L[eopold] v[on] Wiese

Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang: Zur Geschichte der Soziographie. Bearbeitet und herausgegeben von der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle. Fünfter Band der psychologischen Monographien, herausgegeben von Prof. Dr. Karl Bühler. Leipzig 1933, S. Hirzel. IX und 123 S. Brosch. 4.– RM, Ganzleinen 5.30 RM

in: Kölner Vierteljahrshefte für Soziologie (München–Leipzig), 12. Jg., Nr. 1 (1933), S. 96–98 [96–98].

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Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang: Zur Geschichte der Soziographie. Bearbeitet und herausgegeben von der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle. Fünfter Band der psychologischen Monographien, herausgegeben von Prof. Dr. Karl Bühler. Leipzig 1933, S. Hirzel. IX und 123 S. Brosch. 4.– RM, Ganzleinen 5.30 RM.

Es bereitet besondere Freude und erscheint mir als eine angenehme Pflicht, die Aufmerksamkeit auf diese Kollektivarbeit von Wiener Männern und Frauen zu lenken, die offenbar dem Kreise Karl [Bühlers] und Charlotte Bühlers nahestehen. Gerade bin ich mit Angehörigen meines soziologischen Seminars von der sechsten Pfingststudienreise, die uns zu den kleinen Winzern an die Ahr[1] geführt hat, zurückgekehrt, und ich werde mir bewußt, wie verwandt meine eigenen Versuche mit den wertvollen Bemühungen dieser Wiener Soziographen sind. Ich würde, wenn mir genügend Zeit und Geld zur Verfügung ständen, in der Hauptsache ebenso verfahren, wie es hier geschehen ist. Den Wienern war es möglich, aus dem Rockefeller-Fond zu schöpfen und geldliche Unterstützung der Wiener Arbeiterkammer zu erhalten. Dr. Lotte Danziger, die einen hervorragenden Anteil an diesem »Feldwerke«, für welches das der Statistik entnommene Wort »Erhebung« nicht ausreicht, genommen hat, konnte von Anfang Dezember 1931 bis Mitte Januar 1932 in dem niederösterreichischen Dorfe Marienthal unter den Arbeitslosen wohnen. Auch ist offenbar die Beteiligung von Medizinern der Untersuchung zugute gekommen. Meine eigenen Versuche müssen vorläufig rein pädagogisch-didaktischer Natur bleiben; sie können nur erreichen, daß in den kurzen neun oder zehn Pfingsttagen die bei den Bewohnern in kleinsten Gruppen einquartierten Studierenden Anregungen und erste Anleitungen erhalten, von denen ich hoffe, daß sie sich bei späteren größeren Arbeiten nützlich erweisen. Bei dem Wiener Versuch aber konnten sich vorher theoretisch geschulte, wissenschaftlich fortgeschrittene Beobachter längere Zeit ganz der Aufgabe widmen, sachlich wertvolle Ergebnisse zu liefern, die über den Schulungszweck von Studierenden hinausragen.

Studiengegenstand war das arbeitslose Dorf, nicht der einzelne Arbeitslose. Man bemühte sich, die Gewinnung und Verwendung exakten Zahlenmaterials mit der Nutzung des »Sich-Einlebens in die Situation« zu verbinden. Ein möglichst enger Zusammenhang mit der Bevölkerung wurde gesucht. Besonders richtig erscheint mir, daß man nicht mit dem törichten und kurzsichtigen Fragebogen-Schema arbeitete, also nicht einfach den zu beobachtenden Menschen die Fragen, an deren Beantwortung einem lag, direkt vorlegte und die Aussagen der Leute registrierte, sondern daß man das (auch von mir stets empfohlene) Verfahren der indirekten Befragung handhabte. Kein einziger Mitarbeiter trat in der Rolle des Reporters und Beobachters

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in Marienthal auf; vielmehr hatte »sich jeder durch irgendeine, auch für die Bevölkerung nützliche Funktion in das Gesamtleben natürlich einzufügen« (S. 5). Sehr richtig wird gesagt: »Würde man unmittelbar nach der Arbeitslosigkeit fragen, wäre verlegenes Schweigen oder wären Redensarten die häufigste Antwort« (S. 4). Man veranstaltete eine Kleideraktion, einen Schnittzeichenkursus, einen Mädchenturnkursus, erteilte Erziehungsberatung; besonders die ärztlichen Konsultationen scheinen fruchtbar gewesen zu sein. Am Schluß der Erhebungstätigkeit gab es über 478 Familien-»Katasterblätter«, ausführliche Lebensgeschichten von 32 Männern und 30 Frauen, Inventare über die Mahlzeiten, zahlreiche Protokolle, Schulaufsätze der Kinder usw. (Gut, daß man für all das Geld genug besessen hat.)

Der erste Teil der nunmehr das Ergebnis enthaltenden Schrift schildert zunächst das jetzt arbeitslose Industriedorf. (Er bildet den vorsoziologischen Teil, den auch ich solchen Studien vorauszuschicken pflege.) Die folgenden fünf Kapitel tragen nacheinander folgende Überschriften: Der Standard (also die wirtschaftliche Lebensführung); die müde Gemeinschaft; die Haltung; die Zeit (gemeint ist die Zeitverwendung); die Widerstandskraft. Diese Anordnung ist nicht einwandfrei; aber das ist nicht so wichtig.

Einiges aus dem Inhalt sei mitgeteilt: »Hier leben Menschen, die sich daran gewöhnt haben, weniger zu besitzen, weniger zu tun und weniger zu erwarten, als bisher für die Existenz als notwendig angesehen worden ist« (S. 32). – »Mit steigender Not entwickelt sich die Mitgliedschaft bei Vereinen aus einer Gesinnungssache zu einer Interessenangelegenheit« (S. 38). – Es werden vier Haltungstypen unterschieden: die Resignierten, die Ungebrochenen, die Verzweifelten, die Apathischen. Im allgemeinen wird das ganze Ortsleben durch die resignierte Haltung bestimmt. – Schwer innerlich erfaßbar sind die Jugendlichen. – »Die Leute verlieren allmählich ihre Berufs- und Arbeitstradition; sie empfinden <arbeitslos sein> bereits als einen eigenen Stand« (S. 73/74). – Sehr wichtig: »Die persönlichen Beziehungen erwiesen sich als widerstandsfähiger als die Beziehungen zur Arbeit und zu den sozialen Institutionen« (S. 77). – Einen besonderen Typus bilden die »Absturzexistenzen«, die den großen Unterschied von früher und jetzt nicht erfassen und nicht ertragen können (S. 87).

Wie gesagt, finde ich manche Übereinstimmung im Verfahren mit der Methode der Beziehungslehre. Auch bei den Wienern sind Haltung und Situation Hauptbegriffe. Ich würde nur zurückhaltender in der Feststellung von Personentypen sein, dafür aber mehr die sozialen Prozesse zu typisieren versuchen. Anderseits würde mir der Programmpunkt: »alle Impressionen wieder zu verwerfen, für die keine zahlenmäßigen Belege zu finden sind«, als eine zu große Konzession an die Statistiker erscheinen. Erfreulicherweise war man aber in der Anwendung dieses Grundsatzes doch nicht allzu ängstlich.

Weniger gelungen als der Hauptteil des Buches erscheint mir der Anhang »Zur Geschichte der Soziographie«. Er zeigt nicht die gleiche Neigung zur Sorgfalt und Vorsicht, der für die Behandlung des eigentlichen Themas des Buches bezeichnend ist. Er wäre vielleicht besser weggeblieben. Die Flüchtigkeit erkennt man schon an Äußerlichkeiten. Wichtige Autorennamen sind falsch geschrieben: Quetelêt steht da statt Quetelet[2], C.C. Zimmermann statt Zimmerman.[3] Auf den ersten Seiten gewinnt man den Eindruck, daß der Begriff der Soziographie auf Untersuchungen über die eigentliche Arbeiterklasse beschränkt werden soll; denn sonst hätte in der höchst anfechtbaren Skizzierung des Mittelalters die Lage der zahlreichen »Unehrlichen« nicht übersehen werden dürfen; vor allem aber hätte in der Literaturgeschichte, in der die Engländer des 17. und 18. Jahrhunderts ausführlich behandelt sind, die noch heute nachwirkende Schule der deutschen Soziographen des 18. Jahrhunderts (»Statistiker« nannten sie sich in einem anderen Sinne als heute), Achenwall[4] und seine

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Zeitgenossen nicht übersehen werden dürfen.

Indessen soll nicht verkannt werden, daß über die moderne Entwicklung, besonders über die amerikanische Survey-Literatur, manches gut Orientierende gesagt wird. Freilich würde ich zum Beispiel das Fehlen eines Zusammenhangs mit sozialpolitischen Problemen in dem Buche »Middletown« der beiden Lynds[5] gerade als einen Vorzug der Schrift ansehen (S. 113).

Nicht ganz vorübergehen kann ich an der Frage der Zurechnung solcher Untersuchungen zu der einen oder der anderen wissenschaftlichen Disziplin. Wer nur an dem Spezialergebnisse der Arbeit Anteil nimmt, wird diese Frage für belanglos und einen Streit bei dieser Gelegenheit über die Grenzziehung von Psychologie und Soziologie für unfruchtbar halten. Indessen ist die Einordnung dieses Typs von Analysen recht folgenreich. Diese »Feldwerks«arbeit ist als eine der Bühlerschen »psychologischen« Monographien erschienen und von der österreichischen wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle bearbeitet und herausgegeben worden. Im Vorwort ist das Gegebene als »Bild der psychologischen Situation eines arbeitslosen Ortes« bezeichnet. Im übrigen nennen aber die Verfasser die Arbeit einen soziographischen Versuch.

Aus dem Anhange scheint mir hervorzugehen, daß man sich den Zusammenhang der Beiträge der Disziplinen so vorstellt: es handele sich um eine soziographische Arbeit (wird doch betont, daß das Dorf, nicht der Typus eines Einzelmenschen Gegenstand der Untersuchung ist); aber die Methoden gehören der Psychologie an. Jedenfalls seien die beiden Verfahren, die zugrunde lägen, der Bahaviorismus und die »Entwicklungspsychologie« Charlotte Bühlers »bei den Psychologen entstanden« (S. 118).

Offenbar hält man Erlebnisanalysen für eine Aufgabe der Psychologie. Ich will nicht weiter darüber streiten. Die Neigung, alles, wohinein Seelisches spielt, als Psychologie zu bezeichnen, ist weit verbreitet. Klarer wird die Abgrenzung, wenn man nur die Bewußtseinsvorgänge selbst zur Psychologie rechnet, alles Zwischenpersönliche, alles äußere Geschehen anderen Wissenschaften überläßt. Daß solche Untersuchungen, wie die hier vorliegende, nicht ohne psychologische Fragestellungen und ohne psychologische Kenntnisse behandelt werden können, ist richtig. Nur darf man nicht etwa die Soziographen als solche zur Psychologie rechnen. Wichtiger freilich als die (jedoch nicht unwichtige) Zurechnungsfrage ist die Tatsache, daß solche Untersuchungen angestellt werden. Es wirken dabei ja auch Mediziner, Statistiker, Wohlfahrtsbeamte, Pädagogen mit. Immerhin sollte die Organisation der Problembehandlung in den Händen des Soziologen liegen, da nur er den richtigen Anteil der Spezialfragen am Hauptproblem richtig beurteilen kann. Es ist ein Vorzug der vorliegenden schönen Arbeit, daß sie gerade nicht im Psychologischen stecken bleibt, sondern wirklich soziographisch ist.

L. v. Wiese.

[1] Ahr: linker, 89 Kilometer langer Nebenfluss des Rheins, der im westlichen Teil der Eiffel entspringt und bei Linz am Rhein (Rheinland-Pfalz) in den Rhein mündet. Einblick in die Ahr-Forschungen Leopold von Wieses gibt der Aufsatz von Werner Bär: Das Winzerdorf an der Ahr als Siedlungsgebilde, in: Kölner Vierteljahrshefte für Soziologie (München–Leipzig), 12. Jg., H. 2 (1933), S. 115–126. Anm. R.M.

[2] Adolphe Quételet (1796–1874): belgischer Sozialwissenschaftler, Mathematiker und Astronom, der die Methoden der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung auf die Sozialwissenschaften übertrug und damit zum Begründer der Sozialstatistik wurde. Anm. R.M.

[3] Carle Clark Zimmerman (1897–1983): US-amerikanischer Soziologe. Anm. R.M.

[4] Gottfried Achenwall (1719–1772): deutscher Historiker und Jurist, gilt als Mitbegründer der wissenschaftlichen Statistik, die er als vergleichende Länderbeschreibung auffasste. Anm. R.M.

[5] Robert Staughton Lynd (1892–1970): US-amerikanischer Soziologe. Helen Merrell Lynd (geborene Merrell; 1896–1982): US-amerikanische Soziologin, Ehefrau von Robert S. Lynd. Zur angesprochenen, international berühmten Studie vgl. Robert S[taughton] Lynd / Helen Merrell Lynd: Middletown. A study in contemporary American culture. Foreword by Clark Wissler. New York, N.Y.: Harcourt, Brace 1929. Anm. R.M.