Hannes Schlosser

Spuren von Marienthal. Über die Arbeitslosen um Gramatneusiedel [!] von einst und jetzt

in: Uhudla. Nachrichten aus dem Stadt-Dschungel und der EU-Provinz (Wien), 18. Jg., Nr. 91 ([November] 2009), S. 4–5. Umschlagtitel: Arbeits Los in Gramatneusiedl. Spuren von Marienthal.

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Über die Arbeitslosen um Gramatneusiedel [!] von einst und jetzt

Spuren von Marienthal

Über Revolution und Apathie ▪ Die sozialwissenschaftliche Studie »Die Arbeitslosen von Marienthal« ist auch 76 Jahre nach ihrem Erscheinen aktuell und ein beispielhaftes Werk. Auf einer Landkarte wird man Marienthal allerdings vergeblich suchen. Die Textilfabrik und die ArbeiterInnensiedlung Marienthal war und ist ein Ortsteil von Gramatneusiedl, 20 Kilometer südöstlich von Wien. Ein Lokalaugenschein im Sommer 2009 von Hannes Schlosser.

»Wir haben als Wissenschaftler den Boden Marienthals betreten, wir haben ihn verlassen mit dem einen Wunsch, dass die tragische Chance solchen Experiments bald von unserer Zeit genommen werde.« Mit diesem Satz schließt die Studie, seit einigen Jahren steht er in Erinnerung an die »Pionierin der Sozialforschung« Maria [!] Jahoda auf einer Gedenktafel in Marienthal.

Sie ist an einem der Häuser angebracht, in dem seinerzeit Textilarbeiterlnnen wohnten. »Wie andere Orte um einen Markt, eine Kirche oder eine Burg herum entstehen, so ist Marienthal um die Fabrik herum entstanden«, heißt es in der Studie, die neben Marie Jahoda noch Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel als Autoren nennt. Tatsächlich hat das Projektteam aus rund 20 Personen bestanden und wenigstens Lotte Schenk-Danzinger sei hier noch erwähnt, die als Leiterin der Feldforschungsarbeit Ende 1931 bis Anfang 1932 maßgeblich Anteil an der Arbeit hatte.

Ein proletarisches Zentrum

Die erste Gründung einer Textilfabrik in Marienthal geht auf das Jahr 1820 zurück. Ihre Blütezeit ist ab 1850 mit der Unternehmerfamilie Todesco verbunden. Die Fabrik wuchs und mit ihr die Zahl der benötigten Arbeitskräfte, die vorwiegend aus Böhmen und Mähren zuzogen.

Die Alltagssprache war überwiegend tschechisch. Aber nicht nur deshalb hatten die BewohnerInnen Marienthals und der Muttergemeinde Gramatneusiedl faktisch nichts zu tun. Hier eine proletarische Gemeinschaft, da ein Bauerndorf. Marienthal wurde zu einem beispielhaften Ort für die ArbeiterInnenbewegung am Ende des 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert.

Eine starke Gewerkschaftsbewegung und eine dominierende Sozialdemokratie ermöglichten nicht zuletzt auch dank einer liberal eingestellten Unternehmensleitung überdurchschnittlich soziale Standards, zu denen kollektivvertragliche Entlohnung und Krankenversorgung gehörten. Darüber hinaus entwickelte sich in Marienthal eine das Leben der Menschen bereichernde proletarische Kultur, die sich u.a. in Musik- und Theatergruppen, aber auch in einem sportlichen Vereinsleben mit Sektionen in zahlreichen Sportarten ausdrückte. Ein Relikt bis in die Gegenwart ist der Fußballverein ASK Marienthal der im Vorjahr seinen 100. Geburtstag beging.

Tadija und Davut

Resignation und Apathie

In Marienthal stand über Jahre eine der größten Textilfabriken Österreichs. 1929 war ein Höchststand von fast 1300 Beschäftigen erreicht worden. Um so dramatischer waren die Auswirkungen der Schließung der Fabrik am 12. Februar 1930, einer unmittelbaren Folge der Weltwirtschaftskrise.

Stieg die Arbeitlosenrate in Österreich bis 1933 deshalb kontinuierlich auf knapp unter 30 Prozent, waren es in Marienthal 1930 mit einem Schlag gut 80 Prozent. Genau deshalb entschied sich die ForscherInnengruppe für Marienthal. Das Interesse galt den Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit.

Vor Ort wurde umfassend untersucht, wie sich das Leben der Menschen durch die Arbeitslosigkeit verändert. »Die Lebensbedingungen der Arbeitslosen in den späten 20er- und frühen 30er-Jahren waren so furchtbar, dass die Menschen das Hauptproblem hatten, genug zu Essen für sich und ihre Kinder zu haben«, erklärte dazu Jahoda bei einem ihrer raren Besuche in Österreich in einem ORF-Interview 1983.

Jahoda hatte sich im Ständestaat für die verbotenen Revolutionären Sozialisten engagiert, kam 1936 in Haft und wurde nach internationalen Protesten unter der Bedingung 1937 aus dem Gefängnis entlassen, dass sie Österreich verlässt. Jahoda emigrierte nach England und später in die USA, und starb 2001 im Alter von 94 Jahren.

Im erwähnten Interview fasste Jahoda »das wichtigste Ergebnis der Marienthaler Untersuchung« zusammen, das von eminent politischer Bedeutung war und ist: »In der öffentlichen Diskussion über die Folgen von Arbeitslosigkeit hat ein Teil von Resignation und Apathie gesprochen, ein anderer von einer revolutionären Bewegung. Die Studie hat eine wirkliche Antwort gegeben und die war Resignation und Apathie und nicht der Wille ökonomische und soziale Welt radikal umzugestalten.«

Noch ein Aspekt der Studie, der bis heute volle Gültigkeit besitzt, wurde von

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Jahoda 1983 pointiert zusammengefasst: »Die unbegrenzte Zeit, die keine Struktur hat, wo nichts wirklich geschehen muss, ist nicht Freizeit. Sie ist eine ungeheure seelische Belastung, die den Menschen nur zeigt, dass sie nicht gebraucht werden, und die Menschen dazu zwingt, sich als Ausgestoßene von der gesamten Gesellschaft zu fühlen. Das führt zu Isolation und zum Zurückziehen auf den ganz kleinen Familienkreis.«

Marienthal alt, als Postkartenansicht, und neu mit schmucken Wohnhäusern. Nicht zu vergessen der über 100 Jahre alte Fußballverein ASK Marienthal und dessen spielbegeisterte Frauenschaft. Fotos neu: Schlosser

Marienthal heute

Von den Fabriksanlagen ist wenig übrig geblieben. Besser sieht es bei den Arbeitersiedlungen aus. Herzstück sind die zweigeschossigen Wohnhäuser entlang der Hauptstraße, deren langwierigen Renovierung 2002 abgeschlossen worden ist. Auf einem Teil des ehemaligen Fabrikgeländes ist seit 1962 das Unternehmen »Para-Chemie« tätig, das mit derzeit rund 220 Beschäftigen Acrylglas produziert. Das ehemalige Direktorenwohnhaus der Textilfabrik wird als Bürogebäude von der »Para-Chemie« genutzt. Teile des einst berühmten Herrengartens sind als Parkanlage erhalten, ein dort aufgestelltes Denkmal für den langjährigen Besitzer der Textilfabrik Hermann Todesco wurde 1991 vor das Gemeindezentrum Gramatneusiedls verlegt.

Der Übergang zwischen der Arbeitersiedlung Marienthal und dem Bauerndorf Gramatneusiedl ist heute unsichtbar geworden. Verwischt bis unkenntlich ist bei der Bevölkerung vielfach die Erinnerung an die Geschichte der Textilfabrik und die »Arbeitslosen von Marienthal«.

Bei Gesprächen auf der Straße und in Cafes stellt sich heraus, dass fast nur über 50-Jährige mit familiären Wurzeln in die Fabriksära noch etwas über die lange zurückliegenden Ereignisse wissen. Einer der letzten überlebenden Zeitzeugen, der doch in Marienthal wohnt, ist Leopold Kopetzky, Jahrgang 1923. Sein Vater hatte als einer der wenigen entlassenen Textilarbeiter das Glück im nahen Ebergassing wieder Arbeit zu Enden.

Viele hätten damals nur überlebt, weil in kleinen Schrebergartenparzellen nicht nur Obst und Gemüse gezogen, sondern auch Hühner und Hasen gezüchtet wurden. »Die Natur hat uns alles gegeben«, erinnert sich Kopetzky. Er hat sich als Jugendlicher den Revolutionären Sozialisten angeschlossen und musste miterleben, dass fünf Genossen von den Nazis hingerichtet wurden.

Heute sind Marienthal und Gramatneusiedl durch einen besonders hohen Anteil an migrantischer Bevölkerung geprägt. Eine türkische und eine bosnische Community lebt weitgehend unter sich, wie andernorts gibt es Versuche einer stärkeren Integration – mir bescheidenen Erfolgen.

Das Erbe von Marienthal bewahren

Mehmet lebt seit 35 Jahren in Marienthal, sein Freund Sadet nur wenig kürzer. Beide wohnen mit ihren Familien in einem abgewohnten Wohnblock. Mehmet arbeitet in der Para-Chemie, nächstes Jahr geht er in Pension. Von der ehemaligen Berühmtheit Marienthals haben sie ebenso wenig gehört, wie der 12-jährige Tadija (mit kroatischen Wurzeln) und sein 13-jähriger Freund Davur, dessen Familie aus der Türkei zugezogen ist. Tadija schimpft auf die Lehrer, als er erfährt, wofür Marienthal einmal gestanden ist und beide sind sich einig, dass »mehr für die Jugend getan werden müsste«.

Seit einigen Jahren sorgen engagierte Kräfte dafür, dass das Erbe von Marienthal nicht in Vergessenheit gerät. Maßgeblich daran beteiligt ist das »Archiv für die Geschichte der Soziologie« an der Universität Graz. Federführend bei den Forschungs- und Archivierungsarbeiten ist der Soziologe Reinhard Müller. Im Vorjahr hat Müller das Buch »Marienthal: Das Dorf – die Arbeitslosen – die Studie« (Studienverlag Innsbruck, 420 Seiten, 39,90 Euro) herausgegeben.

Das Buch ist ebenso umfassend, hervorragend recherchiert und übersichtlich in seiner Darstellung, wie die Homepage www.agso.uni-graz.at/marienthal/ [!] Vor Ort werden inzwischen auch Führungen angeboten und 2010 wird im wiedererrichteten Haus des Arbeiter-Consum-Vereins ein Marienthal-Museum eröffnet.

Durch diese Aktivitäten bleibt ein wichtiger Teil der Geschichte mit überregionaler Bedeutung zugänglich. Der besondere Reiz besteht wohl in der Verflechtung von Industrie- und Wissenschaftsgeschichte mit jener der Arbeiterklasse. Durch die gegenwärtige Wirtschaftskrise und deren Parallelen zu 1929 und den Folgen hat die Geschichte Marienthals noch einmal an Bedeutung und Wert gewonnen.