[Georg Grausam]

Gramatneusiedl im Jahre 1663

in: Pfarrblatt St. Peter und Paul für Gramatneusiedl, Marienthal, Neureisenberg, Neu-Mitterndorf (Kirchbergersiedl.) (Gramatneusiedl), 9. Jg., Nr. [2] (November–Dezember 1959), S. [2–4].

Die Veröffentlichung auf dieser Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Pfarramts Gramatneusiedl. Beachten Sie das Copyright!

[2]

Gramatneusiedl im Jahre 1663

Die Bittschrift der Gemeinde Gramatneusiedl an den Fürsten Hartmann von und zu Liechtenstein vom Jahre 1663, die im E[rz]b[ischöflichen] Ordinariatsarchiv Wien 287/30, Filiale Gramatneusiedl, erliegt, läßt einen Blick in die Sorgen und Wünsche von damals tun:

»Durchleuchtig Hochgeborner Herzog!

Gnedigister Fürst vndt Herr etc[etera]. Euer fürstl[ich] Gnaden hiemit zubehöligen, haben wüer ein ganze Gemain zu Gramet Neusidl keinen vmbgang nehmen khönnen, Demnach wüer vergangenen 7. Januari des yezt laufenden 1663 Jahrs, bey der Abhandtlung, deß gewesten Herrn Pfarrers (Andreas Maderni 1645–1662) zue Moßprun [d.i. Moosbrunn; Anm. R.M.] seel[ige] verlassenschaft angemelt, daß man vnß die Kürchen Raittungen, welcher bemelter Herr Pfarrer seel: in die 17. oder 18. Jahr hero, zuesich genohmen, in die darzue verordnete Kürchenladt alhie zur Kürchen S[ank]t Petter et Paulle gehörig geben solle, damit ein ganze Gemain gleich wohl auch wüste, was das Gottshauß vermag, weillen einziger Buechstaben von 18 Jahren hero in bemelter Ladt von Raittungssachen zuefinden, sondern seindt allzeit durch dem pfarrer, nach deme es abgelessen worden, in dem Sackh gestekhet worden, so haben vnß die darzuebestelten Commissari alß Herr Vice Dechant von Manßwerth [d.i. Mannswörth, zu Schwechat; Anm. R.M.] disen Beschaidt geben, daß solches vnß, wie auch vnßerer Obrigkheit nichts anfühte, sondern es gehör der geistlichen Obrigkheit, vnd wan man Kürchenraittung halten würdt, so würdt man vnß vndt vnßerer Obrigkheit vorhero erindern;

So ist auch andtertens in Einstallierung des yetzigen Herrn Pfarrer (D[okto]r Johannes Caspar Faber 1662–1668) zu Moßprun, vnß offentlich vorgehalten worden, waß wier ihme zue thun schuldtig: Entgegen aber im Geringsten nichts wie er sich mit Verrichtung des Heylig[en] Gottesdienst, welches zwar nur dem driten Sontag alzeit in hiesigen Gottshauß beschieht, verhalten solle, einziges Wordt gemeltet worden, wie dan Euer fürstl. Gnaden auß hier-

[3]

bei ligenden abschrifts Stüftbrüef de dato Anno 1405 gnedig zuersehen haben, daß ein Pfarrer zu Moßprun wochentlich 2 Messen in dem hiesigen Gotteshaus vor die Guetthäter welche diejenigen Zehenten woruan ein Pfarrer zu Moßprun sich meistens ernehret, gestüfftet, leßen solle, dißes würdt nicht allein völlig underlaßen, sondern es ist durch den vorigen Herrn Pfarrer seel: auch zum öftern der drütte Sontägliche Gottesdienst underlaßen worden, vndt weillen nun vnßere Voreltern auß guetten cathollischen Eüffer, das Ihrige zue Ihrer sellen Heyl Inhalt des bemelten Stiftsbrieffs angeleget, vndt anietzo ihres Trosts würckhlichen beraubet werden, will vnß alß ihren Nahkhombling gebühren solches zue trüben, vndt weillen wüer weiter nicht wüßten, wie vnß vndt dennen Verstorbenen mohte geholfen werden, sondern zue Euer Fürstl. Gnaden alß vnßer gnedigisten Obrigkheit vnßer Zueflucht suechen;

Alß gelangt an Euer Fürstl. Gnaden vnßer vnderthän[iges] vndt gehorsamstes Bitten, diselben wollen vnß in Gnaden an die Handstehen, damit vors Erste die Kürchen Raittungen in die verordnete Ladt gegeben werden mohten, Vndt vor das Andter damit der Gottsdienst allezeit den 3ten Sontag ordentlich celebriert: Drütens auch daß wochentlich der obigen Verbündtnuß nach die 2. Meßen vor die Abgestorbenen hinfüro mehten volbracht werden, im widrigen hetten wüer ja billich Vrsach, denjenigen Zehent so ein Pfarrer zue Moßprun genießet, selbsten zue behalten, vndt einem Geistlichen zuegeben, der die oft gedachten 2. Meßen wochentlich leßen thette. Solches waß Euer Fürstl. Gnaden vnß hierin helfen, würdt der allmechtige Gott vmb Euer fürstl. Gnaden vndt das ganz Hauß von Liechtenstein, langes Leben vndt langwürig gliekhliche Regierung, hie Zeitlich: vndt dorth Ewig belohnen, die Armen vndt bißhero durch der Geistlichen Nahleßigkheit, trostloßen Seellen, werden solches bey dem Allerhöchsten vnuerschulter nicht laßen, wüer aber wollen es mit vnßerer ohnediß Schuldtigen vndertheingkeit Gehorsamb abdienen, wie wüer vnß dan in diser Sach Euer Fürstl. Gnaden vnderth. vndt gehors[amst] beuehlen thuen.

Euer Fürstl. Gnaden

Vnderth: vndt gehorsambe

NN. Richter, Gschworne vndt

Ein ganze Gemein des Dorfs

Gramet Neusidl

Offizial Jodocus Höpfner (Weihbischof, er weihte am 3. März 1671 die Nachbarkirche Wienerherberg) verlangte nun im Namen des Bischofs von Passau Wenzel Graf von Thun (1664–1673) vom Vicedechant Albert Morch (Mannswörth) Berichterstattung »wegen Verrichtung deß, inhalt des stüftbrieffs, zuthuen schuldigen Gottsdienst in der Kirchen zu Gramat Neusidl« und der Kirchen-Rechnungen (»Geben Wienn in Fürstl. Passauer Hoff bey der lieben Frauen auf der Stiegen« den 13. Nov[ember] 1665).

Nach einer Tagsatzung am 14. Dez[ember] 1665 zu Mannswörth, an der Pfarrer Dr. Faber von Moosbrunn und der Gemeindeausschuß von Gramatneusiedl »sambt H[errn] Hauptmanß Verwaltern zu Ebbergässing [d.i. Ebergassing; Anm. R.M.]« teilnahm, sandte Vicedechant Morch (am 10. Febr[uar] 1666) den Bericht ein, Gramatneusiedl habe wegen der Rechnungen »khein beschwernuß mehr«, da sie nunmehr in der Kirchenlade verwahrt werden, aber verlange vier heilige Messen wöchentlich in der Gramatneusiedler Kirche, wie der Stiftbrief vom Jahre 1405 ausdrücklich sagt; dagegen wendet Pfarrer Dr. Faber ein: er begehre den Originalstiftbrief, ferner den darin angegebenen Zehent »würckhlich«, von dem viel entzogen sei, »Item sey die Verrihtung für einen Priester allein zu vill, müeße einen Caplan halten, sonsten würde der FilialKürchen zu Gramatt Neüsidel mehr alß seiner PfarrKürhen zu Moßbrunn zuegesprochen«. Aber er sei auch dazu bereit, wenn die Stiftung seine Richtigkeit habe, und wird hierüber einen ausführlichen Bericht einreichen.

Interessant ist, daß damals in Gramatneusiedl jeden dritten Sonntag der

[4]

Gottesdienst für die ganze Pfarre Moosbrunn gehalten wurde.* Nirgends wird eine Klage über die Unzulänglichkeit der Filialkirche laut, das scheint mir ein Beweis, daß die jetzige Kirche damals schon bestand (das Jahr ihres frühbarocken Umbaues steht nämlich noch nicht fest). Auch ist die Hochschätzung des h[ei]l[igen] Meßopfers hervorzuheben, das unsere Vorfahren als das einzige gottgefällige Opfer erkannten, weil es das unblutige Kreuzopfer Christi ist, von dem alles Heil für uns ausgeht und durch das Lob, Dank und Bitte unserem Vater im Himmel dargebracht wird (v[er]gl[eiche] Mal. [recte Markusevangelium] 1, 9–11), wie es auch den Abgeschiedenen noch sehr nützlich ist! Für die besondere Stellung des Grundherrn spricht, daß die Gemeinde die Bittschrift an ihn richtet, der sie dann der bischöflichen Behörde weiterleitet. Warum man aber den Tod des langjährigen Pfarrers Maderni abwartete, ist nicht ersichtlich. Laut Sterbebuch II/111 der Pfarre Moosbrunn starb Pfarrer »Rdus ac Doctissimus Dnus Andreas Materni« am 11. Nov. 1662 und wurde am 13. Nov. in der Pfarrkirche Moosbrunn begraben.

* Wenn auch Gramatneusiedl im 17. Jahrhundert nur ein Dorf mit höchstens 250 Einwohnern war, so belebte es sich jeden dritten Sonntag, »in deme ihnen alle dritte Sonntag aldorten nicht nur eine Meeß, sondern ein gesungenes Amht sambt dem Asperges, Bredig oder Kinderlehr wie in einer Pfarr gratis gehalten wierd, worzue die Mooßbrunner ihre Pfarrkürchen verlassen, und alle in das Filial gehen miessen« (E[rz]b[ischöfliches] Ord[inariats] Arch[iv] Wien 287/30).