Hermann Zschokke

Geschichte des Metropolitan-Capitels zum Heiligen Stephan in Wien (nach Archivalien). Von Dr. Hermann Zschokke, k[aiserlich] k[öniglicher] Hofrath, Domcantor, Inful[ierter] Prälat und Archivar des Wiener Metropolitan-Capitels, emerit[ierter] k.k. Universitäts-Professor etc[etera].

Wien: Verlag von Carl Konegen 1895, XII, 428 S., hier S. 201–203, 225 & 341–351.

[Titelblatt]

Geschichte

des

Metropolitan-Capitels

zum Heiligen Stephan

in Wien

(nach Archivalien)

Von

D[okto]r Hermann Zschokke

k[aiserlich] k[öniglicher] Hofrath, Domcantor, Inful[ierter] Prälat und Archivar des Wiener Metropolitan-Capitels, emerit[ierter] k[aiserlich] k[öniglicher] Universitäts-Professor etc[etera].

Wien

Verlag von Carl Konegen.

1895.

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[…]

Georg Ignaz Ruschko († 26. April 1765) hat mit Stiftbrief vom 4. August 1762 ein Capital von 6400 fl[orin] in Obligationen gestiftet, von deren Interessen jährlich zwei Anniversarien mit dem ganzen Officium def[unctorum], und zwar eins für ihn und seine verstorbenen Eltern, das andere für ihn und die Familien Bartenstein und Koch gehalten werden sollen mit genauer Bestimmung des Betrages, welcher den Domherrn, Leviten, Sängern und Musikern zufallen sollte. Doch bestimmte derselbe ausdrücklich, dass die h[ei]l[igen] Messen von den Domherrn an den bestimmten Tagen in der Stephanskirche gelesen werden, und dass nur diejenigen, welche wirklich vom Anfange des lnvitatoriums zum Psalme »Venite exultemus« bis zum Schlusse des Evangelium Johannis beim Requiem (mit Ausschluss aller andern Begünstigungen) beiwohnen, und die vorgeschriebenen Genuflexionen (bis zum Boden) machen, für welch’ letztere eine eigene Quote bestimmt ist, an dem Legate participiren sollen. Ebenso muss die Sequentia »Dies irae« und das Offertorium ganz gesungen werden. Bei nicht genau erfüllten Bedingungen hat die betreffende Quote der bischöflichen Armencasse zuzufallen.

Auch stiftete derselbe gleichzeitig zum Unterhalte des Schullehrers in Grammat-Neusiedl eine Obligation von 1200 fl., und für den Schullehrer in Moosbrunn 200 fl., damit die Gemeinde Grammat-

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Neusiedl von dem Beitrage pro 10 fl. jährlich entlastet werde, und liess auch das Schulhaus herstellen, zu dessen Erhaltung er ein Capital von 300 fl. bestimmte. Schliesslich verfasste er auch eine Instruction für den Schulmeister zu Grammat-Neusiedl.

[…]

203

[…]

Das Einrücken der französischen Truppen in Wien verursachte auch dem Capitel einen bedeutenden Schaden. Dasselbe verausgabte im Jahre 1806 für Einquartirung der Franzosen in der Stadt und Grammat-Neusiedl 2237 fl. 58 kr[euzer], für Verpflegung 1157 fl., ein Zwangsdarlehen von 14.000 fl., für Dominicali 1756 fl. und für die Häuser in der Stadt 2271 fl. 30 kr., zusammen 21.422 fl. 28 kr. Dazu kamen noch die Vorschüsse an die Unterthanen per 5822 fl. 20 kr. Noch grösser war der im Jahre 1809 verursachte Schaden. Es betrugen nämlich die Einquartirungskosten der Franzosen in Wien vom 16. Mai bis 19. November 30.649 fl. 13 kr., in Grammat-Neusiedl 6089 fl. 12 kr., die Lieferungskosten 13.343 fl. 44¾ kr., die ausgeschriebenen Steuern 22.299 fl. 40 kr., die Aushilfe für Hernals und Mariahilf 1658 fl., zusammen 74.039 fl. 9¾ kr. Es musste deswegen ein Capital von 45.722 fl. veräussert werden, wobei an Rabatt 13.260 fl. verloren gingen, wozu noch der Verlust von 6000 fl. bei einer Veräusserung eines weitern Capitals von 40.000 fl. zu rechnen ist. Beziffert man die Zurückersetzungskosten auf 19.660 fl., so hatte das Capitel einen Verlust von 73.639 fl. 9 kr.

Bei Errichtung der Landmiliz im Jahre 1808 brachte das Capitel für Mariahilf 268 Mann, für Hernals 49 und wegen Grammat-Neusiedl 5 Mann binnen kurzer Zeit auf und mit solcher zweckmässiger Ordnung, dass dasselbe ein Belobungsdecret erhielt und das Capitel als Muster für den Stadtmagistrat aufgestellt wurde. Im Jahre 1808 verpflichtete sich das Capitel jährlich 300 fl. als Alumnaticum beizutragen. Kein Wunder daher, dass im Jahre 1809 die Capitelcasse erschöpft war und das Capitel sich genöthigt sah, Obligationen zu veräussern. Im Jahre 1811 wurde eine Reduction sämmtlicher Stiftmessen vorgenommen und als Grundlage angenommen, dass so viele Messen für jeden Stifter gelesen werden sollen, als das Capital an Interessen Gulden in Einlösungsscheinen abwirft. Es wurden demnach am 24. December 1811 2832 Stiftmessen auf 1274 reducirt. Auch wurde festgesetzt, dass bei den gestifteten Officiis defunctorum nur Eine Nocturn zu persolviren sei, wie dies die Rubriken bestimmen, ausser wenn im Stiftbriefe ausdrücklich 3 Nocturnen zur Bedingung gemacht sind.

[…]

 225

[…]

Ferners wurde die dem Capitel gehörige Herrschaft in Grammat-Neusiedl im öffentlichen Versteigerungswege am 12. November 1840 von dieser Gemeinde um 60.100 fl. C[onventions]-M[ünze] erkauft und dieser Verkauf von der Regierung am 21. März 1841, Z[ahl] 15.532, genehmigt. Der Hofkanzlei-Erlass vom 5. August 1840, Z. 43.679, gestattete die Verwendung der Firmian’schen Jahresstiftung per 3000 fl., das Decret vom 16. Juni 1842, Z. 35.912, die der Lydl von Schwanan-Stiftung per 28.250 fl. und das Decret vom 25. Mai 1842, Z. 15.365, die Aufnahme eines Capitals von 12.000 fl., wozu laut Hofdecret vom 24. Juli 1848, Z. 38.466, noch die Aufnahme eines Capitals von 9000 fl. zur Vollendung des Baues hinzukam. Die Bauschulden betrugen im Ganzen 474.655 fl. oder nach Abzug der dem Capitel gehörigen und beigebrachten Capitalien 319.250 fl., welche bis zum Jahre 1894 zu tilgen sind. Im Ganzen hatte das Capitel zum Baue der Häuser ein Darlehen von 288.250 fl. C.-M. zur Rückzahlung aufgenommen. Von der k[aiserlich] k[öniglichen] Hofkanzlei wurde nach dem Inhalte des k.k. niederösterreichischen Regierungsdecretes vom 17. October 1845, Z. 63.214, dem Metropolitancapitel die Bewilligung zum versteigerungsweisen Verkaufe seiner in. Erbpacht gegebenen Grundstücke ertheilt, welche auch bei den Licitationen vom 18. December 1645, vom 26. November 1846, vom 18. Februar und 11. März 1847 veräussert worden sind. Während des Baues dieser Häuser wohnten die Domherrn im Trienterhof. Am 7. Juli 1845 wurde die Capelle im Zwettlhofe vom Weihbischofe [Matthias] Pollitzer feierlich benedicirt und durch diese kirchliche Weihe der Bau dieses Hauses würdig abgeschlossen. […]

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[…]

Grammat-Neusiedl.

Wie aus dem vom Herzog Albrecht im Jahre 1398 bestätigten Kaufbrief erhellt, haben die »Chorherren der Thumbkirchen Allerheiligen datz sand Steffan zu Wien« von den Brüdern Rudolf und Ludwig von Tyrna gekauft die von dem Herzoge ihnen als Lehen geschenkten Gült, Güter vnd Zehent, vn zwar 7 Pfund 6 Schilling vnd 3 Halbling W[iener] Pf[ennig] Gelts auf bestiften vnd behausten Gut, 3 Schill[ing] W. Pf. Gelts auf vrbar Äckern, 57 Hünnergelts, 57 Käsgelts, der jeglich 2 Pf. werth ist, 11 Schilling Eiergelt, einen Getreidezehent auf vrbar Äcker, 80 W. Pf. gelts auf vrbar Krautgarten, den Krautzehent, 86 Tagewerk Wissmat vnd eine halbe Vischwaid alles au Grammetneusiedl mit der Verpflichtung, dass dieses alles ewiglich bei dem Capitel vnd S[ank]t Stephan verbleiben solle, wie die andern Güter.

Im Jahre 1520 verkaufte die Liebfrauen-Bruderschaft in der Domkirche zu St. Stephan dem Domcapitel »jegelich stuckh, gult, güeter zu Grammatneusiedl auf behausten Güettern vnd Irer zugehörung vnd zu Wienerherberg auf überlendt darzue alle Völl vnd wandl daselbs vnd ihren thail Vischwaidt auch das Weingetraidt vnd Khraut Zehent, was ir von alters her khomben ist, grossen vnd kleinen zu Dorff vnd zu Veldt, auch zween Hoff, das jedes ain ganzes Lehen ist vm 810 Pfund Pfen[nig] gueten Landtswehrung in Österreich«.

Im Jahre 1616 verkaufte Raimund Ehamb dem Capitel seinen Hof zu Grammatneusiedl sammt der an der Vischa liegenden Mühle mit allen Zugehör nämlich 108 Joch Äcker, 54 Tagwerck Wiesen, einen Krautgarten, zu dem ganzen Hof 2 Halblehen und dem Viertel Haus gehörig, auch die zwei bei der Mühle liegenden Joch Äcker und Wiesen sammt dem Viehstande, Haber, Heu und Stroh um 5050 fl. rh[einische] guter öst[erreichischer] Währung und 100 Ducaten in Gold zum Leytkauf als freies Eigenthum.

Im Jahre 1621 hatte das Capitel mit Consens des Kaisers Ferdinand II. das ganze Gut Grammat-Neusiedl sammt Hof, Mühle, 32 Unterthanen und 8 Unterthanen zu Malmerstorf [d.i. Möllersdorf; Anm. R.M.] sammt allen pertinentien und Zehent an den Kammerrath Jeronimo Bonacina um 10.000 fl. und 500 fl. Laikhauff verkauft. Dieser Verkauf sollte jedoch für das Capitel verhängnissvoll werden und verursachte einen langen Process. Es legte nämlich der damalige Wiener Bischof und Generalvicar [Melchior] Klesel dagegen Protest ein, weil derselbe ohne sein Vorwissen abgeschlossen wurde, und drohte dem Capitel mit der Excommunication, welche mit der Alienirung geistlicher Güter an Laien verbunden sei.

Das Capitel wandte sich nun an die niederösterreichische Regierung, damit dieser Kauf annullirt werde, und führt folgende Motive an: Katharina, des Kaisers Carl Gemahlin, hat in ihrem Fundationsbrief, d[e]d[at]o Wien den negsten Erchtag nach St. Margarethen Tag 1359, verordnet: »wass oder welcherley leuth güetter

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vndt Guldt Kleinoth oder gezierth sie beede gemeniglich (nämlich Katharina und ihr Bruder Herzog Rudolf) oder jedweders sonderlich oder Ihre Erben vnd nachkhomben oder jemandts anders mehr dem Ehegenanten Gotteshaus damals geben hat, noch geben würde an Heussern, Weingarten, Äckern, Wissmaten, Höltzern, Wälden, froningen Pemer, gerichten, Viechwaidt, Vischwaidt oder anderer güettern, rechtungen vnd Zuegehorungen vnd auch an Hailtumb, an Perlen, an Edlgestain, an gold an Silber oder an andern Dingen, wie die genandt seindt, das die alle vnd ihr jegliches bey dem ehegenandten Gottes Hauss ewiglich sein vnd verbleiben sollen vnd das sie von dem Gotteshauss von ihnen ihren Erben vnd nachkhomben nach N[ota] B[ene] von der Pfafheit daselbst noch von jemandt anderst, wie die genandt worden, in welchem Wesen und Würdighkeit der währe zue kheinen Zeiten vmb Kheiner schlechten sachen nicht hingeben, verkhauffen, versetzt verkhumbert oder entfrembt werden solle. Sie verbieden auch bey strengheit des jungsten erzitterenden Gerichts vnd bei Pein der ewigen Verdamnus, das disse ordnung niemandt breche oder überfahre in kheinem weeg,« wovon das Capitel keine Kenntniss gehabt habe. Auch hat Herzog Albrecht, als das Capitel dieses Gut von Thierna gekauft, in dem Bestätigungsbriefe 1398 beigefügt: dass diese Güter ewiglich bei dem Capitel verbleiben sollen. Als es sich um diesen Verkauf handelte, habe der Nuntius [Decio] Carapha die Domherrn in seiner Wohnung befragt, die ihre Zustimmung unter der Bedingung gaben, dass das Capitel aus diesem Verkaufe einen Nutzen ziehe, während die drei abwesenden Capitularen dagegen protestirten de nullitate. Ferners habe das Capitel aus diesem Verkaufe nicht nur keinen Nutzen, sondern einen Schaden erlitten, wie aus dem untenstehenden Urtheil erhellt Auch sei kein päpstlicher Consens beigebracht worden; im Gegentheile habe Bischof Klesl am 12. Mai 1622 an den Klosterrath sich gewendet mit der Bitte, diese Sache an den Ordinarius zu leiten, ja sogar am 10. Juli 1621 und 4. Juni 1622 unter Androhung der Excommunication das Capitel davon abgerathen. Da mithin die nöthigen solemnitates zu diesem Kauf ausser Acht gelassen wurden, bitte das Capitel, die Regierung wolle den Herrn Bonacina veranlassen, dieses Gut sammt allen pertinentien dem Capitel wieder zurückzuerstatten. Daraus entspann sich ein langer Process, umsomehr, als nach dem Tode des Bonacina die Güter an Hartmann Fürsten von Liechtenstein übergegangen waren, der erst im Jahre 1662 beendet wurde. Wir lassen das richterliche Urtheil hier folgen.

»In der schrifftlichen Verfahrung zwischen N. Dechanten vnd ThumbCapitl bey St. Stephan alhier Klager an ainem, dan weylandt H[er]r Hieronymum Bonacina gewesten kais[erlich] Hofcammerrath oder einzigen Inhaber des guets Gramat-Neusidl Herr Hartmans Fürsten von Liechtenstein beclageten andern thails Belangent durch etliche Capitulares besagten ThumbCapitls dennen gemainen geschriebenen rechten und Herzogs Rudolphen zue Österreich vnd Kayser Carls Gemahlin Catharina christseligen angedenkhens anno 1359 aussgegangenen Stifftbrief zuwider über einen von weyl[and] Kaiser Ferdinand II. sub et obrepticie mit Verschweigung der in dem Stifftbrief begriffenen schweren inhibition vnd cjurationen erlangten Consens gedachtes guett Gramat-Neusidl so das Capitl als ein landesfürstl[iches] Lehen von den von Türna erkaufft, vnd vermög bestädtsbriefs de anno 1398 von Alberto Herzogen zue Österreich ermelten ThumbCapitl auf ewig zugeaignet worden, dem Herrn Beclagten vm 10.000 fl. rh. würklich überlassen vnd abgetretten. Wan aber bey disen Verkauff sonsten noch allerhandt Vnordnung vorgelofen als 1. das thails

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Capitularen vnd zwar Senior pars in den Verkauf nit eingewilliget, ja gar vmb ihren Consens nit ersucht worden, thails allein mit dieser Condition, wan das Capitl von solchen Verkauf eine Verbesserung zuegewarten hatte, der damals geweste Custos Tobias Schwab sel[ig] aber in Gegenwarth des anwesenden Nuncii apostolici Carapha offentlich darwider protestirt habe, 2. indem das ThumbCapitl daraus nicht allein kheinen nuzen, sondern grossen schaden empfangen, dan an besagten Kaufschilling 7400 fl. in Landthauss überschaft worden, darunter 300 langes gelt gewesen, an welchen das Capitl hernach 930 fl. abbruch leiden müssen, zudeme auch die übrige 3000 fl. nur langes gelt gewesen, so könne Man noch heuntigen Tags nit wissen, wohin gleichwohl solches langes gelt khommen vnd ob es dem Capitl zum besten angewendet worden.

Das auch vors 3. das ThumbCapitl keine einige erhebliche vrsach oder noth getrieben, warumb es dieses Guett, so das vornembste Stuckh bei dem Capitl gewesen, hette verkaufen sollen.

4. Weiten über diesen Verkauf kein päpstlicher Consens, da doch gedachtes Capitl Sedi apostolicae immediate unterworfen, erhalten noch ausgefertigt worden. Zumahlen auch schliesslich von dieser alienation sich bey dem Bisthumb Wien nichts befindet, vnd selbige in praejudiciurn jurisdictionis Ordinario beschehen, wie dan der verstorbene Herr Cardinal Klesel als gewester Bischof zu Wienn vnd Vicarius generalis noch den 10. Juli anno 1621 vnd 4. Juni 1622 dem Decano vnd Capitnlo zuegeschrieben vnd Sie bei betrohung der Excommunication abgemahnet weiter in diesen Verkauf ohne vorwissen vnd Consens Herrn Bischofen forthzufahren.

Als batten die Clager den Herrn beclageten, dass er Ihnen das mit vnfueg vorenthaltene guett Gramat-Neusidl curn omnibus pertinentiis et fructibus tam perceptis quam percipiendis neben abtrag der Expensuncosten vnd Schadn abtreten sollte, durch einen gemessenen befehl aufzulegen vnd zue dessen einandtworttung commissarios zueverordnen.

Geben der Röm[ische] Kays[er] auch zu Hungarn vnd Bohaimb kön[iglicher] vnd kays[erlicher] Erzherzogen zu Österreich vnsers allergn[ädigsten] Reg[enten] der N[ieder]-Ö[sterreichische] Landtag über den deshalben ausgeführten vnd der ordnung collationirten Proces

zum Abschiedt

der Herr Beclagte der nunmehr izige Inhaber Hr. Hartmans Fürst v[on] Liechtenstein seye das guett genant Neusidl mit allen dessen Zuegehörung gegen Parverstattung 7400 fl. jedoch mit abzug des von den damaligen gewesten Custode Thobie Schwaben wegen erkauffter 8 Unterthanen zu Möllerstorf Ihme Hr. Bonacina erlegten Kaufschilling abzutreten, sovil aber die übrige 3100 fl. welche gleichfalls nach dem Kaufschilling erleget worden, antrifft, das dieselbige zue des Capitls nuzen angewendet worden, wie sichs zu recht gebührt, zu erweisen schuldig, benebens ist denen Clagern Ihrer gegenweisung vnd alle andern rechtliche nothdurfften dagegen einzuwenden vorbehalten vnd sollen solche Weiss vnd gegenweisung in gerechesbrauchigen Termin der 6 Wochen vnd 3 Tag volführt werden. Actum Wien den 29. April 1662. Graf v. Stahrenberg [d.i. Konrad Balthasar Graf von Starhemberg; Anm. R.M.] Vice-Statthalter.«

Nach eingeleitetem Revisionsverfahren bestätigte Kaiser Leopold obigen Bescheidt mit Urkunde vom 15. Mai 1668, welche mit folgenden Worten schliesst: »Da vnd zum fahl aber Ihr (Hartmann Fürst von Liechtenstein) solches nicht thät (nämlich das Gut zurückerstattet) sollet Ihr alsobalden durch den Profosen

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in Band vnd Eisen alhero gebracht vnd in den Stattgraben zur arbeit angehalten werden, wornach Ihr Euch also zu richten vnd selbsten vor Schaden zu hüetten wissen werdet. Es beschieht auch hieran Vnser guedigster Willen vnd Mainung.« Die Uebergabe des Gutes Grammat-Neusiedl von Seite des Fürsten Liechtenstein an das Capitel fand am 27. Juni 1668 statt.

Bei der Wiedererlangung des Gutes Grammat-Neusiedl hatte das Capitel eine Summe von 3600 fl. von Nöthen; da dasselbe jedoch das Geld nicht besass, so streckte der Domherr P. Zhernitsch diese Summe aus seinem Eigenen vor, mit Versicherung jedoch auf das Gut.

Am 1. Juni des Jahres 1699 kam zwischen dem Bürgermeister und Rathe der Stadt Wien einerseits und dem Domcapitel anderseits ein Permutations-Contract*) zu Stande, vermöge welchem

»das ThumbCapitl dem Bürgerspital**) die in PergAmbt auf der Landstrassen liegende 142 Viertl vnd 1 Achtel Grundstuckhs sambt der Grundtherrlichkeit von allen Genuss Recht vnd Gerechtigkheiten, Grundtdiensten wie auch allen noch darauf hafftenden Ausständten völlig frey aigenthumblichen yberlassen vnd ybergeben wolle, gegen deme, dass hiefür das genante Bürgerspital uorermelten Thumb-Capitl Traydt-Zehent zu Gramet-Neusidl (wie sie solchen vorhin vor demselben in Bestandt gehabt) ebenfalls frey aigenthumblich ybergeben, Ingleichen auch die sechs dem Bürgerspital angehörige Vnterthanen in Schöff bei St. Theobaldt vnd gern bei Gumppendorff mit allen Ausständten Recht vnd Gerechtigkheiten, wie auch den Täz so dasselbe darauf gehabt vnd genossen, cediren vnd hinmublassen solle vnd hatten Sie von Wien als Patroni besagten Bürgerspitals solch vorhabenden TauschContract Reiff vnd vmbständiglich überleget vnd befunden, dass selbiger beeder thaill Contrahenten fürträglich vnd anstendig seye vnd zwar auss volgenden Vrsachen. Weillen nebblichen derzeit hindurch öfters vnterschidliche Jurisdiction cnd andere stritt dieser Grundstuckh halber zwischen beeden Contrahirenden Theillen entstanden, vnd auch noch meihrers künfftig sich eraignen dürffen, weillen mehrberührte Grundstuckh ganz schmall vnd nicht yber 2 bis 8 Claffter braith, dahingegen gegen 100 vnd mehr Claffter lang auch mit gemainer Statt vnd Spital Grundbuch villfeltig vermischt vnd noch mehrere Con-

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*) Im Archive der Stadt Wien.

**) Das Bürgerspital wurde im Jahre 1320 von Herzog Leopold vor dem Kärnthnerthor gestiftet und zum hl. Geist benannt. Nachdem dieses Spital von den Türken bei der Belagerung Wiens in Asche gelegt worden war, erwählte der damalige Bürgermeister Wolfgang Threu das Jungfrauenkloster St. Clara, dessen Insassen sich nach Villach geflüchtet hatten, im Jahre 1530 zum Hospitale für Arme, was Friedrich III. im Jahre 1539 bestätigte. Der Bau dieses Clarissenklosters ward vom Herzog Rudolf III. angefangen, durch Königin Anna, eine Tochter Kaisers Friedrich des Schönen, 1334 befördert und durch Katharina, eine Tochter Albert II., im Jahre 1365 vollendet worden. Zu diesem Bürgerspital stiftete der kaiserliche Hofkammerrath Johann Conrad Freiherr v. Richthausen und Edler v. Chaos im Jahre 1663 ein Capital von 200.000 fl. zum Unterhalte von 60 Knaben, 6 Wittiben und Dienstboten, wozu später noch andere Stiftungen hinzukamen. – Vgl. [Johann Matthias] Testarello [della Massa], Manuscript 1. c. S. 469ff.

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fusion vnd Vnrichtigkheit bei Künfftiger erpauung der heusser zu besorgen, zumahlen zu einen hauss wenigist 3 bis 4 Viertl in der Braitten vonnöthen, womit sodan ein Hauss, so auf 1 oder 2 Weingärtten gepaut wierdt, 3 bis 4 Grundobrigkheiten vnterworfen sein auch nicht allein iede von denenselben, sondern auch die andere Obrigkheit (wo nicht darauf gebaut) die Pfundtgelder haben wollen, mithin hierrauss stäts vill MüssVerständtnus vnd strittigkheiten entspringen, welche aber durch solchen Tausch aufgehoben, vermitlet vnd verhindtet würden. Vnd weillen nun auch vorbedeute 142 Viertl vnd ain Achtl Grundstuckh negst bey der Statt im Burgfridt befindlich vnd zum pauen gahr bequernb, warauss mehrmahlen dem Bürgerspital ein grosser nuzen sowohl in Grunddiensten als Pfundtgeldern, beynebens auch gen. Statt wegen der Steuern, wie auch Vermeidung aller Burckfridts Jurisdictionsstritt grössen emolumentum anerwachsset. Dahingegen das Bürgerspital obangeregten dem ThumbCapitl überlassenen Zehent zu Gramet-Neusidl wegen entfehrenheit des Orths nicht genüessen khom, auch auf die Einbring vnd Heraufführung desselben durch aigene oder bestellende Zug (dan selbes aldorthen kheine aigene Vnterthanen hat), fast sovill Vnkhosten als dessen werth ausstraget aufgehen. Derentwegen dan auch das Spital solchen Zehent vill Jahr dem ThumbCapitl in Bestandt verlassen, dises aber selbigen e contra weillen Sie alda zu Gramet-Neusidl die Jurisdiction vnd Vnterthanen haben, weith besser als das Spital nuzen khönne, zu welchen aber allen die Landesfürstliche Ratification höchstens von nöthen währe.«

Die Räthe und Commissarien der Regierung, denen dieser Contract zur Genehmigung vorgelegt wurde, haben am 7. December 1699 jedoch befunden,

»das wegen des Zehents zu Gramet-Neusidl dem Bürgerspital wegen seiner gueten Ertragnus wenigstens noch 600 fl. beygetragen werden müsse. Alss ist endlich zu erhaltung gueter ainigkeit vnd Nachbahrschafft es dahin verglichen worden, dass ein StattMagistrat dem Bürgerspital die 600 fl. zuetragen, hingegen dass hochw[ürdige] ThumbCapitl Einem StattMagistrat den Tempel, so ohne dem Mitten im Burkhfridt befindlich vnd dem Herrn Eliseo zuegehörig sambt dem Garten, wie auch denen darzue gehörigen 5½ Viertl Weingärtten mit der Grundtherrligkeit vnd allen genuss, Recht vnd Gerechtigkheiten Tärz vnd Grundtdiensten völlig frey aigenthumblich überlassen, hingegen übergibt auch Ein StattMagistrat dem hochw. ThumbCapitl über den albereith vor dem Schotten Thor in der Alssergasse von den Herrn PP. Augustiner Mauer biss zum alda stehenden Burckhfridts Stein überlassenen Grundt nach den negsten daran stossenden Plaz biss an den Alsserbach (so sehen albereith zu zwey Hauss vnd Garten eingeblankht vnd 12 Claffter an obern Orth in der Braite, vnd am vntern Orth 8 Claffter in sich hat), mit aller Grundtherrligkeit genuss vnd Grundtdienst Recht vnd Gerechtigkheiten wie es ein löbl[icher] StattRath genossen oder geniessen khönnen vnd solle sodan der Statt Burckhfridts Stein beym Endt dises Hauss gesezt werden, im übrigen aber obbedeute des 1. Juny instehenden Jahrs sowohl mit Einem löbl. StattMagistrat als auch denen Herrn Superintendenten des Buergerspitais vnd zwischen dem hochw. ThumbCapitl aufgerichte Contract in allen puncten vnd Clausuln sein völliges verbleiben haben altes getreulich vnd ohne Gefährdte.«

Kaiser Leopold ratificirte am 19. December 1699 diesen von der Regierung abgeänderten Contract. Der Getreidezehent des Bürgerspitals in Grammat-Neusiedl erstreckte sieh auf 452¼ Joch Aecker, welche demselben allein und absolut

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zehntbar war. Der Zehent wurde jährlich auf 343 fl. 52½ kr. Reinertrag geschätzt, welches einem 5%igen Capital von 6875 fl. gleichkam.

Die Rein-Einkünfte des ganzen Gutes Grammat-Neusiedl, welche das Capitel bezog, betrugen im Jahre 1795 2519 fl. 27 kr., im Jahre 1801 2669 fl. 3 kr. Das Domcapitel war auch Patron der Kirche in Grammat-Neusiedl, die schon vor dem Jahre 1400 bestand. Damit jedoch auch in dieser Kirche Gottesdienst gehalten worden könne, kauften im Jahre 1403 die Gemeinden zu Moosbrunn und Grammat-Neusiedl den Hof zu Moosbrunn und die dazu gehörigen Zehenten für 482 fl., wovon die Gemeinde zu Grammat-Neusiedl 350 fl., jene von Moosbrunn 132 fl. bezahlten. Im Jahre 1405 übergab diese Gemeinde dem Pfarrer zu Moosbrunn diese Zehenten gegen dem, dass derselbe gehalten sein sollte, durch einen besonderen Priester alle Wochen vier Messen in Grammat-Neusiedl lesen zu lassen und alle Pfarrrechte in dieser Filialkirche auszuüben. Da im Jahre 1683 durch die Türken Grammat-Neusiedl ganz verödet wurde, kam diese Verpflichtung ganz in Vergessenheit, bis im Jahre 1740 die Sache neuerdings in Anregung gebracht und nach einem langen Processe endlich im Jahre 1758 ein Vergleich zu Stande kein, vermöge welchem der durch den Pfarrer in Moosbrunn abzuhaltenden Gottesdienst in der Filialkirche geregelt wurde. Im Jahre 1840 verkaufte das Capitel die ganze Herrschaft von Grammat-Neusiedl an die Gemeinde um 60.100 fl. C.-M.*) Bei diesem Verkaufe wurden alle darauf Bezug habenden Acten, Satz- und Gewährbücher der Gemeinde übergeben.

Die Besitzungen und Oekonomie des Capitels wurden anfangs von dem Decan, welchen man auch den Grundschaffer nannte, und drei Laien verwaltet, welche theils die Bestellung der Weingarten, theils die Urbarien besorgten. Da jedoch durch die Unkenntniss und Sorglosigkeit derselben die Besitzungen einen nur geringen Ertrag abwarfen, beschloss das Capitel, die Verwaltung der Güter einem Verwalter zu übertragen. Als erster Hofmeister wurde Johann Christoph Kautsamber am 22. April 1662 bestellt, der während seiner 38jährigen Amtsführung die Einnahmen des Capitels hob. Ihm folgte im Jahre 1699 sein Sohn Franz Kautsamber, und im Jahre 1714 Johann Ferdinand Laimbeckover, unter deren Leitung die Einkünfte des Capitels sehr geschmälert wurden. Der vierte Hofmeister, Anton Thaddaeus v. Sumerau (1723), waltete mit grosser Umsicht seines Amtes und wurde 1728 zum k.k. Regierungsrath in Innsbruck ernannt. Die folgenden Hofmeister Anton Kappar, Leopold Care und Ferdinand Soys [recte Roys; Anm. R.M.] (1739) waren mehr auf ihren eigenen Vortheil als für den Nutzen des Capitels bedacht, so dass dasselbe sich veranlasst fand, eine strengere Controle einzuführen.

Entsprechend einem dem Capitel schon im Jahre 1366 verliehenen Privilegium wurde mit Hofresolution vom 12. Mai 1692

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*) Seite 225.

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die Jurisdiction über die Wirthschaftsbeamten dem Capitel eingeräumt. Durch das Decret der österreichisch-böhmischen Hofkanzlei vom 11. Jänner 1772 wird »die Jurisdiction über die Verwalter und die übrigen Wirthschaftsbeamten den Herrschaften in Petitorio zugetheilt und dem niederösterreichischen Landrecht aller Einfluss untersagt«. Maria Theresia hat laut Regierungsdecretes vom 4. April 1775 resolvirt, »dass das Wiener Domcapitel in seiner hergebrachten und andern Dominien gleich geniessenden Befugnuss des Juris I. Instantiae über seine Beamten, ohne diessfalls einer Confirmation benöthigt zu sein, fortan in allen Fällen unbeirrt belassen werden solle«. Und laut Circulandum des k.k. Kreisamtes V[iertel] U[nter dem] W[iener] W[ald] vom 24. Juni 1776 hat die Kaiserin die Jurisdiction über die Verwalter und übrigen Wirthschaftsbeamten auf dem Lande den Herrschaften allgemein zuzutheilen und den niederösterreichischen Landrechten jeden Einfluss zu untersagen geruht; ferner als Normale festgesetzt, dass den Herrschaften aus der ihnen zustehenden Abhandlungs-Jurisdiction ihrer Verwalter und Wirthschaftsbeamten kein Abfahrtgeld, noch das sonsten von den Verlassenschaften der Unterthanen beziehende Todtenpfundgeld, sondern nur die Abnahme des Mortuarii mit einem Kreuzer vom Gulden zu gestatten sei.

Aus einer Eingabe des Capitel-Hofmeisters Joh[ann] Kautsamber an das Capitel vom 20. Mai 1696 erhellt, dass vor seinem Antritte die Canonicatseinkünfte kaum auf 300 fl. sich beliefen, die Weingärten öde und im Keller wenig Wein war. Durch seinen Fleiss seien die Einkünfte bald auf 500–600 fl. gestiegen und nach dem Türkenkriege (1683) die Weingärten und Wirthschaft so bestellt worden, dass die Einkünfte bald auf 700 fl. stiegen; dazu kamen ein schöner Schatz in Wein und viele neugestiftete Unterthanen. Dem Capitel-Hofmeister wurde eine eigene Instruction gegeben, vermöge welcher ihm die Sorge über die Capitelgebäude, die Wirthschaft, die Grundbuchs-Verhandlungen und Kanzleiverrichtungen übertragen wurde; jedes Jahr hatte er Rechnung zu legen und die Inwohner zur österlichen Zeit christkatholischem Gebrauche nach zur Beicht und Communion anzuhalten und die Beichtzettel abzufordern. Kautsamber bezog im Jahre 1699 jährlich 230 fl. Gehalt, freie Wohnung und die Grundbuchstaxe, wovon er einen Weingartenknecht unterhalten sollte. Im Jahre 1739 wurde der Gehalt des Hofmeisters auf 400 fl. und im Jahre 1742 auf 460 fl. jährlich erhöht. Im Jahre 1779 ward auch ein Advocat als Syndicus be-

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stellt, der das Capitel bei Gericht zu vertreten hatte und dafür 150 fl., eine Kanzleidiscretion von 8 fl. und 10 Eimer Weinmost jährlich bezog.

Als in Folge der zunehmenden Kanzleigeschäfte das Kanzleipersonale nicht mehr ausreichte, beschloss das Capitel in der Sitzung vom 29. December 1794 eine neue Einrichtung und Vermehrung des Personales. Es wurden demnach angestellt: ein Hofmeister mit jährlichem Gehalt von 915 fl. gegen Beischaffung der Kanzleirequisiten und Heizung der Kanzlei und Rathsstube; ein Schreiber, zugleich Taxator, mit 400 fl.; ein Kanzelist mit 350 fl.; ein Gegenhandler mit 350 fl.; ein Gerichtsdiener mit 50 fl. jährlich nebst den Zustellungstaxen und Botengebühren. Dem Syndicus wurde als Aequivalent der nunmehr für das Capitel einzuziehenden Taxen jährlich 60 fl. nebst einer Remuneration zugesichert. Später erhielten dieselben noch Zulagen. Im Jahre 1822 wurden die Bezüge neu geregelt. Der Hofmeister erhielt 800, der Gegenhandler 400, der Taxator 350, der Protokollist 300, der Kanzelist 250, der Gerichtsdiener 150 fl. C.-M. jährlich Gehalt.

Im XVIII. Jahrhundert waren beim Domcapitel folgende Grundtaxen üblich: Von allen ausser des Burgfriedens gelegenen Häusern und Grundstücken, in welch einem Veränderungsfalle von jedem Gulden des Werthes Pfd. Geld 3 kr., von einer Hausgewähr 1 fl. 30 kr., von einer Ueberländgewähr 1 fl., Schreibgeld von jeder 15 kr., Ab- und Anschreibgeld von jeder Person 6 kr.; im Falle der Veränderung durch Kaufbrief, Ratificirungstaxe (davon ein Drittel dem Dechant, zwei Drittel dem Hofmeister gehörig) 6 fl. Von den im Burgfried gelegenen Häusern darf in casu der Veränderung durch Erbschaft kein Pfd. Geld und in den übrigen Fällen nicht mehr genommen werden, als von jedem Gulden des Werthes 1 kr., die Gewährstax und Schreibgeld wie oben; Dienst, Wandl von jeder Gewähr annuatim 22 kr. 2 Pfg. In Abhandlungsfällen wird die Inventurstaxe genommen, von jedem Gulden des Werthes oder Vermögens 1 kr., dann über Abzug der richtigen Schulden Sterb Pfd. Geld von jedem Gulden des verbleibenden Vermögens 3 kr., Abfahrtgeld von einer Jurisdiction in die andere im Land von jedem Gulden des hinausgesannten Quanti 3 kr., ausser Lands von jedem Gulden Abhandlungstaxe bei mittleren Verlassenschaften 4, bei vermöglichen 6 fl. Testaments-Publicirungstaxe 6, 9 bis 12 fl. a proportione der Verlassenschaft, wovon zwei Drittel dem Dechant

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und der Rest dem Hofmeister gehört. Bei gerichtlichen Schätzungen in executivis nebst 3 fl. Commissionsgebühr vom Gulden 1 kr.; Satzpfundgeld ausser des Burgfriedens vom Gulden 2 Pfg., im Burgfrieden 1 kr., Schreibgeld 15 kr. Für den Cassierschein eines Satzes 1 fl. 30 kr. (dem Hofmeister gehörig), für ein Grundbuchs-Attestat 30 kr., von baar depositirten Geldern Zahlgeld vom Gulden 1 kr., von depositis in Obligationen 2 Pfg. Von einem Geburtsbriefe (dem Dechant gehörig) 3 fl.

Für die herrschaftliche Amtsverwaltung des Capitels wurde im Jahre 1836 eine neue Instruction vorgeschrieben und das Dienstpersonale neu geregelt; dasselbe bestand demnach aus folgenden Kategorien:

1. Der Hofrichter und Syndicus bezog 1200 fl. jährlichen Gehalt, eine Naturalwohnung, Diäten und Nebenbezüge.

2. Der Adjunct 600 fl. jährlichen Gehalt mit einer Zulage von 200 fl. und Diäten.

3. Taxator und Expeditor 350 fl. Gehalt, Zulage 150 fl. Diäten und Steuerpercentantheile.

4. Protocollist 350 Gehalt, 150 fl. Zulage und Steuerpercentantheile.

5. Kanzelist 200 fl. Gehalt, 100 fl. Zulage und Steuerpercentantheile.

6. Revident 200 fl. Gehalt, 200 fl. Zulage und Steuerpercentantheile.

7. Gerichtsdiener 150 fl. Gehalt und Taxen für die Zustellungen.

8. Kanzleidiener 20 fl. monatlich Gehalt mit einer monatlichen Zulage von 4 fl.

9. Richter zu Mariahilf als Marktaufseher 50 fl. jährlich Gehalt und 5 % des Marktstandgeldes.

10. Marktrichter zu Mariahilf 15 % vom Ertrage des Marktstandgeldes für die Aufsicht über den Markt.

11. Standgeldeinnehmer zu Mariahilf 18 % vom Standgeld für die Einhebung der Standgelder.

12. Jäger und Schlosswärter zu Grammat-Neusiedl 40 fl. jährlich sammt Wohnung, Garten und 4 Klafter Holz.

13. Richter zu Höflein 8 fl. jährlich wegen Zehentbeschreibung und Einbringung des Zehents.

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14. Jäger der Herrschaft Petronell 30 fl. jährlich nebst Getreide- und Holzdeputat für die Waldaufsicht in Höflein.

15. Bergmeister in Bisamberg 4 fl. jährlich, Wein und Holzdeputat für die Beschreibung und Einbringung des Zehents.

16. Jäger der Herrschaft Bisamberg 8 fl. jährlich, Holzdeputat für die Waldaufsicht in Bisamberg.

Die Amtsverwaltung stand unter der Oberleitung des Capitels, beziehungsweise unmittelbar des Domdechants oder seines Stellvertreters. Sämmtliche Individuen müssen eine religiöse Gesinnung und einen erbaulichen Lebenswandel an den Tag legen. Die Aufnahme der Beamten wird auf Vorschlag des Hofrichters von dem Capitel vorgenommen. Der Hofrichter hatte eine Caution von 4000 fl. und der Adjunct von 2000 fl. in Obligationen zu erlegen. Die Amtsstunden waren von 8 Uhr Früh bis 2 Uhr Mittags festgesetzt. Der Hofrichter führte die Leitung über die gesammte Amtsverwaltung und das Personale, über die der Herrschaft vom Staate übertragene politische und Richteramtspflege nach Vorschrift der Gesetze. Zu seinem Wirkungskreise gehörten die civilrichterlichen Angelegenheiten, die commissionellen Verhandlungen mit den Behörden, die Vorschreibung aller herrschaftlichen Amtsverrechnungs-Rubriken, der Abschluss von Mieth-, Pacht- und Relutions-Verträgen, die Liquidirung der herrschaftlichen Renten und Gefälle, die Revision der Gebühren, Ansätze von Taxen, Veränderungs-, Todten- und Pfund-Geldern etc[etera] vor der Expedition der Aufrechnung, die Ueberwachung aller Grundbuchsacten und die Führung der Depositen- und Waisenamts-Journale.

Dem Adjuncten, welcher den Hofrichter in Verhinderungsfällen zu vertreten hatte, oblagen die Bearbeitung der politischen Angelegenheiten, die Besorgung der Gewerbsverleihungen, Verlassenschaftsabhandlungen, Polizeiverhandlungen und der Agenden des Steueramtes, die Ueberwachung des Mariahilfer Marktes in polizeilicher und sanitärer Rücksicht. Der Expeditor oder Taxator hatte die Expeditionen für die Behörden und Parteien vorzubereiten, die entfallenden Taxen und Gebühren vorzuschreiben, ihre Einzahlung zu überwachen, die Sperren bei Todesfällen anzulegen, die Schätzung vorzunehmen und die Judicialregistratur zu besorgen. Dem Protokollisten oblagen die Führung des Einreichungsprotokolles, die Eintragung in das Grund-, Satz- und Gewährbuch, die gesammten Conscriptionsgeschäfte, die Passangelegenheiten, die Legalisirung der

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Urkunden, die Besorgung der politischen und ökonomischen Registratur. Der Kanzelist oder Amtsschreiber hatte die Mundirungen vorzunehmen, bei den Amtshandlungen die Termine vorzumerken und die Angariebögen zu verfassen. Dem Revidenten und Hausinspector waren zugewiesen die Ueberwachung der Termine zu Einzahlungen, die Mitsperre der Depositen- und Waisencasse, die monatliche Vornahme der Cassenabschlüsse und Visitationen, die Behebung der Interessen für das Rent-, Waisen-, Depositenamt, Schatzkammer und Stiftungen, die Vidimirung der Urkunden, die Inspection der Häuser und Baulichkeiten des Capitels. Im Jahre 1852 wurde die Kanzlei aufgelöst.

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