Käthe Leichter

Die Arbeitslosen von Marienthal

in: Arbeit und Wirtschaft. Halbmonatschrift für volkswirtschaftliche, sozialpolitische und gewerkschaftliche Fragen (Wien), 11. Jg., Nr. 7 (1. Juli 1933), Sp. 201–206.

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DIE ARBEITSLOSEN VON MARIENTHAL

Von Käthe Leichter

 Die Arbeitslosigkeit ist heute das große zentrale Problem, das das Denken und Handeln der Gewerkschaften beeinflußt. Um so wichtiger jeder Versuch die Arbeitslosigkeit und ihre Folgen mit wissenschaftlichen Erhebungsmethoden zu untersuchen. Statistik einerseits, soziale Reportage andererseits haben bisher den Versuch gemacht, die Arbeitslosigkeit zu beschreiben. Aber zwischen den nackten Ziffern der Statistik und den Augenblickseindrücken der Reporter sind Lücken geblieben. Die österreichische wirtschaftspsychologische Forschungsstelle hat nun den Versuch gemacht, diese Lücke auszufüllen. Eine Gruppe arbeitsfreudiger und wissenschaftlich geschulter junger Menschen hat in dem österreichischen Industriedorf Marienthal, einem von der Arbeitslosigkeit besonders schwer betroffenen Ort ein Jahr lang[1] alles zu erheben versucht, was das Leben der Arbeitslosen betrifft: Aus schriftlichen und mündlichen Mitteilungen der Arbeitslosen selbst, aus der Beobachtung ihrer Lebensgewohnheiten, aus den Erzählungen von Gemeindefunktionären, aus Verbrauchs- und Vereinsstatistiken ist so ein Bild von unerhörter Anschau-

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leichkeit [!] entstanden, das die beiden Verfasser der Schrift »Die Arbeitslosen von Marienthal«, – Marie Jahoda und Hans Zeisl, gestaltet haben*).

Es ist die langdauernde Arbeitslosigkeit, deren Auswirkungen wir hier sehen. Vor uns ersteht das Industriedorf. Zentrum die Fabrik. Die Geschichte der Fabrik ist die Geschichte des Ortes. Als die Fabrik noch arbeitete, herrschte Leben und Aktivität im Orte. »Früher war es ja herrlich in Marienthal«, schreibt eine Frau, »schon die Fabrik war eine Zerstreuung. Im Sommer ist man spazierengegangen. Und die vielen Unterhaltungen! Jetzt habe ich gar keine Lust, auszugehen.« 1929 beginnt der Absturz. Die Spinnerei wird geschlossen, dann die Druckerei, die Bleiche, die Weberei. Die Arbeiter sehen von ihren Fenstern auf der früheren Arbeitsstätte Schuttfelder, verbeulte Kessel, alte Transmissionsräder und halb verfallenes Mauerwerk. Von 478 Haushalten sind nur 93, von denen ein Familienmitglied wenigstens im Ort oder in der Um-

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gebung noch Arbeit hat. 358 leben von der Arbeitslosenunterstützung oder Notstandsaushilfe. In neun Haushalten sind alle Familienmitglieder ausgesteuert. Mehr als drei Viertel der Haushalte sind somit mit ihrem Lebensstandard, in ihrem Lebensrhythmus völlig abhängig von der Unterstützung und den Auszahlungsterminen. Wie sich das auf jeden einzelnen auswirkt? Auf die Schulkinder beispielsweise so, daß von 38 am Tage nach der Auszahlung 36 ein ausreichendes Gabelfrühstück, nur zwei nichts oder trockenes Brot in die Schule mitbringen. Am Tage vor der Auszahlung sind es aber schon 19, die ohne rechtes Frühstück in die Schule kommen. Von 100 Familien essen nur 31 mehr als einmal in der Woche Fleisch. Der Fleischhauergehilfe berichtet: »Solange die Fabrik in Betrieb stand, schlachteten wir 12 Schweine und 6 Rinder in der Woche. Jetzt 6 bis 8 Schweine und 1 Rind, die werden aber auch nicht von den Marienthalern gekauft, sondern von den Leuten der Umgebung. Die Marienthaler sind von Rind- und Schweinefleisch zu Pferdefleisch übergegangen… Nach den ersten paar Monaten erwiesen sich aber auch zwei Roßfleischhauereien als zu viel für den Ort.« Und die Arbeitslosen klagen, daß immer wieder Katzen verschwinden. »Katzenfleisch ist sehr gut. Auch Hunde werden gegessen.« Im Konsumverein sind die Umsatzziffern, wenn sie für 1928 mit 100 angenommen werden, in zwei Jahren für Butter auf 38, für Kaffee auf 63, für Schokolade auf 43 gesunken.

Von der Unterstützung müssen sie leben, denn andere Hilfsquellen sind fast verschlossen. Da geht einer Kohle klauben, andere versuchen es als Schrebergärtner oder Kaninchenzüchter, gegen kleine Naturalentlohnung wird gern jeder kleine Dienst für Bauern geleistet, stundenweit gelaufen, auch nicht die kleinste Verdienstmöglichkeit bleibt unbenützt. Aber auch das hört auf. Die Gemeinde ist ebenso arm wie ihre Einwohner. Sie hat die Fürsorgeunterstützung fast gänzlich einstellen müssen. Es gibt noch 5 Prozent »Maximalfamilien«, die es pro Kopf und Tag auf 2 S[chilling] bringen, aber 11 Prozent »Minimalfamilien« mit weniger als 66 Groschen Verbrauchsmöglichkeit für ein Familienmitglied im Tag. Das Auskommen mit Beträgen, die im Durchschnitt ein Viertel des normalen Arbeitseinkommens ausmachen, wird zu einem Problem, das die raffiniertesten Einteilungen und Berechnungen erfordert und vor allem den Frauen ein Unmaß von Sorgen und Kleinarbeit auflastet. Die Unterstützung reicht kaum für Lebensmittel und Kohlen. Was bleibt für Kleider, Schuhreparaturen, die vielen Kleinigkeiten des Lebens? Da werden Kinder in der freien Zeit eingesperrt, damit sie nicht durch Herumspringen die armseligen Reste von Schuhwerk gefährden oder die Kleider zerreißen. Da lernen die Kinder schon bei ihren Weihnachtswünschen die Resignation: »Ich hätte mir gern ein Album für Bilder gewünscht, ich habe nichts bekommen, da die Eltern arbeitslos sind.« Oder: »Ich hätte an das Christkind viele Wünsche, wenn die Eltern Arbeit hätten. Ich bekam nichts. Ich bekam nur Augengläser. Ich wollte einen Atlas und einen Zirkel.« Die Arbeitslosigkeit der Eltern, die schlechte Ernährung, die geringere Körperpflege wirkt verheerend auf die Gesundheit der Kinder. Eine ärztliche Untersuchung ergab, daß von 100 Kindern unter 14 Jahren nur 16 einen guten Befund, nur 8 ein gesundes Gebiß hatten. Der unmittelbare Zusammenhang zwischen elterlichem Einkommen und der Gesundheit der Kinder wird uns klar, wenn wir hören, daß von den Kindern mit gutem Gesundheitsbefund 38.4 Prozent der Väter in Arbeit standen, von denen mit mittlerem Gesundheitsbefund nur 9.4 Prozent. Alle Väter der Kinder mit schlechtem Gesundheitsbefund sind arbeitslos.

Abgestumpfte Gleichmäßigkeit kennzeichnet den Ort mit der stillgelegten Fabrik. Eine müde Gemeinschaft ist seine Bewohnerschaft geworden. Der Kindergarten ist gesperrt. Der Theatersektion fehlen die begeisterten Spieler von früher. Die Zahl der Bibliotheksentlehnungen ist innerhalb von zwei Jahren um 48.7 Prozent gesunken, obwohl die Bücher völlig kostenlos entliehen werden, die Abonnentenzahl der »Arbeiter-Zeitung« ist um 60 Prozent zurückgegangen, die politische Aktivität hat bei allen Parteien gelitten. Die Arbeitslosen haben doch mehr Zeit, sollte man meinen. Aber wie quälend ist dieser Zeitablauf, in dem man nichts tun muß, nichts tun darf. »Losgelöst von ihrer Arbeit und ohne Kontakt mit der Außenwelt, haben die Arbeiter die materiellen und moralischen Möglichkeiten eingebüßt, die Zeit zu verwenden. Sie, die sich nicht mehr beeilen müssen, beginnen auch nichts mehr und gleiten allmählich ab aus einer geregelten Existenz ins Ungebundene und Leere.« So sind die wenigen sorgfältig eingeteilten Mußestunden des Arbeiters nach achtstündiger

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Arbeit ungleich reicher und lebendiger, als die vielen zwangsweise freien Stunden des Arbeitslosen. Viele Stunden stehen die Männer auf der Straße herum, einzeln oder in kleinen Gruppen; sie lehnen an der Hauswand, am Brückengeländer. Nichts mehr muß schnell geschehen, die Menschen haben verlernt, sich zu beeilen. »Einstweilen wird es Mittag.« Diese Antwort ist kennzeichnend für einen Arbeitslosen, der nach seiner Vormittagsbeschäftigung gefragt wird. Ganz anders freilich ist es für die Frauen, die nur verdienstlos, nicht arbeitslos im strengsten Wortsinn sind: Sie kochen und scheuern, sie flicken und versorgen die Kinder, sie rechnen und überlegen und haben nur wenig Muße neben ihrer Hausarbeit, die in dieser Zeit eingeschränkter Unterhaltsmittel doppelt schwierig ist.

Das Verhalten der Arbeitslosen ist verschieden, verschieden nach Dauer der Arbeitslosigkeit, nach Temperament, nach häuslichen Verhältnissen. Vorherrschend ist die Resignation, das gleichmütig erwartungslose Dahinleben. Keine Pläne, keine Beziehung zur Zukunft, keine Hoffnung! Sehr gering ist die Zahl der Ungebrochenen, bei denen noch Aktivität, Pläne und Hoffnungen bestehen, die noch Versuche zur Arbeitsbeschaffung machen. Aber viele sind schon ganz gebrochen. Entweder völlig verzweifelt oder ganz apathisch, mit sichtbaren Verfallserscheinungen in Familie und Haushaltführung, völliger Planlosigkeit, nicht nur für die weitere Zukunft, sondern schon für die nächsten Tage und Stunden.

Diese Zustände sind aber nicht stabil, sondern ändern sich ständig zum Schlechteren. Sie müssen sich ändern, denn mit der Zeit wird die Arbeitslosenunterstützung von der Notstandsaushilfe abgelöst, bis auch diese einmal eingestellt wird. Das Inventar verschlechtert sich ständig. Neuanschaffungen und Reparaturen erfolgen nicht mehr. Von jedem Schilling mehr oder weniger an Unterstützung hängen aber nicht nur Ernährung und Kleidung, hängt auch die ganze Einstellung des Arbeitslosen zum Leben ab. Ein Versuch, die oben gezeigten Haltungsgruppen mit dem persönlichen Monatseinkommen zu vergleichen, ergibt im Durchschnitt:

In der Gruppe

Betrag in Schilling

Ungebrochen

34

Resigniert

30

Verzweifelt

23

Apathisch

19

Versteht man jetzt, was der Kampf um die Arbeitslosenunterstützung bedeutet? »Schon eine Differenz von monatlich 5 S heißt, nur mehr mit Sacharin kochen können oder doch noch Zucker verwenden; die Schuhe in Reparatur geben können, oder die Kinder von der Schule zu Hause lassen müssen, weil sie nichts mehr an den Füßen haben; heißt sich gelegentlich eine Zigarette zu 3 Groschen leisten können oder immer nur Stummel auf der Straße aufklauben; 5 Schilling auf oder ab, das bedeutet die Zugehörigkeit zu einer anderen Lebensform.«

Und noch etwas zeigt sich: die Gefahr des Verlustes der Arbeits- und Arbeitermentalität, am stärksten für jene mittleren Jahrgänge, die ja schon einmal – im Weltkrieg – aus ihrer Berufseinstellung herausgerissen wurden. 51.9 Prozent der Befragten haben als Beruf »arbeitslos« angegeben.

Mit dem langsamen, aber stetigen Ansteigen des materiellen Druckes werden die Ansprüche an das Leben immer weiter zurückgeschraubt; der Kreis der Dinge und Einrichtungen, an denen noch Anteil genommen wird, schränkt sich immer mehr ein; die Energie, die noch bleibt, wird auf das Aufrechterhalten des immer kleiner werdenden Lebensraumes konzentriert. Das ist das Bild, das die Erhebung bietet. Was hier erforscht wurde, mag nicht ohne weiteres auf die Arbeitslosen schlechthin übertragbar sein. Anders sind die Hilfsquellen, anders ist die Reaktion auf die Arbeitslosigkeit im isolierten Industriedorf und anders in der Großstadt. Einzelne Feststellungen, wie die über die Änderungen der menschlichen Beziehungen im Verlauf der Arbeitslosigkeit oder über die Anteilnahme am politischen Leben, sind gewiß nicht allgemein gültig. Insbesondere die These, daß sich mit steigender Not die Mitgliedschaft bei Vereinen aus einer Gesinnungssache zu einer Interessenangelegenheit entwickelt. kann nach allen bisherigen Erfahrungen nicht bestätigt, ja das Gegenteil beobachtet werden. Gerade bei der von den Verfassern richtig gesehenen Veränderung, die im Laufe der Arbeitslosigkeit hervorgerufen wird, kann eine Untersuchung inner-

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halb eines Jahres nicht alle Veränderungen wahrnehmen. Entscheidend wäre es, dieselben Familien nach einem Jahre wieder zu beobachten. Daß auch die »müde Gemeinschaft« durch große Ereignisse aufgerüttelt werden kann, zeigt sich wohl am besten daran, daß gerade in Marienthal die politische Werbeaktion des letzten Monates an 100 neue Mitkämpfer brachte.[2] Aber mit allen Einschränkungen, die im Wesen einer solchen ein bestimmtes Gebiet behandelnden Untersuchung liegen, ist sie mit ihrem erschütternden

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Tatsachenmaterial, mit ihrer methodischen Neuartigkeit und Gründlichkeit, mit ihrer packenden Darstellung das Beste, was bisher über die Wirkung der Arbeitslosigkeit geschrieben wurde. Es bleibt der Wunsch, mit dem die Verfasser ihre Arbeit schließen: »Daß die tragische Chance solchen Experimentes bald von unserer Zeit genommen werde«, mit anderen Worten: daß die Arbeitslosen nicht dauernd das Objekt beobachtender wissenschaftlicher Forschung sein mögen.

[1] Tatsächlich wurde die Untersuchung zwischen November 1931 und Mai 1932 durchgeführt. Anm. R.M.

*) Verlag von S. Hirzel, Leipzig 1933.

[2] Gemeint ist eine Mitgliederwerbeaktion der sozialdemokratischen »Freien Gewerkschaften«. Anm. R.M.