Adelbert Muhr

Die Nacht von Grammat-Neusiedl

In Adelbert Muhr: Reise um Wien in achtzehn Tagen. Aufzeichnungen eines Fußgehers. (Zeichnungen im Text von Wilfried Zeller-Zellenberg.) Wien: Amalthea 1974, S. 145–147.

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Die Nacht von Grammat-Neusiedl

Zu weit östlich von der Grenze (Groß)-Wiens abgeschwenkt, komme ich ihr nun wieder näher in Grammat-Neusiedl, wohin mich der wienwärts fahrende Personenzug der Ostbahnhauptstrecke ab Götzendorf gebracht hat. Im Bahnknotenpunkt Grammat-Neusiedl hoffe ich für die zehnte Nacht Quartier zu finden. Es gibt zwei Gasthöfe. Der erste, der Bahngasthof, ist so winzig, daß ihn die dicke Wirtin ganz ausfüllt; der zweite, der Gemeinde-Großgasthof, gegenüber der kleinen Kirche, hat eine imponierende Elffensterfront und eine so dünne Wirtin, daß sie sich in der weiten Schank wie eine Ahnfrau ins Leere verliert; und beide Wirtinnen verhalten sich gleich überrascht und abweisend, als ich ein Zimmer verlange. Doch werde ich von der zweiten auf die Witwe L. vertröstet: »Die hat immer gern privat Herrn.«

Frau L., in einem adretten Häuschen mit Blumenvorgärtchen, mustert mich in der Tat wie eine lustige Witwe, bedauert indes lebhaft mit der Hand auf dem Herzen, schon zwei Herren zu haben. Sie schickt mich ihrerseits weiter zu Frau M. Bei der werde ich »ganz bestimmt« unterkommen, sie sei nett und sehr intelligent. Als ich zu der besagten Frau M. komme und der Besenbewehrten meinen Wunsch vorbringe, verneint sie unfreundlich und verlangt mit glühendem Kopf zu wissen, wer mich zu ihr geschickt habe.

»Die freundliche Frau L.«, sage ich.

»So. Die ist freundlich?«

»Ja. Die hat Sie sehr gelobt.«

Die? Mich? So! Ha! Mich! Wissen Sie, das ist meine größte Feindin!« Sie wird plötzlich vertraulich und sprudelt hervor: »Die schickt alle zu mir, die Falsche! Zu Fleiß! Sie hat Platz genug. Aber für eine Nacht will sie nicht vermieten, und ich sag’ Ihnen, ich auch nicht, ich sag’s Ihnen, wie’s ist. Aber ich geb’ Ihnen einen guten Rat, Herr, passen S’ auf: Gehn S’ zu Frau J.A. – ich muß Ihnen auch den Vornamen verraten, denn A. gibt’s bei uns a paar – dort kriegen S’ todsicher was – todsicher, sag’ ich Ihnen!«

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Ich kenne das mit dem todsicher, sicher ist nur der Tod, denn auch sie, Frau J.A., meine vorletzte Hoffnung, tut sehr erstaunt. Sie habe doch »nie nicht« Quartier vergeben und sie vermiete überhaupt nur ganzjährig und wer’s nicht glaubt, der möge auf der Polizei nachfragen, jawohl, und es gebe doch den großen Gemeindegasthof… Als ich sie aufkläre, daß ich dort schon abgewiesen worden wäre, kratzt sie sich den Kopf mit einer Haarnadel und zückt dann die Haarnadel gegen mich: »Ich weiß was! Zur Witwe L.!«

Das war die erste, und so schließt sich der Hexenkreis von L. und M. bis zu J.A. Wie herauskommen? Zu regnen beginnt es auch noch. Macht nichts, ich liebe den Regen, hab’ nie einen Regenschirm gehabt. Letzte Hoffnung: die Bahn. Vielleicht, wenn ich mich dort legitimiere? In der Tat telefoniert man sofort bereitwillig in die (wienauswärts) übernächste Station Trautmannsdorf: nichts; nach (wieneinwärts) Himberg: nichts; es bliebe nur Bruck, die Garnisons- und Grenzstadt an der Leitha 22 Kilometer weiter östlich, wenn ich nicht doch lieber Wien, das (westlich) genau so weit liegt, vorzöge, stündlich gehen Züge ab… Nein, ich widerstehe den Versuchungen aus West und Ost. Ich bleibe lieber neutral in der Mitte, echt österreichisch, jawohl. Wär nicht schlecht, wenn ich mir nicht doch noch zu helfen wüßte!

Aber wie, Eichendorff in Grammat-Neusiedl? Gleich allen gelernten Österreichern weiß ich, daß Grammat-Neusiedl einen ähnlichen Ruf hat wie Tripstrill oder Buxtehude. Aber wer weiß, warum eigentlich? Bei Tripstrill oder Buxtehude könnten wohl auch die deutschen Ohren komisch klingenden Namen mitwirken; dagegen ist der Name Grammat-Neusiedl geradezu schön. Er dürfte von Grummet (Grünmahd, zweiter Heuschnitt, üppige Fruchtbarkeit) herrühren. Vielleicht ist es die periphere Kompromißlage, alles flach wie ein Brett, »nichts als Gegend«, weder städtisch noch ländlich. Aber so sind ja viele andere Orte auch.

Gleichviel, ich will nicht davon ablassen, auch die guten Eigenschaften des provinziellen Niemandslandes aufzustöbern. Gehört das nicht zu meiner Reise? Und ich will die Ehre Grammat-Neusiedls retten, wenn ich es auch nicht zu einem Fremdenverkehrszentrum machen kann. Es wird mir recht schwer und recht naß gemacht, denn zum Überfluß regnet es immer stärker.

Wenig später fühle ich mich glücklich wie ein Rind auf der Weide. Hat es nicht dem Duft des frischen Wiesenkrauts seine Nasenlöcher ge-

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öffnet, den ganzen Tag? – und ich die meinen dem Geruch des frischen Heus die ganze Nacht? Ich durchschlief sie, vergraben im Heuhaufen eines Stadels. Ich hatte den Stadel im abendlichen grauen Nebelregen erspäht und auch schon erobert. Einem perfekten Schwimmer gleich, der sich sorglos von den Wellen heben und senken läßt, trieb ich im Gewoge des Heus dahin, gesichert vom Mantel zur Rechten und Rucksack zur Linken – übrigens gänzlich überflüssige Rettungsmittel.

Ich träumte von jenem Heustadel, der am Ende des Ersten Weltkrieges Schauplatz einer grotesken nächtlichen Szene gewesen war. Auf dem eiligen Rückzug des geschlagenen k.u.k. Heeres sperrte man die mitgeführten zwei Dutzend Gefangenen eines stockfinsteren Abends in einen Stadel und verschloß dessen Tor so fest, daß keine Maus herauskonnte. Am andern Tag aber fand man den Stadl leer. Das Tageslicht enthüllte, daß dem Stadel die rückwärtige Wand fehlte… Davon träumte ich in abartigen Teilen und habe im Traum gewiß gekichert.

In der Morgendämmerung weckte mich ein feines Geräusch. Es klang, als ob winzige Käfer in regelmäßigen Abständen auf Papier fielen. Inder Tat hatte ich wie immer ein Blatt Papier samt Bleistift griffbereit, wenn mir’s der Herr im Schlaf geben sollte. Aber diesmal gab er mir nichts. Und das machte mich erst recht unbeschwert. Ich drehte mich auf die andere Seite und schlief auch schon wieder, obwohl es ein wenig stachlig war, in all dem wonnigen Duft.

Später weckten mich ähnliche Fallgeräusche, doch lauter, dringender. Es war mehr ein Trommeln, ein ununterbrochenes Trommeln, wie von einem anrückenden oder mich belagernden Heer, das auch schon das Dach besetzt und die Hüterin Nacht in die Flucht getrieben hatte: durch die Ritzen des Stadels erspähte ich hellichten Tag. Was konnte das anderes als Regen sein, Regen, der in beharrlichem Rhythmus immer heftiger auf das Dach klopfte? Doch als ich, im zerknitterten Anzug, den Kopf hinausstreckte, sah ich die Morgensonne von einem leuchtendblauen Himmel strahlen ohne eine Spur von Wolken, geschweige denn Regen. Es herrschte taublendende Pracht. Und gerade vor meinen Augen reckte sich eine Königskerze hoch, wie eine goldblitzende Posaune, die sogleich dem Getrommel sekundieren wird.

So schön all das zu schauen war, so unerklärlich, um nicht zu sagen unheimlich war das nun schon dröhnende Trommeln zu hören, aus nächster Nähe, das in dauerndes Donnern übergehende Trommeln auf das Dach – bis ich gewahrte, daß ein großer Baum den Stadel überschirmte und seinen Tau auf mein Dach regnete.