 1823, geschrieben von Schullehrer Josef Huemann am 12. Juli 1823, gibt 44 Häuser und 264 Einwohner an, wobei er noch die alte 1771 eingeführte Häusernumerierung, die 1826 total geändert wurde, angibt, wie folgt (in Klammer ist die Hausnummer ab 1826):

N[umme]r 1 Ladenmühle an der Fischa, verpachtet an Georg Dürnbacher (ab 1826 44, jetzt Lagerhaus-Werkstätte Marienthal) – Nr. 2 Joseph Renner (27) – Nr. 3 Mathias Spieglgraber (28) – Nr. 4 Michael Fischer (29) – Nr. 5 Witwe Barbara Zimmermann (30) – Nr. 6 Johann Bergstaller (31) – Nr. 7 Georg Biberhofer (32) – Nr. 8 Joseph Muschky, Inwohner (33) – Nr. 9 Joseph Buchner (34) – Nr. 10 Johann Schiedl (35) – Nr. 11 Florian Fischer (36) – Nr. 12 Mathias Wagner (37) – Nr. 13 Franz Harr (38) – Nr. 14 Johann Zimmermann (39) – Nr. 15 Joseph Bömmer, Inwohner (40) – Nr. 16 Jakob Stohlberger (41) – Nr. 17 Michael Hintermayr (42) – Nr. 18 Schloß der Domkapitelherrschaft S[ank]t Stefan in Wien (1, jetzt Gemeindegasthaus und -Amt) mit Jäger- und Nachtwächterwohnung – Nr. 19 Gemeindewirt Jakob Bauer (2) – Nr. 20 Joseph Brauneder (3) – Nr. 21 Mathias Buchner (4) – Nr. 22 Joseph Griesmülner (5) – Nr. 23 Mathias Hochleutner, Bindermeister (6) – Nr. 24 Jakob Zimmermann (7) Ortsrichter von 1811 bis 1818 – Nr. 25 Lorenz Spieglgraber (8) – Nr. 26 Joseph Fischer (9) – Nr. 27 Joseph Mitterer (10) – Nr. 28 Georg Bergstaller (11) – Nr. 29 Johann Wagner, Inwohner (12) – Nr. 30 Johann Biberhofer (13) – Nr. 31 Franz Griesmülner (14) – Nr. 32 Gemeindeschmiede und Viehhirt (15), jetzt 15 und 55 – Nr. 33 Schule (35 Schüler), Lehrer Joseph Huemann (wirkte hier 1801 bis 1849). Die Schule wurde 1762 vom Domherrn Georg Ruschko gestiftet und neben die alte St. Peter- und Paulskirche hingebaut (18) – Nr. 34 Johann Seifner (20) – Nr. 35 Witwe Anna Maria Leiser (21) – Nr. 36 Johann Jewanschütz (22) – Nr. 37 Ignaz Weber (23) – Nr. 38 Georg Biberhofer (24) – Nr. 39 k[aiserlich] k[önigliche] privilegierte Flachsspinnfabrik »Marienthal« (früher Mühle an der Piesting; lgnaz Osmann, hier Müller 1750 bis 1778, baute mit Erlaubnis der Kaiserin Maria Theresia diese als »Theresienmühle« von Grund aus auf, wird zuerst als Fabrik genannt am 18. September 1820 im Geburtsbuch 8/55, Pfarrer Anton Schallerl, hier von 1826 bis 1850 wirkend, schreibt im Pfarrprotokoll F[olio] /303: »Die Gemeinde hätte diese Mühle um einen sehr wohlfeilen Preis erhalten können; aber nur ein einziger Nachbar war dagegen, und so unterblieb der Kauf, der für die

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Gemeinde so vorteilhaft gewesen wäre«, »Fabrik Marienthal« ist Nr. 39, jetzt Nr. 43, erstmals am 24. Jänner 1823 im Geburtsbuch 8/59 bezeichnet), Franz Wurm, Fabriksdirektor, der später, am 31. März 1827, wegen »Banknotenfälschung« zum Tod durch den Strang verurteilt wurde, August 1827 vom Kaiser Franz zu lebenslänglichem Kerker begnadigt (nicht Spielberg [d.i. Festung Špilberk in Brno, Tschechische Republik; Anm. R.M.], sondern Wien-Leopoldstadt!) und als »genialer Erfinder« nach einiger Zeit wieder in Freiheit gesetzt; 33 Personen. – Nr. 40 Jakob Fleischmann, Kleinhäusler (25) – Nr. 41 Ignaz Schebetka, Schneidermeister und Kleinhäusler (17), finde ich erstmals 1798 im Sterbebuch 8/16 erwähnt – Nr. 42 Andreas Schottner, Kleinhäusler (19, jetzt 166), erstmals 1801 im Geburtsbuch 8/17 genannt – Nr. 43 Michael Hampl, Kleinhäusler (26) – Nr. 44 Gemeindemühle (45), 1807 im Sterbebuch 8/30 erstmals genannt, Pächter Müller Paul Schiedl, jetzt Kibitzmühle – Haus Nr. 16 fehlt, dieses wurde vermutlich erst 1825 vom Wagnermeister Johann Weff erbaut.

Gleichfalls 44 Häuser gibt 1814 schon die Topographie E (Pfarre Moosbrunn) an und 1819 der Katastralplan, in dem übrigens an Stelle des Neugebäudes 114 auch schon ein größerer Bau verzeichnet ist.

4 Häuser (27–30, jetzt 10–13) waren erst am 7. November 1816 [recte 1817; Anm. R.M.] abgebrannt, Schaden von 20.801 Gulden W[iener] W[ährung]. Ursache: Unvorsichtigkeit eines Knechtes im [!] Nr. 27 (10), der nach Mitternacht ausfuhr und das Licht auszulöschen vergaß. (F/301).

11 Geburten stand die 65 jährige Hebamme Susanna Spranger, Moosbrunn Nr. 12, bei, 8 davon taufte der 74 jährige Dechant Lorenz Thomas selbst, 3 sein Cooperator Joseph Willim (November 1823).

9 Todesfälle waren 1823, darunter 5 Kinder; einer war ein 9 jähriger »Institutsknabe« der Fabrik Marienthal, der seit 28. März 1823 vermißt und am »27. April 1823 in den Fischafluß gefunden zufälliger Weise im Fischafluß ertrunken« namens Andreas Kack. Die 4 Alten waren: die 26 jährige Seilergesellensgattin Anna Zobler in der Fabrik Marienthal Nr. 39, die 3 Tage nach der Entbindung »an einer Spinn Übersetzung auf das Gehirn« starb, der 25 jährige Knecht Leopold Wappel in Nr. 31 (14), der 59 jährige Webermeister Michael Hampl Nr. 43 (26) und die 86 jährige Ausnehmerin Anna Fischer Nr. 11 (36). Beschaut wurden diese vom 66 jährigen Wundarzt Ignatz Reichenbacher, Moosbrunn Nr. 7 und dann im »Freythof zu Moosbrunn« begraben.

1 Trauung erfolgte 1823: Georg Schorn, Ebergassing 42, erst 19 Jahre alt, heiratete die 24 jährige Maria Anna Fischer, Gramatneusiedl 11, (dazu unterschrieb die väterliche Zustimmung für »Simahn Schuhrun« (-Simon Schorn) ein Bindermeister Lipusch. (Tr[auun]g[s]b[uch] 7/38).

1823 unterrichtete Lehrer Huemann 35 Schüler (6–12 jährige; 15 Knaben und 20 Mädchen), er besorgte das Mesneramt, war Organist in der Kirche und vollführte alle Schreibarbeiten in der Gemeinde.

Orts-, Grund- und Conscriptionsherrschaft Gramatneusiedl war das Metropolitan Domkapitel zu Wien, welche die Jagd verpachtete (1824 hatte sie Graf [Károly] Zichy [de Zich et Vasonkeö (1778–1834); Anm. R.M.] inne). Das Landgericht für unseren Ort war die Herrschaft Schwadorf.

Pfarrer Georg Grausam