[Ludwig Wagner]

15 Kilometer von Wien. In den Quartieren des Gramatneusiedler Industriegebietes

in: Der Kuckuck (Wien), 2. Jg., Nr. 10 (9. März 1930), S. 5. Umschlagtitel: Arbeitslos. Die Krise in der niederösterreichischen Textilindustrie (Siehe Seite 5).

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15 Kilometer von Wien

In den Quartieren des Gramatneusiedler Industriegebietes

Mitterndorf – das war vor einem Dutzend Jahren ein k.u.k. Flüchtlingslager. Aus der galizischen Ebene, aus den Gebirgsdörfern Tirols, vom San und vom Isonzo strömten sie hier zusammen, die Unglücklichen, die der Weltkrieg delogiert hatte. Sechstausend Flüchtlinge wurden in den Baracken notdürftig untergebracht und verpflegt. Polnische, jiddische, alpenländische Idiome schwirrten durch das Lager, über dem weithin sichtbar der Doppeladler wehte. Als man ihn endlich einzog und die Kriegsflüchtlinge mit der zerstörten Heimat ein trauriges Wiedersehen feierten, da wimmelte es in Mitterndorf bald von Schiebern und Kettenhändlern, die mit Baracken wie mit Mehl und Zucker handelten. Ganze Lastzüge Bauholz rollten davon. Wasserrohre und Lichtleitungen wurden aus dem Boden gerissen, Magazine ausgeräumt und nichts blieb übrig als an die zwei Dutzend Baracken, die heute so baufällig sind, dass der Wind ungehindert durch die Wohnräume pfeifen kann. Flüchtlinge der Wohnungsnot sind hier untergekrochen. Menschen, die die Arbeitssuche oder die Obdachlosigkeit nach Mitterndorf gespült hat. Deserteure aus Ungarn sind darunter und Slowaken, Heimatlose und Arbeitslose. Jede Baracke, nein, jede Kammer hat hier ihre Geschichte, aber alle Geschichten, die man über Mitterndorf erzählen kann, sind trostlos einförmig, so furchtbar in ihrer Einfachheit und so alltagsgrau wie die Baracken, in denen sie sich abspielen…

Unter einer Haustür, die nur mehr an der Angel hängt, ist eine slowakische Familie versammelt. Er in zerfransten Hosen und einem Hemd, dessen Farbe nicht mehr festzustellen ist. Sie – eine kleine, gedrückte Frau im verschossenen, billigen Fabrikrock – hatte den Säugling gerade an der Brust. Ob wir ihre Wohnung sehen dürften? Sie führten uns in eine Kammer, in der zwei eiserne Betten den größten Teil des Raumes verstellen. Zerwühlte, braune Militärkotzen sind die einzige »Bettwäsche«, ein paar Blechhäferln, wie sie als Ausschußware billig losgeschlagen werden, waren so ziemlich das ganze Geschirr. Unter dem ungehobelten Tisch standen die groben Stiefel des Landarbeiters. Vier Personen müssen in diesem Raum schlafen, leben und atmen! Aber die Slowaken sind noch lange nicht am schlimmsten dran. Da wohnt ein paar Meter weiter eine Familie von drei Personen in einem Raum, der gerade achteinhalb Quadratmeter mißt. Die drei müssen in einem Bett schlafen! Und wie diese Wohnräume aussehen: Die Mauern sind natürlich aus dem billigsten Material hergestellt, zwölf Jahre nach dem Krieg beginnen sie da und dort abzubröckeln. Mancher, der hier eingezogen ist, hat zuerst die Löcher in der Mauer verstopfen lassen. Die Fenster? Ach, die hat man entweder mit Glasscherben »eingeglast« oder einfach mit Brettern vernagelt. Leider findet der Wind zwischen den Glasscherben und Brettern doch immer seinen Weg. Als aber einige Barackenbewohner neulich ihre Kammern mit Brettern von einer niedergerissenen Baracke ausbessern wollten, da war sofort die Gendarmerie da, um das bedrohte Eigentum zu schützen. Das Ärgste aber sind weder die Mauern noch die Fenster. Vorsichtig tasten wir uns in einen stockfinsteren Gang hinein. Schritt für Schritt geht es nur, denn der Bretterboden wankt und schwankt unter unseren Füßen. Jetzt treten wir nicht mehr auf Holz auf, wir spüren etwas Weiches, Lehmiges unter unseren Füßen: »Das ist der Sumpf«, sagen die Mitterndorfer und dann erzählen sie uns, daß die Baracken auf sumpfigen, lockrigem Gelände erbaut wurden. Darum also die feuchte, kalte Luft in den Wohnungen! Darum der Schimmel an den Wänden! Der Fußboden ist an vielen Stellen durchgefault und die Menschen, die hier hausen müssen, wohnen beinahe auf dem Erdboden… Und für diese Wohnungen wird ein Zins von zehn und mehr Schilling verlangt! In der Mitterndorfer Spiritusfabrik verdienen die Arbeiter durchschnittlich 18 Schilling in der Woche. Einen halben Wochenlohn müssen sie dafür hergeben, in diesen Baracken wohnen zu dürfen.

Aber sind denn alle in der Spiritusfabrik oder in der Seidenfabrik beschäftigt? Eine müßige Frage, von allen Seiten streckt man uns die Arbeitslosenkarten entgegen. »Ich war in der Seidenfabrik, bin in der feuchten Wohnung krank geworden, als ich wieder hergestellt war, wurde ich entlassen…« Und ein anderer soll von 35 Schilling Unterstützung zwei Wochen lang zehn Mäuler stopfen. Und ein Dritter geht mit einem blutunterlaufenen, aufgedunsenen Auge herum: der Jäger hat ihn beim Holzklauben erwischt und der Gewehrkolben gerade am Auge getroffen. Nun ist er im Krankenstand und soll mit seiner Familie zwei Wochen lang von 21 Schilling leben…

Mitterndorf. Fünfhundert Menschen hausen in diesem Flüchtlingslager der Wohnungsnot. Wann schlägt für sie die Stunde der Erlösung?