Constant von Wurzbach [d.i. Constantin von Wurzbach]

Todesco, Hermann

in Constant von Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, enthaltend die Lebensskizzen der denkwürdigen Personen, welche seit 1750 in den österreichischen Kronländern geboren wurden oder darin gelebt und gewirkt haben. Von Dr. Constant von Wurzbach. Fünfundvierzigster Theil: Thugut – Török. Mit eilf genealogischen Tafeln. Mit Unterstützung des Autors durch die kaiserliche Akademie der Wissenschaften. Wien: Verlag der k.k. Hof- und Staatsdruckerei 1882, S. 224–227.

[Titelblatt]

Biographisches Lexikon

des

Kaiserthums Oesterreich,

enthaltend

die Lebensskizzen der denkwürdigen Personen, welche seit 1750 in den österreichischen Kronländern geboren wurden oder darin gelebt und gewirkt haben.

Von

Dr. Constant von Wurzbach.

Fünfundvierzigster Theil.

Thugut – Török.

Mit eilf genealogischen Tafeln.

Mit Unterstützung des Autors durch die kaiserliche Akademie der Wissenschaften.

Wien.

Druck und Verlag der k[aiserlich] k[öniglichen] Hof- und Staatsdruckerei.

1882.

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Todesco, Hermann (Industrieller und Humanist, geb[oren] zu Preßburg [d.i. Bratislave, Slowakei; recte in Wien geboren 1791; Anm. R.M.] im Jahre 1792, gest[orben] ebenda 23. November 1844). Sohn israelitischer Eltern, wurde er für den Handelsstand herangebildet, in welchem er es durch seine umsichtige Thätigkeit und außerordentliche Strebsamkeit rasch vorwärts brachte. Von einem weitverzweigten Seiden- und Garngeschäfte, welches er anfänglich betrieb, ging er bald zu großen industriellen Unternehmungen über. Besonders aber lenkte er dann sein Augenmerk auf vaterländische Gewerbe und Erzeugnisse, und

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zwar mit so glücklichem Erfolge, daß er um nur einen Fall anzuführen, zur bewegten Zeit einer feindlichen Invasion es ermöglichte, ein Militärspital mit mehreren Tausend Wolldecken in einem Augenblicke zu versorgen, wo dieser Bedarf wichtig und dringend war. Seinen industriellen Blick auf weitere Ziele richtend, wendete er sich der bald zu solcher Bedeutung gelangenden Baumwollenspinnerei und der sich eben damals bahnbrechenden Maschinenweberei zu und rief zu Marienthal bei Himberg unweit Wien eine großartige Maschinenbaumwollspinnerei ins Leben. Er und seine Söhne unternahmen nun längere Reisen nach jenen Ländern, in denen das Fabrik- und Maschinenwesen blühte, machten sich mit den dortigen Einrichtungen bekannt und führten dieselben in ihren Anstalten ein. Besonders dehnte er seine Maschinenweberei aus, keine Opfer scheuend, auch in ungünstigster Zeit seine Arbeiten nicht unterbrechend, so daß er seine Etablissements selbst in der Cholerazeit mit allen Arbeitern in voller Thätigkeit erhielt. Im Jahre 1835 kaufte er das bedeutende Staatsgut Legnaro bei Padua an, und bald hob sich unter seiner umsichtigen Thätigkeit diese Besitzung, und zusehends wuchs der Wohlstand der Bewohner und Pächter. Neue Pflanzungen von Maulbeerbäumen entstanden, nach den besten Mustern wurde eine Filande zum Abwinden der erzeugten Cocons erbaut, und zur Zeit seines Ablebens erhoben sich nicht weniger denn 30.000 Stämme, welche 6000 Pfund Galetten (ungesponnene Seide) lieferten, ein Ergebniß, dessen Bedeutenheit nur Kenner zu ermessen vermögen. Doch weniger die industrielle Thätigkeit Todesco’s, so umfassend sie auch ist, sichert ihm einen Platz in diesem Werke, denn in dieser Richtung stehen ihm Andere nicht nur ebenbürtig zur Seite, sondern übertreffen ihn wohl gar. Aber noch ein anderes Gebiet ist es, auf welchem er eine nicht minder große und segensreiche Thätigkeit entfaltete; wir meinen die humanistische. In dieser Beziehung finden wir unter seinen nicht minder bemittelten Collegen in der Handels- und industriellen Welt keinen oder doch nur wenige, die es ihm gleich thäten. Wir sind leider nicht im Stande, im Folgenden ein ausführliches Bild seiner humanistischen Thätigkeit zu geben, unser Versuch, uns authentische Details zu verschaffen, blieb erfolglos. Was wir mittheilen, sind Aufzeichnungen aus jenen Tagen, wo Todesco’s Spenden allgemeine Aufmerksamkeit erregten. Im Jahre 1843 kaufte er für die Primar- und Kinderbewahrschule in seiner Vaterstadt Preßburg ein Haus für 25.000 fl[orin] Conventionsmünze und machte es der Gemeinde zum Geschenk; der Eröffnungsfeier, welche am 7. Mai 1844 stattfand, wohnte die Erzherzogin Maria Dorothea bei; für den von Joseph Wertheimer gegründeten israelitischen Handwerkerverein spendete er eine Summe von 10.000 fl.; zur Erbauung eines israelitischen Krankenhauses in Baden bestimmte er 20.000 fl.; in Marienthal, wo seine Fabrik sich befindet, errichtete er für die Gemeinde daselbst und die Umgebung gleichfalls eine Schule und Kleinkinderbewahranstalt; zu Gunsten des israelitischen Gewerbevereins stiftete er ein Capital von dessen Zinsen alljährlich ein Individuum, das Meister wird, mit 500 fl. Conventions-Münze auszustatten ist. Wie er bei Lebzeiten täglich 50 bis 80 Arme ohne Unterschied der Confession speiste, so verpflichtete er auch seine Erben, nach seinem Tode diesen Brauch fortzusetzen. Ob derselbe heute noch be-

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steht, ist dem Herausgeber dieses Lexikons nicht bekannt. Für das Wiener S[ank]t Josephspital stiftete er ein Bett. Reichlich flossen überdies zu wohlthätigen Zwecken aller Art seine Spenden, welche summirt eine kaum glaublich hohe Summe ergeben. In einem ihm gewidmeten Nachrufe heißt es: Er betrachtete sich nur als den Almosenier des Glücks, jede Vermehrung seiner Güter war ihm neue Aufforderung: Wohlthaten zu spenden, Menschenfreundlichkeit zu üben. Jemand, der mit ihm amtlich in Berührung kam, verabschiedete sich von ihm, indem er ihm Glück wünschte zu dem Glücke, so wohlthätig sein zu können. »Was Andere nach dem Tode wollen«, erwiderte er, »will ich im Leben; ich will meine Wohlthat mitgenießen durch die Freude, die mir das Wohlthun macht. Machen Sie mich aufmerksam, wo Jemand Hilfe braucht, theilen Sie mir die Idee zu irgend einer Gründung mit. Mir ist Wohlthun ein Bedürfniß, mein Herz braucht es, wie meine Brust die Luft«. Wenige Monate danach hauchte er im schönsten Mannesalter von erst 53 Jahren seine mildthätige Seele aus. Dem ausgegebenen Partezettel entnehmen wir, daß Todesco zweimal verheiratet war. Seine zweite Frau Johanna war eine geboren Kaula; nur aus erster Ehe überlebten ihn die Söhne und Töchter: Maximilian, Eduard, Moriz und Adolph; Nina verehelichte Porges, Amalie verehelichte Springer.

Neuer Nekrolog der Deutschen (Weimar 1846 (B. F. Voigt, kl 8°.) XXII. Jahrg[ang] (1844), II. Theil, S. 755. – Wiener Zeitung, 1845, N[umme]r 17. – Frankl (Ludwig August). Sonntagsblätter (Wien, Pfautsch, 8°.) I. Jahrgang (1842), S. 503: »Todesco-Stiftung«; III. Jahrgang (1844), S. 453; »Eine schöne Feier in Preßburg«. – Allgemeine Theater-Zeitung. Herausgegeben von Adolph Bäuerle (Wien, gr. 4°.) XXXVII. Jahrg. (1844), Nr. 287, S. 1174: »Nekrolog«.

Ueber die Familie Todesco. Vater Hermann Todesco lebte noch nicht in der Ordensära, welcher sein Sohn Eduard in Folge des Ordens der eisernen Krone erster Classe den Ritter- und zweiter Classe im Jahre 1869 den Freiherrenstand verdankt. Der Geist der Humanität, der den Vater vorweg adelte, beseelt auch den Sohn, der bereits 1854 dem Minister des Innern einmalhunderttausend Gulden in Verschreibungen der einheitlichen österreichischen Staatsschuld mit der Bestimmung übergab, daß davon 60.000 fl. dem von dem Erzherzoge Albrecht gestifteten Vorschußfonds für unbemittelte k.k. Offiziere und 40.000 fl. der Speise-Anstalt für arme israelitische Studirende in Wien gewidmet werden. Eine andere große Stiftung errichtete er im Jahre 1877, als er 50.000 fl. Börsenbau-Anlehen zu dem Zwecke spendete, daß von den jährlich entfallenden Zinsen von 2350 fl. dem Badener Todesco-Hospiz die Summe von 500 fl. zugewiesen, der Restbetrag aber in der Weise an verschämte Arme verteilt werde, daß kein Armer eine Unterstützung unter 100 fl. und keiner eine solche über 200 fl. erhalte. Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde hat über jedes Bittgesuch in der Plenarsitzung zu entscheiden. Eine Tochter des Freiherrn Eduard Todesco, der als Banquier Chef der Firma »Hermann Todesco’s Söhne« in Wien, ferner Commercienrath und Director der k.k. priv[ilegierten] Kaiser Ferdinands-Nordbahn ist, reichte 1864 ihre Hand dem Engländer Henry Worms, und fand die Vermälungsfeier in großartiger Weise in dem von dem Baron erbauten prächtigen Palais auf dem Kärnthnerringe statt. – Des Freiherrn Eduard Bruder Moriz Ritter von Todesco, Gesellschafter des Bankhauses »Hermann Todesco’s Söhne«, starb in Wien am 17. Juli 1873 im Alter von 57 Jahren. Ein kurzer Nachruf widmet ihm die Bemerkung: »daß er als Kunstmäcen sich bekannt gemacht«. – Ein Hermann Freiherr von Todesco (geb. 1830 [recte 5. September 1849; Anm. R.M.], gest. zu Bazson im Veszprimer Comitate Ungarns im Juni 1876 [recte in Wien, am 14. Juni 1876; Anm. R.M.]), ist ein Enkel Hermann Todesco’s, dessen Lebensskizze wir oben mitgetheilt haben, und ein Sohn des Freiherrn Eduard. Im Jahre 1872 gefährdete der junge Baron durch einen unglücklichen Sprung mit dem Pferde sein Leben, dessen Erhaltung er dem berühmten

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Arzte Professor [Franz] Pitha zu danken hatte. Aber vier Jahre später raffte den 26jährigen der Tod hin. In einem dem jungen Verblichenen gewidmeten Nachrufe heißt es: »daß er sich durch besonderes Interesse für gemeinnützige und wissenschaftliche Interessen ausgezeichnet habe«. [Illustrirtes Wiener Extrablatt, 1872, Nr. 98: »Hermann Todesco junior«; Nr. 213: »Ein Millionär von der Ringstraße«, mit Porträt Eduard Todesco’s.] – Bei dem Mangel an guten drastischen Lustspielfiguren, durch welchen sich die deutschen Komödien leider so sehr auszeichnen, möchte sich für die Charge eines burlesken Sprachforschers oder unfreiwilligen Sprachverbesserers die drollige »Todesco« überschriebene Figur des Wiener Witz- und Spottblattes »Floh« empfehlen. Dieses enthält in seinem Jahrgange 1870, Nr. 8, 13, 16, 17, 20, 21, 23, 24, 26 und 67 eine wahre Blumenlese der groteskesten Wortverrenkungen. Ob dieselben wirklich gesprochen oder nur erfunden, bleibe dahingestellt, jedenfalls werden sie ihre unausbleibliche Wirkung auf das Zwerchfell der Zuhörer nie verläugnen. Von den vielen Todescoiaden nur einige wenige. Als im Jahre 1870 die Autonomie der Gemeinde discutiert, die čechische Declaration ins Parquet des Abgeordnetenhauses geworfen und durch die Resolution der Polen noch mehr Unordnung ins Parlament gebracht wurde, äußerte sich unsere komische Figur über die politische Lage, wie folgt: »Ich bin für die Anatomie der Gemeinde, verwerfe die čechische Declamation, glaube aber, daß man den Polen, die mit ihrer Absolution nur Vernünftiges verlangen, einige Confessionen machen muß. Man sollte das Ministerium purgieren, daß es einmal den Ausgleich zu Stande bringt«. Ein anderes Mal, als eben das Engagement der Sängerin Benza als Theaterfrage behandelt wurde, bemerkte die komische Figur: »Ist es also doch wahr, daß das Accouchement des Fräuleins Ida Benza im Operntheater demnächst stattfindet?« Und wieder einmal sagte sie zu ihrem Advocaten in einer dringenden Angelegenheit: »Machen sie rasch die nöthigen Eingaben, denn es ist Perikles in Morast« (periculum in mora). Man sieht, unsere komische Figur ist ein ganz aparter Kauz, und es ist Methode in seinem Nonsens.