Maria Kalbeck-Mautner & Katharina Breuer-Mautner

Erinnerungen an die Mautner-Villa

in: Unser Währing. Vierteljahrsschrift des Vereins zur Erhaltung und Förderung des Währinger Heimatmuseums (Wien), 3. Jg., H. 1 (1968), S. 14–18.

Die Veröffentlichung auf dieser Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung von den Erben nach Maria Kalbeck-Mautner und Katharina Breuer-Mautner. Beachten Sie das Copyright!

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Erinnerungen an die Mautner-Villa

Vor einiger Zeit brachten wir in »Unser Währing« einen kleinen Aufsatz über das sogenannte Geymüller-Schlössl. Er ist bis England gelangt und hat dort jene erreicht, die noch mehr davon zu erzählen wissen. Frau Katharina Breuer-Mautner und ihre Schwester, Frau Maria Kalbeck-Mautner, haben uns in ihren liebenswürdigen Briefen einiges über eine Zeit berichtet, von der man mit wohl nicht ganz unbegründeter Wehmut meint, daß sie vorüber sei.

Wir haben die Briefe so wiedergegeben, wie sie an uns kamen, weil wir der Meinung sind, daß sie ein wertvolles Stück Kulturgeschichte unserer Währinger Heimat vergegenwärtigen – zumal jener kunstgeschichtlich bedeutsame Bau in absehbarer Zeit als einzigartiges Museum eine besondere Zierde des Bezirkes sein wird.

h.f. [d.i. Helmut Fielhauer; Anm. R.M.]

Gössl am Grundlsee

20.6.67

Sehr geehrter Herr Doktor!

Ich habe durch Zufall ihr geschätztes Blatt »Unser Währing« zu sehen bekommen, mit den interessanten Beschreibungen unseres Elternhauses, des sogenannten Geymüller-Schlössels, das ich von 1887 bis 1938 bewohnte und das mit den schönsten Erinnerungen für mich und meine Familie verbunden ist.

Ich selbst bin jetzt 84 Jahre alt, könnte Ihnen aber, wenn es Sie interessiert, viele Einzelheiten aufschreiben, vor allem über die berühmten Gäste, die in dem für alle Künstler und Kunstfreunde immer offenen Haus meiner Eltern verkehrten oder wohnten. So waren z.B. die Burgschauspieler Sonnenthal, Hartmann und Devrient und vor allem Josef Kainz ständige Gäste und liebe Freunde; Richard Strauß [!] hat oft dort gewohnt, Edwin Fischer und Adolf Busch haben ihre Flitterwochen hier verbracht. Edmund Helmer [recte Hellmer; Anm. R.M.], Ferdinand Schmutzer haben viele Kunstwerke für unser Haus geschaffen, etc. etc.

Ihre ergebene

Katharina Breuer-Mautner

 *

 12.3.68

Brae 154 Kidmore End Road

Emmer Green, Reading

Berkshire

Sehr geehrter Dr. F.!

Verzeihen Sie bitte, daß ich Ihren lieben Brief vom 6.2. erst jetzt beantworte. Er ist mit dem Umweg über Grundlsee erst vor kurzer Zeit in meine Hände gelangt.

Ich lebe nämlich seit 1939 in England, wo meine Söhne beruflich tätig sind und bin nur im Sommer meistens in meinem geliebten Gössl. Meine Schwester aber, Frau Marie Kalbeck (Witwe noch Prof. Paul Kalbeck und Mutter von Dr. Florian Kalbeck) ist nach dem Krieg nach Pötzleinsdorf zurückgekehrt, wo sie weiter in ihrem Haus in der Starkfriedgasse wohnt. Sie war gerade zu Besuch in England, als Ihr Brief ankam, und da sie mit der Feder viel gewandter ist als ich, hat sie es übernommen, einige Erinnerungen aus der Mautner-Villa für Sie niederzuschreiben. Sie ist vorige Woche nach Wien zurückgekehrt und will sich mit Ihnen in Verbindung setzen. Ich werde auf einem beigelegten Blatt nur einiges ergänzen, das sie vielleicht nicht erwähnt hat.

Mein Bruder Konrad hat bis zu seiner Verheiratung 1909 natürlich auch in der Mautner-Villa gewohnt und von da an im Haus Khevenhüllerstraße 6, das mein Vater als Hochzeitsgeschenk dazugekauft hatte. Auch mein Haus Khevenhüllerstraße 4 war ein Geschenk meines Vaters, das seinerzeit durch das Friedhofgassel vom Garten der Mautner-Villa getrennt war. Ich glaube, 1909 oder 1910 erhielt Vater die Bewilligung, das Friedhofgassel seinem Besitz einzuverleiben und dafür die jetzige Büdingergasse anlegen zu lassen. Bis dahin war der Zugang zum Friedhof von der Khevenhüllerstraße aus nur zu Fuß zu erreichen und nur über die Glanzing fahrbar.

Von den vielen schönen Festen, die in unserem Elternhause stattfanden, waren die Hochzeit meines Bruders Stefan 1900 und meine eigene 1906 beson-

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ders gelungen. Alle Gäste erschienen in Alt-Wiener-Kleidung und die Valse nobles von [Franz] Schubert, eingerichtet von Dr. Mandyczewski für Klavier-Trio und Chor mit unterlegtem Text von Dr. Joseph Winter, wurden von meiner Mutter und den Herren [Fritz] Wahle und [Alexander] Fimpel vom Winkler-Quartett aufgeführt. – Wir hatten übrigens eine ständige Bühne im »unteren Salettl«, wo wir fast jeden Sonntag Vorstellungen gaben, teils von eigenen Stücken oder kurzen Stücken von Hans Sachs oder aus den von [Richard] Kralik und Winter gesammelten Puppenspielen, die damals noch von einem Puppenspieler auf der Neustifter Heid’ aufgeführt wurden. Unsere letzte Aufführung war der Rätselakt aus »Turandot« von [Friedrich von] Schiller zu seinem 100. Todestag 1905.

Während des ersten Weltkrieges veranstaltete meine Mutter auch ein großes Wohltätigkeits-Gartenfest für’s schwedische Rote Kreuz, das von Erzherzog Franz Salvator eröffnet wurde, auch hatte sie eine Nähstube ins Leben gerufen, wo ihr Freundinnen Schlafröcke, Hemden etc. aus Material, das von Vaters Fabriken gespendet war, für’s Rote Kreuz verarbeiteten.

Die Brunnen-Figur im Garten hatte Edmund Helmer [!], einer der letzten Freunde des Hauses, auf Bestellung meiner Eltern gemacht. Sie ist so wie der Marmorentwurf zu einem Kaiserin-Elisabeth-Monument vom Bildhauer [Richard Joseph] Luksch, während des zweiten Krieges verschwunden.

Daß das Konrad-Mautner-Haus, Khevenhüllerstraße 6, nach dem 2. Weltkrieg von Dr. Neubauer erworben wurde, werden Sie wahrscheinlich ohnehin wissen. Dort sind in den Mansarden noch die Porträts der 48er Revolutionäre, die dort versteckt waren, an den Wänden zu sehen; sie wurden sogar renoviert. …….

Ich hoffe, daß Sie etwas von unseren Erinnerungen brauchen können und bin gerne bereit, etwaige Fragen weiter zu beantworten.

Mit herzlichen Empfehlungen Ihre

Katharina Breuer-Mautner

*

 Pötzleinsdorf

24. März 68

Sehr geehrter Herr Doktor!

Meine Schwester, Frau Katharina Breuer, die ich kürzlich in London zur Feier ihres 85jährigen Geburtstages traf, erzählte mir von Ihrem Interesse an unserem Elternhause in der Khevenhüllerstraße… Selbstverständlich will ich auch mithelfen, die Erinnerungen an dieses Haus zu vervollständigen. Sie müssen nur Nachsicht haben, weil ich einfach darauf los geschrieben habe… Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie meine Informationen brauchbar fänden und stehe Ihnen auch gerne für etwaige Fragen zur Verfügung.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Maria Kalbeck-Mautner

*

[Maria Mautner-Kalbeck:]

Im Jahre 1886, meinem Geburtsjahre, suchten meine Eltern, Isidor und Jenny Mautner, geb. Neuman [recte Neumann; Anm. R.M.], eine Sommerwohnung in der nächsten Umgebung Wiens. Pötzleinsdorf war damals noch ein selbständiges Dorf mit eigenem Bürgermeister, einem Schulfest auf der schönen, noch beinahe unveränderten Schulfestwiese und einem Pferdestellwagen zur Stadt. Im vorderen Coupé war Platz für 6 Personen, im rückwärtigen, dem Raucherwagen, für 4. Zwei müde Pferde zogen dieses Gefährt, das mit blauem Glanzleinen innen gepolstert war. Meine Eltern sahen das »Zweierhaus« – Bergsteiggasse 2 (die Bergsteiggasse wurde erst später in Khevenhüllerstraße umbenannt) – und verliebten sich sofort in das schöne, eigentümliche Haus mit seiner roten Kuppel, auf der der Halbmond thronte, und überlegten, es für den Sommer zu mieten. An Mutters Geburtstag, dem 3. Mai, hatte Vater, kurz entschlossen, das Haus gekauft, als ein großes, herrliches Geburtstagsgeschenk, in dem wir alle und alle die vielen Freunde, und besonders wir aufwachsenden Kinder, so schöne Zeiten verlebten und uns des großen romantischen Gartens erfreuten, bis Mutters Tod am 9. April 1938 dem ein Ende machte, Österreich nicht mehr Österreich war und wir in die Fremde mussten.

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In den ersten Jahren in Pötzleinsdorf gab es noch keine Wasserleitung und der Wagen der Eltern brachte täglich aus der Stadtwohnung in der Löwelstraße das Trinkwasser.

Der Eingang und die Auffahrt in den großen Hof war durch das noch bestehende Gittertor abgeschlossen. Im Hof vor dem Eingang des Hauses war ein riesiges Boskett von rosa und weißem Flieder, das den Blick vom Haus auf den Hof fast ganz verdeckte. Der Hoftrakt war ein Halbkreis, vom Gittertor bis zur Gartenstiege reichend, und enthielt die Gärtnerwohnung und das Stallgebäude und war von der Pötzleinsdorferstraße nicht eingesehen. Am rechten Ende des Hauses wurde 1910 ein großes Zimmer angebaut und die offene Loggia etwas vergrößert und darüber eine große offene Terrasse als Fortsetzung des Daches errichtet, ein herrliches Sonnenbad, nur teilweise beschattet von dem schönen alten Kastanienbaum, der noch steht. Die riesige rote Kastanie, unter der bei schönem Wetter immer gefeiert wurde, gibt es leider nicht mehr.

Der sehr fruchtbare Maulbeerbaum, dessen Früchte Mutter besonders liebte, ist leider eingegangen. Das Innere des baulich wunderschönen Hauses war ganz mit blonden Biedermeiermöbeln eingerichtet, nicht museal, sondern wie ein reizend wohnliches, behagliches Bürgerhaus, mit vielen der Biedermeierzeit entstammenden Kunstschätzen gestickten Teppichen, Glockenzügen, einer Sammlung von Porträts vom Anfang des 19. Jahrhunderts, Lithographien von [Josef] Kriehuber, die den ganzen Stiegenaufgang zierten und die Paula Wessely bei unserem Abschied übernahm.

Der Durchblick vom Spielzimmer nach Süden zum jetzigen Schloßpark mit den herrlichen Rotbuchen war frei und nach Norden durch die hohen Fenster und die Glastüre des Kuppelsaales auf das sonnige Grün des ansteigenden Gartens ebenfalls, so daß man von saftigem Laub umgeben war und ungehindert ins Freie sah und auf die roten japanischen Ahornsträucher die nun das Grab der Eltern auf dem Döblinger Friedhof schmücken.

Der herrliche Kuppelsaal, dessen Kuppel mit zartgetönten Guirlanden, Fruchtschalen und [Julius] Schnorr-von-Carolsfeld-artigen Lumetten und Blumen bemalt war, ruht auf Halbsäulen mit blaugelblich, weiß und zartgrünen Kapitälen; bei allen Fenstern des Hauses war das Fensterkreuz vermieden, wohl weil sein ehemaliger Besitzer ein türkischer Botschafter war. Maurische Motive wechselten mit Altwiener Neugotisch ab. Das Haus soll Ende des 18. Jahrhunderts erbaut worden sein. Es soll sogar ein kleines Minarett an der Ostseite des Hauses gestanden sein, was ein alter Stich zeigt. In dem Nordschlafzimmer der Eltern war noch die schöne alte Tapete vorhanden (von der ich noch Reste besitze). In der Eingangshalle des Parterres hing ein großes auf Kupfer gemaltes Bild von Kuppelwieser [recte Leopold Kupelwieser; Anm. R.M.] »Die Iris« und ein Hochrelief »[Franz] Schubert und seine Freunde« aus dem früheren Besitz des Komponisten [Hanns] Eisler.

Es war damals üblich, an einem bestimmten Tag der Woche für seine Freunde zu Hause »zum jour« zu sein. Bei uns war es der Sonntag, der sich meist von Mittagsgästen bis übers Nachtmahl hinaus zog. Regelmäßig aber mußten sich jeden Sonntag die Kinder und Enkel einfinden, und Mutter war ungehalten, wenn einer fehlte.

Ich nenne wahllos, weder nach Zeit noch Alphabet geordnet, die Freunde, die im Hause verkehrten, die jungen Künstler, die Anregung und Hilfe fanden. Als erste: Josef Kainz, der so jung starb und bei uns in der Stadtwohnung aufgebahrt wurde, da er seine Wiener Wohnung wegen Gastspielverpflichtungen aufgegeben hatte, und Richard Strauß [!], der, bis sein Wiener Haus fertig wurde, immer bei den Eltern abstieg. Die Freunde und Bekannten waren: Daniel Spitzer, Eduard Pötzl, Edmund Helmer [!], Leopold Horowitz [recte Horovitz; Anm. R.M.], Hugo Charlemont, Ferdinand Schmutzer, Hans Larwin, Adolf Busch, Grünner, Backhaus, Casals, Coudehoven, Roland, Paula Mark, Julia Culp, Eleonore Mendelsohn [recte Eleonora von Mendelssohn; Anm. R.M.], Helene und Hermann Thimig, Max Reinhardt, Max Burkhardt [recte Max Eugen Burckhard; Anm. R.M.], Ludwig Gabillon, Hartmann, Hofmannsthal, Gerhart Hauptmann, Salten, Auernheimer, Wilhelm Backhaus, Weingarten, Gräfin Hartenauer [recte Johanna von Hartenau; Anm. R.M.], Gräfin Hadik, Baron Tucher [d.i. Heinrich Freiherr Tucher von Simmelsdorf; Anm. R.M.], Fürstin Fugger, Wydenbruck, Reuss, Pauline Metternich, Edgar v. Spiegl, Devrient, Wilbrandt Bauduin [recte Auguste Wilbrandt-Baudius; Anm. R.M.], Fournier, Filchner, Schalk, Bruno Walter, Ernst Lothar, [Hans] Müller-Einigen, Paula Wessely und Mutters Neffe Fritz Wärndorfer, der die Wiener Werkstätte. gegründet hatte.

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Bildhauer [Richard Joseph] Luksch hatte eine schöne Plastik aus weißem Marmor geschaffen, die auf einer von der W[iener] W[erkstätte] geschaffenen Console im Kuppelsaal stand und sich auch sehr schön in den Rahmen fügte. Sie stellte die sitzende Kaiserin Elisabeth, von ihren Hunden umgeben, dar.

Mutter hatte in jüngeren Jahren regelmäßig einen Damenchor, in dem damals die junge Selma Kurz als strahlender kommender Stern auffiel.

Mutter spielte gut Klavier und spielte jahrelang jeden Montag Kammermusik mit Fritz Wahle und Alexander Fimpel vom Winkler-Quartett. Weitere Freunde waren: Paul Lindau, Gustav Michaelis, Harald Paulsen, Alfred Neugebauer, [Heinrich] Knirr, [Franz Xaver von] Pausinger, Max Kalbeck (mein zukünftiger Schwiegervater), Dr. Josef Breuer (der Schwiegervater meiner Schwester), Ignaz Brüll, Julius Korngold, Erich Wolfgang Korngold, Alexander Goltz, Dr. Josef Winter, Ludwig Ganghofer, Paul Meyerheim, Paul Goldmann und natürlich alle vorhandenen Gattinnen.

Vater, ein ungeheuer fleißiger Mann, der täglich, um ½5 Uhr früh aufstand, sich erst in allen Zeitungen informierte und dann zu Fuß in sein Büro im 9. Bezirk ging, war auch künstlerisch sehr interessiert. Er war mit Max und dessen Bruder Edmund Reinhardt befreundet und ermöglichte als erster die Finanzierung des Theaters in der Josefstadt unter Führung Max Reinhardts und dessen Neugestaltung.

Mein Mann, Professor Paul Johannes Kalbeck – dessen Taufpate Johannes Brahms war – vertrat Reinhardt bei seiner Lehrtätigkeit an der Akademie für darstellende Kunst und folgte ihm dann an die Neugründung des Reinhardt-Seminars in Schönbrunn. Er war Regisseur am Josefstädtertheater von 1923 bis zum Umbruch.

Vielleicht interessieren Sie folgende Worte, die Max Reinhardt meinen Eltern zur goldenen Hochzeit schrieb:

Mit Ehrerbietung und herzlicher Liebe grüß’ ich zum Feste der goldenen Hochzeit das jubilierende Ehepaar, Frau Jenny Mautner und Isidor Mautner, beide mit baumstarken Wurzeln im Erdreich fruchtbar gesegneter Wirklichkeit. Trotzdem die Wipfel in köstlicher Unruh immer bewegt sind von spielenden Winden, von tanzenden Lichtern und Schatten des Scheins. Er saust am Webstuhl des Tages hin und her mit zorniger Lust und führt sicher sein Webschiff zukunftswärts weiter durch Sturm und Gefahr. Sie hat ein Stück der Vergangenheit Wiens mit wahrhafter Kunst und genialischem Weitblick in ihrem Hause lebendig gemacht. Beide verbunden mit Freunden, belaubt und voll Blüten, weithin verzweigt in Kindern und Enkeln, bereiten der Kunst ein gastliches Dach. Und es erfreut sich die Kunst dieses Bundes. Wie vor der heiligen Lade der König, tanzt sie einher und singt ihnen zu Ehren.

Max Reinhardt

Mein Bruder Conrad wurde am 23. Februar 1880 geboren, sein älterer Bruder Stefan am 12. Februar 1877.

Conrad litt als Kind sehr stark an Kopfschmerzen, so daß er aus der Schule genommen werden mußte und zu Hause durch den Philosophieprofessor Richard Wahle unterrichtet wurde. Conrad interessierte sich seit frühen Jahren für Germanistik, Volkskunde, Inkunabeln und alte Schriften und schrieb fließend gotische Blätter, bei denen er die Hauptbuchstaben wie in alten Handschriften verzierte. Dies kam ihm auch bei der Gestaltung seines »Raspelwerkes« zustatten, einer fast vollständigen Sammlung aller in Gössl gebräuchlichen Lieder, Vierzeiler, Gasselreime und Juchezer, die er in jahrelanger Tätigkeit sammelte und Vater 1910 im Druck erscheinen ließ. Die 400 subskribierten Exemplare sind längst vergriffen. Es schweben jetzt Verhandlungen einer Neuauflage. Wir waren – und sind es teilweise noch – jeden Sommer außer den Jahren 1939–1946 in Gössl am Grundlsee.

Stefan – beide Brüder waren in Vaters Betrieb angestellt – war leidenschaftlicher Jäger und Maler, der den Spuren Rudolfs v[on] Alt nachging. Er wohnte in der Weimarerstraße. Conrad starb mit 43 Jahren am Magenkrebs. Stefan wurde 1944 zum letzten Mal gesehen, als er und seine Frau in Ungarn von den Nazis in einen Gastransport einwaggoniert wurden.

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1900 heiratete mein ältester Bruder Stefan Else Eissler, 1906 meine Schwester Katharina den Anwalt Dr. Hans Breuer. Die beiden Polterabende wurden zu unvergeßlichen Festen. Alle Gäste mußten in Kostümen der 1830er Jahre erscheinen und ein Frauenchor sang [Franz] Schuberts deutsche Tänze mit unterlegtem, sehr hübschen Part von Dr. Josef Winter und zwei Paare tanzten dazu. Mandyczewski hatte die musikalische Leitung. Beim zweiten Polterabend war eine ringförmige Tischanlage rings im Kuppelsaal für alle Gäste gedeckt, und eine lange Tafel noch als Fortsetzung durch das ganze Speisezimmer. Josef Kainz präsidierte diese! Die Gäste wurden mit Stellwagen befördert. Es waren Friedenszeiten!