[Georg] Grausam

† Unvergessen bleibt Dechant Leopold Eder, gestorben am 2. Sept. 1963 (begraben in Hausleiten)

in: Pfarrblatt St. Peter und Paul für Gramatneusiedl, Marienthal, Neureisenberg und Neu-Mitterndorf (Kirchbergersiedl.) (Gramatneusiedl), 13. Jg., Nr. [1] (April 1963–Jänner 1964), S. 6–8.

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Unvergessen

Bleibt

Dechant

Leopold Eder

Gestorben

am 2. Sept. 1963

(begraben in Hausleiten)

Wie ein aufgeschlagenes Buch liegt ein Priesterleben voller Güte, Leutseligkeit, Hilfsbereitschaft, Demut und Eifer zur Rettung unser aller Seelen durch Christi Sakrament vor uns, das 38 Jahre uns gewidmet war. Am 1. September 1925 kam der junge Priester Leopold Eder nach einjähriger Wirksamkeit in Lichtenegg (Bucklige Welt) in die große Pfarre Moosbrunn, wo ihm der unvergeßliche Pfarrer Friedrich Pösel besonders Gramatneusiedl anvertraute, das damals mit Neureisenberg–Mitterndorf 3300 Seelen zählte. Heftig tobte gerade damals das Ringen um die Seelen, denn nach dem Wunsche einiger sollte das Leben ohne Glauben an Gott mehr Glück verbürgen. Hier konnte darum kein Feigling als Priester existieren; er mußte Mut und Weisheit zugleich, gepaart mit einer übernatürlichen Liebe zu all den solcherart Gefährdeten, besitzen.

Leopold Eder wagte sich an die Arbeit und schlug nach dem Willen des Pfarrers Pösel seinen Sitz in Gramatneusiedl auf. Kanzel und Katechesen in der Schule, Vereine und Veranstaltungen, Kranke und Kinder erfuhren seine ganze Aufmerksamkeit. Am 1. September 1926 berief ihn Kardinal [Friedrich Gustav] Piffl als Studienpräfekt nach Hollabrunn (Seminar), was als besonderer Vertrauenserweis des Bischofs gilt. Da bestürmten die Pfarrkinder den Kardinal, ihn in Gramatneusiedl weiter wirken zu lassen, was der Kardinal nach Rücksprache mit Kooperator Eder zuließ. So blieb er weiter bei uns.

Neben der ordentlichen Priesterarbeit, die Hochwürden Eder sehr genau nahm, z[um] B[eispiel] betete er stets eine halbe Stunde nach der Messe in der Kirche, ist die außerordentliche Tätigkeit, die er zäh und beharrlich leistete, erstaunlich und erfolgreich.

Werfen wir einen Blick zurück (das Moosbrunner Gedenkbuch gibt den Leitfaden):

P[ater Alois] Bogsrucker hielt mit P. [Josef] Roller und P. Steidl die Volksmission 1926 (20.6. bis 5.7.), bei der 2000 Beichten gezählt wurden, Flugschriften einen reißenden Absatz fanden, die Bevölkerung sich musterhaft verhielt und den Missionären »rauschende Ovationen« darbrachte.

P. [Alois] Baudenbacher S[ocietas] J[esu] kam 1927 (Moosbrunn: 1. bis 8. Dezember, Gramatneusiedl: 8. bis 16. Dezember).

1927 »Von Kooperator Eder angeregt und eingeleitet« die Errichtung des Kath[olischen] Heimes durch Kauf eines Baugrundes hinter dem Postgebäude Gramatneusiedl N[umme]r 112.

1928 Erbauung des Pfarrheimes »durch die Bemühungen des Kooperators Eder Gründung der »Frohen Kindheit«. Herbst 1928 weihte P. [Adolf] Innerkofler das kath. Heim

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Gramatneusiedl. Pfarrer Pösel schreibt hiezu: »Der Pfarrer von Moosbrunn fühlt sich verpflichtet, zu verewigen, daß es ausschließlich ein Verdienst des hochwürdigen Herrn Koop[erators] Eder ist, die Bevölkerung aufzurütteln, zu interessieren, zu sammeln und eine Bewegung zu entfachen, welche, so Gott will, wachsen wird« (A[n] a[ngegebenem] O[rt] Seite 82).

1929: Fabrik Marienthal wird stillgelegt, wodurch 1300 Arbeiter mit ihren Familien das Brot verloren und arbeitslos wurden. Ursache hiefür angeblich: [Ignaz] Mautner sen[ior] soll seinem Sohn [d.i. Stephan Mautner; Anm. R.M.], der finanziell zusammenbrach, beigesprungen sein, Kredite (in Waren und Geld) auf die Fabrik aufgenommen haben. Der Zusammenbruch des Kreditgebers (Sigmath, Triest [d.i. Trieste, Italien; Anm. R.M.]) vernichtete völlig den Betrieb. Mitschuld: hohe Lohnforderungen, teilweise träge Arbeit, hohe Gehälter leitender Personen, Weltkrise. – Alles wird verkauft, teilweise niedergerissen, nach kaum 100jährigem Bestand (1833). – Liberale Wirtschaft, gottfeindliche Arbeiterführer« (A.a.O. Seite 87).

Kooperator Eder mobilisiert materielle Hilfsleistungen.

1930 kam Prälat [Karl] Handloß zur großen Mädchenbund-20–Jahrfeier nach Gramatneusiedl (29. Juni), die er mit einer feinen Ansprache auszeichnete.

Nach dem Tode Pfarrer Pösels mußte Hochwürden Eder ganz Moosbrunn mitübernehmen (als Provisor: ab 16. Februar 1931). Er berief die Mariahilfschwestern an die Todesko-Kinderbewahranstalt Gramatneusiedl (15. November 1931), und erbaute eine Einfriedungsmauer um deren Garten.

1932 führte er erstmals die Karwochenliturgie hier ein. Auch beantragte er einen eigenen Seelsorgerposten für Gramatneusiedl. Da die Not erschreckend war, Beweis ist hiefür die Studie [Paul Felix] Lazarsfeld – 1933 – bei der 1486 Marienthaler in 478 Familien überprüft wurden, die ergab, daß durch die Arbeitslosigkeit

23 % ungebrochen blieben, aber

69 % resigniert

8 % gebrochen, (apathisch, verzweifelt)

wurden, mußte Provisor Eder das möglichste zur Linderung tun: Ausspeisungen, Lebensmittelpakete, Weihnachtsbescherung, Firmungsaktion.

1933 organisierte er 500 Teilnehmer für den Wiener Katholikentag.

Am 1. Dezember 1933 wurde Hochwürden Eder Pfarrer von Moosbrunn, damit war nur wieder ein Auftakt, kein Schlußstrich für die oben angeführten Arbeiten gegeben.

Der seit 1904 unberührte Pfarrhof mußte einer totalen Reparatur unterzogen werden (1934).

Auf die Kirche Gramatneusiedl kam 1934 ein neuer Dachstuhl und die Biberschwanzdachung.

Am 13. Oktober 1934 konnte Bischof [Franz August] Kamprath zwei neue Glocken im Heim weihen, derselbe hielt eine erhebende Ansprache, und ein Weihespiel des Fachlehrers Ferdinand Schwarz wurde von Kindern schön aufgeführt.

Visitation durch Exz[ellenz] Kamprath, er firmte 55 Kinder im Garten des Stiftes und betonte »die Notlage ist sehr groß« (13. bis 15. Mai 1935).

Deshalb beschaffte Hochw[ürden] Eder 50 Schrebergärten (zunächst pachtweise) für Familien, um »zum bescheidenen Lebensunterhalt« beizutragen (Anlage Neumitterndorf, A.a.O., Seite 99): 1936.

Großes Jugend-Maifest (31. Mai 1936): auf neugerodeten und planierten Pfarrspielplatz Moosbrunn.

Moosbrunner Turmhelm-Dachstuhl erneuert und mit Kupferblech gedeckt, Turmkreuzweihe am 19. Juli 1936. 1936 Gründung der Mädchenkongregation (zur Präfektin gewählt: Stummer Rosi).

An der Kindermission Prälat [Johann] Mörzingers vom 19. bis 25. Oktober 1936, nahmen über 600 Kinder teil (Gramatneusiedl und Moosbrunn).

1937 hielt P. Baudenbacher SJ abermals die sogenannte Jubiläumsmission: Moosbrunn 20. bis 27. Februar mit 920 Beichten und 2000 Kommunionen, Velm 27. Februar bis 4. März mit 341 Beichten und 600 Kommunionen, Gramatneusiedl 7. bis 13. März mit 1380 Beichten und 2200 Kommunionen.

Zum Festtag der 625 Jahrfeier der Pfarre, wie der 150 Jahrfeier der jetzigen Pfarrkirche S[ank]t Laurenz kam Kardinal [Theodor] Innitzer mit seinem Sekretär D[okto]r [Jakob] Weinbacher nach Moosbrunn; eine riesige Volksmenge lauschte, frohgestimmt den Worten des Kardinals an diesem 29. August 1937.

Ab 1938 brachte die politische Umwälzung eine totale neue Situation: Ausschaltung der Kirche, Rüstung, Krieg und seine Folgen.

Pfarrer Eder stellte sich um: durch Hausbesuche, Begegnung von Mensch zu Mensch, Predigt bei jeder sich bietenden Gelegenheit, Seelsorgestunden, das Terrain Gottes zu halten. Schmerzlich die erschütternden Gefallenengottesdienste, die Luftangriffe, die dumpfe Ungewißheit! Außerdem die zahlreichen Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeiter.

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Ab 2. April 1945 nach den endlosen Rückzugskolonnen und Märschen der Kampf mit Sprengungen, Bränden, Gefechten, Beschlagnahmungen, dann Rauben und Plündern, Überfällen und Attacken auf Frauen und Mädchen.

Leopold Eder suchte durch Intervenieren bei russischen Kommandanten, durch Aufnahme der Frauen im Kirchenkeller Hilfe zu leisten.

Trostlose Langsamkeit in der Heilung der Kriegsschäden entmutigte doch niemals unseren verehrten geistlichen Vater, in seinem unwandelbaren Glaubensgehorsam sah er jede Möglichkeit zur Beseitigung von Kriegsschäden an Gut und in den Menschenseelen nach dem Gebot: »Wirke zur Ehre Gottes, solange du wirken kannst«. Jedes Jahr wurde so ein Gewinn für Pfarre und Menschen. (1945 Dächer, 1946 Turm; 1947 Pfarrgebäude, Sakristeistock; 1948 Mission durch P. Berninger und P. Netta, St. Gabriel; 1949 Barockhelm des Kirchturms, Wasserleitung, Milchhaus in der Pfarrscheune; 1950 Gramatneusiedl eigene Pfarre, Dekanatsübernahme, Kardinal-Visitation, Siedlungsaktion; 1951 Innenrenovierung der Kirche; 1952 elektrisches Orgelgebläse; 1953 Altäre, Sakristei, Paramente; 1954 Johanneskapelle, Kriegerdenkmal; 1955 Bauernfest, F[reiwillige]F[euerwehr]-Zeughausweihe; 1956 Velm eigene Pfarre, 16 neue Fenster im Pfarrhaus, Stallungen, Garage; 1957 Volksmission ([Edmund] Schinko); 1958/59 niederösterreichischer Landeskindergarten in der Pfarrscheune; 1960 ebendort großer Pfarrsaal, 102 m2 groß, vollendet, Außenrenovierung der Kirche durch B[au] M[eister] Blümel, Orgelreparatur (Xylamon); 1961 Glockengeläute durch Einbau elektrischer Motoren (Herforder E-Werke) automatisiert; 1962 Mosaik St. Laurenz und 650 Jahrfeier der Pfarre Moosbrunn).

Nach solch anstrengenden Leistungen trat Ende Juni 1963 bei Dechant Eder eine Erschöpfung auf, die auch durch die große Hitze bedingt schien. Doch erholte er sich so gut, daß wir uns darüber sehr freuten. Allerdings trat Mitte August eine Venenthrombose auf, die am 2. September 1963 mit einer tödlichen Embolie endete.

Ein Leben der Güte hat sich verzehrt für uns. An uns liegt es, seinem Beispiel zu folgen: Gebet, Gnade, Arbeit im Dienst der Nächstenliebe in unser Leben einzubauen. Wir trauern nicht nutzlos, sondern sollen uns der Hoffnung auf Gott, wie der Verewigte immer predigte, ganz anheimgeben.

Pfarrer Grausam