Johann Past

Marienthal vom Notstand zum Wohlstand (1934–1973). Hausarbeit aus dem Fachgegenstand Soziologie für die Lehramtsprüfung für Hauptschulen an der Pädagogischen Akademie der Erzdiözese Wien. Themensteller: Dr Josef Kurzreiter. Fachgegenstand: Soziologie

[Wien 1973], [I], 63 Bl.; Hausarbeit an der Pädagogischen Akademie der Erzdiözese Wien; Maschinenschrift.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Johann Past, Gramatneusiedl. Beachten Sie das Copyright!

[Titelblatt]

Past Johann

Bahnstraße 39

2440 Gramatneusiedl

HAUSARBEIT

aus dem Fachgegenstand Soziologie

für die Lehramtsprüfung für Hauptschulen

an der Pädagogischen Akademie der Erzdiözese Wien

Thema: Marienthal vom Notstand zum Wohlstand (1934–1973)

Themensteller: Dr Josef Kurzreiter

Fachgegenstand: Soziologie

[I]

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

I. Teil: HEIMATGESCHICHTLICHES VON GRAMATNEUSIEDL

1.1. Die erste Besiedlung

1.2. Von den Besitzern Gramatneusiedls

1.3. Die Türkenkriege

1.4. Die Kuruzzeneinfälle

1.5. Gramatneusiedl im 18. Jahrhundert

1.6. Die Franzosenkriege

1.7. Der wirtschaftliche Aufschwung im 19. Jahrhundert

1.8. 1840 – Gramatneusiedl eine freie Gemeinde

1.9. Ausklang in unserer Zeit

II. Teil: MARIENTHAL 1934 – MARIENTHAL 1973

2.1. Das Industriedorf 1934

2.2. Der Standard

2.2.1. Speisezettel und Budget

2.2.2. Geldeinteilung

2.3. Die müde Gemeinschaft

2.4. Die Haltung

2.5. Die Zeit

3.1. Das Industriedorf 1973

3.2. Der Standard

3.2.1. Para-Chemie

3.3. Die Gemeinschaft

3.4. Die römisch-katholische Pfarre

3.4.1. Charakterisierung der Messen in Gramatneusiedl

3.5. Soziale Veränderungen der Hauptschulkinder – 2 Beispiele

Schlußbemerkung

1

Einleitung

Gramatneusiedl als Industrieort

Die Gemeinde Gramatneusiedl spielt in der Geschichte der Industrialisierung in Niederösterreich eine besondere Rolle. Schon 1831, also Jahrzehnte bevor die erste große Industrialisierungswelle durch unser Land ging, entstand hier die Marienthaler Wollspinnerei. 15 Jahre später, 1836 wurde mit dem Fabriksneubau für die Spinnerei begonnen. Damals zählte dieses Unternehmen zu den größten und modernsten im Lande.

Die Lage der Gemeinde vor den Toren der Millionenstadt Wien mit einer modernen, aufgeschlossenen Bevölkerung und einem zweifellos immer noch vorhandenen gewissen Arbeitskräfteresevoir im Ort selbst und im Hinterland, gibt Gramatneusiedl auch für die Zukunft sicherlich gute Chancen.

Die Marienthaler Wollspinnerei hat längst ihren Betrieb eingestellt, doch hat die Para-Chemie die Möglichkeiten, die sich hier offerieren, 1961 richtig erkannt. Seither hat sich dieses Unternehmen ausgezeichnet entwickelt. »Ich möchte den Verantwortlichen der Para-Chemie bzw. den Österreichischen chemischen Werke dafür danken, daß sie bereit waren, hier in Gramatneusiedl Millionen zu investieren und die Arbeitsbedingungen für die rund 150 Arbeitskräfte wesentlich zu verbessern und die Arbeitsplätze gegen mögliche Krisen abzusichern.

Wenn man sich den neuen Zubau zu seinem Gesamtausmaß von rund 5.000 m2 ansieht, so entspricht er ohne Zweifel allen Vorstellungen eines modernen Industriewerkes dieser Art. Dieses Werk ist entstanden, obwohl fast auf den Tag genau vor einem Jahr ein Großbrand die Existenz dieses

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Unternehmens bedrohte. Die Para-Chernie hat diese Prüfung hervorragend bestanden. Sie ist aber auch insoferne den Zeichen der Zeit gefolgt, als sie rechtzeitig Investitionen und Rationalisierungen vorgenommen hat, um zum Zeitpunkt, zu dem das Assoziierungsabkommen Österreichs mit der EWG wirksam wurde, wirtschaftlich auch für einen härteren internationalen Konkurrenzkampf gerüstet zu sein. Dies ist von entscheidender Bedeutung, gehen doch 75 Prozent der Erzeugnisse dieses Betriebes in den Export.

Das sogenannte Paraglas oder Acrylglas, das hier hergestellt wird, genießt Weltruf. Es ist daher verständlich, wenn die Para-Chemie bereits jetzt schon wieder an einen weiteren Ausbau denkt, der in absehbarer Zeit bereits 200 Arbeitskräften moderne Arbeitsplätze sichern wird.

Der tiefgreifende Strukturwandel im traditionellen Agrarland Niederösterreich stellt uns alle vor sehr entscheidende Probleme. Moderne Industriepolitik betreiben, bedeutet für die Verantwortlichen im Land kein billiges Lippenbekenntnis. In den vergangenen 25 Jahren wurden Erfolge erreicht, an die in Niederösterreich während der Besatzungszeit kein Mensch zu denken wagte. Immerhin ist es gelungen, seit 1955 bis jetzt etwa 600 neue Betriebe mit rund 28.000 neuen Arbeitsplätzen zu schaffen. Diese Industriegründungen wurden vom Landtag und von der Landesregierung sehr bewußt und gezielt gefördert. Entsprechende Fonds wurden geschaffen, Industriegründe wurden gekauft, aufgeschlossen und an Unternehmer zu günstigen Bedingungen weitergegeben; wir haben die Haftung für Industrieinvestitionen übernommen und vieles andere mehr.

Es ergibt sich aus der Struktur Niederösterreichs, daß das Viertel unter dem Wienerwald, das sich schon vor

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mehr als hundert Jahren den Namen »Industrieviertel« erworben hat, auch weiterhin eine führende, ja überragende Stellung in der Industrialisierung einnimmt. Doch ist es, Gott sei Dank, auch in anderen Landesteilen gelungen, neue Arbeitsplätze zu schaffen, wenn wir auch beispielsweise mit dem Problem Abwanderung aus den agrarischen Bezirken in die Ballungsräume noch nicht ganz fertig geworden sind. Das Tempo dieser Entwicklung konnte zwar wesentlich verlangsamt, aber – das hat das Volkszählungsergebnis 1971 gezeigt – noch nicht zur Gänze abgestoppt werden. Um diese Entwicklung noch gezielter und koordinierter in den Griff zu bekommnen, hat das Land Niederösterreich bereits im Oktober 1971 ein Raumordnungsprogramm für die Entwicklung von Industrie und Gewerbe in Niederösterreich verabschiedet.

Die Erfolge der jüngsten Zeit bestätigen, daß wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Trotzdem gebe ich zu, daß es als Folge einer Industrialisierungswelle, die die Entwicklung vor hundert Jahren noch bei weitem übertrifft, Probleme gibt, die stets neu überdacht werden müssen. Unser Land hat den Vorteil, daß wir Unternehmen, die in der Enge der Großstadt für ihre Betriebe keine Ausdehnungsmöglichkeiten sehen, Industriegelände großzügig anbieten können. Auch die Para-Chemie gehört ja zu den Betrieben, die aus der Beengtheit Wiens zu uns gekommen sind. Das erste Paraglas wurde ja 1959 noch im 15. Wiener Gemeindebezirk hergestellt. Nicht zuletzt ist es diese Flucht der Industrie aus der Großstadt, die uns geholfen hat, der Abwanderung mit einigem Erfolg an den Leib zu rücken.

Durch viele Jahre bildete Niederösterreich mit dem Burgenland in den meisten Wirtschaftsstatistiken das Schlußlicht. Gerade in den vergangenen Jahren hat sich

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in manchen Bereichen eine sehr erfreuliche Wandlung eingestellt. Wir stehen nicht nur hinsichtlich der Schulneubauten oder des Ausbaues der Altersheime an der Spitze der Bundesländer, sondern auch bei den Industrieinvestitionen.

Als Landeshauptmann möchte ich der Para-Chemie und den Österreichischen chemischen Werke, sowie der Gemeinde Gramatneusiedl als Standort dieses vorbildlichen Betriebes auch für die Zukunft alles Gute wünschen. Ich habe der Einladung, hier bei dieser Eröffnung anwesend zu sein, gerne Folge geleistet. Ich freue mich über jeden Betrieb, der in Niederösterreich neu entsteht oder wesentlich erweitert wird, vor allem dann, wenn es ein so modernes und zukunftsträchtiges Unternehmen ist, wie hier in Gramatneusiedl die Acryl-Glas-Erzeugung.

Der Belegschaft und der Firmenleitung wünsche ich ein weiteres gutes Gedeihen des Betriebes, das sein Fundament in einer guten Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern haben muß.

In diesem Sinne nachmals meine aufrichtigsten Glückwünsche zum heutigen Tag.«1)

1Andreas MAURER, Festansprache anläßlich der Eröffnungsfeier der Para-Chemie, Gramatneusiedl, 28. Februar 1973

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I. HEIMATGESCHICHTLICHES VON GRAMATNEUSIEDL

Dieser Abschnitt berichtet von der Entstehung Gramatneusiedls und Marienthals. Er gibt Auskunft über ihre Besitzer, sowie über die geschichtliche und wirtschaftliche Entwicklung.

1.1. Die erste Besiedlung

Die Zeit der Entstehung Gramatneusiedls läßt sich nicht genau angeben. Man sagt, daß es auch zu Zeiten der Römer hier an der Piesting ein Kastell gegeben habe. Es soll die Aufgabe gehabt haben, die alte Ödenburgerstraße hinunter nach Pannonien zu schützen. Das wäre möglich. Leider gibt es dafür nicht die geringsten Anhaltspunkte. Nach dem Zerfall des Römerreiches wurde die Gegend das Durchzugsland vieler kriegerischer Scharen, die sich auch vorübergehend hier niederließen. Besonders viel Leid brachten die Hunnen- und Awareneinfälle in unser Land. »Was an Kultur sich in Niederösterreich noch über die Zeiten des Völkerwanderns erhalten hat, ging durch die in der Folge als Herren des Landes auftretenden Awaren zugrunde und die Landschaft wurde fast zur Einöde.«1) Karl der Große machte dem Treiben ein Ende. Von Westen her zog christliche Bevölkerung in unser Land und besiedelte es. Diese Zeit des Aufblühens dauerte rund 100 Jahre. Bald brachen die Magyaren ein und richteten abermals schweren Schaden an.

1Leopold RUPP, Heimatbuch Himberg, Wien 1928, Seite 13

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Obwohl der Babenberger Leopold I. 976 von Otto II. mit der Ostmark belehnt wurde, war dies für unser Gebiet vorläufig bedeutungslos. Erst tun 1020 bildete die Fischa und 1042 die Leitha die Ostgrenze des Landes. Nun folgte die (hauptsächlich bayrische) Besiedlung des zurückeroberten Gebietes, das damals ein Wald-, Sumpf- und Steppengebiet war. Jeder Grundbesitzer und jedes Kloster bildete zunächst eine Kolonie, aus der in rascher Reihenfolge viele Orte entstanden, »wie Schwechat 1040, Fischamend 1085, Mannswörth 1058, Reisenberg 1054.«1) Der Sage nach soll das älteste Haus Gramatneusiedls (Altgebäude) ein Kloster gewesen sein. Leider konnte man dafür bis heute noch keinen Nachweis erbringen.

Die Existenz Gramatneusiedls ist urkundlich 1120 erwiesen.

Vierte Urkunde

Das Original befindet sich im Stift Herzogenburg. Anläßlich der Kirchenweihe in Traiskirchen wurden 1120 vier Urkunden ausgestellt, in denen Bischof Udalrich von Passau die Grenzen des Pfarr- und Zehentgebietes von Traiskirchen von Neuern bestimmte. In der ersten Urkunde

1) Leopold RUPP, a.a.O., Wien 1928, Seite 14

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wird der Ort »GEZEN NUISIDELEN«, in der zweiten »HADEM NIUSIDELEN«, in der dritten »NIUSIDELEN« und in der vierten Urkunde »GEZENNIUSIDELEN«1) geschrieben. Zweifellos ist aber immer der Ort Gramatneusiedl damit gemeint.

Wenn kein Fehler der Urkundenschreiber vorliegt, nannte man um 1120 unseren Ort Neusiedl des Gezo oder Hademar. Dies waren wahrscheinlich zwei bedeutende Personen im Gebiet zwischen Moosbrunn, Ebergassing und Velm. In späteren Urkunden heißt der Ort dann: [»]GRAMAS NEUSIDEL (1553), GRABMANS NEUSIDEL (1377), GRAMANS NEWSYDEL (1398), GRABMANS NEWSIDEL (1451), GRAIMET NEUSIDL (1587/93), GRUAMADT NEUSIEDL (1674), GRAIMETH NEUSIDL (1712) und 1785 GRÄMET- und GRAMATNEUSIEDL«.2)

Schweickhardt behauptet: »…. es hat seinen Namen von den von Ungarn kommenden Heubauern, die von jeher hier Station hielten und im Orte übernachteten, wobei auch mit Heu und Grumet beträchtlicher Handel getrieben wird, erhalten, weshalb auch in alten Dokumenten die Benennung: Krumetneusiedl oder Grumetneusiedl vorkommt«.3)

1.2. Von den Besitzern Gramatneusiedls

»Was wir von den Besitzern desselben aus Urkunden entnommen haben ist folgendes: Im Jahre 1318 vertauschte Wernher von Lach (Laa) der ehrbare Ritter seine Gülten zu Neusiedl gegen andere zu Leubestorf (vielleicht Leopoldsdorf) an die Brüder Hans und Rudolph von Ebersdorf. Nachdem solche durch viele Jahre bei dieser Familie verblieben waren, erscheint 1405 Ulrich von Trautmannsdorf als Besitzer von Neusiedl. Desgleichen erscheinen als solche im

1Heinrich Weigl, Historisches Ortsnamenbuch von Niederösterreich V, Wien 1973, Seite 29

2ebenda, Seite 29

3Fr. X. Josef Schweickhardt, Darstellung des Erzherzogtums Österreich unt. Enns IV, Wien 1832, Seite 4

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Jahre 1428 Kasper und Wolfgang von Ladendorf, wovon Letzterer seinen Anteil 1450 an Albrecht, Herrn von Ebersdorf verpfändete.«1)

Daneben hatte aber auch der Landesfürst Besitzungen, denn wie aus den von Herzog Albrecht in Jahre 1398 bestätigten Kaufbrief hervorgeht, haben die »Chorherren der Thumbkirchen Allerheiligen datz sand Steffan zu Wien« von den Brüdern Rudolf und Ludwig von Tyrna, die von den Herzog ihnen als Lehen geschenkten »Gült, Güter und Zehent«2) gekauft.

Weiters verkaufte 1520 die Liebfrauenbruderschaft dem Domkapitel »jegelich stuckh, gult, gueter zu Gramatneusiedl… um 310 Pfund Pfen. gueten Landeswehrung.«3) Im Jahre 1616 verkaufte Raimund Ehamb dem Domkapitel seinen Hof zu Gramatneusiedl samt der an der Fischa liegenden Mühle mit allen Zugehör, nämlich 108 Joch Acker, 54 Tagwerk Wiesen und einen Krautgarten.

1621 gelange das ganze Domkapitelgut samt Hof, Mühle, 32 Untertanen an den Kammerrat Jerenimo Bonacina um »10.000 fl und 500 fl Laikhauff.«4) Allerdings war dieser Kauf ohne Wissen des damaligen Wiener Bischofs und Generaldekans Khlesel erfolgt und daher kanonisch ungültig. Nach den Tode Bonacinas kam Hartmann von Lichtenstein in den fraglichen Besitz dieses Gutes. Nach jahrelangem Prozeß gab Kaiser Leopold am 15. Mai 1668 den Rückerstattungsbefehl, welcher mit folgenden Worten schließt: »… da und zum fahl aber Ihr (Hartmann, Fürst von Liechtenstein) solches nicht thät sollet Ihr alsobalden durch den Profosen in Band und Eisen alhero gebracht und in den Stattgraben

1Fr. X. Josef Schweickhard [!], a.a.O., Wien 1852, Seite 5

2Hermann Zschokke, Gesch. d. Metropol. Cap z. St. Stephan in Wien, Wien 1895, Seite 541

3ebenda, Seite 342

4ebenda, Seite 342

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zur Arbeit angehalten werden, wonach Ihr euch also zu richten und selbst vor Schaden zu huetten wissen werdet. Es beschicht auch hieran Unser gnedigster Willen und Mainung.«1)

1.3. Die Türkenkriege

Die vom 11. bis 16. Jahrhundert andauernden Ungarnkriege brachten unserer Gemeinde ohne Zweifel Entbehrungen und Opfer, doch von einer Verwüstung des Ortes ist nirgends die Rede. Dies aber war die Folge der ersten Türkenbelagerung Wiens. Dem Pfarrgedenkbuch nach hatte Gramatneusiedl damals 250 Einwohner von denen viele ernordet oder in die Sklaverei verschleppt wurden. Auch die Kapelle wurde arg verwüstet. Dazu kam noch, daß die Lehre Luthers rasch um sich griff und der daraus entstandene religiöse Streit den Wiederaufbau der zerstörten Ortschaft stark hemmte.

Noch 1544 heißt es im Visitationsbericht: »Gramatneusiedl, eine Filiale gen Moosbrunn. Vermeldtes Filial soll von Moosbrunn besungen werden, weil aber kein Pfarrer zu Moosbrunn, sondern die pfarrlichen Rechte von dem Pfarrer von Fischamend gerichtet werden, gehen sie, wenn zu Moobrunn Messe gelesen wird, an 4. Sonntag, hinauf und hat dieses Kapellerl gar kein Einkommen. Ist auch sider 29 Jahres nit aufgebaut worden.«2) (Das Kapellerl muß vor 1400 errichtet worden sein, da aus dem Jahre 1405 eine Stiftungsurkunde vorliegt, in der sich der Pfarrer von Moosbrunn, Georg List, verpflichtet, wöchentlich 4 Messen zu lesen und alle Pfarrechte in dieser Filialkirche auszuüben).

Auch im Jahre 1685 hausten die Türken in Gramatneusiedl sehr

1Hermann Zschokke, a.a.O., Wien 1895, Seite 344

2Denkbuch I d. Pfarre Moosbrunn, Pfarrarchiv Moosbrunn 1850–1871, Seite 37

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arg. Häuser wurden ruiniert und das Kirchlein als Pferdestall benützt. Die Bewohner sollen nach Heiligenkreuz ins Kloster geflüchtet sein, wo sie ums Leben kamen. 1685 scheinen von den 50 alten in den Matriken angeführten Familiennamen nur mehr acht auf (Piberhofer, Fischer, Griesmüller, Renner, Wohlschlager, Zimmermann, Krabath, und Pelland).

Bald kamen aber wieder neue Ansiedler aus dem Westen. Die herrenlosen Stätten wurden billig abgegeben; zum Teil überließ man sie kostenlos den Siedlern. So waren 1690 wieder fünfzig Familien in Gramatneusiedl ansässig. Mit viel Fleiß ging man daran die Schäden dieser Schreckenszeit zu beseitigen. Pfarrer Grausam ist der Meinung, daß (nach der Bauart zu schließen) auch in dieser das große Kirchenschiff und der Turm an das kleine gotische Kapellerl angebaut wurde. Leider sind keine Urkunden vorhanden. 1693 erhielt die Kirche eine Glocke, die heute noch erhalten ist. (Denkmalschutz). »Matthias Glosser [recte Glaser; Anm. R.M.] in Wien hat mich gegossen 1693« kündet ihre Inschrift. Christus am Kreuze und Maria mit dem Kinde sind bildlich dargestellt. Der Sage nach soll diese Glocke aus erbeuteten Türkenkanonen gegossen worden sein.

1.4. Die Kuruzzeneinfälle

Durch die Kuruzzeneinfälle 1703 wurde die Aufbautätigkeit unterbrochen. Der Ort wurde wieder verwüstet.

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Die ganze Umgebung stand in Flammen. 1705 fiel Karoly mit 5000 Reitern ein. Was der Feind verschonte fiel wieder der »bösen Witterung« zum Opfer.

1.5. Gramatneusiedl im 18. Jahrhundert

Nach dieser leidvollen Zeit zog Friede ein bis zu den Franzosenkriegen. Über diese fast hundertjährige Friedenszeit geben uns hauptsächlich die pfarrlichen Dokumente (Matriken, Beichtregister und Denkbücher) Aufschluß.

Gramatneusiedl war damals noch ein kleines Dorf. Es zählte vierzig Hauser und 224 Einwohner. Dagegen war Moosbrunn doppelt so groß (84 Häuser und 464 Seelen).

Einer der tüchtigsten Männer war damals Ignaz Osman. Er machte aus der Ladenmühle (Mühle an der Fischa), die er 1750 von Theresia Michlin erwarb, eine sehr stattliche Mühle. »Sie hieß Ladenmühle, weil sie aus Holz gebaut war. Er baute sie von festem Material und führte das schöne Wohngebäude mit Türmchen und Uhr auf. Auch hatte er eine eigene Hauskapelle und einen Priester«.1) Weiter lesen wir im Denkbuch I Seite 316: »…. Er machte große Geschäfte, hatte sehr großen Zutritt bei Vornehmen, war reich, galt viel bei der Kaiserein Maria Theresia, die mit ihm huldvoll sprach, sooft sie nach Mannersdorf fuhr, auch öfters bei ihm Erfrischungen nahm, er wurde mit der goldenen Ehrenmedaille beglückt.« Mit ihrer Erlaubnis baute er die Mühle an der Piesting (Kloster?) neu auf und nannte sie Theresienmühle. Er starb 1778 und wurde in der Kirche begraben. Die Witwe Margaret Osmanin wird als große Wohltäterin der Gramatneusiedler Kirche genannt. Die Mühle aber rnußte sie verpachten und schließlich verkaufen.

1Denkbuch I d. Pfarre Moosbrunn, Pfarrarchiv Moosbrunn 1830–1871, Seite 261 f.

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Etwas abseits vom Dorf soll um 1800 die Kibitzmühle (Herrschaftsmühle) erbaut worden sein (14 m mal 9.50 m). Sie brannte Mitte des 19. Jahrhunderts ab, wurde 1858 von der Gemeinde Gramatneusiedl wieder erbaut und an die Fabrik weiter verkauft. Heute ist die Mühle ein Wohnhaus.

Kibitzmühle

Das größte Ereignis dieser Zeit war für die Gramatneusiedler die Schulgründung. Am 4. August 1762 stiftet der Wiener Domherr Georg Ignatius Ruschko ein Schulhaus. Er verfaßte am 31.12.1762 in acht Punkten eine ausführliche »Instruktion« über die Pflichten und das Verhalten eines »Schulmeisters« in Gramatneusiedl. (Schulchron[ik]). Früher mußten die Kinder die Schule in Moosbrunn besuchen. Durch die Schulgründung in Gramatneusiedl hatte der Schulmeister in Moosbrunn weniger Arbeit und auch einen Verdienstentgang. Dafür erhielt er von Gramatneusiedl als Entschädigung eine Gehaltsaufbesserung von 15 fl jährlich aus der Kirchenlade. Aber nur auf drei Jahre, damit er nicht zu stolz und übermächtig werde. Ebenso erhielt er von der Gemeinde etwas Getreide, aber nichts Gewisses.

Wie die Leute damals lebten, was sie zu tun hatten oder nicht tun durften, kann man aus den vielen kaiserlichen Dekreten sehen, die alle in der Kirche vorgelesen werden mußten. Das Leben der Bürger war von der Behörde bis ins allerkleinste vorgeschrieben.

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Unter Kaiser Franz Josef II., versuchte am 1. April 1786 die Gemeinde Gramatneusiedl eine eigene »Localcaplaney« zu erlangen. Ihre Bitte wurde abgeschlagen, da der Ort zu klein war.

1.6. Die Franzosenkriege

Von den ersten zwei Franzosenkriegen hatte Gramatneusiedl außer den Lebens- und Futtermittellieferungen nichts verspürt. Im Jahre 1805 kamen die Franzosen aber auch hierher. Es kam aber zu keinen Exzessen. Über große Schaden klagte nur des Domkapitel, da es für die Einquatierung und Verpflegung große Ausgaben leisten mußte.

Anders verlief die zweite Invasion. Am 24. Mai quartierten sich in Gramatneusiedl französische Marodeure ein und unternahmen von hier aus Plünderungszüge in die benachbarten Dörfer. Die Kirche wurde vollständig ausgeraubt. Da die Bewohner auch sonst viel ertragen mußten, war für sie der 20. November, an dem die Feinde abzogen, ein großer Freudentag.

1.7. Der wirtschaftliche Aufschwung im 19. Jahrhundert

Zahlreich sind aus der nun folgenden Zeit die Eintragungen in den Denkbüchern der Pfarre Moosbrunn. So kann man darin lesen, daß der 25. Juli für die Gramatneusiedler Bauern ein Trauertag war. Ein starkes Gewitter mit Hagelschlag vernichtete die gesamte Ernte. Ein Jahr später brannten die Häuser Nr. 27, 28, 29, 30 ab. Schuld an dem Großfeuer war ein Knecht, der bei der Ausfahrt nach Mitternacht das Licht auszulöschen vergaß.

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1819 erwarb k.k. Polizeikommissär von Pausinger die Theresienmühle und baute sie in eine Flachsspinnfabrik um. Damals erhielt sie sowie der zum Gebäude gehörende Grund den Namen Marienthal. Pfarrer Anton Schallerl schreibt im Pfarrprotokoll F/303: »Die Gemeinde hätte diese Mühle um einen sehr wohlfeilen Preis erhalten können, aber nur ein einziger Nachbar war dagegen, und so unterblieb der Kauf der für die Gemeinde so vorteilhaft gewesen wäre.« In dieser Fabrik konnten bereits 33 Personen beschäftigt werden.

Ausschnitt aus der Perspektivkarte von Niederösterreich

Schweickhardt, 1830–1846

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Der Leiter dieser Fabrik war Direktor Franz Xaver Wurm, der am 10. März 1827 zum Tode durch den Strang verurteilt wurde. Fünf Monate später wurde er von Kaiser Franz zu lebenslänglichem Kerker begnadigt, den er im Leopoldstädter Zuchthaus verbüßte, wo er als äußerst begabter Erfinder und fachmännischer Berater oft aufgesucht wurde, bis der Kaiser ihm vollständig die Freiheit schenkte.

Nachdem die Fabrik 1827 stillgelegt wurde, kaufte sie 1831 Hermann Todesco. Er vergrößerte sie und machte daraus eine »Wohlspinnerey-Fabrick.« Während die erste Flachsspinnfabrik mit einigen Spinnmaschinen und unbedeutendem Betrieb schon nach acht Jahren eingestellt werden mußte, entwickelte sich die zweite Fabrik unter Todesco in der Folge zu einem riesigen Unternehmen.

1833 errichtete er eine Fabrikschule (Boldiszarhaus [recte Boldischarhaus; Anm. R.M.]) und stiftete 1844 unseren Stiftskindergarten.

Nach dessen Tod kaufte sein Sohn 1845 die Ladenmühle, riß sie ab und erbaute die große neue Fabrik. Zugleich erbaute er das gegenüberliegende »Neugebäude« und verwendete es wie die

Neugebäude

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frühere Fabrik, die umgebaut wurde und seither »Altgebäude« genannt wird, als Wohnhaus für die Arbeiter.

Altgebäude

Viel Schrecken verbreitete 1831 die Cholera. Man versuchte mit allen Mitteln das Ärgste zu verhindern. Vorkehrungsmaßnahmen wurden getroffen. Bei uns wurde »Viehtrieft« nahe dem Goldwald ein Stück Grund eingeplankt und vom Pfarrer eingeweiht. Der Abteilungskommissär war der Direktor der Fabrik. Vier Krankenwärter wurden ernannt. Die Furcht war groß, ja, bei uns größer als die Gefahr, denn in diesem Jahr forderte die Cholera kein Opfer.

1.8. 1840 – Gramatneusiedl eine freie Gemeinde

Wegen des Baues des Domherrnhauses auf dem Stephanplatz in Wien versteigerte das Wiener Domkapitel am 12. Nov. 1840 seine Besitzungen in Gramatneusiedl, die die Gemeinde erwarb. Damit endete die seit 1398 hier bestandene Domkapitelherrschaft. In das Schloß wurde 1841 das Gemeindegasthaus verlegt. Auch die Armen wurden hier untergebracht.

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Der Zeit entsprechend mußten die Verkehrswege verbessert werden. Die neue Straße die von Fischamend über Gramatneusiedl nach Moosbrunn führte, wurde »auf die Höhe« verlegt, da die alte Straße, die im Tale verlief im Winter immer verweht war.

Mit dem Bau der Eisenbahn wurde am 22. Mai 1845 begonnen. »Es wurde Tag und Nacht gearbeitet«. Am 12. Sept. 1846 fuhr der erste Zug durch Gramatneusiedl. Der Zug bestand aus zwei Lokomotiven und fünfzehn Waggons. Fünfhundert Gäste fuhren mit. In der Wiener Zeitung erschien im folgenden ein genauer Bericht: »Die Station Gramatneusiedl ist eine der wichtigsten, daher auch in der Anlage die größte der Linie. In dem Flußgebiet der Fischa liegend, wird sie im Verkehr all die zahlreichen Mühlen und Fabriken zubringen. Sie bildet die Mittelstation von Wien nach Bruck a[n der] Leitha. Hier ist auch der Wechsel der sich kreuzenden Trains und es ist auch hier das Polizeikommissariat zur Besichtigung der Pässe der Reisenden stationiert. Unter diesen Verhältnissen ist in dieser Station auch die Errichtung eines Wasserstationsgebäudes, einer Lokomotivenremise, eines Heizhauses, einer Reparaturwerkstätte nötig geworden. Durch welches alles dieses der Stationsplatz ein sehr stattliches Aussehen gewann.«1)

Die Bahn wurde zuerst nur bis Raab gebaut, daher der ursprüngliche Name »Raaber Bahn«. Während des Weltkrieges wurde die Strecke Wien – Bruck a. Leitha von gefangenen Italienern zweigleisig gemacht. 1837 wurde der Südbahnflügel erbaut.

Auch die Fabrik Marienthal erhielt eine eigene Gleisanlage. Von den Wirren des Revolutionsjahres 1848 war in Gramatneusiedl nicht viel zu merken. Gramatneusiedl errichtete

1) Anton Kummerer, Geschichte von Moosbrunn, Mödling (St. Gabriel) 1938, S. 55f.

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im Gegensatz zu der Umgebung auch keine Nationalgarde.

Schwerer suchte die Cholera die Gemeinde in diesem und den folgenden Jahren heim. Gramatneusiedl hatte 134 Sterbefälle zu verzeichnen. Um die vielen Leichen nicht immer nach Moosbrunn tragen zu müssen, entschloß sich die Gemeinde im Cholerajahr 1855 einen eigenen Friedhof zu errichten, der am 16. Juli 1856 eingeweiht werden konnte, (1901 vergrößert, mit einer Mauer umgeben und Alleebäume bepflanzt.)

Das Jahr 1866 nennt der Chronist ein Unglücksjahr. Das erste »Übel« war eine große Kälte am 20. u. 24. Mai, die das bereits in Blüte stehende Korn verbrannte. Das zweite »Übel« war der verlorene Krieg. Nach dem Rückzug wurde die Gemeinde so von Soldaten überschwemmt, daß manches Haus mit fünfzig bis sechzig Mann belegt wurde. Für die Bauern war dies eine große Last, da sie durch die verlorene Ernte selbst Not litten.

Das dritte »Übel« war die Cholera. Sie brach Ende Sept. aus. Am meisten wütete die Krankheit in der Fabrik. Viele, die morgens gesund in die Arbeit gingen, waren mittags krank und abends tot. Sie raubte einhundertzweiundzwanzig Menschen das Leben.

Das Revolutionsjahr 1848 und die ungünstigen Verhältnisse mach den Kriegen 1859 und 1866 konnten aber den wirtschaftlichen Aufschwung nicht hemmen. Dies zeigt am besten eine kleine Aufstellung über Gramatneusiedls Einwohner

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 Jahr

Einw.

Häuser

 

Jahr

Einw.

Häuser

 

1774

184

40

1)

1870

1.335

55

4)

1814

265

44

2)

1883

1.589

64

5)

1836

381

45

3)

1890

2.553

80

6)

1882 wurde die Fabrik Marienthal, die seit 1866 auch eine Weberei umfaßte, vergrößert. Das Zuwandern der Arbeiter und die sich daraus ergebende Wohnungsnot, wurde durch den Bau von Arbeiterwohnungen behoben. Zugleich wurde auch ein Spital errichtet.

Schule

Nicht nur die Zahl der Arbeiter nahm zu, auch Schulkinder waren mehr geworden. Aus diesem Grunde entschloß sich die Gemeinde 1875 (seit 1871 war die kirchliche Oberaufsicht und Leitung der Schule aufgehoben) eine neue dreiklassige Volksschule zu errichten. Sie wurde auf dem Platz der durch einen Brand vernichteten Herrschaftsscheune begonnen. Am 30. Juli 1876 fand die feierliche Einweihung statt. Oberlehrer Nowotny schreibt in der

1Denkbuch II der Pfarre Moosbrunn, Pfarrarchiv Moosbrunn 1872, S. 140

2ebenda, S. 140

3ebenda, S. 140

4Verein für Landeskunde v. NÖ, Topographie v. NÖ, Wien 1893, Band III S. 657

5ebenda, S. 657

6ebenda, S. 657

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Schulchronik (Seite 27): »… dieser Tag war für mich während meiner neunzehnjährigen Lehrpraxis der schönste.«

Durch das weitere Ansteigen der Schülerzahl, sowie durch das Schließen der Fabrikschule (1885), wurde sie 1895 sechsklassig. Ein einstöckiges Lehrerhaus wurde der Schule gegenüber eröffnet.

Auch die Entwicklung der Landwirtschaft blieb nicht stehen. Die Mechanisierung steigerte den Ertrag. Die Produkte aber, die über den Eigenbedarf erzeugt wurden, abzusetzen, war äußerst schwierig. Nicht weil kein Bedarf war, sondern weil jede Organisation fehlte. Dies erkennend, erbaute Moritz Reiff 1896 in der Nähe des Bahnhofes ein Lagerhaus mit einer Gerstenputzerei. Er kaufte die landwirtschaftlichen Produkte ein, um sie dann wieder weiter zu verkaufen. So waren die Bauern auch weiterhin den Schwankungen des Marktes ausgesetzt und konnten oft nicht einmal die dringensten Bedürfnisse der Familie und deren Mitarbeiter befriedigen. Aus diesem Grunde schlossen sich die Bauern Gramatneusiedls und Umgebung zusammen und gründeten am 6. April 1901 eine Landwirtschaftliche Genossenschaft. Sie erwarben am 10. Juli 1901 um 130.000 Kronen das Lagerhaus von Reiff.

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Lagerhaus 1901

Somit war auch die größte Not der Bauern gelindert.

22

1.9. Ausklang in unserer Zeit

Die ruhige Entwicklung der Wirtschaft wurde durch den ersten Weltkrieg gestört. Er brachte den Bewohnern viel Leid und Entbehrung. In der schlechtesten Zeit gingen die Schulkinder zu den Bauern essen. Durch dreieinhalb Jahre waren zweiunddreißig russische Kriegsgefangene in der Landwirtschaft tätig. Auf der Bahn arbeiteten Italiener und Rumänen. Dieser Krieg forderte aus unserer Gemeinde neunundsechzig Menschenleben. Viele Männer kamen krank oder als Krüppel heim.

Wieder soll eine Statistik über die folgende Zeit Aufschluß geben:

Jahr

Einwohner

Häuser

 

1910

2.725

127

 

1919

2.104

129

1)

1929

2.926

178

2)

1937

?

225

3)

1951

2.231

233

4)

1961

2.058

268

5)

Der zwischen den Jahren 1910 und 1919 liegende Weltkrieg bewirkte einen deutlichen Bevölkerungsrückgang. Auch die wirtschaftliche Tätigkeit war während dieser Zeit beinahe erlahmt. Der verlorene Weltkrieg brachte aber auch den Zusammenbruch der Währung. Wer Schulden hatte, war sie jetzt los. Viele, die gespart hatten, verloren

1Rudolf Theuer, Gemeinde Gramatneusiedl, Gramatneusiedl 1929, S. 17

2ebenda, S. 17

3Georg Grausam, Beiträge zur Ortsgeschichte, Gramatneusiedl 1961, S. 2

4ebenda, S. 2

5ebenda, S. 2

23

ihr Vermögen. Dazu kam noch, daß wegen Rohstoffmangels, Absatzschwierigkeiten und Kohlenmangels die Produktion in der Fabrik teilweise eingestellt worden war und dadurch in den Jahren 1919 bis 1924, 23 bis 44 % der Arbeiter brotlos waren.

Erst mit der Einführung der Schillingwährung (1924) läßt sich in der Gemeinde ein allgemeiner wirtschaftlicher Aufschwung erkennen. Rege Bautätigkeit setzte ein. (Jeder wollte sein erspartes Geld richtig anlegen). Dies unterstützte die Gemeinde, indem sie 8.000 m2 Baugrund für Siedlungszwecke zur Verfügung stellte. Sie ließ auch ein elektrisches Ortsnetz, sowie eine Fernleitung von Elektrizitätswerk Schranawand ausgehend, erbauen, sodaß Straßen, Bahnhof, Schule, Kirche und 90 % der Ortsbewohner elektrisches Licht hatten. (Marienthal wurde von der Fabrik aus versorgt). Die Straßen wurden gepflastert. Der 1929 geplante Bau eines modernen Hauptschulgebäudes konnte nicht durchgeführt werden, weil der wirtschaftliche Zusammenbruch der Fabrik bevorstand. An Stelle dessen wurde 1931 ein Trakt an die bestehende Volksschule als Hauptschule angebaut.

Durch das Stillegen der Fabrik wurden von den 2.926 Einwohnern 1.486 arbeitslos. Gramatneusiedl wurde Notstandsgebiet. Viele Arbeiter versuchten nun in der nahe gelegenen Stadt Arbeit und Wohnung zu finden, was ein Abnehmen der Bevölkerungszahl verursachte.

24

1934 errichtete Sonnenschein wieder eine kleine Weberei. Die übrigen Gebäude mit dem Wasserkraftwerk erwarb 1939 die Landwirtschaftliche Genossenschaft und erbaute auf diesem Gelände das Hauptlagerhaus und eine Landmaschinenreparaturwerkstätte. Als Randgemeinde des 23. Wiener Gemeindebezirkes (seit 15. Okt. 1938) erlebte Gramatneusiedl den letzten Krieg. Was er brachte war Hunger, Elend, Grausamkeit und Tod. Zirka 500 Männer waren eingerückt. Gefangene Belgier, Franzosen, sowie ukrainische und polnische Flüchtlinge arbeiteten bei den Bauern und in der Industrie.

Eine Flakabteilung den deutschen Wehrmacht war im Pfarrheim stationiert.

Unser Gebiet war aber nicht nur Hinterland, das all die Entbehrungen und Leiden eines Krieges zu ertragen hatte, sondern wunde selbst Kriegsschauplatz. Unübersehbare Kolonnen von Flüchtlingen zogen auf den Straßen westwärts. Von Gramatneusiedl waren ca. 300 Personen geflüchtet, darunter alle, die in führender Stellung tätig waren. Den Priester und der Arzt blieben in Gramatneusiedl, die im Ort blieben, versuchten in den Kellern Schutz zu finden. Als in den ersten Apriltagen das Geschützfeuer der näherrückenden Front immer mehr hörbar wurde, sprengte ein eigenes dafür bestimmtes Kommando die Brücken, sowie das Hauptlagerhaus in Marienthal, das so vielversprechend für die Bauern den Umgebung von Gramatneusiedl war. Auch die Weberei wurde total zerstört.

25

Hauptlagerhaus Marienthal 1945

Am Vormittag (11 Uhr) des Osterdienstag (April 1945) besetzten russische Truppen, nach kurzem Gefecht mit der deutschen Nachhut, Gramatneusiedl. Dabei kamen 34 Personen ums Leben (Soldaten des deutschen und russischen Heeres, Gefangene und Zivilpersonen). Die darauffolgende Besetzung war für unsere Gemeinde eine böse Zeit: Die Erniedrigungen – menschenunwürdig; der Hunger – groß. Die Zeit der Besetzung hatte bei all dem Furchtbaren, das sie brachte, ein Gutes; sie zeigte uns den Wert den Freiheit und weckte unsere Liebe zur Heimat aufs neue.

Nachdem ich nun über die Entstehung Gramatneusiedls berichtet habe, komme ich zum eigentlichen Teil meiner Aufgabe. Ich habe über Marienthal im Notstand und Marienthal 1973 zu berichten. Besonders die wirtschaftlichen Veränderungen in dieser Ortschaft sprechen eine deutliche Sprache. Aber auch der soziale und psychologische Wandel der Hauptschüler in Gramatneusiedl werden anhand von Aufsätzen und Berichten der Schule in einem Kapitel genauer betrachtet.

26

II. Teil: Marienthal vom Notstand (1934) zum Wohlstand (1973)

2.1. Das Industriedorf 1934

Marienthal ist ein kleines Fabriksdorf an der Fischa-Dagnitz im Steinfeld. Man erreicht diese Ortschaft von Wien aus mit den Ostbahn in 30 Minuten. Marienthal ist eigentlich nun ein Teil von Gramatneusiedl. Der Ortsunkundige merkt die Grenze zwischen Marienthal und Gramatneusiedl kaum. Die Häuser in Marienthal sind langgestreckt und einstöckig. Alle Häuser sind nach dem selben Muster gebaut. Auch viele Baracken stehen in Marienthal, denen man anmerkt, daß sie seinerzeit schnell fertig werden mußten, um den plötzlichen Arbeiterzuwachs aufzunehmen. Nur das ehemalige Herrenhaus, das Fabriksspital und das Beamtenhaus ragen zweistöckig über die anderen hinaus.

So wie andere Orte um die Kirche entstanden sind, so entstand Marienthal um eine Fabrik. Diese Fabrik prägt die Geschichte des Ortes.

27

2.2. Der Standard

Der alle zwei Wochen wiederkehrende Tag den Unterstützungsauszahlung ist für Marienthal von größter Bedeutung. In diesem Zeitintervall spielt sich das Leben ab. »Großeinkäufe« von Mehl, Kartoffel, Fett werden am Tag der Auszahlung getätigt. Auch das Essen ist an diesem Tag besser als sonst.

Eine Statistik beweist den Lebensrythmus [!] in Marienthal.1)

 

Anzahl der Kinder

 

Am Tag vor der Auszahlung

Am Tag nach der Auszahlung

Nichts oder trockenes Brot

19

2

Ausreichendes Gabelfrühstück

19

36

Insgesamt

38

38

Mehr als ¾ der Familien des Ortes sind von der Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung abhängig. Doch oft war für Arbeiter und Arbeitslose in finanzieller Hinsicht kaum ein Unterschied, da das Lohnniveau manchmal sogar unter der Arbeitslosenuntenstützung lag. Selbst die Behörden geben es auf, den Schein aufrecht zu erhalten, daß man von dieser Unterstützung leben kann. Katzen und Hunde verschwinden und keinem fällt es ein, eine Anzeige zu erstatten.

Wenn den Bauern aus Feldern Krautköpfe und Kartoffel fehlen, kümmern sie sich nicht darum. Ein junger Bauer sagte: »Was soll man denn machen, die amen Teufel haben ja wirklich nichts.«2) Schrebergärten erleichtern den Marienthalern im Sommer das Leben.

Der typische Marienthaler Schrebergarten besteht aus

1Jahoda, Zeisel, Lazarsfeld; Die Arbeitslosen von Marienthal, Bonn 1960, Seite 17

2Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 23

28

ca. 5 Feldern von 2 x 6 m2 im Geviert, von denen je eines beispielsweise mit Knoblauch und Zwiebel, Karfiol Kohlrüben, Salat, Erdbeeren und Blumen bebaut wird.

29

2.2.1. Speisezettel und Budget

Drei Mahlzeiten – früh, mittags und abends – sind die Regel. In Ausnahmefällen wurde nur 2 x am Tag gegessen. Von 41 Familien aßen Fleisch in der Woche:1)

Zahl den Fleischmahlzeiten pro Woche

Zahl der Familien

In Prozenten

0

6

15

1

22

54

2

8

19

3

2

5

4

3

7

 

41

100

Alle 22 Familien, die 1 x in der Woche Fleisch aßen, aßen es am Sonntag. Fleischmahlzeiten bestanden aus: Roßfleisch, Kaninchenbraten, Rindfleisch, Schweinefleisch und sogenanntem »Faschiertem«.

Ein Arbeitsloser erzählt: »Immer wieder verschwinden Katzen. Sie Katze von Herrn H. ist erst vor wenigen Tagen verschwunden. Katzenfleisch ist sehr gut. Auch Hunde werden gegessen. Aber das war schon in den Arbeitszeit. Da haben sie zum Beispiel einmal beim J. T. einen Hund gebraten. Erst von wenigen Tagen bekam ein Mann von einem Bauern einen Hund geschenkt, unter den Bedingung, daß er ihn schmerzlos erschlägt. Er lief überall herum um ein Geschirr für das Blut und bekam schließlich eines, dafür mußte er ein Stück Hundefleisch hergeben. Das Geschirr war von den Familie A.[«]2)

1Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 26

2Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 26

30

Das Essverzeichnis über eine Woche von zwei Familien mit 57 Groschen pro Tag und 98 Groschen pro Tag sieht folgendermaßen aus:3)

Familie, 57 g pro Tag und Verbrauchseinheit

Familie, 98 g pro Tag und Verbrauchseinheit

 

 

Montag

Montag

   F: Kaffee und Brot

   F: Kakao und Semmeln

   M: Erbswurstsuppe, Grießschmarrn

   M: Linsen und Knödel

   J: –

   J: Kaffee und Schmalzbrot

   N: Kaffee und Schmalzbrot

   N: Linsen und Knödel

Dienstag

Dienstag

   F: Kaffee und Brot

   F: Kaffee und Brot

   M: Kohl und Erdäpfel

   M: Maggisuppe und Krautfleckerln

   J: –

   J: –

   N: Kohl

   N: Krautfleckerln und Kaffee

Mittwoch

Mittwoch

   F: Kaffee und Brot

   F: Kaffee und Brot

   M: Erdäpfelsuppe und Krautfleckerln

   M: Suppe, Kraut und Kartoffeln

   J: –

   J: –

   N: Kaffee und Brot

   N: Kaffee und Brot

Donnerstag

Donnerstag

   F: Kaffee und Brot

   F: Kakao und Brot

   M: Erdäpfelgulasch

   M: Falsche Suppe, Kohl und Erdäpfel

   J: –

   J: Schmalzbrot

   N: Erdäpfelgulasch

   N: Kaffee und Butterbrot

3Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 28

31

Freitag

Freitag

   F: Kaffee und Brot

   F: Kaffee und Brot

   M: Suppe und Erdäpfelnudeln

   M: Suppe und »Schinkenfleckerln« (aus Roßfleisch)

   J: –

   J: –

   N: Kaffee und Brot

   N: Kaffee, Brot, Pferdewurst

Samstag

Samstag

   F: Kaffee und Brot

   F: Tee und Semmeln

   M: Erdäpfelsuppe und Bohnen

   M: Pferdegulasch und Brot

   J: –

   J: Schmalzbrot

   N: Kaffee und Brot

   N: Pferdegulasch und Kartoffeln

Sonntag

Sonntag

   F: Kaffee und Weißbrot

   F: Kakao und Semmeln

   M: Suppe und Mohnnudeln

   M: Rindsuppe und Leberknödel, Faschiertes und Salat

   J: –

   J: Tee

   N: Kaffee und Weißbrot

   N: Faschiertes und Salat, Kaffee

 32

2.2.2. Geldeinteilung

Die Unterstützungen betragen knapp ¼ des normalen Arbeitseinkommens. Genaueste Überlegungen sind dazu notwendig. Bin Beispiel dafür gibt Frau P. R.: »Sie habe zusammen 55 S Unterstützung in 14 Tagen. 5 S legt sie beiseite für Rauchmaterialien und für gelegentliche Fleischkäufe. 7,50 S kostet die Milch, der Rest geht aufs Essen auf, Schuhe doppelt der Mann selbst. Zu Weihnachten kaufte sie den Burschen einen Kragen um 1,50 S und 3 S hat sie für den Baum ausgegeben. Die Großmutter kaufte den Kindern Strümpfe und Stutzen. Sie hatte Lebensmittelschulden von ca. 30 S, konnte sie aber durch die Neujahrsprozente tilgen.«1)

Die Schwierigkeiten steigen in dem Maß, in dem die Kleider und das Inventar verschleißen. Ein Lehrer berichtet: »Ein zwölfjähriger Schüler der zweiten Hauptschulklasse besitzt ein einzigen Paar Schuhe, genauer: ihm hängen einige zusammengenähte Fezten von den Füßen. Wenn es regnet oder Schneit, kann er damit nicht auf die Straße. In seiner freien Zeit wird er vom Vater eingesperrt, damit er nicht durch Herumspringen diese armseligen Reste noch weiter gefährdet.«2)

1Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 33

2Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 34

33

2.3. Die müde Gemeinschaft

Um ein Maß dafür zu haben, wie sehr das Leben in Marienthal durch die Arbeitslosigkeit verändert worden ist, muß man versuchen, sich ein Bild vom Temperament und dem Leben des Ortes in normalen Zeiten zu machen. Herr B.: »Früher bin ich mit meiner Frau oft zu Tanzunterhaltungen gegangen. Das war ein Leben in Marienthal, jetzt ist alles tot im Vergleich.[«]1)

Gegenüber der Fabrik liegt der große einstmals herrschaftliche Park, auf den die Marienthaler sehr stolz waren. Jetzt ist er verwildert. Der Montessori-Kindergarten mußte aufgelassen werden, da die Kindergärtnerin nicht mehr bezahlt werden konnte. Besonders an der Theatersektion konnte man die veränderte Lebensäußerungen bemerken. Obwohl sie jetzt viel mehr Zeit zum Theaterspiel hätten, hatte keiner Lust. Jeder hatte die Gedanken woanders. Auch die Entlehnungen in der Arbeiterbibliothek gingen stark zurück. Herr S.: »Meine freie Zeit verbringe ich größtenteils zu Hause. Seit ich arbeitslos bin, lese ich fast überhaupt nicht mehr. Man hat den Kopf nicht danach!«2)

Auch in der Mitgliederzahl einiger Vereine kann man einen beträchtlichen Rückgang bemerken. Diese Vereine haben auch politische Beziehungen.

Der Rückgang ihrer Mitglieder (1927–1931).3)

Sozialdemokratische Partei

33 %

Deutscher Turnverein

52 %

Deutscher Gesangsverein

62 %

Nicht weniger aufklärend ist ein Buck auf jene Organi-

1Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 37f.

2Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 40

3Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 41

34

sationen, die nicht so sehr unter der Krise gelitten hatten.

Das sind der Verein der »Arbeiterradfahrer«, der katholische Verein »Frohe Kindheit« und der sozialdemokratische Feuerbestattungsverein »Die Flamme«.

Die Mitgliederzahlen bei dem Verein der »Arbeiterradfahrer« ist gleich geblieben, denn der Verein erleichert das Einzahlen der Versicherung für die Fahrräder. Die Vereine »Frohe Kindheit« und »Die Flamme« konnten sogar einen Zuwachs von 19 % verzeichnen. Folgende These läßt sich beim Betrachten dieser Vereine entwickeln. Mit steigender Not entwickelt sich die Mitgliedschaft bei Vereinen aus einer Gesinnungssache zu einer Interessensangelegenheit. Das heißt aber: Die Gesinnung wird nicht geändert, sie verliert nur gegenüber den Sorgen des Alltags an gestaltender Kraft. Es ist, als ob die kulturellen Werte, die im politischen Kampf stecken, erstarrt wären oder sogar wieder primitiveren Formen des Kampfes Platz machten.

Unter primitiveren Formen verstand man zu dieser Zeit die anonymen Anzeigen. Eine solche Anzeige sieht beispielsweise so aus: »Mache die Industrielle Bezirkskommission aufmerksam, daß Herr N.N. beim Bauer arbeitet und dabei aber die Arbeitslosenunterstützung bezieht, hat auch eine Hühner- und Kaninchenzucht und die Frau hat auch Unterstützung. Anderen wird die Unterstützung gleich entzogen, wenn einer biß’l was verdient nebenbei; solche, die es nicht Not haben, beziehen die Arbeitslose and andere können verhungern.«1)

1Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 44

35

2.4. Die Haltung

Die Zustände in dieser Zeit lassen sich am besten durch Familienprotokolle aufzeigen, die die Untersuchung von Jahoda – Lazarsfeld – Zeisel zur Zeit der Arbeitslosigkeit ergeben hat. Es haben sich 4 verschiedene Haltungstypen herauskristallisiert.

Kriterien für die 1. Haltungstype sind: Keine Pläne, keine Beziehung zur Zukunft, keine Hoffnungen, max. Einschränkungen aller Bedürfnisse, die über die Haushaltsführung hinausgehen, dabei aber Aufrechterhaltung des Haushalts, Pflege der Kinder und bei alledem ein Gefühl relativen Wohlbefindens.

Die 2. Haltungstype zeichnet sich aus durch: Aufrechterhalten des Haushaltes, Pflege der Kinder, subjektives Wohlbefinden, Aktivität, Pläne und Hoffnungen für die Zukunft, aufrechterhaltene Lebenslust, immer wieder Versuche zur Arbeitsbeschaffung. Ein Beispiel dafür ist die Familie 141:1)

Mann, Frau, zwei Kinder;

Aus dem Hausbesuchsprotokoll: Die Wohnung – Zimmer, Kabinett, Küche – ist sehr nett gehalten. Die Kinder machen einen sehr ordentlichen und gepflegten Eindruck. Die Frau entschuldigt sich, weil noch nicht alles aufgeräumt ist, obwohl beste Ordnung herrscht. Sie wünscht sich bei der Kleideraktion etwas für ihren neunjährigen Sohn. Zu Mittag gibt es Kaninchenjunges – Rest vom Sonntag.

Aus der Lebensgeschichte des Mannes: Hat sich schon in seiner Jugend seiner Meisterin gegenüber tapfer durchgesetzt. Er kam in den Krieg, lehnte dort eine Beförderung ab, weil er überzeugter Kriegsgegner war. Er geriet in italienische Gefangenschaft, lernte die

1Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 50f.

36

Sprache mit großer Leichtigkeit. Kam nach Marienthal zurück und heiratete eine alte Jugendfreundin. In der Fabrik wurde er bald Vertrauensmann, dann Betriebsratobmann. Hat ständig sehr viele politische Funktionen. Sein Plan wäre noch einen Zuschneiderkurs zu machen und sich einmal in Wien ein Geschäft zu eröffnen. Sein Sohn soll auch Schneiderei lernen. Er ist ein leidenschaftlicher Leser. Er wäre gern nach Frankreich ausgewandert, doch seine Frau war dagegen. Jetzt ist er ganz froh, daß er nicht gegangen ist, weil seine Kollegen Pech gehabt haben.

Aus Beobachtungen: Die Frau besuchte mit ihren Kindern wiederholt die ärztliche Sprechstunde, hielt sich strikt an alle Weisungen des Arztes. Sie besuchte auch alle anderen Veranstaltungen im Ort. Von früher sind noch eine Anzahl guter Kleidungsstücke vorhanden, die der Vater, wenn es nötig ist selbst umändert.

Die beiden anderen Haltungstypen lassen sich gemeinsam als »gebrochen« bezeichnen. Doch das »Gebrochen-Sein« äußert sich in einer Gruppe in der Haushaltsführung, in der anderen Gruppe in den Stimmungsäußerungen. Ein Beispiel für das »Gebrochen-Sein« in der Haushaltsführung zeigt die Familie 363.1)

Mann, Frau, 4 Kinder,

Aus dem Hausbesuchsprotokoll: Die Wohnung – Zimmer, Küche, Vorraum in einer Baracke – ist in furchtbarem Zustand. Sehr schmutzig und unaufgeräumt. Die Kinder und die Erwachsenen haben fast nichts zum Anziehen. Frau und Kinder sehr schmutzig, die Wirtschaft macht einen verlotterten Eindruck. Es liegen sehr viele bereits unverwendbare Kleidungsreste herum. Die Frau

1Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 52

37

beklagt sich, daß ihr Mann nirgend hilft und ihr nur zur Last ist. Bei der Kleideraktion möchte sie nur irgend etwas Warmes, egal für wen. Aus der Lebensgeschichte der Frau: Schwere Jugend, sofort nach der Schule kommt sie in die Fabrik. Im Jahre 1925 kommt sie nach Marienthal. Ihre Ehe war früher besser, jetzt ist sie sehr unglücklich verheiratet, er ist nicht unterstützungsberechtigt, weil er nie regelmäßig gearbeitet hat. Er hat sich die ganze Zeit nie um Arbeit gekümmert, hat alles ihr überlassen. Er geht oft ins Kino und »verschachert« ihr alle Sachen und versucht so Geschäfte zu machen. Oder er tratscht und spielt Karten. Sie muß sich sogar ihr Holz selbst schneiden.

Aus Beobachtungen: Das Haus gilt als besonders streitsüchtig. Die Frau ist wenig beliebt. Der Mann – ein Kriegsinvalide – ist keineswegs schlecht, nur unfähig etwas zu unternehmen. Die Frau ist ihm geistig überlegen und nützt das aus.

Von den 478 Familien in Marienthal zeigt eine Statistik, daß 2,3 % verzweifelt, 5,3 % völlig apathisch leben, und ca. 8 % unter dem Druck der Arbeitslosigkeit zusammengebrochen sind. Der Rest teilt sich auf »Resignation«und »Ungebrochenheit« in den Familien auf. Besonders deutlich spiegelt sich der Zustand in den Kindern. Weihnachtsaufsätze wurden herangezogen für eine statistische Aufstellung. Diese Aufstellung bringt Durchschnittspreise von Weihnachtswünschen.1)

Kinder aus Marienthal

Kosten einer Wunscherfüllung (in S)

Marienthal

12

Orten der Umgebung

36

1Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 60

38

Die bescheidenen Weihnachtswünsche getrauen sich die Marienthaler Kinder fast nicht zu äußern. Die Wunschaufsätze der Marienthaler Kinder zeigen eine Sonderbarkeit auf. 1/3 von ihnen ist im Konjunktiv geschrieben.

Der Weihnachtswunsch eines Mädchens: »Ich hätte an das Christkind viele Wünsche, wenn die Eltern Arbeit hätten. Ich bekam nichts: ich bekam nur Augengläser. Ich wollte einen Atlas und einen Zirkel.«1)

Ein Bub schreibt: »Ich hätte mir gern ein Album für Bilder gewünscht. Ich habe nichts bekommen, da die Eltern arbeitslos sind.«2)

Auch die Aufsätze: »Wie stelle ich mir meine Zukunft vor?« malen nur ein allzu deutliches Bild.

Ein siebzehnjähriger Schneiderlehrling schreibt: »Wenn ich in meinem Leben Glück haben soll, möchte ich nach der Lehre einige Jahre als Geselle arbeiten, dann einen praktischen Zuschneiderkurs besuchen, wodurch ich mir in Zukunft mehr Erfolg verspreche. Ich denke dann in einem Geschäft als Zuschneider unterzukommen. Später möchte ich ein selbständiger Meister werden.«3)

1) Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 60

2) ebenda, Seite 60

3) Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 64

39

2.5. Die Zeit

Die Zeitverwendung der Marienthaler ist äußerst charakteristisch. Beobachtungen auf der Dorfstraße haben ergeben, daß die Frauen schneller gehen und sich nicht so oft auf der Straße aufhalten wie die Männer. Eine Statistik gibt Auskunft über die Geschwindigkeit dieser Dorfstraße:1)

km/h

Männer

Frauen

insgesamt

5

7

10

17

4

8

3

11

3

18

4

20

Doppelt verläuft die Zeit in Marienthal, den Frauen anders als den Männern. Für die letzteren hat die Stundeneinteilung längst ihren Sinn verloren. Die Zeitverwendungsbögen zeigen das drastisch:

Ein Arbeitsloser schreibt:2)

6–½7

stehe ich auf,

7–8

wecke ich die Buben auf, da sie in die Schule gehen müssen

8–9

wenn sie fort sind, gehe ich in den Schuppen, bringe Holz and Wasser herauf,

9–10

wenn ich hinaufkomme, fragt mich immer meine Frau, was sie kochen soll; um dieser Frage zu entgehen, gehe ich in die Au,

10–11

einstweilen wird es Mittag,

11–12

(leer)

12–13

1 Uhr wird gegessen, da die Kinder erst aus der Schule kommen,

13–14

nach dem Essen wird die Zeitung durchgesehen,

14–15

bin ich hinunter gegangen

15–16

bin zum Kaufmann gegangen,

16–17

beim Baumfallen im Park zugeschaut, schade um den Park

1) Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 69

2) Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 70

40

17–18

nach Hause gegangen,

18–19

dann nachtmahlten wir, Nudeln in Gries geröstet,

19–20

schlafen gegangen.

Man beachte dabei die Stundeneinteilung. Das Aufwecken hat sicher keine volle Stunde in Anspruch genommen, oder 10–11 Uhr einstweilen wird es Mittag. Die bei den Männern am häufigsten auftretende Form der Zeitverwendung ist das Nichtstun.

Zum Vergleich der Zeitverwendungsbogen eines arbeitenden Wiener Metalldrehers:1)

6–7

Aufstehen, Waschen, Frühstück,

7–8

mit der Elektrischen in die Fabrik, auf der Fahrt Zeitung gelesen, Beginn ½ 8 Uhr,

8–12

Fabrik,

12–13

eine halbe Stunde Mittagepause, im Betrieb geblieben, Mitgebrachtes gegessen,

13–16

Fabrik,

16–17

mit der Elektrischen nach Hause, Zeitung zu Ende gelesen, gewaschen, Jause,

17–18

am Sofa gelegen, mit der Frau über verschiedenes gesprochen,

18–19

die Kinder vom Spielplatz abgeholt,

19–20

Nachtmahl,

20–21

Sektionsabend (Zahlabend D.V.) der politischen Partei,

21–22

(leer)

22–23

nach Hause, schlafen gegangen.

Der Zeitverwendungsbogen einer Frau in Marienthal sieht so aus:2)

6–7

ankleiden, einheizen, Frühstück herrichten,

7–8

waschen, frisieren, Kinder ankleiden und zur Schule begleiten,

8–9

Geschirr abwaschen und einkaufen gehen,

9–10

Zimmer aufräumen,

10–11

Kochen herrichten

1Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 70

2Marie Jahoda u.a., a.a.O., Seite 76f.

41

11–12

fertig kochen und essen,

12–13

Geschirr abwaschen, Küche zusammenräumen,

13–14

Kinder in das Heim begleiten,

14–15

stopfen und nähen,

15–16

stopfen und nähen,

16–17

stopfen und nähen,

17–18

Kinder abholen,

18–19

Nachtmahl essen,

19–20

Kinder auskleiden und waschen und schlafen legen,

20–21

nähen,

21–22

nähen,

22–23

schlafen gehen.

So ist der Tag für die Frauen von Arbeit erfüllt. Sie kochen und scheuern, sie flicken und versorgen die Kinder und haben daher fast keine Zeit sich mit anderen Frauen zu unterhalten. Man vergleiche damit den Zeitverwendungsbogen der Männer.

Auf eine Veränderung im größeren Zeitrythmus [!] stoßen wir nur, wenn man den Ort als Ganzes betrachtet. Nicht einmalmehr Sonntage unterscheiden sich von Wochentagen, sondern nur der Wechsel der Jahreszeiten wird in das Leben aufgenommen. Dieser Wechsel bedeutet einerseits Erleichterung oder auch als eine Erschwernis. Die Erleichterung zeigt sich im Wegfallen der Heizprobleme. Auch die Schrebergärten gewinnen im Frühling wieder an Bedeutung.

Aber wenn die Marienthaler mit ihrem geänderten Zeiterlebnis es kaum noch bemerken, die Zeit schreitet doch vorwärts und allmählich aber unaufhaltsam splittert die Grundlage ab, auf der das Leben in Marienthal bis jetzt noch den Halt findet. Es erhebt sich die Frage: Wie lange noch kann es so weitergehen.

42

Dies sind die wirtschaftlichen Hintergründe, die den sozialen und psychischen Notstand der Marienthaler zur Folge haben. Hier zeigt sich, so glaube ich, daß gerade die »gesunde« Wirtschaft als Fundament für den heutigen Lebensstandard angesehen werden kann. Doch wie sieht es im heutigen Marienthal aus? Ist die Wirtschaft von heute wirklich verantwortlich für den Wohlstand?

43

3.1 Das Industriedorf 1973

Arbeiterhäuser

Auch heute noch kann man eine optische Grenze zwischen Gramatneusiedl und Marienthal erkennen. Diese Grenze ist aber von Ortsunkundigen nicht mehr festzustellen, da im Gegensatz zu früher bereits eine Baulinie besteht. Erkennbar ist die Grenze nur durch die langgestreckten einstöckigen Häuser, die auch heute nicht die geringste Veränderung im Gegensatz zur Zeit der Arbeitslosigkeit aufweisen können. Es gibt weder eine Wasserleitung, noch ein WC in diesen Häusern. Interessant ist, daß die heutige Jugend von Gramatn.-Marienthal, die Grenze zwischen den beiden am Hauptplatz neben der Kirche suchen. Für diese Jugend ist Gramatn. die Bauernortschaft und Marienthal der Arbeiterort. Das ehemalige reine Straßendorf ist heute durch die Erschließung von Baugründen um ein vielfaches gewachsen. Besonders jetzt trägt Gramatneusiedl den Charakter eines stark aufstrebenden Industrieortes. Aus der ehemaligen Fabrik entstand die Para-Chemie, die bereits Weltruf genießt. Auf diese

44

Fabrik werde ich später noch genauer eingehen. Durch die landwirtschaftliche Genossenschaft in Gramatneusiedl sind wir auch Einzugsgebiet der angrenzenden Orte. Nicht nur diese beiden großen Betriebe prägen dieses Dorf, sondern auch ein praktischer Arzt, zwei Zahnärzte, ein Tierarzt, Raiffeisenkasse, Volksbank, Postamt, Gendamerie [!] geben uns das Gefühl besonderer Wichtigkeit.

Auch als Einkaufszentrum könnte man Gramatneusiedl im Verhältnis zu den umliegenden Ortschaften bezeichnen. Verkehrstechnisch fällt Gramatneusiedl eine besondere Bedeutung zu. Der Bahnhof Gramatneusiedl ist ein Bahnknotenpunkt, da von hier aus die Verbindungsmöglichkeit zur Südbahn mittels Bahn besteht. Weiters ist der Bahnhof Gramatneusiedl für Pendler aus dem Ort u. umliegenden Dörfern ein wichtiger Verkehrsstützpunkt. Das Einzugsgebiet, um von hier nach Wien zur Arbeitsstätte zu kommen, erstreckt sich bis zu 12 km Umkreis.

Hauptplatz von Gramatneusiedl

[44b]

Neubauten in Gramatneusiedl

45

5.2. Der Standard

Die soziale Lage der wirtschaftlich Tätigen ist mit den früheren Jahrzehnten überhaupt nicht mehr zu vergleichen. An die Stelle der Dauerarbeitslosigkeit der Ersten Republik ist die Vollbeschäftigung getreten, das Realeinkommen der breiten Schichten hat sich gegenüber der Vorkriegszeit sehr verbessert und dieser Aufschwung findet seinen Ausdruck in einer völligen Veränderung der Verbrauchstruktur. Die Ausgaben für die Ernährung haben sich stark erhöht. Auch die Ausgaben für Bekleidung, für Wohnungseinrichtung, für Kraftfahrzeuge, Reisen und Unterhaltung sind stark gestiegen.

Innerhalb der Nahrungs- und Genußmittel werden immer weniger billigere und immer mehr hochqualifizierte und teure Waren gekauft.

Eine Umfrage an der Hauptschule Gramatneusiedl hat folgende Tatsache aufgezeigt:

Anzahl der Schüler:

32

Nichts

6

Schmalzbrot

10

Wurst- bzw. Fleischbrot

16

Bei jenen Kindern, die überhaupt nichts zu essen mitnahmen, hörte man die Begründung: »Das Frühstück hätte ich mir selber machen müssen«, bzw. »Ich habe in der Pause sowieso keine Zeit«.

Den Lebensstandard kann man aber auch durch eine Umfrage, die ich in dem Marienthaler Konsum, 12 Frauen, die einen Haushalt führen, stellte erkennen. Auf die Frage wieviele Fleischmahlzeiten pro Woche gibt es in ihrem Haushalt, entstand folgendes Bild:

46

Zahl der Fleischmahlzeiten pro Woche:

Anzahl der befragten Frauen:

0

0

1

0

2

0

3

0

4

7

5

4

6

1

7

0

Doch diese Tabelle ist nur für eine geringe Zahl der Arbeiter in Marienthal zutreffend, nämlich nur dann, wenn die Frau und der Mann in Marienthal arbeiten oder auch die Frau nicht berufstätig ist und der Mann die Möglichkeit hat zu Hause zu essen. Die meisten Arbeiter essen in der Werksküche oder sind Pendler, denen es unmöglich ist zu Mittag nach Hause zu kommen. Bei 50 % der Arbeiterfamilien sind Mann und Frau berufstätig, das bedeutet, daß Mann und Frau sowieso gezwungen sind in der Werksküche zu essen.

Doch nicht nur am Essen bemerkt man den heutigen Wohlstand, sondern auch an anderen Konsumgütern merkt man unseren Lebensstandard. Eine Zählung ergab, daß in den 829 Haushalten Gramatneusiedls Radios und Fernsehapparate sich das Gleichgewicht halten. Es gibt in Gramatneusiedl 796 Radios und 794 Fernsehapparate. Doch nicht nur diese Zahlen zeigen deutlich das Niveau unseres Lebensstandards, auch die Anzahl der Autos, es sind 400, zeichnen ein deutliches Bild. Wenn man bedenkt, daß der richtige Aufschwung erst im Jahre 1955 beginnen konnte, ist der Konjunkturaufschwung umso

[46b]

Siedlung in Gramatneusiedl

47

bedeutender. Es ergibt sich daher innerhalb von 18 Jahren ein Anstieg von 98,5 % an Autos, das würde ergeben, daß sich ab 1955 jährlich 22 Gramatneusiedler ein Auto leisten können. Am deutlichsten jedoch zeigen die folgenden Zahlen im Bezug des Hausbauens den Lebensstandart.

 

Einwohner

Anzahl der Häuser

1929

2926

178

1949

2302

238

1971

2040

307

1972

2058

321

1973

2048

352

Unter der Ruprik [!] »Anzahl der Häuser« sind nur die bewohnten Häuser verzeichnet. Seit dem Jahre 1971 wurde aber eine Siedlung von 24 Häusern errichtet. Diese Rohbauten wurden im Jahre 1973 fertig, die aber unter dieser Ruprik [!] noch nicht berücksichtigt sind.

Gerade das beweist, daß die Wirtschaft den Standard unserer Zeit prägt. In Marienthal gibt es zwei große Arbeitgeber, das ist die ehemalige Fabrik, die Marienthal benannt wurde und heute die Para-Chemie ist und die Landwirtschaftliche Genossenschaft. Auch 1973 wird, wie 1924, Marienthal durch die Industrie charakterisiert. Den wirtschaftlichen, kulturellen und auch sportlichen Aufschwung können wir also auf die hier ansässigen Großbetriebe, die finanzielle Hilfe leisten, zurückführen. Es ist daher notwendig, den großen Betrieb mit seiner wirtschaftlichen Kapazität – die Para-Chemie – genauere vorzustellen.

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3.2.1. Para Chemie

Zweigniederlassung der Österreichische Chemische Werke Gesellschaft m.b.H.

Geschichte:

Die Gründung erfolgte am 15.2.1958 unter dem Namen Organglasindustrie Dr. Ludwig Polsterer mit dem Zweck, gegossenes Acrylglas zu erzeugen:

Nach Registrierung des geschützten Markennamens Para-Glas wurde obige Firma in »Para-Chemie Dr. Ludwig Polsterer Chemische Fabrik« per 1.1.1959 umbenannt und nahm noch im gleichen Jahr in Wien 15., Ölweingasse 13, die Produktion von Paraglas auf. Da sich diese Kunststofferzeugung in verbautem Gebiet befand, hatte die Firma aus Sicherheitsgründen strenge Auflagen, da der verwendete Rohstoff äußerst feuergefährlich ist. Dr. Polsterer verkaufte das Unternehmen am 1.7.1961 an die Chemische Fabrik Kalk in der BRD. Gleichzeitig erwarb man in Gramatneusiedl ein Objekt, um dort eine Vervierfachung der Produktion vorzunehmen. Der Firmenname wurde auf »Para-Chemie Chemische Fabrik Ges.m.b.H.« abgeändert.

Das Gelände ist das der ehemaligen Marienthaler Spinnerei und Weberei, der größten der k. und k. Monarchie, die jedoch nach dem 1. Weltkrieg den Betrieb einstellte. Seit

[48b]

altes Fabriksgebäude

49

diesem Zeitpunkt fehlte jedoch bodenständige Industrie in Gramatneusiedl.

Im Sommer 1962 wurden Produktions- und Lagerhallen adaptiert und gleichzeitig die Produktion mit einer vierfach vergrößerten Kapazität aufgenommen. Am 1.5.1965 übernahm die Österreichische Chemische Werke Gesellschaft m.b.H. von der Chemischen Fabrik Kalk die Para-Chemie als Tochtergesellschaft, welche später in eine Zweigniederlassung der ÖCW umgewandelt wurde. Nach Übernahme durch die ÖCW wurden sofort Rationalisierungsmaßnahmen eingeleitet, die die Grundlage für ein entsprechendes Wachstum bildetet. Produktionstypen wurden bereinigt und qualitativ verbessert, und die Exporte entsprechend ausgebaut.

Auf Grund der immer stärker gewordenen Nachfrage nach Paraglas, faßte man im Jahre 1971 den Beschluß, neue Produktions- und Lagerhallen zu bauen und die Kapazität des Werkes um 50 % zu erweitern.

Das Produkt:

Paraglas ist eine Kunststoffplatte, die durch einen speziellen Herstellungsprozeß erzeugt wird. Der Rohstoff Methylmethacrylat ist eine klare Flüssigkeit, die nach dem sog. Acetoncynhydrinverfahren aus den Grundstoffen Aceton und wasserfreie Blausäure erzeugt wird. Durch ein besonderes Verfahren, welches in Gramatneusiedl angewendet wird, wird Methylmethacrylat mit Katalysatoren versetzt und zu Kunststoffplatten polymerisiert. Diese Platten haben ein vielfältiges Anwendungsgebiet und werden an die verschiedensten Industrien, wie Beleuchtungs- und Bauindustrie sowie an die Hersteller von Werbeschildern und Werbeleuchten zur Weiterverarbeitung geliefert. Gleichfalls ist der Sanitärsektor

[49b]

alter Fabriksteil und neues Fabriksgebäude

50

ein vielversprechender Anwendungszweig.

Von der Gesamtproduktion in Gramatneusiedl verbleiben rund 25 % im Inland, 75 % werden in rund 20 Ländern der Erde exportiert.

Die Para-Chemie als Arbeitgeber:

Die Para-Chemie beschäftigt insgesamt 136 Arbeiter bzw. Angestellte. Von den 136 Beschäftigten sind 75 % männliche und 25 % weibliche Arbeitskräfte. 50 % der Arbeitskräfte werden von Marienthalern gestellt. Hier ist interessant zu bemerken, daß oft eine ganze Familie ihre Arbeit verrichtet. Gerade das glaube ich, weist auf ein gutes Arbeitsklima hin. Die restlichen 50 % setzen sich aus Arbeitern der umliegenden Orte und den in Gramatneusiedl ansässigen Ausländern zusammen. Beachtlich sind die Vorteile auf sozialem Gebiet. Die Para-Chemie zahlt einen vollen 15. Monatslohn für Arbeiter und Angestellte aus. Auch eine langjährige Firmenzugehörigkeit wird mit großzügigen Treueprämien belohnt. Der Stundenlohn eines Arbeiters kann bis zu S 41,45 ausmachen. Auch die Angestellten werden bis zu 55 % über dem Kollektivvertrag entlohnt. Die Para-Chemie hat weiters einen Vertrag mit einem Gasthaus, in dem die Beschäftigten ein verbilligtes Essen bekommen. Die Mahlzeit hat einen Wert von S 20,–, wobei die Para-Chemie 50 % zahlt. Diese Werksküche wird zu 80 % von Auswärtigen und Gastarbeitern besucht. Doch nicht nur am Wohl der Arbeiter und Angestellten ist die Firma interessiert. Sie subventioniert auch den alten traditionsreichen Marienthaler Fußballverein, der jetzt den Namen ASK-Marienthal – Para-Chemie trägt. Doch es wird nicht nur bei dieser Subvention bleiben. Die Para-Chemie hat großartige Zukunftspläne.

51

So wollen sie die Kapazität ihres Werkes in den nächsten zwei Jahren um weitere 80 % erweitern. Auch Wohnungen will die Para-Chemie in Marienthal errichten. Dies ist der Beweis, daß die Industrie hilft, zu immer größerem Wohlstand zu gelangen. Vielleicht werden die alten Arbeiterhäuser einmal geräumt und den Bewohnern dieser Häuser ein menschenwürdiges Dasein geboten. Ein Blick auf die Produktionszahl gibt berechtigte Hoffnung, daß die Zukunftspläne der Para-Chemie in Erfüllung gehen werden.

produziertes Acrylglas

 

Produktionsanstieg in %

1963

750 T

 

 

1968

1600 t

von 1963–1968

113 %

1973

3300 t

von 1968–1973

106 %

1975

5800 t

 

 

 52

3.3. Die Gemeinschaft

Der heute zu beobachtende Wandel der Lebensbedingungen hängt mit einem umfassenden Wandel der Dinge zusammen, der im Gefolge hat, daß die verschiedenen Bildungsbereiche stets an größerer Bedeutung gewinnen. Diese positivwissenschaftliche Einstellung gab der Kultur und dem Denken des Menschen ein neues Gepräge gegenüber der früheren Zeit. Dieses neue Gepräge gibt besonders der Gemeinschaft eines Industrieortes ein völlig neues Gesicht.

Immer mehr breitet sich der Typ der industriellen Gesellschaft aus. Damit gestaltet er aber jahrhunderte alte Denk- und Lebensformen der Gesellschaft tiefgreifend um. Zugleich nimmt die Verstädterung zu, teils in Folge des Wachstums der Großstädte, teils durch das Ausgreifen der städtischen Lebensart auf das Land und zuletzt und das besonders durch die Arbeitsstätten, die dem auf dem Land lebenden Arbeiter geboten werden.

Bewiesen ist, daß gerade das Arbeiten eines »Provinzlers« in der Stadt stark an der Gemeinschaft eines Dorfes zerrt. Immer weniger Kontakt wird mit seinen Bekannten aufgenommen, denn die meisten Arbeiter verlassen ihre Wohnung frühmorgens und kommen am Abend nach Hause. Viele Arbeiter sind von der Arbeit und Bahnfahrt so ermüdet, daß sie verständlicherweise gar nicht an einem Kontakt mit ihrer Umwelt interessiert sind. Gerade diese Kontaktlosigkeit ist ein großer Unterschied zur Zeit vor und in der Arbeitslosigkeit, denn vor der Arbeitslosigkeit war Gramatneusiedl bzw. Marienthal Einzugsgebiet für viele Arbeiter. Dieses Einzugsgebiet erstreckte sich damals bis Bruck / Lth.,

53

das sind 20 Bahnkilometer. Die Marienthaler Arbeiter waren beinahe alle in Marienthal beschäftigt. So kann man sich auch den Unterschied zwischen der Gemeinschaft von damals und der Gemeinschaft von heute gut vorstellen.

 

Zeit vor 1934

1973

insgesamt beschäftigte Arbeiter in Gramatneusiedl

1200

305 (36,3 %)

Auspendler

522 (62,2 %)

Einpendler

200

  70

Interessant ist auch die Gemeinschaft auf politischer Ebene zu verfolgen. In Gramatneusiedl sind vier politische Parteien vertreten. Bei der letzten Gemeinderatswahl hatte die SPÖ 937, die ÖVP 297, die KPÖ 52 und die FPÖ 34 Stimmen zu verzeichnen.

Die SPÖ wird zu 90 % von Marienthalern vertreten, während die restlichen 10 % von ÖBB-Bediensteten in Gramatneusiedl getragen werden.

Die ÖVP wird ausnahmslos vom Ortsteil Gramatneusiedl unterstützt. Die KPÖ und FPÖ sind Splittergruppen, die sowohl in Gramatneusiedl als auch in Marienthal vertreten sind.

Obwohl die Sozialistische Partei straffer geführt wird als die Österreichische Volkspartei, sind innerhalb der SPÖ größere Diskrepanzen als in der ÖVP. Die Gemeinschaft der SPÖ unterteilt sich nämlich in Arbeiter, die in Gramatneusiedl beschäftigt sind und Arbeiter, die in Wien ihrer Arbeit nachgehen.

Bei diesen zwei Gruppen fällt folgendes auf:

Die Arbeiter, die in Gramatneusiedl beschäftigt sind, haben alle irgendeine Aufgabe innerhalb ihrer Partei zu erfüllen, während die Auspendler am politischen Geschehen innerhalb der Gemeinde mehr oder weniger

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uninteressiert sind. Dies hat den Anschein, daß jene Arbeiter, die in Gramatneusiedl beschäftigt werden wollen, zugleich eine Aufgabe für die Partei erfüllen müssen.

Die ÖVP setzt sich aus 1/3 Bauern und Gewerbetreibenden und 2/3 Arbeitern und Angestellten zusammen. Die Gleichgültigkeit die sich in der ÖVP zeigt, dürfte daher rühren, daß es sinnlos ist sich gegen die überragende Mehrheit der SPÖ aufzulehnen. So werden die 4 Gemeinderäte der ÖVP immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Aus diesem Grund zeigt kein Mitglied der ÖVP Interesse an einer politischen Punktion. Die SPÖ allein diktiert das Geschehen. Das ist die Ursache des scheinbar guten politischen Klimas in Gramatneusiedl.

Sehr aktiv ist die Gesellschaft Marienthals auf kulturellem und sportlichem Gebiet. In Marienthal und Gramatneusiedl können wir neun Vereine verzeichnen. An erster Stelle steht natürlich der Sport, der im Fußballverein ASK-Marienthal – Para-Chemie seinen Niederschlag findet. Beinahe jeder Marienthaler ist zahlendes Mitglied des Fußballvereines.

Doch nun zum Namen ASK Marienthal – Para-Chemie:

Dieser Name verrät bereits einiges über die finanzielle Unterstützung. Mit Hilfe der Para-Chemie konnten eine Saune [!], ein Flutlicht, Tennisplätze und sonstige »Kleinigkeiten« errichtet werden. Auch die Sektion Eisschützen lebt von dieser finanziellen Hilfe. Weiters gibt es einen Turnverein für Frauen, Judoverein, Musikverein, Gesangsverein und das Heimat- und Bildungswerk, die für das körperliche und geistige Wohl unserer Einwohner sorgen.

All diese Vereine sind auf überparteilicher Basis aufgebaut.

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3.4. Die römisch-katholische Pfarre

Das System den Untersuchung wurde aus dem Buch »Industriedorf im Wohlstand« von Erich Bodzenta entnommen.

An einem »normalen« Sonntag, d.h. kein besonderer kirchlicher Festtag wurde die Untersuchung durchgeführt. Da ich die Leute in unserer Pfarre kenne, war es nicht notwendig jedem einzelnen einen Zettel mit Name, Anschrift, Alter und Beruf ausfüllen zu lassen. Da an einem Sonntag zwei Messen abgehalten wenden, führte ich diese Verfahren zweimal durch.

Es ergab folgendes Bild:

Einwohnerzahl

2048

 

röm. kath.

1767

86,2 %

evang.

115

5,6 %

ohne Bekenntnis

166

8,1 %

Wenn man also feststellen will, wieviele Pfarrangehörige ihre Sonntagspflicht erfüllen, müssen wir die Entschuldigten von den Gesamtzahl abrechnen. Als solche gelten die Kleinkinder, die Kranken und die Bewegungsbehinderten. Dies sind 12 %, die vom Sonntagsgottesdiest entschuldigt sind. Praktisch sollten 1555 Leute die Messe besuchen, aber es gehen nur 200. 87 % derer, die die Sonntagspflicht eigentlich erfüllen sollten, bleiben zu Hause mit den Ausrede: »Ich muß die ganze Woche früh aufstehen um rechtzeitig in die Arbeit zu kommen, so möchte ich wenigstens am Sonntag langen schlafen.«

Diese 200 Leute wurden aber nicht nun aus dem Ortsteil Marienthal gezählt, sondern aus dem ganzen Dorf. Daher ergibt sich für Marienthal in religiöser Hinsicht ein ganz anderes Bild.

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Jene Marienthaler, die auch heute noch in den alten Arbeiterhäusern leben, gehen überhaupt nicht in die Kirche. Es sind dies Familien, die kein Bestreben nach einem besseren Leben haben. Ohne das die das Kommende nun irgendwie beschweren könnte, leben sie von »heute auf morgen«.

Die zweite Gruppe Marienthaler sind jene, die bereits sonntags zwar nun sporadisch, aber doch in der Kirche vertreten sind. Diese Leute sind zwar noch »überzeugte«Marienthaler, aber sie haben das Bestreben besser zu leben. Sie sind aus den Elendsquartieren ausgezogen und haben sogar den Ortsteil Marienthal verlassen. Sie leben heute in neuen schönen Gemeindebauten in Gramatneusiedl. Unter »überzeugt« verstehe ich einen vereinstreuen, fast jeden Marienthaler ist Mitglied beim Fußballverein, und politisch stark gebundenen Menschen, der die Arbeiterschicht immer als die bedeutendste Schicht anerkennen wird. Die dritte Gruppe ist auch die meist vertretendste Gruppe in den Kirche. Sie hat sich vom Ortsteil Marienthal getrennt und hat eine eigene Siedlung mit Einfamilienhäusern aus dem Boden gestampft. Diese Siedlung ist auch politisch gesehen nicht mehr einfarbig.

Nimmt man also die zweite und dritte Gruppe zusammen, gehen ca. 30 Marienthaler jeden Sonntag in die Kirche, Reiht man die Kirchenbesucher mach Berufsschichten, so stehen an erster Stelle die Bauern, dann die Angestellten und zuletzt die Arbeiter.

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3.4.1. Charakterisierung der zwei Messen in Gramatneusiedl

Die Kirchenbesuchszählung in unserer Pfarre gibt die Möglichkeit zur folgenden Charakterisierung der zwei Gottesdienste.

Der erste Gottesdienst findet um 730 Uhr statt. Das erste charakteristische Merkmal ist, daß die Messe 730 zu 70 % vom weiblichen Geschlecht und nur zu 30 % vom männlichen Geschlecht besucht wind. Bei den Besuchen der ersten Messe handelt es sich ausschließlich um Frauen und Männern aus dem Ortsteil Gramatneusiedl. Unter den 70 % der Frauen sind alle Bäuerinnen von Gramatneusiedl vertreten.

Der zweite Gottesdienst findet um 930 Uhr statt. Der Besuch der zweiten Messe besteht aus 1/3 Marienthaler, 1/3 Arbeiter und Angestellten aus dem Ortsteil Gramatneusiedl und 1/3 Bauern. In dieser Messe sind mit 60 % die Männer vertreten und 40 % die Frauen. Den Hauptgrund für den zahlenmäßig überlegenen Männerbesuch ist das längere Schlafen und der anschließende traditionelle Gasthausbesuch.

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3.5. Soziale Veränderungen den Hauptschulkinder

Da ich den Klassenvorstand der 4 sehr gut kenne, werde ich anhand dieser Klasse die sozialen Veränderungen der Kinder aus Marienthal aufzeigen.

Klassenzusammensetzung:

13 Buben

21 Mädchen

insgesamt 34 Schüler

aus

Knaben

Mädchen

insgesamt

Arbeiterfamilien

4

18

22

Angestelltenfam[ilien]

3

3

6

Bauernfamilien

4

4

Fam. freier Berufe

2

2

Da die Hauptschule von Gramatneusiedl auch Schüler aus Moosbrunn, Reisenberg und Mitterndorf / F. hat, werde ich bei der folgenden Tabelle nur die Kinder aus Gramatneusiedl berücksichtigen.

aus

Knaben

Mädchen

insgesamt

Arbeiterfamilien

1

9

10

Angestelltenfam.

2

2

Bauernfamilien

2

2

Fam. freier Berufe

1

1

Vom Arbeitsamt wurden wie alljährlich, so auch heuer, in der vierten Klasse Tests durchgeführt, um die Neigung der einzelnen Schüler festzustellen, und sie bei der Berufswahl zu beraten. Dabei wurde herausgefunden, daß in dieser Klasse viele Schüler sind, die einen hohen IQ aufweisen. Aber nur zwei Schüler dieser Klasse äußerten den Wunsch, eine höher bildende Schule zu besuchen. Dazu wäre zu bemerken, daß diese Schüler aus einer Bauernfamilie und Lehrerfamilie stammen, die aber

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gar nicht an der Spitze der Klasse mit ihrem IQ liegen. Warum streben so wenige eine höhere Bildung an? Auf diese Frage antwortete der Klassenvorstand, daß die Leistungsergebnisse dieser Klasse nicht überwältigend sind. Die Leistungen, die erbracht werden, sind durchschnittlich und liegen zeitweise sogar darunter. Besonders Lerngegenstände oder Arbeiten, die Fleiß voraussetzen werden fast überhaupt nicht gemacht. Worauf ist dies zurückzuführen?

Diese Klasse steht unter der Führung von Marienthaler Schülern, die innerhalb der Klassengemeinschaft das Geschehen diktieren. Sie verstehen es, ihre Mitschüler mitzureißen. Wer sich aber ausschließt, wird nur mitleidig belächelt. Diese Marienthaler Kinder gestalten auch den Nachmittag selbst, da die Eltern berufstätig sind und keine Zeit für sie haben. Die Erziehung dieser Kinder unterscheidet sich sehr von der Erziehung anderen Kinder. Obwohl die Einstellung der Eltern der Schule gegenüber nicht feindlich ist, tun sie doch sehr wenig, um die Kinder anzuspornen.

Ein Zeichen des heutigen Wohlstandes ist auch, daß die Eltern den Schülern jeden Wunsch erfüllen. In den Aufsätzen: »Was ich mir zu Weihnachten wünsche«, spiegelt sich deutlich die Übersättigung der heutigen Zeit. Immer wieder kann ich Sätze, wie »ich habe alles was ich brauche« oder »ich bekomme immer alles was ich mir wünsche« lesen. Zwei Beispiele, an denen die »Sattheit« deutlich wird, lege ich hier bei.

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Was ich mir zu Weihnachten wünsche

Mein Weihnachtswunsch ist einmal ein paar Schlittschuhe, damit ich dann eislaufengehen kann. Das ist eigentlich mein einziger Wunsch, denn ich habe alles was ich brauche, und wenn ich etwas will bekomme ich es. Ach ja, ich hätte noch einen Pullover, einen Angora Pullover, gern. Aber sonst eigentlich nichts, denn ich bin glücklich und zufrieden, und das ist wichtig.

Novotny Martina 3/I

13 Jahre.

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Martina Pec

12 J. 3/I

Ich wünsche mir nicht viel, denn ich habe schon alles bekommen. Einen Mantel, ein Paar Stiefel und eine Modehose.

Aber ich glaube ich bekomme noch viel ein Nachthemd einen Pullover u. s. w. Ich sollte alles die Hose den Mantel und die Stiefeln erst nach Weihnachten anziehen aber ich habe jezt schon alles an. Ich freue mich bestimmt auch über das was ich bekomme.

Ganz besonders wünsche ich mir Eisschuhe und ich hoffe, daß ich sie bekomme.

Ich werde heuer bestimmt viel bekommen.

Meine Mutter sagt immer du kannst dir wünschen was du willst aber ob du es bekommst ist die Frage.

Aber ich bekomme Gott sei Dank immer alles was ich mir wünsche.

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Schlußbemerkung:

Zum Abschluß möchte ich noch eine kurze Zusammenfassung meiner Arbeit geben.

Trotz des heutigen Wohlstandes sind noch immer Spuren der Zeit der Arbeitslosigkeit sichtbar. Es sind dies die alten Arbeiterhäuser mit ihren Baracken. Sie stehen als mahnendes Beispiel an der Hauptstraße. Gleich neben den Arbeiterhäusern stehen in einer Baulinie mit diesen, die Neubauten mit einer Grünanlage. Diese Kontraste, ich habe sie in meiner Hausarbeit fotographiert, sind Zeugen des früheren Notstandes und heutigen Wohlstandes. Neubauten und auch Siedlungen von Einfamilienhäusern haben das Ortsbild entscheidend verändert.

Doch nicht nur am Ortsbild kann man den Unterschied von Notstand und Wohlstand erklären, sondern auch am Lebensstandard der Bewohner von Marienthal. Viele sind in die Neubauten von Gramatneusiedl gezogen, oder haben sich Einfamilienhäuser gebaut. Die Leute, die noch in diesen Arbeiterhäusern leben, verbrauchen so viel Geld für das Essen und Trinken, daß ihnen nie etwas überbleibt.

Auch die Kontaktlosigkeit ist ein sicheres Zeichen für den Wohlstand. Jeder ist sich selbst der Nächste.

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LITERATURVERZEICHNIS

1.

Marie Jahoda – Paul F. Lazarsfeld – Hans Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal, Verlag für Demoskopie, Allensbach und Bonn 1960

2.

Erich Bodzenta, Industriedorf im Wohlstand, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1962

3.

Anton Kummerer, Geschichte von Moosbrunn, Missionsdruckerei St. Gabriel, Mödling 1938

4.

Leopold Rupp, Heimatbuch Himberg, Im Selbstverlag des Verfassers, Wien 1928

5.

Franz X. Jos. Schweickardt, Darstellung des Erzherzogtums Österreich unter der Enns IV, Druck bei PP. Mechitaristen, Wien 1832

6.

Heinrich Weigl, Historisches Ortsnamenbuch von Niederösterreich, Wien 1973

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Ich erkläre, daß die vorliegende Hausarbeit von mir selbst verfaßt ist und daß ich dazu keine anderen als die angeführten Behelfe verwendet habe.

Johann Past