[Alexander] Grünewald

Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein Soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. Bearbeitet und herausgegeben von der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle. – Psychologische Monographien V. Band – Leipzig 1933. Verlag von S. Hirzel. 8°. IX, 123 Seiten. Preis: geheftet 4,– RM., gebunden 5,30 RM.

in: Reichsarbeitsblatt. Amtsblatt des Reichsarbeitsministeriums, des Reichsversicherungsamts und der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte. II: Nichtamtlicher Teil (Berlin), 15. Jg., Nr. 1 (Januar 1934), S. 11–12.

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Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein Soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. Bearbeitet und herausgegeben von der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle. – Psychologischen Monographien V. Band – Leipzig 1933. Verlag von S. Hirzel. 8°. IX, 123 Seiten. Preis: geheftet 4,– RM., gebunden 5,30 RM.

Das Ziel der dem Buche zugrunde liegenden Untersuchung war, mit den Mitteln moderner Erhebungsmethoden ein Bild von der psychologischen Situation eines arbeitslosen Ortes und seiner Bewohner zu geben. So will die Schrift eine Lücke ausfüllen, die zwischen den nackten Zahlen der Statistik und den Eindrücken der sozialen Reportage klafft. Die Arbeit beruht auf einer eingehenden Erhebungstätigkeit nach den verschiedensten Seiten. Es dienten im einzelnen als Grundlage: Katasterblätter, die für den Einzelfall erhebliche Aufzeichnungen enthielten, die Lebensgeschichten der Arbeitslosen und ihrer Familien, Fragebogen mit Stundenplan über die Beschäftigung während des Tages, Anzeigen und Beschwerden, Schulaufsätze,

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Preisausschreiben, Speisezettel, Protokolle, Statistiken. Dieses Material wurde beschafft und ergänzt durch persönliche Erhebungen und Beobachtungen der Verfasser und ihrer Mitarbeiter. Die Untersuchung befaßt sich mit dem von der Arbeitslosigkeit besonders stark heimgesuchten Industriedorf (1 486 Einwohner) in der Nähe von Wien. Der Beschreibung dieses Dorfes und seiner Geschichte bis zur Errichtung, während der Blüte und nach der Stillegung »seiner« Fabrik, der Beschreibung seiner Einwohner nach Altersaufbau, Familienzahl, und -größe und seinen politischen Verhältnissen und Parteien folgt im zweiten Kapitel eine Abhandlung über den Lebensstandard in Marienthal, die einen eingehenden Einblick in die wirtschaftliche Lage der Marienthaler gibt, deren Arbeitslosigkeit in ihren Wirkungen auf die Gemeinschaft und den einzelnen im nächsten Kapitel gezeigt wird: der Park ist verwahrlost, der Kindergarten aufgelöst, die Theatervereinigung zerfallen; der Rückgang im Bibliotheksbesuch zeigt das Einschrumpfen der Lebensäußerungen als Folge des Arbeitslosseins; dasselbe ergibt sich bei der Zeitungslektüre und ebenso in der politischen Betätigung; anderseits nehmen Gehässigkeit und Neid zu; die Zahl der anonymen Anzeigen bei den Behörden beweist es. Aber auch große Hilfsbereitschaft und Solidarität sind die schönen Früchte der großen Not. Das sind mehr die äußeren Beobachtungen, die ergänzt werden durch die Ergebnisse von Familienbesuchen und Familienprotokollen, die einen Blick tun lassen in die seelische Haltung der arbeitslosen Bevölkerung; vier Typen glaubt man hierbei festgestellt zu haben: Resignierte, Verzweifelte, Apathische und ein kleiner Hundertsatz Ungebrochene. Was diese alle mit ihrer freien Zeit, die ihnen ein tragisches Geschick in so reichem Maße aufzwingt, anfangen, wie sie sie verbringen, zeigen die Verfasser im vorletzten Kapitel. Das letzte handelt über die Widerstandskraft der Betroffenen.

Man mag manches Ergebnis der Untersuchung für typisch halten oder nicht, man mag kritisieren, daß die Schrift nur einen besonders stark betroffenen und in seiner Beschäftigungsmöglichkeit auf im wesentlichen ein Werk angewiesenen Industrieort betrifft, man mag in der Schrift noch eine Untersuchung und Stellung zu dieser oder jener Frage vermissen (die Verfasser haben sich z.B. über die gewiß recht erhebliche Frage, ob und inwieweit die Religion auf die Haltung und Widerstandskraft des Arbeitslosen und seiner Familie Einfluß hat, nicht verbreitet), jedenfalls ist das Buch ein interessanter und lehrreicher Versuch, den man leider aus technischen Gründen nur mit großen Schwierigkeiten in größerem Umfange wiederholen kann.

Dr. Grünewald.