[Georg Grausam]

Zur Geschichte Gramatneusiedls: Kaiserin Maria Theresia entscheidet für Gramatneusiedl (1758)

in: Pfarrblatt St. Peter und Paul für Gramatneusiedl, Marienthal, Neureisenberg, Neu-Mitterndorf (Kirchbergersiedl.) (Gramatneusiedl), 11. Jg., Nr. [1] (Jänner–Juli 1961), S. [2–4].

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Zur Geschichte Gramatneusiedls:

Kaiserin Maria Theresia entscheidet für Gramatneusiedl (1758)

Schon seit 1663 versuchte die Gemeinde Gramatneusiedl, jeden Sonn- und Feiertag in ihrer Kirche – gemäß dem alten Stiftbrief aus 1405 – eine heilige Messe zu erhalten, zuletzt 1745, jedoch ohne Erfolg, wie wir aus dem letzten Pfarrblatt ersahen. Die Gramatneusiedler ließen aber nicht locker: 1754 wandten sie sich mit ihrem Anliegen an die n[ieder]ö[sterreichische] Repräsentation und Cammer, »worauf die Sach zu Ihro Kays[erliche] Majestät gediehen« ist. Kaiserin Maria Theresia wies die Gramatneusiedler nicht ab, sondern unterstützte ihr Begehren. »Es haben Ihro Kais[erlich] Königl[iche] Majestät über die von der Gemeinde zu Grämet Neusidl … angebracht und untersuchte Beschwärde, sohin allerhöchst Ihroselben erstattet gehorsamsten Vortrag untern 4. inlebenden Monats Martii (1758) allergnädigst zu resolviren geruhet, daß diese N:ö: Repraesentation und Cammer, zumalen die beygebrachte Urkunden in ansehung der inberührten im Jahr 1403. errichteten Stiftung keinen zweifel übrig lassen, mit Zuziehung des allhiesig Erzbischöfl[ichen] Consistorii, und deren Interessirten annoch vor allen gründlich zu untersuchen hätte, ob nicht der Pfarrer zu Moßbrunn [d.i. Moosbrunn; Anm. R.M.] bey denen angebrachten Umständen, und wo die Klag führende Gemeinde für den alleinigen Zehend jährlich 500 fl[orin] anbiethet, einen Capellan zu unterhalten, und folglich die Stiftung nach ihren Buchstablichen Inhalt zu volziehen vermöge. Bey wider Vermuthen sich etwa zeigenden ofenbaren unmöglichkeit aber sich mit dem Erzbischofl. Herrn Ordinario über ein billiges temperament vernehmen, und den beederseithigen Befund nacher Hof berichten solle.

Zumalen nun zu Vornehmung dieser allerhöchst-anbefohlenen untersuchung eine Erforderung, mit Zuziehung des Wienner[ischen] Consistorii dann des Pfarrers zu Moßbrunn und der Gemeinde zu Gramet-Neusidl auf den 11. künftigen Monats April vormittag um 11 Uhr angeordnet worden ist.

Alß wird ein solches dem Herrn Officiali, et Consistorio episcopali Passaviensi zu dem Ende erinnert, womit Selbe dieser Sachen halber auf obbesagten Tag, und Stund für Repraesentation und Cammer erscheinen und allda sich anmelden lassen sollen. Joh[ann] Jos[eph] Freyh[err] v[on] Mannagetta« (Citation »Ex Cons. Repräs. et C.I. Aus. Wienn, den 7. Merzen 1758« — E[rz]b[ischöfliches] Diöz[esan]-Archiv Wien 287/30, Filiale Gramatneusiedl).

Nach mehreren Verhandlungen kam dieser Vergleich (Temperament) am 3. November 1758 zustande, wodurch der heiße Wunsch unserer Vorfahren nach einem reichlichen und oftmaligen Gottesdienst in Erfüllung ging:

»3ten November 1758:

Nachdeme zwischen dem Wohl Ehrwürdig[en] Herrn Leonhard Hainzman Pfarrer zu Mooßbrun, dan d[ie] Gemeinde

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zu Neusidl, wegen von diser auf ein fürgebrachte alte Urkunde von Jahr 1403: anbegehrter, von ihme H[er]rn Pfarrer aber verweigerter Lesung 4: wochentl[iche] Heyl[ige] Meessen, in der Filialkürchen zu Grämät Neusidl, sofort hierüber entstandtener irung, und hierauß erwachsener Rechtsführung, von S[eine]r Kays: Königl: Apostolischen May[estä]tt schon d[en] 7ten Mertzen, nächst abgewichenen Jahrs, Allergnädigst entschlossen worden, daß der gedachte Urkund für richtig anerkennet, und bey sich äusserenden Anständen, daß der inhalt diser Urkund nicht könte in erfüllung gebracht werden, ein Billiges Temperament getroffen werden solle; Alß haben Sr. Hochfürstl. Gnaden, unser gnädigster Ertz-Pischoff, Herr Herr Ordinarius, zu dem Ende eine erforderung anberaumet, Wür aber Bey diser, nachfolgenden unwiderruefflichen vergleich verabredet, Beschlossen, und zuständen gebracht; und zwar

Erstlichen: Verpflichtet sich der Herr Pfarrer zu Mooßbrun für sich und seine Nachfolger allwochentlich zwey heyl. Messen in gedachter Filialkürch zu Grämät Neusidel, und zwar alle Sonn- und Feyertäge, wan nehml[ich] von denen lezteren eine einfallen nach inhalt des Stüft-Briefs ohnentgeltlich zulesen, oder lesen zu lassen, und für die alhiesige, und Mooßbruner Gemeinde zu appliciren, und alle dritte Sontäg, in Sommer umb 8: uhr, in winter aber umb 9: uhr ein gesungenes Amt, mit schlagung der Orgel, wie auch wechselweis eine Predig, und Kinderlehr zuhalten, über das auch verbindet sich gedachter Herr Pfarrer,

Zweytens: noch 2: andere zusammen 4: Heyl. Meessen alwochentlich und zwar in Feyertägen, insofern einige einfalleten, gegen bezallung 30: Kr[euzer] für jede Mesß zulesen oder lesen zulassen, und selbe nach meinung desjenigen, von welchen das abreichende Stipendium herfliesset, aufzuopfern, für widerholte Gemeinde aber jederzeit, in disen Fall, ein Memento zumachen, und damit so lang ununterbrochen fortzufahren, als Ihme für sothanne 2: Meessen, die gewöhnl[ichen] Stypendia mit 30 Kr zusammen mit 1 fl[orin] werden entrichtet werden; dahingegen sollen nicht nur

Drittens: die Pfarrkinder in der Filial zu Grämät Neusidl, ihre Jugend jedesmahlen in die Kinderlehr zu diser Pf arr und Muetter:kürch, ausser in denen § 1mo angemerkhten Täg abzuschicken, sondern auch die Gemeinde selbst, an denen fürnehmeren kürchen Feest-Tägen, als am Heyl. Neuen Jahr, 3: Königen, Ostern, Himmelfahrt Christi, Pfingsten, Fronleichnahm, Maria Himmelfarth, Aller Heiligen, unbefleckten Empfängnuß, Heyl. Christ-tag, in festo Patrocinij et Dedicationis Ecclesiae, in festo SS: Simonis et Judae, an Monath-Bruederschaft Sonntägen, und am Feest der Christenlehr Bruederschaft, wie auch bey Haltung öffentl[icher] processionen und Bittgängen sich einzufinden, auch almonathl[ich] 2 mahl in derselben den Nachmittägigen Gottes-dienst beyzuwohnen schuldig und verbunden seyn; zumahlen aber

Viertens: der dermahlige H[err] Pfarrer in dergestalten schwachen gesundheits umbständen sich befindet, daß er ohne besonderer annehmung eines eigenen Caplans obverglichene 4: wochentl. Messen zu halten, nicht in stande ist, alß hat sich widerholte Gemeinde noch dahin eingelassen, daß sie Ihme, so lang er lebet, nicht aber auch seinen Nachfolger, |: allermassen selber zufolge § primi die 2: Meessen zulesen, ohne entgelt ex officio verbunden wird :| eine von denen unentgeltlichen zu lesen habenden wochentl. 2: Meessen, gleichfahls eine mit dem ordinari Stypendio pr. 30: kr: bezallen wolle, und solle; zu wahrer Urkund dessen seyndt dises Vergleichs Vier gleichlauthende Instrumenta errichtet, von dem Herrn Pfarrer und Gemeinde zu Grämät Neusidl gefertiget, eines davon zur Allerhöchsten LandtsFürstl. Bestättigung nacher Hof, das zweyte zu dem Vbli Consistorio ArchiEpali Viennensi, das dritte zur Löbl[ichen] Pfarr Mooßbrun, und das vierte in die Kürchen-laad des Filial gotteshaus S: S: Petri und Pauli zu grämät Neusidel erleget worden; So beschehen Wienn den 3ten 9bris [d.i. November; Anm. R.M.] 1758.

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L[oco] S[igilli] Franz Leonhard Hainzman, Pfarrer zu Mooßbrun

L.S. Mathiaß Fischer, Richter zu gramat Neusidl

L.S. Ignatius Osman, Millnermeister auf der Laadenmihl

L.S. Johann Piberhofer, gerichtsgeschworner u. kürchenvatter alda,

L.S. Jacob Grießmüllner, Gerichtsgeschworner alda

L.S. Johann Wohlschlager, ghrtsgschworner

L.S. Mathias Hofschneider, ghrtsgschworner

L.S. Georg Grießmüller, Nachbahr und kürchenvatter

L.S. Joseph Wöber, Nachbahr alda

L.S. Lorenz Härtl, Nachbahr alda.«

(E[rz]b[ischöfliches] Diözesenarchiv Wien 1. c.)

Infolge dieses »Gramatneusiedler Temperament« vom 3. November 1758 mußte nun in Gramatneusiedl regelmäßig Gottesdienst gehalten werden, der Moosbrunner Pfarrer war daher gezwungen, einen zweiten Kooperator zu erhalten. Klar, daß das zusätzlich finanziell eine große Bürde war, aber zugleich sicherlich auch seelsorglich eine Erleichterung, weil ein weiterer Arbeiter im »Weinberg Gottes« der Pfarre Moosbrunn hier seinen vollen Einsatz leisten konnte.