I[sidore] G[ompertz] Keesing

»Die Arbeitslosen von Marienthal«. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. 123 Seiten. Bearbeitet und herausgegeben von der österreichischen wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle. Band V der »Psychologische Monographien«, herausgegeben von Professor Dr. Karl Bühler. Verlag von S. Hirzel, Leipzig; 1933. R.M. 5.–, Leinen R.M. 6.30

in: Mensch en maatschappij. Tweemaandelijksch tijdschrift voor anthropologie, psychologie, erfelijkheidsleer, eugenetiek, præ-historie, ethnologie, sociographie, sociologie, criminologie, ethiek en rechtsphilosophie (Groningen), 10. Jg., Nr. 4 (1. Juli 1934), S. 302–303. Siehe auch das niederländische Original.

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Deutschsprachige Übersetzung des niederländischen Originals von Rob van Bavel, Abbenes

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»Die Arbeitslosen von Marienthal«. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. 123 Seiten. Bearbeitet und herausgegeben von der österreichischen wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle. Band V der »Psychologische Monographien«, herausgegeben von Professor Dr. Karl Bühler. Verlag von S. Hirzel, Leipzig, 1933. R.M. 5.–, Leinen R.M. 6.30.

Wie die Vorrede dieser Schrift zeigt, war es das Ziel der Untersuchung, von der berichtet wird, mit den Mitteln der modernen Untersuchungsmethoden ein Bild der psychologischen Situation eines Ortes zu vermitteln, in dem die ganze Arbeiterschaft arbeitslos ist. Die Aufgabe, die man sich vorgenommen hatte, war eine doppelte: 1. Material für das Problem der Arbeitslosigkeit zu sammeln, und 2. zu versuchen, eine objektive Skizze einer umfangreichen sozialpsychologischen Situation zu vermitteln. Als Studienobjekt wurde Marienthal in Nieder-Österreich gewählt, weil da eine Reihe technischer Vorteile vorhanden schien. Seit 1830 hat sich da ein Textilbetrieb gebildet, eine Fabrik, die das Leben im Ort existentiell bestimmte. Im Jahre 1925 zeigten sich die ersten Anzeichen einer Krise, danach kamen Jahre einer Wiederbelebung, doch Anfang 1929 ging es schnell bergab, bis Anfang 1930 die Katastrophe Tatsache wurde.

Unter diesen Umständen war das Untersuchungsobjekt nicht der individuelle Arbeitslose, sondern die arbeitslose Ortschaft, somit eine Studie, die offensichtlich unter dem Einfluss der amerikanischen »Survey«-Technik stand, mit allen dazugehörigen Vor- und Nachteilen, deren sich die Forscher vollständig bewusst waren.

Das Material verteilt sich über eine Einführung und 6 Kapitel, und zwar: Die Geschichte des Industriedorfes; der Lebensstandard; die müde Gemeinschaft; die Lebenshaltung; der Zeitvertreib; die Widerstandskraft.

Von den 478 Familien in Marienthal wurde eine Kartei angelegt, in der besondere Daten hinsichtlich des Geschlechts, des Alters, der Unterstützung, der Wohnung, des Familienlebens, der Art der Hauswirtschaftsführung etc. notiert wurden. Fragen bezüglich der Art des Zeitvertreibs; Aufsätze von Kindern aus den letzten Schulklassen, zum Beispiel über »Mein Lieblingswunsch«, »Was will ich werden?« usw.; Analysen der Mahlzeiten; Gesundenuntersuchungen; Schulzeugnisse; Gespräche bei Friseuren, Metzgern, unterschiedlichen Ladenbesitzern; Daten der Konsumgenossenschaft; Erfahrungen bei Bibliotheksentlehnungen; Erfahrungen der Sportvereine; Bevölkerungsstatistiken; Eindrücke bei der Kleiderverteilung; Mitteilungen bei Beratungsstellen und Schneidereikursen; Besonderheiten der Fragebögen; Stimmungen in den Familien; alles

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sollte dem Gewinn der erforderlichen Kenntnisse dienlich sein, wenn möglich überprüft an objektiven Kriterien, aus denen ersichtlich werden könnte, ob und wenn ja, welche Veränderungen durch eine lang anhaltende Arbeitslosigkeit in der Psyche einer Gemeinschaft bewirkt werden.

Obschon die gebrauchte Methodik nicht auf Dramatisierung ausgerichtet war, hat diese Studie naturgemäß eine erschütternde Auswirkung. Sie bringt uns nicht nur dem Verständnis für die gravierenden Sorgen vieler Menschen näher, sondern sie ermöglicht uns zugleich einen Einblick in deren Folgen für die Gemeinschaft und macht gewisse physische und psychische Veränderungen, auch in Zusammenhang mit deren Wechselwirkungen, verständlich. »Am Ende dieser Reihe stehen Verzweiflung und Verfall«, bezeugen die Berichterstatter. »Wir haben als wissenschaftliche Menschen Marienthals Boden betreten, wir haben ihn mit diesem einen Wunsch verlassen, dass der tragische Anlass zu einem solchen Experiment bald der Vergangenheit angehören möge.«

Der Anhang, der 35 Seiten umfasst, bietet überblicksartig eine Übersicht der Geschichte der Soziographie. Der Stoff ist folgendermaßen unterteilt: Einleitung. I. Eine neue Ordnung. II. Die Quantifizierung. III. Das Inventar. IV. Das Engelsche Gesetz (Budget-Gesetz Ernst Engels[1]). V. Der »Verein für Sozialpolitik«[2]. VI. Der amerikanische »Survey« VII. Der Beitrag der Psychologie. – Über William Petty und Arthur Young[3] wird uns ein Einblick in die systematische Entwicklung der Budget-Untersuchung und in die Technik der englischen staatlichen Befragungen erlaubt. Booth, Seebohm, Rowntree, Quetelet, Graunt, Comte, Niceforo und Le Play[4] werden Revue passieren gelassen. Engel, Wright, Zimmermann,[5] Peller und ihre Verdienste für die Budget-Analyse werden im heutigen Licht dargestellt, unter Erwähnung der Bedenken und Unstimmigkeiten. Betont werden insbesondere die Betriebsmonographien »ein neuer Abschnitt der soziographischen Methode« von Alfred [Weber][6] und Max Weber. Kurz angedeutet wird der Anteil verschiedener Soziologen und Sozialwirtschaftler an der Methodologie. Die amerikanische Form der Soziographie, wie sie sich besonders im Werk von W.I. Thomas und Florian Znaniecky (»Polnische Bauern in Europa und Amerika«[7]) und in »Types of Farmer Attitude« des C.C. Zimmermann[8] entwickelt hat, findet außer Wertschätzung auch Kritik. »Denn es ist kaum verkennbar, dass auch der amerikanischen Soziographie die Synthese zwischen der Statistik und dem Inventar der Merkmale noch nicht vollends geglückt ist. Dort, wo die adäquate Begriffsbildung ihren Höhepunkt erreicht, etwa im »Polnischen Bauer«, fehlt die Statistik völlig – und die statistischen Surveys lassen zuweilen einen bedenklichen Schematismus erkennen«.

Zum Schluss wird auf die Bedeutung der Psychologie als Ergänzungsfaktor für die Soziographie hingewiesen, und auf die verdienstvolle Arbeit von Charlotte Bühler für die Entwicklungspsychologie. »Durch diese Psychologie wurde der Bereich der Kriterien, die der Soziographie zur datenmäßigen Beschreibung sozialer Phänomene zur Verfügung standen, so erweitert, dass es prinzipiell nur eine Frage der Geschicklichkeit des Forschers wurde, auch komplexere Tatbestände exakt zu beschreiben«. Das ist mit das Ziel der Untersuchung in Marienthal gewesen, was besonders aufgrund der befolgten Methoden und der damit gewonnenen Ergebnisse wert ist, zur Kenntnis genommen zu werden.

I.G. KEESING.

Zum Original

[1] Ernst Engel (1821–1896): deutscher Statistiker, der auf dem Gebiet der Konsumstatistik zum Ergebnis kam, dass mit steigendem Wohlstand ein fallender Prozentsatz des Einkommens für die Ernährung ausgegeben wird (»Engelsches Gesetz«). Anm. R.M.

[2] Verein für Sozialpolitik: 1872 in Eisenach gegründet, vereinte er besonders Nationalökonomen und Sozialpolitiker, die sich an den Lehren der historischen Schule der Nationalökonomie orientierten und die eine den nationalen Interessen entsprechende Wirtschaftspolitik und innenpolitisch eine reformorientierte Sozialpolitik förderten; 1905 wandelte sich der Verein zu einer reinen Forschungsgesellschaft, die 1936 aufgelöst, 1948 in Marburg wiederbegründet wurde und seit 1955 den Namen »Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften – Verein für Sozialpolitik« trägt. Anm. R.M.

[3] (Seit 1662: Sir) William Petty (1623–1687): britischer Nationalökonom; nannte seine streng mathematisch-statistische ökonomische Analyse »Political Arithmetic«. – Arthur Young (1741–1820): britischer Reiseschriftsteller und Agronom, gilt als Mitbegründer der Agronomie; seine Reisebeschreibungen sind eine wichtige Quelle ökonomischer und sozialer Zustände des 18. Jahrhunderts. Anm. R.M.

[4] Charles Booth (1840–1916): britischer Reeder und Soziologe, der in seinen Sozialstudien quantitativ-statistische Methoden mit qualitativen kombinierte. – Benjamin Seebohm Rowntree (1871–1954): britischer Industrieller und Soziologe. – Adolphe Quételet (1796–1874): belgischer Sozialwissenschaftler, Mathematiker und Astronom, der die Methoden der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung auf die Sozialwissenschaften übertrug und damit zum Begründer der Sozialstatistik wurde. – John Graunt (1620–1674): britischer Offizier und Demograph. – Auguste Comte (1798–1857): französischer Soziologe, gilt als Begründer des Positivismus und als Mitbegründer der Soziologie. – Alfredo Niceforo (1876–1960): italienischer Soziologe und Kriminologe. – Frédéric Le Play (1806–1882): französischer Bergbauingenieur und Sozialreformer, der insbesondere mit seiner Darstellung der Lebensverhältnisse einzelner Arbeiterfamilien zu den Pionieren der empirischen Sozialforschung zählt. Anm. R.M.

[5] Caroll Davidson Wright (1840–1909): US-amerikanischer Statistiker, United States Commissioner of Labor. – Carle Clark Zimmerman (1897–1983): US-amerikanischer Soziologe. Anm. R.M.

[6] Alfred Weber (1868–1958): deutscher Nationalökonom und Soziologe, jüngerer Bruder von Max Weber (1864–1920). Anm. R.M.

[7] Vgl. William I[saac] Thomas & Florian Znaniecky: The Polish peasant in Europe and America. Monograph of an immigrant group. 5 Bände. Chicago, Ill. (ab Band 3: Boston, Mass.): The University of Chicago Press (ab Band 3: Badger) 1918–1920. Anm. R.M.

[8] Vgl. Carle C[lark] Zimmerman: Types of farmer attitude, in: Social Forces (Chapel Hill, N.C.), 5. Bd., Nr. 4 (1927), S. 591–596. Anm. R.M.