Adelbert Muhr

Die ehrenrettende Fußwaschung

In Adelbert Muhr: Reise um Wien in achtzehn Tagen. Aufzeichnungen eines Fußgehers. (Zeichnungen im Text von Wilfried Zeller-Zellenberg.) Wien: Amalthea 1974, S. 154–159.

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Die ehrenrettende Fußwaschung

Diese Autofahrt – gleichsam eine für mich aufgesparte Nachahmung oder besser Variation jener Wallfahrt nach Loretto, deren Zeuge ich als Kind in »meiner« Eisenbahnstation Groß-Schwechat gewesen war – diese unverhoffte Autofahrt beschert mir einen neuerlichen Aufenthalt ausgerechnet in Grammat-Neusiedl. Mein junger Mann in Leder, intensiv danach und nach Tabak riechend, hat dort »auf der Bahn zu tun«. An der Station setzt er mich ab, mein Rucksack bleibt im Auto, und an der Haltestelle Reisenberg-Marienthal, in deren Nähe er ebenfalls zu tun hat und die am anderen Ortsende von Grammat-Neusiedl liegt, wird er mich nach zwei Stunden abholen. Soviel Zeit habe ich ein zweitesmal für Grammat-Neusiedl. Soll ich noch einmal darauf aus sein, dessen Ehre zu retten, gegen den Strom der allgemeinen Stimmung zu schwimmen? Das gehört allerdings zu den Aufgaben des Schriftstellers, das Recht eigenwilligen Erlebens gegen die Macht gleichmacherischer Vorurteile zu erkämpfen, wenn anders er sich behaupten will.

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Die Sonne spiegelt sich in großen Regenlachen. Einzeln stehen Grammat-Neusiedls ebenerdige Häuschen, nicht mehr bäurischer und noch nicht städtischer Siedlungstyp der Eisenbahner, Pensionisten, Rentner und Witwen. Sie füllen das ländliche Element auf. Das Ländliche zeigt sich an den übergangslos in die grüne Fruchtbarkeit führenden Seitenwegen, Fragmenten von Alleen, und es gibt sogar einen Weinbergweg, obwohl von einem Berg keine Spur. Die alte Post ist trübe wie eine kleinhäuslerische Landkrämerei, aber schon ist eine funkelnagelneue im Bau; Dentist und Tierarzt fehlen nicht, ja nicht einmal eine »Wechselstube / Exchange«. Und einen Leichenbestatter gibt es auch, der ist zugleich – wie das elegante Firmenschild anzeigt – Kohlenhändler, da kann er im Trauerfall gleich von selber schwarz sein. Und die Kirche, diese armselige Kirche! Sie hält sich an der Straßenkreuzung, wo mich gestern die ahnfrauhaft dünne Wirtin des Gemeindegroßgasthofes abwies. Seine einstöckige, lange Elffensterfront macht sich so breit, daß er die einmündende Wienerstraße aufs engste zu einem länglichen Mauerschaft zusammenpreßt, zu einer Via Mala, und ihr gegenüber bemüht sich das Kirchlein Widerpart zu halten.

Aber muß es sich nicht bemühen, wenigstens sich selbst aufrecht zu halten? Ältlich und krank, rührend in seiner Schmalbrüstigkeit, duckt sich das Kirchlein an die Straßenecke, innen womöglich noch mehr bettlerhaft als außen. Nicht einmal ein Schloß hat die Kirchentür, sie wird von einer vergilbten Spagatschnur zugehalten. Muffig wie ein Ausgedinge empfängt mich der kahle Raum mit seinen verwetzten Kirchenbänken, ja die ersten und die letzten vier Bankreihen bestehen nur aus auf Fässern lose aufgelegten Brettern. Es ist wie im Greisenasyl. Dicke Gebetsbücher liegen abgegriffen herum, ich lese die eingeschriebenen Namen: Theresia Stöckl, Marei Hofstätter, Barbara Biberhofer, Magdalene Wastl, Elisabeth Weintritt. Es sind gute alte Bauernnamen, bodenständig, gleichwie das Aufgebot an der Kirchentür: »Müllergeselle Heinrich Pober und Ausnäherin Isabella Schmidt.« Dagegen dürfte die Julie Wunetitsch schon zugereistes Blut in ihren Adern haben. Und mir fallen Namenszusammenstellungen ein, die ich irgendwo auf meinem Unterwegs gelesen habe: in einem Käseblättchen den Romanautor Horst Zischka und an einer Villa das Schild Klaus Dietrich Prvik, allzu deutsche Vornamen. Es sind Relikte der Heim-ins-Reich-Kriegszeit. Sie passen zu den urtschechischen Familiennamen aus Altösterreich wie die Faust aufs Auge. Und auch die alte zahnlose Böhmin aus der Wiener Sechskrügelgasse fällt mir ein,

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die überzeugt zu sagen pflegte: »Wien war nie daitsche Stadt, ist nicht daitsche Stadt, wird nie daitsche Stadt sein.«

Während jene von der Bahn herführende Straße immerhin noch manches dörfische Giebelhaus zeigt, bietet nun die rechtwinkelig in den Vorort Marienthal hinausführende Straße alsbald eine perspektivisch sich verlängernde Doppelfront sogenannter Werkssiedlungen aus dem vorigen Jahrhundert der hochkapitalistischen Entartung. Es sind beiderseits langhin stockhohe Massenquartiere, ein Gekröse in braungelb oder schmutzigem Rot, darin wie quallige Luftblasen die Fensterlöcher.

Ich gehe bis an den Ortsrand hinaus, um mich über die Lage der Hu (Haltestelle unbesetzt) Reisenberg-Marienthal, wo mich, wie gesagt, der Automann später abholen wird, zu orientieren. Ein gemauertes Häuschen an der eingeleisigen Strecke, völlig leer, aber die Wände bis zur Decke voll von jenen unvermeidlichen Zeichnungen, deren Obszönität noch von einem hereinverirrten Hakenkreuz übertroffen wird. Eine Fundgrube für unerschrockene Folkloristen, die ja ganze lehrreiche Werke über dergleichen verfaßt haben. Wiederzugeben ist nur die in großen Blockbuchstaben tadellos kalligraphierte Schrift:

Der Kurti ist da gewesen

und hinterläßt euch dies zu lesen.

Wär der Kurti nicht da gewesen,

könnt ihr dies nicht lesen.

Dankt dem Kurti, daß er da gewesen,

so habt ihr Schönes zu lesen.

Dieser Kurti ist gewiß Vorzugsschüler, doch ist ein anderer gewiß sitzen geblieben, der uns hinterlassen hat: »Reisenberg ist ein falosenes Dorf.«

Wieder kurz zurück nach Marienthal, habe ich mich durch eine Versammlung von Tratschweibern mitten auf der Straße zu zwängen. Alte und Junge mit Kopftüchern und Einkaufstaschen, schauen sie mir mißtrauisch nach. Ich schnappe einiges auf:

»Mir hätt’s des net tan, mir neet! Aber wann’s mir dees tan hätt, i hätt’s derwürgt! Derwürgt hätt i’s!« Eifrige Zustimmung der andern.

Männer in Gruppen, halbblinde Pfründner mit drahtumwundenen Brillen und Sicherheitsnadeln statt Knöpfen, die Ohrmuschel mit zitt-

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riger Hand vergrößernd, führen unverständliche Gespräche. Andere lehnen auf einer Brücke und stieren in den Werkskanal. Einer, zahnlos mummelnd, stützt sich auf einen herausgerissenen Fensterrahmen, dessen abblätternde Farbsplitterchen einer Schar verblichener Wanzen gleichen. Und riecht es nicht auch danach? All diese Schattengestalten verbreiten einen kalten Dunst nach Armenhaus.

Auf platzartigen Erweiterungen Auslaufbrunnen, Weiber am Brunnen, sie müssen über die Straße, wo sich in Hinterhöfen barackenartige Quartiere aneinanderdrücken. Eine alte Frau quert eben meinen Weg und sie verrät mir lächelnd, daß sie Sommer und Winter über die Straße »ums Wasser« müßten, auch wenn alles vereist ist. Sie lächelt mich ganz reizend von unten herauf an. Sie sagt mir, daß sie fünfundsiebzig Jahre alt ist und daß sie hier geboren ist und daß sie sich wohl fühlt. Sie lädt mich ein, ich möge mir ihre Wohnung anschauen kommen, ja, nur da hinten im Hof.

Das tue ich, ich folge ihr, zu Aussprache und Ausruhen bereit. Auch schmerzen meine Füße wieder, obwohl ich diesen Tag fast immer gefahren bin. Sie hat in einer Hand eine verstaubte Flasche, in der andern ein Zeitungsblatt voll Tierfutter. Die platzartige Erweiterung geht in den erdigen Hinterhof über, wo man vom Freien durch Glastüren, eine langhin an der anderen, direkt in die ebenerdigen Wohnungen kommt. Ihre Wohnung besteht aus Kabinett und Küche. Darüber zieht sich im Stockwerk eine offene Galerie hin mit den gleichen Wohnungen. Es gibt auch junge Frauen, spielende Kinder und allerlei Hausgetier. An der Hofmauer gegenüber enthüllen unzählige halboffene Türen eine endlose Reihe von Holzlagern und Aborten, die eher den Namen Latrinen verdienen.

»Die große Weberei und Spinnerei Marienthal ist längst stillgelegt«, erzählt die alte Frau und bietet mir in der Küche, die leicht nach Stall riecht, wieder mit reizendem Lächeln Platz und Kaffee an. »Meine Vorfahren sind vom Riesengebirge geholt worden. Deutsche, alles Weber, alle waren noch Handwerker. Auch viele Urtschechen sind angesiedelt worden. Ich habe schon mit vierzehn Jahren da in der Fabrik gearbeitet, bis zu meinem zweiundsechzigsten Jahr hab ich gearbeitet in der Fabrik. Als Kinder haben wir in dem großen Herrschaftspark gleich drüber der Straße spielen dürfen. Das war fein. Jetzt ist der Park verwildert und verfallen. Aber das Denkmal der Herrschaft steht noch drin. Und alte Trauerweiden, wo die Piesting und die Fischa zusammenkommen, dort ist es noch immer schön und auf der

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Brücke so still, wenn man auf die Fische hinunterschaut, wie sie sich tummeln. Im Ersten Weltkrieg haben wir keine Arbeit gehabt. Da haben wir Gras gezupft, auf der Bahnstrecke, zwischen den Geleisen der Südbahn und der Ostbahn. Wir waren Graszupfer, und es war lustig.«

Sie lacht. Sie hat noch alle Zähne. Seit dreizehn Jahren bezieht sie ihre Rente, zehn Prozent davon macht der Zins aus, und sie sagt, es geht. Es muß gehen. Früher, als noch die ganze Familie beisammen war, ist es schlecht gegangen.

Um das Brennen meiner Füße zu mildern, lockere ich meine Schuhbänder, es wird offensichtlich, wo mich der Schuh drückt. Sie läßt es sich nicht nehmen, mir die Schuhe auszuziehen und warmes Wasser zu bereiten, auf dem Spirituskocher, ein Fußbad für mich. Während etwas gegen meine Füße peckt, mengt sie getrocknete Kräuter in das Wasser. Und sie kniet sich hin und ich kann es nicht hindern, daß sie meine geröteten Füße wäscht und zum Schluß auch noch mit einer lindernden Salbe bestreicht.

Oh, sie kenne das, sagt sie, ja, als es ihnen schlecht gegangen ist, da haben sie noch zwei Kostgänger halten müssen, um durchzukommen, und die hätten geschwollene Füße gehabt und die mußten immer behandelt werden. Die Kostgänger waren zugleich Bettgeher, sie haben da in der Küche geschlafen, auf Strohsäcken am Fußboden. Jetzt ist sie allein, ihre zwei Kinder sind längst tot, und doch ist sie eigentlich nicht einsam, denn – »wissen Sie«, sagt sie, »dreiviertel Jahr tragt die Mutter das Kind im Leib, zwei Jahr auf’m Arm, aber immer im Herzen.« Und jetzt muß sie genug haben mit einer Henne (die peckt wieder an meine Füße), einer Ziege und zwei oder fünf Kaninchen – bei denen wisse man nie, wieviel so schnell mehr werden, die sind da unterm Küchentisch, und sie lächelt wieder.

»Würden Sie heute auch jemand nehmen?«

»Freilich. Sofort. Aber es findet sich niemand.«

»Sagen Sie das nicht. Gestern« – ich sehe meine Nacht, die unvergeßliche, im Heustadl vor mir – »gestern wär’s ich gewesen.«