Steph[an] Ritter von Keeß & W[enzel] C[arl] W[olfgang] Blumenbach

Systematische Darstellung der neuesten Fortschritte in den Gewerben und Manufacturen und des gegenwärtigen Zustandes derselben. Als Fortsetzung und Ergänzung des im J[ahr] 1823 beendigten Werkes: Darstellung des Fabriks- und Gewerbewesens etc. Mit besonderer Rücksicht auf den österreichischen Kaiserstaat. Herausgegeben von Steph[an] Ritter von Keeß, Herausgeber der Darstellung des Fabriks- und Gewerbewesens u. s. w., und W. C. W. Blumenbach. Erster Band.

Wien: Gedruckt und im Verlage bey Carl Gerold 1829, IV, 812 S., hier S. 99–102, 107 & 109–110.

[Titelblatt]

Systematische Darstellung

der

neuesten Fortschritte

in den

Gewerben und Manufacturen

und des

gegenwärtigen Zustandes derselben.

Als Fortsetzung und Ergänzung des im J[ahr] 1823 been-

digten Werkes:

Darstellung des Fabriks- und Gewerbewesens etc[etera].

Mit besonderer Rücksicht auf den österreichischen Kaiserstaat.

Herausgegeben

von

Steph[an] Ritter von Keeß,

Herausgeber der Darstellung des Fabriks- und Gewerbewesens u[nd] s[o] w[eiter]

und

W[enzel] C[arl] W[olfgang] Blumenbach.

Erster Band.

Wien, 1829.

Gedruckt und im Verlage bey Carl Gerold.

 99

[…] Die Brechmaschine in der Pausinger’schen Flachs-Spinnfabrik zu Marienthal unterscheidet sich von den gewöhnlichen Vorrichtungen dieser Art darin, daß ein beweglicher, mit Leisten versehener Balken zwischen zwey feststehenden, ebenfalls mit Leisten versehenen Balken mittels eines einfachen Mechanismus fortwährend von einer zur andern Seite getrieben wird, und den zwischen den festen und beweglichen Balken dargebothenen Flachs oder Hanf auf solche Art brechelt. Es ist begreiflich, daß von beiden Seiten gearbeitet werden kann, und daß die holzigen Theile um so leichter wegfallen, als die Leisten nicht oben am Balken, sondern seitwärts stehen. Diese Maschine leistet, wenn die gehörige Kraft da ist, mehr als zwey und mehrere Handbrechen, indem der mittlere Balken schnell und fortwährend von einer zur andern Seite schlägt.

Die unreinen Theile, welche beym Brecheln oder Wal-

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zen des Flachses abfallen, die sogenannten Scheben, Agen, Aachen, dienen zu Papier, zu Viehfutter und Dünger, und sollen besonders in Treibbeeten gute Dienste leisten, weil sie während der Fäulniß dem Boden eine gleichförmige und anhaltende Hitze geben. Sie betragen oft 1/6 des Gewichts.

[…]

 101

[…] Die in der Pausinger’schen Spinnfabrik zu Marienthal aufgestellte Hechelmaschine ist sehr zweckmäßig eingerichtet. Der ungehechelte Flachs kommt zwischen zwey Bretchen, die auf einer Seite charnierartig verbunden sind (Tasche genannt), jedoch nur zur Hälfte, so daß die andere Hälfte uneingeschlossen ist. Mehrere solcher Taschen werden am Obertheile des Kastens, in welchem sich der Mechanismus befindet, der Reihe nach in die zu ihrer Aufnahme bestimmte Nuth gebracht, so daß der in den Taschen nicht eingeschlossene Flachs frey herabhängt. Die Taschen werden auf einer gezahnten Stange von einer Seite zur andern fortgeschoben, und nachdem der Flachs beym Durchgange mehrmals der Hechlungsmaschine dargebothen worden, wird er in den Taschen verkehrt eingelegt, so daß nun der vorher eingeschlossene Theil frey bleibt, und der gleichartigen Einwirkung der Maschine ausgesetzt ist. Der Mechanismus im Kasten besteht aus 3 auf verschiedene Weise wirkenden Vorrichtungen. Die erste besteht aus 2 gegen einander gerichteten Bretchen mit Stahlzähnen, die, indem sie sich gegen einander bewegen, die Flachsfasern durchstechen und auflockern. Die zweyte Vorrichtung, welche den fortrückenden Flachs zum Hecheln vorbereitet, ist ein Rad mit Armen, an deren Enden kleine Bleche befestigt sind, welche während der Bewegung des Rades an den Flachs streifen und das Schwingen verrichten. Die dritte Vorrichtung, welche das eigentliche Hecheln bewerkstelligt, besteht aus gegen einander stehenden Bretchen mit Hechelzähnen, welche, wenn

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sie in den Flachs eingreifen, eine abwärts gerichtete Bewegung haben. Die Zähne dieser Hecheln stehen auf jedem Bretchen enger. Im Durchschnitte hechelt diese Maschine in einem Tage 3 C[en]t[ne]r Flachs, und man verliert, wenn man ihn zu mittelfeinem Garne vorbereitet, nicht mehr als 50 Procent. Der ganze Mechanismus wird durch Krummzapfen, Hebel, Leitstangen u[nd] s[o] w[eiter] hervorgebracht. – […]

107

[…]

Die Maschinenspinnerey hat sich vorzüglich seit dem Jahre 1810, wo die französische Regierung einen Preis von 1 Million Franken auf die Erfindung der besten oder eigentlich derjenigen Flachsspinnmaschine, welche die in der Preisaufgabe angegebene bestimmte Feinheit des Garnes erreichen würde, gesetzt hatte, vervollkommnet. […]

Die im österreichischen Staate im Großen ausgeführten Flachs-Spinnmaschinen sind die von Philipp von Girard in Hirtenberg, von H[er]rn Leopold Pausinger in Marienthal, und die von [Johann Philipp] Hebenstreit und [Samuel] Bollinger in Brunn am Gebirge.

[…]

109

[…]

Die Flachs-Spinnfabrik des H[er]rn Pausinger zu Marienthal bey Grammet-Neusiedel besteht außer den schon oben (S[eite] 99 u[nd] 101) angeführten Brech- und Hechelmaschinen noch aus der Bandmaschine, auf welcher der gereinigte Flachs auf sich fortschiebenden Hecheln und durch Walzen die Bandform erhält; der Duplir-, Streck- und Traillirmaschine, welche einige Ähnlichkeit mit den gleichnamigen Maschinen in Baumwoll-Spinnfabriken hat; der Lockenmaschine; der Vorspinnmaschine, wo der Flachs, indem er durch eine Rinne mit Wasser durchgeleitet wird, auf Spulen mehr Drehung erhält; den Feinspinnmaschinen, welche eigentlich Watermaschinen sind. Die Fabrik hat auch Maschinen zur Verfertigung des Spagats oder Bindfadens aus Werg für Zuckerhüte etc[etera], und zum Zwirnen der Garne. Der k[aiserlich] k[önigliche] Rath Leopold Pausinger und Franz Wurm, beyde Haupt-Interessenten der Flachs- und Werg-Spinnfabrik zu Marienthal, erhielten d[en] 20. Julius 1823 ein 5jähr[iges] ausschl[ießliches] Priv[ilegium] auf die Erfindung einer ganz neuen Flachs- und Werg-Feinspinnmaschine, einer Werg-Reinigungsmaschine und einer Zwirnmaschine, deren Wesenheit in Folgendem besteht, und

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zwar a) bey der Flachs- und Werg-Feinspinnmaschine darin, daß sie das Material, ganz in seiner ursprünglichen Länge, vollkommen trocken so zum Faden bildet, daß die Garne die vorzüglichsten Eigenschaften der Spindelgarne erhalten, wodurch im fabriksmäßigen Betriebe die bey nassen Gespinnsten schwer zu vermeidenden Zerstörungen durch Fäulniß gänzlich vermieden werden; b) bey der Werg-Reinigungsmaschine darin, daß die im Werge verworren durch einander liegenden Fasern gekämmt, gereinigt, die längsten Fasern von den kürzesten sowohl, als von den Pötzeln abgesondert ausgeschieden werden, und auf solche Art das Werg in paralleler Lage und in Form eines Bandes zur fernern Bearbeitung vorbereitet wird; c) bey der Zwirnmaschine darin, daß die zu Zwirnen gehörig vorbereiteten Garne in einer Nuth, ohne alle Maßlung, d[as] h[eißt] ohne schraubenartige Überdrehung der Fäden, zu Zwirnen verbunden werden. Ein besonderer Vorzug aller drey Maschinen liegt darin, daß durch sie die Erfindung der Flachs- und Wergspinnerey mit Maschinen vollkommen ausgeführt, und der wichtige Zweck erreicht ist, jede Baumwoll-Spinnmaschine zur Flachs- und Wergspinnerey, daher jede solche Spinnfabrik in kurzer Zeit und mit geringen Kosten in eine Flachs- und Werg-Spinnfabrik umstalten zu können. Die Feinspinnmaschinen gleichen jetzt mehr den sogenannten, zur Baumwollspinnerey dienlichen Waterframes; nur ist dabey die Veränderung angebracht, daß sich an Stelle der Ziehwalzen als Leiter des Vorgespinnstes Trommeln befinden. Die Gespinnste gewinnen täglich mehr an Vollkommenheit, und es ist zu erwarten, daß diese Unternehmung bald eine größere Ausbreitung erlangen wird.

[…]