Friedrich Lütge

Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang: Zur Geschichte der Soziographie. Bearbeitet und hrsg. von der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle. (Psychologische Monographien. Hrsg. von Prof. Dr. Karl Bühler. V. Bd.) Leipzig (S. Hirzel) 1933. 8°. IX u. 123 SS. RM 4.–

in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik / Journal of Economics and Statistics (Stuttgart), 140. Bd., Nr. 2 (August 1934), S. 251–252.

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Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang: Zur Geschichte der Soziographie. Bearbeitet und hrsg. von der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle. (Psychologische Monographien. Hrsg. von Prof. Dr. Karl Bühler. V. Bd.) Leipzig (S. Hirzel) 1933. 8°. IX u. 123 SS. RM 4.–.

Die Schrift hat sich die Aufgabe gestellt, die psychischen Auswirkungen einer langandauernden Arbeitslosigkeit auf die davon Betroffenen aufzuzeigen. Gewählt wurde ein Ort, der dafür die denkbar besten Vorbedingungen bot, nämlich Marienthal in Niederösterreich, das vollkommen von einem einzigen Fabrikunternehmen lebte und mit dessen Zusammenbruch 1929 vor dem Nichts stand. Durch allerhand soziale Hilfsmaßnahmen und längeren Aufenthalt am Ort, gelang es den Bearbeitern an die Bewohner des Dorfes heranzukommen und Einblick in ihr materielles und ideelles Leben zu gewinnen.

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Das Resultat ist erschütternd und erstaunlich zugleich. Erschütternd, weil man einen Tiefstand der Lebensführung gewahrt, der einfach nicht zu unterbieten ist und physisch nur durchgehalten werden kann, weil Wohnung, Möbel, Wäsche usw. noch von früher her vorhanden sind, erstaunlich, weil das sittliche Niveau sehr viel höher steht, als auch der erwarten konnte, dem die heute so weitgehend beliebte Überschätzung materieller Güter fern liegt. Gewiß trifft man da und dort auf völligen Verfall, aber er ist nicht typisch. Vielmehr ist typisch eine Aufrechterhaltung der sittlichen Bande des Familienzusammenhaltes und einer geordneten Wirtschaftsführung, die hinter den früheren Zeiten im Durchschnitt nicht zurückbleibt. Haben auch die gewöhnlichen kleinen Reibereien und Gehässigkeiten zugenommen, so sind dafür die großen politischen Gegensätze erheblich zurückgetreten. Dazu ist die allgemeine Resignation zu groß, die Gemeinsamkeit des Unglücks zu zwingend. Erklärlicherweise leiden die Männer mehr unter der Geißel der Arbeitslosigkeit als die Frauen, die im Haushalt und im Sorgen für die Kinder trotz aller Mühe einen gewissen Rückhalt und Lebensinhalt haben.

So anerkennend man von der vorliegenden Arbeit sprechen muß: man kann nur mit dem gleichen Wunsch schließen wie die Verf., daß die Gelegenheit zu solchen Untersuchungen bald nicht mehr gegeben sein möge.

Jena.

Friedrich Lütge.