[Ludwig Wagner]

Das Leben in Marienthal. Forschungsreise in ein Arbeitslosendorf

in: Der Kuckuck (Wien), 5. Jg., Nr. 27 (2. Juli 1933), S. 14 und 16.[1]

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Das Leben in Marienthal

Forschungsreise in ein Arbeitslosendorf

Marienthal. Die Schnellzüge donnern vorüber. Sie kommen von Budapest und fahren über Wien nach Paris.[2] Dreiviertel Stunden von der Eisenbahn liegt der Textilarbeiterort, der heute nur mehr Arbeitslose beherbergt. Die Fabrik wird abgewrackt, die Maschinen wurden abmontiert und versendet, die Schornsteine werden umgelegt, Spinngewebe ist das einzige, was hier noch gewebt wird.

Marienthal ist an der Arbeitslosigkeit erkrankt. Achtzehn Familien leben von irgendeiner Pension, zweiundzwanzig Familien haben noch irgendeinen Erwerb – mehr als vierhundertfünfzig Familien sind arbeitslos.

Vor einem Jahre hat eine Gruppe junger Forscher und Studenten den Plan gefaßt, hier in Marienthal die Wirkungen der Massenarbeitslosigkeit zu studieren. Sie kamen mit Hilfsaktionen in das stille Marienthal, sie brachten den erwerbslosen Textilarbeitern, was nur in ihrer Macht stand: Kleider, ärztliche Hilfe, Elternberatung, sie hielten Kurse für die Jugendlichen, und während sie hergaben, sammelten sie zugleich ein. Aus vielen tausend Beobachtungen, aus Wirtschaftsbüchern, Speisezetteln, Lebensberichten fügte sich das Mosaik dieser großen sozialen Reportage üben die »Arbeitslosen von Marienthal« zusammen, das nun als schmales, unscheinbares Bändchen vor uns liegt. Nicht viel mehr als hundert Seiten – aber wie viel erfahren wir über das Leben dieser Marienthaler Textilarbeiter, die die Krise aus ihrer Lebensbahn geschleudert hat.

Vom Textilarbeiter zum Zwergbauern

Das Leben dieser Menschen beherrscht ein Gesetz, das für sie unendlich viel wichtiger ist als alle anderen: das Arbeitslosengesetz. Die Unterstützung schwankt zwischen 3 S[chilling] und 26 Groschen pro Person und Tag (das Buch ist schon wieder ein paar Monate alt und daher leider überholt). Das ganze Leben des Ortes dreht sich daher um den Tag, an dem die Unterstützung ausgezahlt wird. Der alte Kalender hat für die Arbeitslosen jeden Sinn verloren. Nicht der Sonntag, sondern der Auszahlungstag müßte in den Marienthaler Kalendern rot angestrichen sein. Die Kinder in der Schule wissen auch bereits genau, wann der nächste Auszahlungstermin ist. Sie spüren es an ihrem Gabelfrühstück: am Tage vor der Auszahlung bekamen von 38 Schulkindern 19 überhaupt kein Gabelfrühstück oder doch nur trockenes Brot. Am Tage nach der Auszahlung erhielten alle bis auf zwei Kinder ein Gabelfrühstück. Aber nicht immer ist der Auszahlungstag ein Feiertag. Er bringt ja auch die Kürzungen der Unterstützung und für manche die Aussteuerung.

Am Gelde hängt doch alles…

Da haben die Studenten in Marienthal vier Gruppen ermittelt, in die die Arbeitslosen nach ihrer Gesamthaltung und Stimmung eingereiht werden können. Und seltsam: diesen vier Gruppen entspricht eine gewisse Höhe der Unterstützung. 

Gruppe

Unterstützung in Schillingen

Ungebrochen

.................... 34 S

Resigniert

.................... 30 S

Verzweifelt

.................... 25 S

Apathisch

.................... 19 S

Fünf Schilling weniger Unterstützung bedeutet also unter Umständen bereits schwere Depressionen, den Abstieg vom Mut zur Resignation, zur Verzweiflung (die doch noch immer mit einer gewissen Aktivität untermischt ist) und zuletzt zur völligen Apathie. Das Arbeitslosengesetz entscheidet darüber, ob man mehr oder weniger hungern muß, und darum ist es für die Arbeitslosen etwas ganz anderes, als etwa die Verfassung. Haben die Arbeitslosen irgendeine Möglichkeit, ihr Einkommen zu vergrößern? Auch diese Frage wurde in Marienthal möglichst eingehend studiert. 392 Familien besitzen einen Schrebergarten, ein Stück Land, das ungefähr 65 Quadratmeter ausmacht. Etwa ein Viertel der Einwohner betreibt etwas Kaninchenzucht. Das ist im wesentlichen der ganze denkbare Nebenverdienst. Der qualifizierte Arbeiter ist froh, die Existenz eines Zwergbauern zu führen, und während man die Maschinen in der Weberei und Spinnerei abmontiert, sticht er seinen kleinen Schrebergarten um. Die Fürsorge der Gemeinden muß notwendigerweise aufhören, weil Marienthal, wie alle Arbeitslosengemeinden, so gut wie gar keine Einnahmen besitzt. Und nun können wir uns der Frage zuwenden, die den Verantwortlichen in Österreich viel zu wenig Kopfzerbrechen bereitet: Wie lebt man von einer Arbeitslosenunterstützung, die im Höchstfall 3 Schilling ausmacht, die aber auch bis auf 26 Groschen heruntergeht?

Zurück zur Kriegszeit

In einer der Lebensgeschichten, die die Verfasser des Berichtes über Marienthal gesammelt haben, findet sich die Feststellung, daß es jetzt in Marienthal wieder genau so sei wie während der Kriegszeit. »Nur daß jetzt alles in Überfluß vorhanden wäre«, fügt der Marienthaler Textilarbeiter hinzu. Ja, es ist wieder wie in den vier Hungerjahren des Weltkrieges. Aus dem Haushalt ist der Zucker verschwunden (Zuckerzoll und Zuckersteuer!) und das Sacharin hat seinen Einzug gehalten. Die Butter ist weg, und die Margarine wird natürlich sparsam verwendet. Wieder gibt es fleischlose Tage und Wochen. Von 41 Marienthaler Familien wurden eine Woche lang Eßverzeichnisse gesammelt. 22 Familien lebten sechs Tage in der Woche ohne Fleisch. Nur am Sonntag gab es irgendein kleines Stückerl Fleisch. Sechs Familien hatten die ganze Woche kein Fleisch auf ihrem Tisch. Der Aufhackknecht des Fleischhauers berichtet: »Solange die Fabrik in Betrieb stand, schlachteten wir zwölf Schweine und sechs Rinder in der Woche. Jetzt genügen sechs Schweine und ein Rind, die aber meistens von den Leuten aus der Umgebung gekauft werden. Die Marienthaler sind zum Pferdefleisch übergegangen.« Aber von den zwei Roßfleischhauereien des Ortes geht es nur einer halbwegs gut. Es gibt also auch nicht genug Kunden für Pferdefleisch. In den Eßverzeichnissen der 41 Marienthaler Familien findet man 56 Fleischmahlzeiten in einer Woche. Davon waren:

34 aus Pferdefleisch,

18 aus Kaninchenfleisch (natürlich selbstgezüchtete),

2 aus Rindfleisch,

1 aus Faschiertem,[3]

1 aus Schweinefleisch.

Aber ein Arbeitsloser berichtet, daß auch Katzenfleisch gegessen wird. »Immer wieder verschwinden Katzen, Katzenfleisch ist sehr gesucht. Auch Hunde werden gegessen. Erst vor wenigen Tagen bekam ein Mann einen Hund geschenkt, unter der Bedingung, daß er ihn schmerzlos erschlägt. Er lief überall herum um ein Geschirr für das Blut und bekam schließlich eines, dafür mußte er ein Stück Hundefleisch hergeben.« Sieht man vom Fleisch ab, so besteht die Hauptnahrung der Marienthaler Arbeitslosen aus einfachen Mehlspeisen (der Mehlkonsum ist gestiegen), aus Kartoffeln und Brot. Von 287 Abendessen bestanden in Marienthal 132 nur aus Kaffee (meist ohne Milch) und Brot. Natürlich ist es kein Bohnenkaffee, der getrunken wird, sondern Malzkaffee und Feigenkaffee. Der Bohnenkaffee wird inzwischen in den Lokomotiven von Brasilien verheizt.

Und trotzdem: Blumen!

Wer diesen dürftigen Speisezettel gesehen hat, wird zunächst nicht ohne Staunen hören, daß in den Schrebergärten von Marienthal noch immer auch Blumen zu sehen sind. »Da gibt es Beete« – sagt der Bericht –, »die eine Ernte von 80 Kilogramm Kartoffeln liefern könnten, und die mit Nelken, Tulpen und Rosen bepflanzt sind.« Auf die Frage, warum dies geschieht, lautet die Antwort: »Man kann doch nicht nur vom Essen leben, etwas muß man doch auch fürs Gemüt haben.« Und so erklärt sich, was scheinbar unerklärlich ist, als die ungeheure Sehnsucht dieser Menschen, die die Gesellschaftsordnung unter Ausnahmezustand gesetzt hat, nach etwas Schönheit. In dem Buch über Marienthal werden einige erschütternde Beispiele dafür angeführt: Da ist eine ausgesteuerte Familie, die längst vom Zucker zum Sacharin übergehen mußte, aber wie ein Hausierer durch den Ort zieht, kauft man plötzlich für 30 Groschen ein – Pappendeckelbild von Venedig. Oder eine Frau kauft plötzlich, alle Budgetsorgen vergessend, ein Bilderbuch für ihr Kind. Und wieder denkt man an den Krieg und an Schützengräben, die von den Soldaten »ausgeschmückt« wurden.

Die letzten Kleider

Aber während die Arbeitslosen noch immer um etwas Schönheit kämpfen (wär’s auch nur in der billigen Gschnasform,[4] in der gerissene Unternehmer auch noch aus den Ärmsten ihren Profit holen), steht eine große drohende Gefahr vor den Marienthalern auf: von der Arbeitslosenunterstützung kann man sich vielleicht noch halbwegs ernähren, aber auch die sparsamste Hausfrau wird keinen Schilling erübrigen können für die notwendigen Anschaffungen. Was soll geschehen, wenn die Kleider und die Schuhe zerreißen? Die Arbeitslosigkeit in Marienthal ist kaum dreieinhalb Jahre alt. Aber schon gibt es Kinder, die tagelang der Schule fernbleiben müssen, weil sie keine Schuhe haben. Ein Vater berichtet, daß seine ganzen Kleider nach und nach auf Kinderkleider umgearbeitet werden müssen. Er kann ja zu Hause bleiben, aber die Kinder haben noch eine Aufgabe, in die Schule zu gehen. Die Schuhe der Kinder werden meist von den Vätern selbst geflickt. Vor nichts haben die Marienthaler größere Angst als vor dem

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Fußballspielen. Die letzten Schuhe müssen eben unter allen Umständen geschont werden. Der Lehrer berichtet, daß ein Vater seinen Buben immer nach der Schule in die Wohnung einsperrt, damit er die letzten Sachen nicht beim Spielen zerreißt. Was die Marienthaler noch an Bettwäsche haben, muß jetzt auf Kinderwäsche umgearbeitet werden, wird verbraucht. So zeigt Marienthal, wie herrlich es in dieser besten aller Welten eingerichtet ist: Die Marienthaler Textilarbeiter, die so viel Wäsche für andere erzeugt haben, besitzen jetzt bald selbst kaum mehr ein paar ganze Hemden. Und sie haben keine Wäsche, weil es ihnen verwehrt wurde, neue Leinwand in der Fabrik zu produzieren!

Die Romantik wird abgebaut

Die tiefe Resignation, die die Arbeitslosigkeit ausstrahlt, macht auch nicht halt vor den Kindern: Man hat in Marienthal die Weihnachtswünsche der Kinder gesammelt und festgestellt, daß diese Wünsche um zwei Drittel billiger waren als die der Kinder in der Umgebung von Marienthal. Ein 11jähriger Hauptschüler schreibt: »Wenn die Eltern Geld gehabt hätten, hätte ich mir gewünscht: eine Geige, einen Anzug, Plakatfarben, einen Pinsel, ein Buch, Schlittschuhe und einen Rock.« Ein Mädchen schreibt: »Ich hätte an das Christkindl viele Wünsche, wenn die Eltern Arbeit hätten. Ich bekam nur Augengläser. Ich wollte einen Atlas und einen Zirkel.« Und ein Neunjähriger: »Ich hätte mir gern ein Album für Bilder gewünscht. Ich bekam nichts.« Immer wieder dieses »wenn« und »hätte«. So viel Tatsachensinn, so viel Resignation und eiskalten Realismus wird man außerhalb von Arbeitslosenhäusern nirgends bei Kindern finden. Träumt einmal ein Junge davon, Flieger oder Indianerhäuptling zu werden, so folgt auch hier sofort die Erwägung, es werde schwer sein, einen guten Posten zu finden. So baut die Arbeitslosigkeit auch die Träume der Kinder ab.

Und so zertrümmert sie die Gemeinschaftsformen, die in einer besseren Zeit aufgebaut wurden. Unter dem Druck der Arbeitslosigkeit sind viele Vereine in Marienthal zusammengeschrumpft, die Sperre der Fabrik wirkte sich aus auf der Bühne der Theatersektion, sie hat der Arbeiterbibliothek nicht genützt, sondern geschadet, sie hat den Jugendorganisationen größten Schaden zugefügt. Vielleicht wird ein Unbeteiligter hier die Frage erheben, warum das so sei, da doch die Arbeitslosen »viel mehr Zeit« hätten als die Betriebsarbeiter. Aber diese Frage beantwortet eine Frau aus Marienthal: »Früher habe ich viel mehr gelesen, jetzt komme ich nicht dazu, man hat ganz andere Sachen im Kopf.« Ja, die Arbeitslosen haben Zeit, aber diese Zeit ist leer, sie rinnt ihnen wie der Sand durch die Finger. Ein Arbeitsloser, so ist im Bericht zu lesen, ist meist schon an seinem Gang zu erkennen. Da haben die Studenten in Marienthal ein interessantes Experiment gemacht.

Ein Arbeitsloser geht drei Kilometer in der Stunde. Von einem verborgenen Fensterplatz aus haben sie einmal die Dorfstraße beobachtet und die Gehzeit der Arbeitslosen abgestoppt. Die meisten gingen mit einer »Geschwindigkeit« von drei Kilometer in der Stunde. Die meisten blieben zwei- bis dreimal auf dem kurzen Weg (die Dorfstraße ist dreihundert Meter lang) stehen. Früher, berichtet eine Frau, war mein Mann die Pünktlichkeit selber. Jetzt kommt er immer zum Essen zu spät. Und wenn wir noch zuletzt in das Tagebuch eines Arbeitslosen blicken, so lesen wir hier:

14 bis 15 Uhr eine Zeitung durchgeblättert.

15 bis 16 Uhr mit den Nachbarn geplaudert.

16 bis 17 Uhr nach den Hasen gesehen und Wasser in die Küche getragen.

17 bis 18 Uhr mit den Kindern auf das Nachtmahl gewartet.

18 bis 19 Uhr haben wir gegessen und die Kinder sind schlafen gegangen.

19 bis 20 Uhr habe ich mit meiner Frau gesprochen.

20 bis 21 Uhr, um halb 9 Uhr sind auch wir in den Federn.

Und so sinnlos verläuft jeder Nachmittag. Im ersten Jahre der Arbeitslosigkeit waren die Marienthaler immer unterwegs auf Arbeitsuche. Jetzt haben sie es längst aufgegeben. Sie wissen: es gibt keine Arbeit. Der Mann der im ersten Jahre 130 Offerte geschrieben hat, geht jetzt fast nicht mehr aus seinem Haus. Eine Kapitelüberschrift des Buches über Marienthal heißt: Die müde Gemeinschaft. Und je weniger die Arbeitslosen arbeiten dürfen, um so müder werden ihre Körper und ihre Seelen. Vier Stufen der Haltung haben die Erforscher der Marienthaler Arbeitslosen aufgestellt: Ungebrochene Haltung, Resignation, Verzweiflung, Apathie. Und es gibt viele »Marienthals« in der kapitalistischen Welt.

* * *

Unwillkürlich stellt man dieser sozialen Reportage, die das Elend der kapitalistischen Zivilisation in Zahlen faßt, jene andere Reportage gegenüber, die vor einem halben Jahre durch die Zeitungen der ganzen Welt gegangen ist. Die Reportage über den Reichtum unserer technischen Entwicklung, die die Technokraten aus genauester Kenntnis der amerikanischen Industrie geliefert haben. Aber beides, die Reportage des Elends und die Reportage des technischen Reichtums zeigt nur eine Seite des Kapitalismus auf. Zwei furchtbare Anklagen, die von der Wissenschaft, von der Statistik gegen diese Welt des Irrsinns erhoben wurden.

[1] Beigefügt sind dem Bericht drei Illustrationen: das Foto der abgewrackten Fabrik stammt aus Marienthal, die beiden anderen aus der Barackensiedlung in den Nachbarorten Mitterndorf an der Fischa und Moosbrunn. Alle Fotos wurden zuerst publiziert in [Ludwig Wagner]: 15 Kilometer von Wien. In den Quartieren des Gramatneusiedler Industriegebietes, in: Der Kuckuck (Wien), 2. Jg., Nr. 10 (9. März 1930), S. 5; diese Sozialreportage betrifft ausschließlich die angesprochene Barackensiedlung, ein im Zuge des Ersten Weltkriegs entstandenes Flüchtlingslager. Anm. R.M.

[2] Siehe dazu die Einleitung der Sozialreportage von [Ludwig Wagner]: Ruhende Webstühle – feiernde Arbeiter. Eine Gemeinde, die von der Arbeitslosenunterstützung lebt, in: Das Kleine Blatt (Wien), 4. Jg., Nr. 46 (16. Februar 1930), S. 4–5, hier S. 4. Anm. R.M.

[3] Faschiertes: österreichisch für Hackfleisch. Anm. R.M.

[4] Gschnas: österreichisch für Kostümfest, Ball. Anm. R.M.