Paul K. Richter

Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit. Von Marie Lazarsfeld-Jahoda und Dr. Hans Zeisl. (Psychologische Monographien V. Bd.) IX und 123 S. Preis geh. 4 RM. Leipzig (S. Hirzel) 1933

in: Freie Wohlfahrtspflege (Berlin), 8. Jg., Nr. 10 (Januar 1934), S. 458.

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Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit. Von Marie Lazarsfeld-Jahoda und Dr. Hans Zeisl. (Psychologische Monographien V. Bd.) IX und 123 S. Preis geh. 4 RM. Leipzig (S. Hirzel) 1933.

Die vorliegende von der österreichischen wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle durchgeführte Untersuchung hat zwei Ziele, ein inhaltliches, Material zum Problem der Arbeitslosigkeit beizutragen, und ein methodisches, einen sozialpsychologischen Tatbestand umfassend und objektiv darzustellen. Beide Ziele sind in hervorragendem Maße erreicht. Als Untersuchungsort ist der niederösterreichische Industrieort Marienthal gewählt; in ihm liegt eine Gemeinschaft vor, die in ihrer Gesamtheit arbeitslos ist. Die Lektüre dieser Schrift ist höchst instruktiv, ja als fast dramatisch zu bezeichnen. Die Erhebungen waren auf zwei Hauptfragen zugeschnitten: auf die Stellung der Bevölkerung zur Arbeitslosigkeit und auf die Wirkungen der Arbeitslosigkeit. Diese Gebiete sind nach allen Seiten untersucht worden. Die Mitarbeiter legten vor allem Wert darauf, jedes subjektive Moment auszuschalten, ohne daß dies freilich ganz gelungen ist. Das arbeitslose Dorf, nicht der einzelne Arbeitslose stand im Mittelpunkt der Erhebungen, so daß alles Charakterologische weggefallen ist. Der materielle Bestand der Bevölkerung ist entsetzlich, um so überraschender wirkt, daß krasse psychopathische Massenerscheinungen nicht zu bemerken waren. Es ergibt sich daraus, daß die geschlossene Gemeinschaft selbst eine längere Arbeitslosigkeit besser verträgt als Arbeitslose, die unter in den Arbeitsprozeß Eingegliederten leben. Interessant ist auch, daß in Marienthal eine Ausnutzung der vielen Freizeit fehlt, z.B. ist – das mag gegenüber großstädtischen Verhältnissen überraschen – das Lesebedürfnis ganz gering geworden, obwohl die Dorfbibliothek die Bücher völlig umsonst verleiht. Volksbiologische Gesichtspunkte sind bei der Untersuchung leider allzusehr vernachlässigt worden.[1]

Als Anhang ist ein Abriß der Geschichte der Soziographie angefügt, in dem besonders über die angelsächsischen Länder berichtet wird. Die Darstellung ist hier allzu stark mit vielen Einzelheiten überlastet und daher wenig klar. Die Verfasser erwarten ohne viel Beweiskraft von der Entwicklungspsychologie der Schule Charlotte Bühlers in Wien viel für die statistische Behandlung komplexer Erscheinungen.

Dr. Paul K. Richter, Berlin.

[1] Mit dieser Anmerkung wird deutlich, dass die Rezension unter den Machtbedingungen des Nationalsozialismus geschrieben wurde. Es bleibt verwunderlich, dass die Marienthal-Studie im nationalsozialistischen Deutschland gleich mehrfach rezensiert wurde. Anm. R.M.