[Georg Grausam]

Zur Geschichte Gramatneusiedls 1866

in: Pfarrblatt St. Peter und Paul für Gramatneusiedl, Marienthal, Neureisenberg, Neu-Mitterndorf (Kirchbergersiedl.) (Gramatneusiedl), 15. Jg., Nr. [1] (Jänner 1965–Jänner 1966), S. 4–5.

Die Veröffentlichung auf dieser Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Pfarramts Gramatneusiedl. Beachten Sie das Copyright!

4

Zur Geschichte Gramatneusiedls 1866

Das Inventarium der landesfürstlichen Filialkirche Gramatneusiedl 1857 bis 1867 (Erzbischöfliches Diozesanarchiv Wien, 287/30) gibt nebst der Aufzählung aller der Kirche gehörenden »Mobilien und Immobilien« auch Auskunft über die Wohltäter, die, aus dem Wunsche heraus Gott zu Lob und Preis unsere Kirche im Ort zu verschönern, besonders sich auszeichneten.

Wir lesen: »Die Kirche ist gewölbt und noch im guten Bauzustande, mit einem mit Schindeln gedeckten Thurme versehen. Auf diesem befindet sich eine sehr alte Stundenuhr und 3 Glocken. – Die größte davon, welche Herr Franz Griesmüllner, Mitnachbar zu Gramatneusiedl N[umme]r 31, der Kirche spendete, wurde am 2. September des Jahres 1849 vom hochw[ürdigen] Herrn Dechant und Pfarrer zu Pottendorf Ignaz Wenzl unter Assistenz der Pfarr- und nachbarlichen Geistlichkeit auf das feierlichste eingeweiht und aufgezogen und wiegt 6 Zentner 20 Pfund, die mittlere wiegt 2 Zentner und die kleine 1½ Zentner.«

Anstelle der bisherigen »Orgel mit 4 Registern seit Anno 1843, das Pedale seit 1855« wurden Orgel und Orgelchor erneuert; wir lesen: »In Folge Vermächtniß des am 25. Februar 1866 verstorbenen Johann Zimmermann, ledigen Standes, pr. 800 fl[orin] Österr[eichischer] Währung zur Herstellung einer neuen Orgel, wurde das alte Musik-Chor im Monat Dezember 1866 abgetragen, sodann ein neuer, um 3 Schuh verlängerter Chor mit einer steinernen Aufgangsstiege unter Leitung des Herrn [Gustav] Haggenmacher [recte Haggenmacher; Anm. R.M.], Fabriks Director zu Marienthal, um den Gesammt Betrage pr. 272 fl[orin] 19 K[reuzer] Österr. Währung hergestellt, wovon derselbe der Kirche 72 fl. 19 Kr[euzer] Österr. Währung schenkte, also pr. 200 fl. der Kirche blieb zu zahlen. Mit Ende Monat Jänner 1867 hat Herr Josef Seyberth, bürg[er]l[icher] Orgelbauer zu Wien, die neue Orgel mit 9 Registern, und zwar 6 Register im Manuale und 3 Register im Pedale vollkommen, solid und kraftvoll um den kontraktirten Betrag pr. 900 fl. Österr. Währung hergestellt, wo nebst dem Vermächtniß Betrage pr. 800 fl. Österr. Währung die alte Orgel um den Betrag pr. 100 fl. Österr. Währung aufgegeben und übernommen wurde. Die neue Orgel wurde von Sachkundigen geprüft und als gut erklärt und befunden. Josef Knell, Pfarrer – Andr[eas] Veigl, Schullehrer – Joh[ann] Biberhofer und Josef Hochleitner, Kirchenväter.«

Unter den Paramenten lesen wir: »Eine rothe damastene festliche Casel mit echten Goldborten pr. 110 fl. C[onventions] M[ünze] die Hälfte von Franz Griesmüllner 1861 – Eine weiße geblümte Casel (Meßkleid) vom Legate der † Eva Wilhelm angekauft Anno 1844 um 28 fl. CM, zwei weiße gestickte Altarpolster als Präsent von Frau Lenzenhofer 1863.«

In der Kirche befindet sich unter anderen »Ein Fastenbild, Öhlgemälde mit schwarz politirter Holzrahmen, Christus am Oehlberge vorstehend, Anno 1845 erkauft um 23 fl.«, dann »6 Stück vergoldete hölzerne Leuchter, Bildhauerarbeit, gespendet von Franz Griesmüllner 1861«.

An Stiftungen sind aufgezählt: Maria Anna Fink (aus 1767), Michael Tröger (1789), Christine Hofschneider und Michael Wöber, Martin Rauscher (1800), Elisabeth Osmann (1760), Josef Brauneder (1826), Ignaz und Elisabeth Schebetka (1835), Franz und A[nna] Maria Griesmüllner Nr. 14 (1827), Johann Zimmermann (1853), Jakob und Maria Zimmermann (1858), Josef und Barbara Griesmüllner (1858), Georg Biberhofer und Freundschaft. Es handelt sich meist um Meßstiftungen, das Stiftungskapital betrug 1923 fl. CM.

»Von dem Legate des † Ignaz Weber pr. 40 fl. und Sammlung in der Gemeinde (Gramatneusiedl) wurde angekauft ein neuer silberner, gut vergoldeter Kelch im Gewichte von 271/16 Loth … 60 fl., Futteral 4 fl. (Denkbuch F, 414 d[er] Pf[arre] Mossbrunn): Anno 1849.«*

Zum Jahr 1866 heißt es (A[n] a[ngegebenem] O[rt] 430): »Kälte im Mai (bis minus 3°) zur Blütezeit verursachte totale Mißernte, der verlorene Krieg mit Preußen ein Schandfleck, der schwerlich mehr kann getilgt werden, da der Feind wie ein Einheimischer in Böhmen herumging und in Prag und Brünn [d.i. Brno, Tschechische Republik; Anm. R.M.] mit größter Freundlichkeit empfangen wurde, unsere Gemeinde mit Militär so überfüllt war, daß manches Haus mit 50 bis 60 Soldaten belegt war bis zum Frieden, danach kam Sachsen-Einquartierung. Das dritte Übel 1866 war die Cholera, die vom September bis 16. Oktober wütete; meistens in der

5

Fabrik zu Marienthal, viele, die morgens gesund in die Arbeit gingen, mußten, die auf Mittag nach Haus zum Mittagmahl giengen, wurden gegen Abend eine Leiche, Furcht und Zittern erregte dieses Pestübel wegen des plötzlichen Endes; ja i[m] J[ahre] 1866 waren 177 Leichen.«

1 Wiener Zentner = 56 k[ilo]g[ramm], 9 g[ramm]

1 Schuh (Fuß) = 31 c[enti]m[eter], 6 m[ili]m[eter]

1 Wiener Lot = 1 d[e]k[a]g[gramm] 7½ g

1 Wiener Pfund = 56 dkg

* Die Punze hat die Jahreszahl 1847.

fl. CM = Gulden Conventionsmünze zu 60 Kreuzer = ½ Conventionstaler (seit Maria Theresia)

fl. W.W. Gulden Wiener Währung zu 60 Kreuzer (zwischen 1811–1857: Kurs 100 fl. CM = 250 fl. W.W.)

fl. östW = Gulden österreichischer Währung zu 100 Kreuzer (1857–1892: Kurs 100 fl. CM = 105 fl. östW)