René König

Jahoda, Marie, Paul F. Lazarsfeld, Hans Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. Vorspruch zur neuen Auflage: Paul F. Lazarsfeld. Allensbach und Bonn: Verlag für Demoskopie 1960. XXVII, 138 Seiten. Preis DM 17,–

in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (Köln–Opladen), 13. Jg. (1961), S. 518–519.

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Jahoda, Marie, Paul F. Lazarsfeld, Hans Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. Vorspruch zur neuen Auflage: Paul F. Lazarsfeld. Allensbach und Bonn: Verlag für Demoskopie 1960. XXVII, 138 Seiten. Preis DM 17,–.

Es war eine äußerst begrüßenswerte Idee, die vorliegende Arbeit, die man als einen »Klassiker« der empirischen Soziologie im deutschsprachigen Kulturkreis bezeichnen kann, neu herauszugeben. Denn einmal kann man nun das Buch, das uns seinerzeit (1933) alle fasziniert hat und das in Deutschland wegen der Zeitereignisse so gut wie unbekannt blieb, einer neuen Generation von Studenten zeigen, die von dieser geschichtlichen Tat nichts mehr wissen. Ferner läßt sich aber daran erweisen, daß gute Sozialforschung nicht veraltet, sofern nur in ihr etwas an Wirklichkeit eingegangen ist. Wir haben das Büchlein von neuem durchgelesen, nachdem wir es sicher zwanzig Jahre nicht mehr in der Hand gehabt hatten. Dabei machten wir die überraschende Entdeckung, daß es heute noch so lebendig ist wie damals. Wo echte Probleme sind, da gibt es keinen Prozeß des Alterns. Wir möchten wünschen, daß dies Buch von möglichst vielen gelesen werden möchte, von solchen, die sich heute um empirische Sozialforschung bemühen, damit sie sich daran ein Vorbild nehmen, und auch von den Polemikern gegen die empirische Sozialforschung, damit sie erkennen lernen, welches Maß an Vollkommenheit die Vereinigung von theoretischer Diskussion und Datensammlung erreichen kann. Gleichzeitig erweist der Schluß des Buches, daß wirklich menschliche Teilnahme das Motiv für diese Arbeit war und keineswegs ein unbeteiligter methodologischer Perfektionismus.

Es ist bezeichnend für die Situation von 1932, daß Hans Zeisel in seinem Nachwort, in dem er eine Geschichte der methodologischen Voraussetzungen für diese Arbeit zu geben versucht, von »Soziographie« spricht. Dieser Ausdruck war damals im deutschen Sprachbereich durch F. Tönnies und R. Heberle[1] recht populär geworden. Das Nachwort zeigt aber noch mehr: daß es sich bei alledem keineswegs um eine Modeerscheinung des Nachkriegs, d.h. von 1945, handelt, wie so oft auch von denen gesagt wird, die es eigentlich besser wissen sollten, sondern daß in England Untersuchungen solcher Art auf das 17. Jahrhundert zurückgehen, um am Anfang des 19. Jahrhunderts eine erste erstaunliche Blüte zu erreichen, und zwar sowohl in England wie später in Frankreich. Mit Recht werden auch die Verdienste des Vereins für Sozialpolitik[2] hervorgehoben. Aber es zeigen sich schließlich schon damals die ungewöhnlichen Anregungen, die aus den Vereinigten Staaten kommen (seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts), so daß auch das nichts Neues ist.

In seiner für die Neuausgabe geschriebenen Einleitung greift Lazarsfeld dies Problem mit erfreulicher Klarheit auf und warnt davor, »die Beziehung zwischen verschiedenen soziologischen Methoden und ihre Verflechtung mit natio-

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nalen Traditionen« »in die Form von vereinfachten Stereotypen zu gießen«. Mit Recht weist er auf die völlig eigenständige Initiative seiner Gruppe in Wien hin und auf den Einfluß von Karl [Bühler] und Charlotte Bühler. Da ich selber 1925 in Wien zu studieren begann, kann ich das nur bestätigen, ferner die Bedeutung des Einflusses von Otto Neurath[3] und mancher anderer. Entscheidend war hierbei auch die gleichzeitige Abwendung von Othmar Spann und Max Adler, um jenseits der einander grimmig bekriegenden Philosophen endlich einen festen Stand in der Wirklichkeit zu finden. Damals wie heute also die gleiche Problemstellung, so daß man nochmals betonen kann, wie richtig es war, dies alte Büchlein nach fast dreißig Jahren neu herauszugeben. Vielleicht wird es in seinem »zweiten Leben« dazu beitragen, daß die Einordnung der empirischen Sozialforschung in den allgemeinen Betrieb der Soziologie mit etwas weiteren Perspektiven erfolgt als bisher.

René König

[1] Rudolf Heberle (1896–1991): US-amerikanischer Soziologe deutscher Herkunft, Schüler und Schwiegersohn von Ferdinand Tönnies. Anm. R.M.

[2] Verein für Sozialpolitik: 1872 in Eisenach gegründet, vereinte er besonders Nationalökonomen und Sozialpolitiker, die sich an den Lehren der historischen Schule der Nationalökonomie orientierten und die eine den nationalen Interessen entsprechende Wirtschaftspolitik und innenpolitisch eine reformorientierte Sozialpolitik förderten; 1905 wandelte sich der Verein zu einer reinen Forschungsgesellschaft, die 1936 aufgelöst, 1948 in Marburg wiederbegründet wurde und seit 1955 den Namen »Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften – Verein für Sozialpolitik« trägt. Anm. R.M.

[3] Otto Neurath (1882–1945): österreichischer Soziologe und Philosoph, Gründer des »Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien«, Vertreter des »Wiener Kreises«. Anm. R.M.