Andries Sternheim

3. Lazarsfeld-Jahoda, Marie und Hans Zeisl, Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. S. Hirzel. Leipzig 1933. (VI u. 123 S.; RM 5.–, geb. RM 6.30)[1]

in: Zeitschrift für Sozialforschung (Paris), 2. Jg., Nr. 3 (November 1933), S. 416–417.

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3. Lazarsfeld-Jahoda, Marie und Hans Zeisl, Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. S. Hirzel. Leipzig 1933. (VI u. 123 S.; RM 5.–, geb. RM 6.30)

Mit einer unübertrefflichen Genauigkeit werden hier die Lebensumstände der Arbeitslosen Marienthals, eines kleinen Fabrikdorfes nicht weit von Wien, dargelegt. In diesem Ort, der bis Mitte 1929 eine relativ blühende Textilindustrie kannte, waren in der Periode der Untersuchung, Herbst 1931 bis Mai 1932, alle Arbeiter arbeitslos. Die Untersuchung erstreckt sich auf 478 Haushaltungen. Die Verf[asser] sind, wie sie selbst mitteilen, alle Wege gegangen, die sie ihrem Gegenstand näher bringen konnten. »Das Erlebnis der Arbeitslosigkeit trat uns in den Mitteilungen der Arbeitslosen selbst entgegen: in ihren gelegentlichen Äusserungen, in ausführlichen Antworten auf unsere Fragen, in Erzählungen der Gemeindefunktionäre, in einem zufällig gefundenen Tagebuch und Briefmaterial«. Die objektiven Daten wurden im Konsumverein, auf der Gemeinde, in den Vereinen gesammelt. Die Hauptfragen der Untersuchung betrafen die Stellungnahme der Arbeitslosen zur Arbeitslosigkeit und deren Auswirkung. Die Verf. haben die in die Untersuchung einbezogenen Familien in vier Gruppen eingeteilt und zwar: die ungebrochenen (Kennzeichen: Aufrechterhalten des Haushalts, Pflege der Kinder, subjektives Wohlbefinden, Aktivität, Pläne und Hoffnungen für die Zukunft, Lebenslust, immer neue Versuche zur Arbeitsbeschaffung, resignierte (gleichmütig erwartungsloses Dahinleben, Verzicht auf eine Zukunft, die nicht einmal mehr in der Phantasie als Plan eine Rolle spielt), verzweifelte (in ihrer äusseren Lebensführung normal, diese aber subjektiv ganz anders erlebend), apathische (man lässt den Dingen ihren Lauf, ohne den Versuch zu machen, etwas von dem Verfall zur retten). Wenn die zwei letzteren Kategorien als gebrochene Familien zusammengefasst werden, so verteilen sich die Marienthaler Familien auf diese Haushaltungsgruppen wie folgt: Ungebrochen 23 %; resigniert 69 %; gebrochen 8 %. Das Kapitel, das sich vor allem mit den Familienverhältnissen beschäftigt, ist besonders interessant. Obwohl kein exaktes Material vorliegt, besteht der Eindruck, dass die Beziehungen der Ehegatten zueinander durch die Arbeitslosigkeit sich in manchen Fällen gebessert haben. In anderen Fällen, wo anscheinend ein normales Einvernehmen geherrscht hat, kommt es, unter dem Druck der Verhältnisse, zu nervösen Ausfällen und gelegentlichen Streitigkeiten. Hie und da werden auch die Beziehungen durch die Arbeitslosigkeit wesentlich verschlechtert. Die Schlussfolgerung lautet: im allgemeinen werden in den friedlichen Ehen kleine Streitigkeiten häufiger als früher vorkommen, während in

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schon früher getrübten Beziehungen die Schwierigkeiten in erhöhtem Masse sich auswirken.

Die Tendenzen, die jeweils in der Ehe selbst liegen, werden also durch die äusseren Umstände verschärft.

In Bezug auf das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern besteht der Eindruck, dass die Autorität der Eltern nicht gelitten hat. »Die Familie erfüllt ihre Rolle als Erziehungsmilieu so gut oder so schlecht wie während der Arbeit.« Die Arbeitslosigkeit kommt auch stark zum Ausdruck bei den Wünschen und Aussprachen der Jugendlichen, welche von der Zukunft oft nicht mehr viel erwarten.

[1] Die Rezension entstammt einem Literaturbericht von Andries Sternheim: Neue Literatur über Arbeitslosigkeit und Familie, in: ebenda, S. 413–420. Anm. R.M.