Carl Güntner

Maschinenwesen

in: Beiträge zur Geschichte der Gewerbe und Erfindungen Österreichs von der Mitte des XVIII. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Herausgegeben von der General-Direction. Redigirt von Prof. Dr. Wilhelm Franz Exner. Weltausstellung 1873 in Wien. Zweite Reihe: Ingenieur-Wesen, wissenschaftliche und musikalische Instrumente, Unterricht. Holzschnitt: F[riedrich] W[ilhelm] Bader in Wien. Wien: Wilhelm Braumüller, k.k. Hof-Buchhändler 1873, S. 3–12.

[Titelblatt]

Weltausstellung 1873 in Wien.

Beiträge zur Geschichte

der

Gewerbe und Erfindungen

Oesterreichs

von der Mitte des XVIII. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.

Herausgegeben von der General-Direction.

Redigirt von

Prof[essor] D[okto]r Wilhelm Franz Exner.

Zweite Reihe:

Ingenieur-Wesen, wissenschaftliche und musikalische Instrumente, Unterricht.

Wien, 1873.

Wilhelm Braumüller, k[aiserlich] k[öniglicher] Hof-Buchhändler.

Druck von L[udwig] C[arl] Zamarski, k.k. Hof-Buchdrucker.

Papier: Neusiedler Actien-Ges[ellschaft] – Holzschnitt: F[riedrich] W[ilhelm] Bader in Wien.

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Maschinenwesen.

Heben wir von dem umfangreichen Gebiete der Maschinen-Industrie vor allein Anderen jene Maschinen heraus, welche als Receptoren der Naturkräfte dienen, die also im Schema des Maschinen-Baues als Wasser-, Dampf-, Luft- und Gas-Motoren angeführt sind, so müssen wir, um die Objectivität unseres Standpunctes zu wahren, ohne Vorbehalt es aussprechen, dass Oesterreich in Beziehung auf massenhafte Production von Kraft-Maschinen nicht jenen hervorragenden Rang einnimmt, wie England, Frankreich, Deutschland und Amerika. Bei der Neuheit dieser Industrie, die in Oesterreich etwa vor 25 Jahren erst im Entstehen begriffen war, sind aber selbst die bisherigen Leistungen sehr beachtenswert und eine rapide Steigerung der Production ist mit Sicherheit zu erwarten. So betrug z[um] B[eispiel] schon im Jahre 1857 die Gesammt-Production von Maschinen 1,300.000 Zoll-Centner im Werte von 362 Millionen Gulden, wovon auf Motoren circa 5 Millionen entfallen und wobei die Maschinen-Fabrik der k[aiserlich] k[öniglichen] Staatseisenbahn-Gesellschaft, die Maschinen-Fabriken von [Georg] Sigl in Neustadt und Wien, die Maschinen-Fabrik von [Josef] Kőrősi in Graz vorzugsweise betheiligt erscheinen.

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Es wäre indess sehr unrichtig, aus der geringen Production von Maschinen den Schluss zu ziehen, dass sich die Oesterreicher auch an den geistigen Vorarbeiten für eine erfolgreiche Entwicklung dieses Industrie-Zweiges nicht eben so lebhaft betheiligt haben, als diess bei den anderen der genannten Industrie-Staaten der Fall ist; wir sehen sie im Gegentheil in vielen Fällen mit ihren Ideen der Praxis vorauseilen. Diese Ideen und Theorien bleiben doch unbestritten die Keime jeder industriellen Entwicklung, sie können mindestens dasselbe Recht auf Würdigung beanspruchen als die unmittelbare praktische Thätigkeit, die sich nur dort mit Erfolg entfalten kann, wo die Bedingungen ihrer Entwicklung günstig sind.

Es ist ganz naturgemäss, wenn in einem Lande, wo die billigste der bewegenden Kräfte, die Wasserkraft, in so reichem Maasse vorhanden ist, wie in Oesterreich, die rationelle Construction von hydraulischen Motoren vor allen anderen die Techniker beschäftigte.

So wurde das Problem der zweckmässigen Benützung hoher Gefälle bei geringem Wasserzuflusse von Josef Carl Höll, Oberkunstmeister zu Schemnitz in Ungarn[d.i. Banská Štiavnica, Slowakei; Anm. R.M.], zuerst in befriedigender Weise gelöst.

Höll construirte im Jahre 1738 eine »Hebelmaschine mit beweglichem Wasserkasten«, welche im Wesentlichen darin bestand, dass an dem einen Ende eines zweiarmigen Hebels das Schachtgestänge, am anderen ein Wasserkasten angehängt wurde, der, durch das Aufschlagwasser gefüllt, 19 Fuss tief sank, durch Selbstumkippen entleert und dann durch das niedergehende Pumpgestänge auf seine frühere Höhe gehoben wurde.

Diese primitive Vorrichtung konnte einen so erfindungsfähigen Mann, wie Höll, unmöglich lange befriedigen; er musste bald erkennen, dass der grösste Theil der dispeniblen Betriebskraft hiebei verloren geht, und gelangte schon im Jahre 1749 zur Construction der Wassersäulen-Maschine, welche auch in diesem Jahre zuerst auf dem Piber-Stollen in Thätigkeit gesetzt wurde. Bei dieser ersten Wassersäulen-Maschine betrug das Gefälle 246 Fuss, die Wassermenge 0.16 Cubik-Fuss per Secunde. Die Maschine war eine einfach

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wirkende, hatte 6 Fuss Kolbenhub, 12½ Zoll Kolbendurchmesser, 6½zöllige Einfallsröhren und die Steuerung des Hahnes wurde in der bekannten Weise durch 2 Fallhämmer bewirkt. Obwohl dieselbe später von [Georg] Reichenbach durch die Einführung der Kolbensteuerung und durch Umänderung in eine doppeltwirkende wesentlich verbessert wurde (die erste Reichenbach’sche Wassersäulen-Maschine wurde 1817 zur Solen-Leitung von Berchtesgaden nach Reichenhall von ihm erbaut), gebührt doch die Priorität der Erfindung dem Oesterreicher Höll, und es verdient besonders bemerkt zu werden, dass der Nutz-Effect dieser ersten Wassersäulen-Maschine, wie es sich nach der Angabe von [Nicolaus] Poda über die geförderten Wassermengen leicht berechnen lässt, über 50 % betrug.

Die von Höll erfundene »Luftmaschine« sollte offenbar den Kolben der Wassersäulen-Maschine und die Pumpe dadurch ersetzen, dass er die Luft in einem Arbeits-Cylinder von circa 60 Cubik-Fuss Inhalt durch den Druck der Wassersäule zuerst zusammenpresste und dann mit dem tieferliegenden circa 10 Cubik-Fuss Grubenwasser enthaltenden Pumpcylinder die Communication herstellte, worauf durch den Druck der Luft das Grubenwasser im Pump-Cylinder in einer vom Boden desselben ausgehenden Steigröhre in die Höhe gehoben wurde.

Johann Segner aus Pressburg war es, welcher schon 1750 in seiner Abhandlung: »quo theoriam machinae cujusdam hydraulicae etc[etera]« den Seitendruck des Wassers zur Construction eines Motors benutzte, der in allen Lehrbüchern der Physik als Segner’sches Wasserrad angeführt erscheint und das Constructionsprincip der Turbinen oder Reactions-Räder in klarster Form zur Erscheinung bringt. Allerdings wurde dieses Wasserrad durch Withlaw [recte James Whitelaw; Anm. R.M.], [Bernoît] Fourneyron, [Feu] Jonval u[nd] A[ndere] wesentlich verbessert; allein die Priorität der Benützung des Seitendruckes gehört auch hier unbestritten dem Oesterreicher Segner, wobei wir noch bemerken müssen, dass Redtenbacher*) und insbesondere [Peter Ritter von] Rittinger durch ihre theoretischen Untersuchungen über

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*) Ferdinand Redtenbacher (Director des Karlsruher Polytechnikums, geboren zu Stadt Steyr in Ober-Oesterreich, 25. Juli 1809, gestorben zu Karlsruhe 16. April 1863) war mit dem 11. Jahre schon in

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Turbinen, Ventilatoren und Centrifugal-Pumpen zur Vervollständigung der Theorie der Turbinen und Centrifugal-Räder höchst wertvolle Beiträge geliefert haben.

Die Benützung des fliessenden Wassers als Motor für die Aufwärtsbewegung der Schiffe wurde schon von [Johann] Arzberger in seiner Abhandlung: »Ueber den Schiffszug stromaufwärts durch Wasser-Räder, die auf dem Schiffe selbst angebracht sind« im Jahre 1829 angeregt, und jetzt sehen wir die Kettenschifffahrt praktisch durchgeführt.

Die ersten Versuche zur Benützung des Dampfes als bewegende Kraft, welche dem [Denis] papinianischen Topfe entsprangen, führten, wie bekannt, 1688 zu der [Thomas] Savery’schen Dampfmaschine und veranlassten den Engländer [Thomas] Newcomen den unter dem Namen »Atmosphärische Maschine« bekannten Motor zu construiren.

In einem Lande, welches durch seine insulare Lage von den politischen Aufregungen des Festlandes nur in geringem Maasse influencirt wurde, wo ausserdem die Grundbedingungen für die Benützung des Dampfes als Motor: Kohle und Eisen, in so eminenter Weise vorhanden waren, und wo die ausgebreiteten Handels-

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einem Kaufmanns-Geschäft, doch trat er nach 2 Jahren wieder aus und wurde Aushilfs-Zeichner von Bau-Plänen bei der Linzer Bau-Direction. 1825, also im 16. Jahre, ging er nach Wien an die polytechnische Hochschule und bildete sich vornehmlich unter [Johann] Arzberger’s und [Andreas Freiherrn von] Ettingshausen’s Leitung in den technischen Wissenschafts-Zweigen aus. Im November 1829, damals 20 Jahre alt, wurde er Assistent für das Lehrfach des Maschinen-Baues in Wien und verblieb daselbst 4 Jahre. Im Jahre 1833 erhielt er die Stelle des Lehrers der Mathematik und des geometrischen Zeichnens an der höheren Industrie-Schule in Zürich. Dort besuchte er wiederholt die ausgezeichnete, mechanische Werkstätte von [Hans Caspar] Escher & Comp[agnie] und bereicherte und erweiterte seine Erfahrungen. Er arbeitete an einer Sammlung von Formeln, nach welchen construirt werden sollte, woraus dann später die Resultate für den Maschinen-Bau entstanden.

In Zürich blieb er bis 1841, in welchem Jahre er grossherzoglich-badischer Professor des Maschinen-Baues an der polytechnischen Schule zu Karlsruhe wurde. Am 4. September 1854 wurde er noch zum Hofrath ernannt und im 54. Lebensjahre wohl aus Ueberanstrengung des Geistes verschied er nach langem schweren Leiden.

Redtenbacher war bis zu seinem Tode schriftstellerisch thätig. Seine wichtigsten Werke sind: »Theorie und Bau der Turbinen und Ventilatoren«, »Theorie und Bau der Wasser-Räder«, »Resultate für den Maschinen-Bau«, »Principien der Mechanik und des Maschinen-Baues«, »Die Luft-Expansions-Maschine« (Calorische Maschine), »Die Gesetze des Locomotiv-Baues«, »Die Bewegungs-Maschine«, »Das Dynamiden-System«, »Die anfänglichen und gegenwärtigen Erwärmungs-Zustände der Weltkörper.«

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ziehungen zur industriellen Thätigkeit in erster Linie anspornten, konnte die unvollkommene Maschine von [Thomas] Newcomen nicht lange befriedigen, und so sehen wir denn schon im Jahre 1763 den genialen [James] Watt mit einer Dampfmaschine in die Oeffentlichkeit treten, welche allen Anforderungen, die in jener Zeit an eine solche Maschine gestellt werden konnten, vollkommen entsprach. Nicht viel über hundert Jahre sind seitdem verflossen, die Dampfmaschine hat eine welthistorische Bedeutung erlangt, und es ist nicht zu viel gesagt, dass Watt’s geniale Leistung den riesigen industriellen Aufschwung Englands begründete. Jetzt steht dasselbe in der Erzeugung von Dampfmaschinen, was die Grösse der Production anbelangt, unerreicht da, und nur Amerika könnte hier die Siegespalme streitig machen.

Um gerecht zu sein, wollen wir indess nicht die Versuche unerwähnt lassen, welche gleich nach dem Bekanntwerden der Savery’schen Maschine gemacht wurden, um diesen neuen Motor auch in Oesterreich einzubürgern. So wurde im Jahre 1725 von [Joseph Emanuel] Fischer von Erlach eine sogenannte Feuermaschine im Schwarzenberggarten aufgestellt, welche den Zweck hatte, das Wasser in das obere Bassin zu treiben, um daselbst wieder den tieferliegenden Wasserkünsten als Speisung zu dienen. Die Vorstellungen über das Wesen des Dampfes waren aber zu jener Zeit noch ziemlich unklar, denn es wird in der betreffenden Beschreibung ausdrücklich erwähnt, dass zu einer solchen Feuermaschine gehören: »erstlich das Feuer als primus motor, zum andern die Luft, welche durch die Hitze des Feuers ausgebreitet, und zum dritten das Wasser, mittelst welchem der Raum, aus welchem das Feuer die Luft hinausgetrieben hat, mit neuer Luft continuirlich wieder angefüllt wird, viertens Metall zu den Gefässen, in welchen die Luft und das Wasser eingeschlossen werden können«.

Auch in Schemnitz wurden neben der Höll’schen Wassersäulen-Maschine zwei Feuermaschinen zur Bewältigung des Grubenwassers aufgestellt. Während sonach die erste Erfindung der Dampf-Motoren sehr bald in Oesterreich benützt wurde, können wir leider nicht dasselbe bezüglich der Verbesserungen und neuen Anwendungen sagen,

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welche in England so rasch auf einander folgten; und diese Thatsache lässt sich nur dadurch erklären, dass ausser der Montan-Industrie zu jener Zeit in Oesterreich fast gar keine andere existirte, für diese aber die vorhandenen Wasserkräfte noch hinlänglich ausreichten. An Verständniss für die Wichtigkeit der Dampfmaschine hat es sicherlich nicht gefehlt!

War doch Arzberger einer der ersten, welcher 1819 eine gründliche Untersuchung über die Elasticität der Wasserdämpfe in dem [Johann Joseph] Prechtl’schen Jahrbüchern veröffentlichte, und wenn seine Arbeit nicht jenen Grad hoher Präcision und Vollständigkeit erreichte, wie die Arbeiten von [Dominique-François-Jean] Arago und [Pierre-Louis] Dulong im Jahre 1830, so ist wohl zu bedenken, dass die Mittel, welche Arzberger zu seinen Untersuchungen zu Gebote standen, gar nicht verglichen werden können mit jenen, welche die französische Akademie der Wissenschaften den beiden vorgenannten Gelehrten bewilligte.

Wertvolle partielle Verbesserungen in der Construction dieses Motors, besonders der Locomotive, wurden von Oesterreichern ausgeführt.

Der Verwendung des Dampfes als Motor für das Kleingewerbe tritt einerseits die Explosions-Gefahr entgegen, andererseits ist es bei der gegenwärtigem Construction unserer Dampfkessel nicht leicht möglich, die Dampf-Production dem jeweiligen sehr variablen Kraftbedarf eben so rasch anzupassen, und darum ist das Bestreben nach einem neuen Motor, welcher diesen beiden Cardinal-Forderungen des Kleingewerb-Betriebes besser entspricht, vollkommen berechtigt. Ob diess Ziel durch die Anwendung von Gas- und Luft-Motoren erreicht werden kann, muss die Zukunft entscheiden.

Vorläufig sind dieselben besonders durch die Bemühungen von [Jean-Joseph-Étienne] Lenoir, [John] Ericsson, [Louis] Schwartzkopf, [Nicolaus August] Otto & [Eugen] Langen, [Pierre-Constant] Hugon etc. etc. in einer für die Praxis ziemlich gut verwendbaren Weise ausgeführt worden. Auch ein Oesterreicher, Redtenbacher, hat in seinem Werke, die Luft-Expansions-Maschine (1853), schon vorher in einer eigenen Schrift nicht blos eine eingehende Theorie dieser Maschine geliefert, sondern auch selbst eine calorische Maschine angegeben, die sich von jener Ericsson’s dadurch unterscheidet, dass sie doppeltwirkend

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ist, einen besonderen Calorifer besitzt und stärker als die Ericsson’sche Maschine expandirt. Hier dürfte es am Platze sein, der Verdienste dieses ausgezeichneten Mannes, der in so glücklicher Weise gediegenes theoretisches Wissen mit richtigem praktischen Blick vereinigte, nochmals zu gedenken. Er war es, welcher zuerst die Grundsätze für den Bau von Motoren in ein geordnetes System brachte und durch die Aufstellung allgemeiner Normen für die Construction der Maschinen-Elemente diesen Zweig des Maschinen-Baues von dem Chaos rein empirischer Regeln befreite. Daher strömten auch zu ihm, um von dem Meister zu lernen, aus allen Ländern die Jünger des Maschinen-Baues.

An ihm so wie an [Karl] Karmasch zeigte sich wieder recht klar die Missgunst der Verhältnisse, mit welchen damals diejenigen Oesterreicher im eigenen Vaterlande zu kämpfen hatten, welche ihrer Zeit vorauseilend, mit klarem Blicke die Bedingungen der industriellen Entwicklung Oesterreichs erkannten. Bei der beispiellosen Indolenz unserer damaligen Regierung für industriellen und gewerblichen Fortschritt war es für Männer von solcher Begabung wohl selbstverständlich, dass sie das Feld ihrer Wirksamkeit in ihrem weiteren Vaterlande suchten und fanden.

Lenken wir unseren Blick auf das Gebiet der Arbeits-Maschinen, deren Construction in vielen Fällen einen ausserordentlichen Aufwand von Scharfsinn und praktischen Erfahrungen erfordert, und gedenken wir hiebei zunächst jener Männer, welche sich nicht blos für specielle Industrie-Zweige, sondern im Allgemeinen mit der rationellen Construction von Arbeits-Maschinen beschäftigten, so müssen wir zunächst Altmütter’s*) gedenken, welcher sich die Förderung der gewerblichen Entwicklung in Wort und Schrift zur Lebensaufgabe

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*) Georg Altmütter, geboren zu Wien 6. October 1787, gestorben den 16. September 1821, begann in Wien seine Studien und setzte sie in Prag fort. Nach Vollendung derselben war er drei Jahre Assistent der Physik am k[aiserlich] k[öniglichen] Theresianum in Wien, 1816 dasselbe an dem eben daselbst errichteten polytechnischen Institut und ein Jahr darauf Professor an dieser Anstalt. Ausser seinen zahlreichen, meistens technologischen Original-Aufsätzen in [Johann Joseph von] Prechtl’s »technologischer Encyclopädie« in den »politechnischen Mittheilungen« von [Wilhelm Ludwig] Volz und Karsten [recte Karl Karmasch; Anm. R.M.], in der »Maschinen-Encyclopädie« von [Julius Ambrosius] Hülsse u[nd] a[nderen] verfasste er die Beschreibung »der Werkzeug-Sammlung des k.k. politechnischen Instituts« (Wien 1825, 3. Auflage 1846).

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gemacht und auch 1827 eine neue Guillochir-Maschine construirte, die nicht viel über einen Quadrat-Fuss Raum einnimmt, sehr leicht transportabel ist und bei welcher sowohl Arbeitsstück als auch Dreh-Stahl entweder jedes einzeln oder beide zugleich in Bewegung gesetzt werden können, wodurch unendlich viele Abänderungen, besonders geradliniger Dessins möglich werden.

Der Ingenieur und Mechaniker Franz Xaver Wurm*) überrascht durch die wahrhaft bewundernswerte Productivität und Vielseitigkeit im Gebiete der praktischen Mechanik, und zwar zu einer Zeit, wo die Dampfmaschine in Oesterreich noch zu den Seltenheiten gehörte.

Von seinen vielen Arbeiten wollen wir hier den Transmissions-Motor und die Sortir-Maschine erwähnen; der erstere wird durch Fortpflanzung des Luft-Druckes getrieben und setzte in dem oberen

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*) Franz Xaver Wurm war von besonderer Vorliebe für Physik und Mechanik eingenommen und fand im Geschäfte seines Oheims, den Rad- und Hammer-Gewerken zu Hüttenberg, sowie bei Johann Türk in Guttaring in Kärnten die günstige Gelegenheit zum Studium der praktischen Mechanik und der berg- und hüttenmännischen Ausführungen; die Herstellung von Sackpumpen (1808) Feuer-Spritzen ohne Stiefel und Kolben, Wasserrädern, Schöpf- und Paternoster-Werken waren seine ersten Leistungen.

Der von Napoleon 1810 ausgeschriebene Preis von einer Million Franken, für Erfindung der besten Flachs-Spinn-Maschine veranlasste ihn schon im Jahre 1811–1812 in Kärnten eine solche Maschine zu construiren. Nach vielen misslungenen Versuchen wurde endlich in der Nähe Wiens durch eine Actien-Gesellschaft eine Flachs-Spinnerei nach Wurm’s System errichtet, die indess bei den ungünstigen äusseren Verhältnissen nicht lange bestand.

Vom Erzherzog Johann aufgefordert, verfertigte er im Jahre 1817 für Watt & Boulton in London das Modell für ein Dampfschiff-Ruderrad mit stets vertical wirkenden Schaufeln.

Er erfand ferner eine Hanfseil-Näh-Maschine und eine Schlag-Maschine für das Arsenal nach Plymouth, für Herrn Devis eine Perl-Stick-Maschine, künstliche Füsse mit Hüft-, Knie- und Knochen-Gelenken, mehrere Kreissäge-Maschinen, fur [!] das Blinden-Institut eine Schreib-Maschine.

Er erfand einen unübertragbaren Waaren-Stempel, Gebläse-Dosen zu Hochofen-Gebläsen mit erhitzter Luft, ein Maschinen-System zur Erzeugung von Kopfnägeln auf kaltem Wege; eine Draht-Spinn-Maschine, worauf Seile von mehr als 5000 Klafter erzeugt werden können; eine Gold- und Silber-Drahtzug-Maschine von 36 Fuss Länge mit Ketten ohne Ende.

Von Seite der k.k. Hof-Kammer wurde er mit der Ausführung und Herstellung des ganzen Maschinen- und Werkbaues im neuen k.k. Haupt-Münz-Gebäude betraut.

Die Aufstellung der ersten Dampf-Maschine in Idria erfolgte unter seiner Leitung.

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Prägsaale der k.k. Münze eine 18 Klafter lange Transmissions-Welle und damit sämmtliche Justir-, Collir- und Präge-Maschinen in Thätigkeit. Wer denkt hiebei nicht an die neueste Anwendung der comprimirten Luft als Transmissions-Mittel bei der Durchbohrung des Mont Cenis?

Ausserordentlich sinnreich construirt ist die von ihm erfundene Waag- und Sortir-Maschine, welche in der k.k. Münze die Aufgabe hat, die rohen Münzplatten, die durch mehrere Trichter der Waage vorgegeben werden, ohne Beihilfe einer Menschenhand mit ihren zehn künstlichen Schnell-Waagen Stück für Stück genau abzuwägen, und die schweren, die vollwichtigen, und die zu leichten Platten jedes in ein abgesondertes Fach zu werfen.

Durch seine dazugehörige Justir-Maschine werden de zu schweren Münzplatten genau auf das vorgeschriebene Gewicht gebracht, ohne die Oberfläche durch Feilstriche zu verletzen, und es wird mit genauer Einhaltung des Parallelismus das Uebermaass des Metalls in einer vollkommenen Ebene abgenommen*).

Die hydraulische Presse zum Schnellschmieden nach System [Charles Haynes] Haswell ist eine der vorzüglichsten Leistungen im Constructions-Gebiete der Arbeits-Maschinen; mit ihr lassen sich Pressungen von 4900 Pfund per Quadrat-Zoll erreichen und sie hat darum auch schon auf der Londoner Industrie-Ausstellung im Jahre 1862 die verdiente Würdigung erhalten. Zur Anfertigung von Dampfmaschinen-Kolben, Pläuelstangen-Köpfen und anderen Bestandtheilen aus Schmiede-Eisen, die auf gewöhnlichem Wege schwer, oft gar nicht herzustellen sind, leistet sie vorzügliche Dienste.

Wenn man bedenkt, mit welchen Schwierigkeiten jede neue Industrie überhaupt zu kämpfen hat, bevor sie lebenskräftige Wurzeln fasst; wenn man die ungünstigen Verhältnisse berücksichtigt, welche besonders in Oesterreich dem Aufblühen der Maschinen-Industrie hemmend entgegentreten, so kann nur mit warmer Anerkennung der

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*) Der jüngsten Zeit gehört die Erfindung einer noch vollkommeneren Münzen-Sortir-Maschine an, welche ebenfalls von einem österreichischen Techniker, [Ludwig] Seyss, herrührt.

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Maschinen-Fabrikanten [Samuel] Bollinger*), Ringhoffer**), [John] Haswell, [Abraham] Ganz, [Josef] Kőrősi, [Georg] Sigl u[nd] A[ndere] gedacht werden, welche sich um die feste Begründung dieses Industrie-Zweiges in Oesterreich ein bleibendes Verdienst erworben haben.

Carl Güntner.

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*) [Samuel] Bollinger wurde am 16. März 1791 zu Schlossrued im Arader Komitate in Ungarn [recte Kanton Aaargau, Schweiz; Anm. R.M.]geboren und starb den 16. Jänner 1871 zu Wien.

 **) Franz Ringhoffer. Am 23. April 1873 ist in Prag der Gross-Industrielle Franz Ringhoffer gestorben. In dem Verblichenen verlor die österreichische Industrie einen ihrer würdigsten Vertreter, die verfassungstreue Partei einen ihrer wärmsten Anhänger.

Franz Ringhoffer war den 28. April 1817 zu Prag geboren und trat nach zurückgelegten Gymnasial- und technischen Studien frühzeitig in das Geschäft seines Vaters, eines Prager Kessel-Fabrikanten, ein. Sein grossartiges Fabriks-Unternehmen gründete er im Jahre 1852 mit der Errichtung einer Kesselschmiede; ein Jahr darauf wurde die seither enorm vergrösserte Waggon-Fabrik in’s Leben gerufen, noch ein Jahr darauf die Eisen-Giesserei und später die Tender-Fabrik Das Etablissement wurde allmählig auf eine derartige Höhe gebracht, dass es gegenwärtig 2000 Arbeiter, 60 Beamte und ebensoviele Werkführer und Meister beschäftigt. Franz Ringhoffer gebührt das Verdienst, dass er der Industrielle gewesen, der den ersten Eisenbahn-Waggon, den ersten Tender, die erste eiserne Bahnbrücke in Böhmen geliefert hat. Die Verfassungs-Partei stellte Ringhoffer stets als Landtags-Candidaten im Grossgrundbesitze auf; und auch in der letzten Wahl-Campagne ging sein Name siegreich aus der Wahl-Urne hervor. In Anerkennung der Verdienste, welche sich Ringhoffer nicht blos als Gross-Industrieller, sondern auch in humanitärer Richtung erworben, wurde ihm im Jahre 1863 das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens, im Jahre 1872 der Orden der eisernen Krone zweiter Classe verliehen. Die »Wiener Zeitung«vom 24. April 1873 meldet die Erhebung Ringhoffer’s in den Freiherrn-Stand und so wurde dem trefflichen Manne noch post mortem eine letzte Auszeichnung zu Theil.