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Friedrich Adler

das ist Friedrich Wolfgang Adler; genannt: Fritz Adler; Pseudonym: Fritz Valentin; Decknamen: Herzl; Fritz Tischler

geb. Wien, am 9. Juli 1879

gest. Zürich, am 2. Januar 1960

Mathematiker, Physiker und sozialdemokratischer Politiker

Friedrich Adler war das erste von drei Kindern des Arztes und Führers der österreichischen Sozialdemokratie Victor Adler (18521918) und dessen Ehefrau Emma Adler, geborene Braun (1859–1935). Er besuchte das Gymnasium in Wien, wo er 1897 die Matura ablegte. Um den kränklichen Jugendlichen von der Politik fernzuhalten, schickte ihn sein Vater zum Studium in die Schweiz.

1897 bis 1905 studierte Friedrich Adler Chemie, Mathematik und Physik an der Universität Zürich, wo er 1903 zum Doktor der Philosophie (Dr. phil.) promoviert wurde. Daneben war er auch politisch aktiv: 1897 wurde er Mitglied des »Verbandes österreichischer Sozialdemokraten in der Schweiz«, seit 1898 arbeitete er am Hauptorgan der schweizerischen Sozialdemokratie, »Volksrecht« (Zürich), mit und 1901 bis 1905 war er Obmann des »Verbandes der Internationalen Arbeitervereine in der Schweiz«.

1903 heiratete Friedrich Adler die Studentin »Kathia« Katarina Jakovlevna Germanišskaja / Катарина Яковлевна Германишская (1879–1969), mit der er drei Kinder hatte: Johanna Alice Adler, verheiratete Waeger (1903–?); Emma Frida Adler (1905–?); Felix Adler (19051981), Hochschullehrer am Carnegie Institut Pittsburgh.

1905 bis 1907 arbeitete Friedrich Adler als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Museums in München (Bayern).

1907 nach Zürich zurückgekehrt, wurde Friedrich Adler an der Universität Zürich für Physik habilitiert und lehrte dort 1907 bis 1911 als Privatdozent. 1909 bewarb er sich für die Stelle eines außerordentlichen Professors für theoretische Physik an der Universität Zürich, doch erhielt diesen Posten dann sein Freund Albert Einstein (1879–1955). Adlers politisches Engagement wurde immer zentraler und 1910 bis 1911 war er Chefredakteur der sozialdemokratischen Tageszeitung »Volksrecht« (Zürich).

1911 kehrte Friedrich Adler nach Wien zurück und wurde 4. Parteisekretär der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs« (SDAP), einen Posten, den er bis 1914 bekleidete. Außerdem war er 1911 bis 1914 Chefredakteur der neu gegründeten, unmittelbar nach Kriegsausbruch verbotenen Zeitung »Das Volk« (Wien) und seit 1913 Mitherausgeber der Zeitschrift »Der Kampf« (Wien). In diesen Jahren verband Adler eine enge Freundschaft mit Lev Davidovič Trockij / Лев Давидович Троцкий (d.i. L. D. Bronštejn / Л. Д. Бронштейн; 1879–1940), der nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus Wien flüchtete. Friedrich Adler legte im August 1914 alle Parteifunktionen als Protest gegen die Haltung des Parteivorstandes in der Kriegsfrage zurück. Zum Kriegsdienst eingezogen, wurde er aber bald krankheitshalber entlassen. Als Führer des linken Flügels der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs« trat er in heftige Opposition zu seinem Vater. Er war Mitautor des Manifests »Die Internationalen Österreichs an die Internationalen aller Länder« vom Herbst 1915 und Anfang 1916 gründete und leitete er den »Verein Karl Marx«, in welchem er die Parteilinke zusammenzufassen suchte. Am 21. Oktober 1916 erschoss Friedrich Adler aus Protest gegen die Kriegspolitik und den Ausnahmezustand den österreichischen Ministerpräsidenten Karl Grafen von Stürgkh (1859–1916), wurde dafür am 19. Mai 1917 vom Ausnahmegericht zum Tode verurteilt, am 2. November 1917 von Kaiser Karl I. von Habsburg-Lothringen (1887–1922) zu 18 Jahren schweren Kerkers begnadigt. In der Haft vollendete Adler sein erkenntnistheoretisches Hauptwerk »Ernst Machs Überwindung des mechanischen Materialismus«. Am 1. November 1918, nach dem Zusammenbruch der Monarchie, wurde er begnadigt und entlassen.

1918 wurde Friedrich Adler wieder Parteisekretär der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« (SDAP), und zwar bis 1925, und Redakteur der Zeitschrift »Der Kampf«. Das Angebot, die Führung der neu gegründeten »Kommunistischen Partei Österreichs« (KPÖ) zu übernehmen, lehnte er ab. Im Februar 1919 wurde Adler Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung. Auf der ersten Reichsversammlung der aus den Januarstreiks von 1918 entstandenen Arbeiterräte in Wien im März 1919 wurde er zum Vorsitzenden des Reichsarbeiterrats gewählt, wandte sich aber  gemeinsam mit Otto Bauer (1881–1938 gegen eine isolierte Einführung der Räteherrschaft in Österreich. Im Februar 1919 wurde Adler als Delegierter der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« zur internationalen sozialistischen Konferenz nach Bern entsandt, wo er sich gegen einen Beitritt zur wiederbegründeten »Zweiten Internationale« sowie zur neu begründeten »Dritten Internationale (Komintern)« aussprach. Er wird Mitbegründer und Sekretär der auf diesem Kongress gegründeten »Internationalen Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Parteien« (so genannte Internationale 2½).

Im Mai 1923 wurde Friedrich Adler Mitbegründer der »Sozialistischen Arbeiter-Internationale«, welche nach den gescheiterten Bemühungen, alle Internationalen zu vereinigen, aus der »Zweiten Internationale« und der »Internationalen Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Parteien« gegründet wurde. Er war deren Sekretär bis 1939, zunächst bis 1927 in London, dann bis 1935 in Zürich, schließlich bis 1939 in Brüssel (Bruxelles).

Nach dem »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 nahm Friedrich Adler an der Tagung der österreichischen Sozialisten in Brüssel (Bruxelles) teil, auf der sich die führenden Vertreter der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs« und der »Revolutionären Sozialisten Österreichs« (RSÖ) im Exil auf eine gesamtdeutsche Revolution einigten und damit die Wiederherstellung der Selbstständigkeit Österreichs verwarfen. Im Juli 1938 war Adler maßgeblich in den Auseinandersetzungen um die Bildung der »Auslandsvertretung Österreichischer Sozialisten« (AVÖS) unter Joseph Buttinger (1906–1992) in Paris beteiligt, deren stellvertretender Obmann Adler 1938 bis 1941 war. Außerdem übernahm er nach dem Tod von Otto Bauer 1938 die Herausgabe der Zeitschrift »Der sozialistische Kampf« (Paris), an welchem er unter dem Pseudonym »Fritz Valentin« mitarbeitete. Im Mai 1939 trat er nach politischen Meinungsverschiedenheiten als Sekretär der »Sozialistischen Arbeiter-Internationale« zurück.

Unmittelbar vor Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Belgien verließ Friedrich Adler im Frühjahr 1940 Brüssel (Bruxelles) und floh nach Frankreich, wo die »Auslandsvertretung Österreichischer Sozialisten« von Paris nach Montauban verlegt wurde. Im Sommer, nach der französischen Kapitulation, floht er mit einem auf »Herzl« lautenden Pass über Spanien nach Lissabon (Lisboa), von wo aus er im Oktober 1940 mit einem Notvisum in die Vereinigten Staaten von Amerika flüchten konnte.

1941 gründete Friedrich Adler in New York (New York) vor allem mit finanzieller Unterstützung US-amerikanischer Gewerkschaften die Flüchtlingsorganisation »Labor Aid Project«, welche jedoch ihre Tätigkeit im März desselben Jahres bereits einstellen musste. Nach dem Kriegseintritt der USA wurde die »Auslandsvertretung Österreichischer Sozialisten« (AVÖS) im September 1941 aufgelöst. Adler war Initiator des offiziellen Protests österreichischer Sozialdemokraten gegen den Versuch, eine österreichische Exilregierung (»Free Austrian National Council«) zu errichten, welcher in Form eines Briefes an den Herausgeber der »New York Times« (New York, N.Y.) erfolgte. Im Feber 1942 gründete er als Organisation der österreichischen Sozialisten in den USA das »Austrian Labor Committee«, dessen Obmann er bis 1944 war. Zugleich wurde er Redakteur der »Austrian Labor Information« (New York, N.Y.). Adler engagierte sich auch gegen die vor allem von Otto Habsburg-Lothringen (1912–2011) inspirierten Versuche, österreichische Exilvertretungen und ein österreichisches Bataillon innerhalb der US-Streitkräfte einzurichten. Nach politischen Differenzen trat Adler im April 1944 als Obmann des »Austrian Labor Committee« zurück, weil die Moskauer Deklaration vom Herbst 1943 die Wiederherstellung Österreichs zum alliierten Kriegsziel erklärte, während Adler noch immer am Konzept einer gesamtdeutschen Revolution festhielt.

Im Frühjahr 1946 kehrte Friedrich Adler nach Europa zurück, wo er sich  nach der Auflösung des Büros der »Sozialistischen Arbeiter-Internationale« in Brüssel (Bruxelles)  in der Schweiz, in Zürich, niederließ. Aus Protest gegen die von der »Sozialistischen Partei Österreichs« (SPÖ) mitgetragenen eigenstaatlichen Wiederherstellung Österreichs zog er sich von jeder politischen Aktivität zurück und widmete sich wissenschaftlichen Studien, unter anderem einer unvollendet gebliebenen Biografie seines Vaters.

Selbstständige Publikationen von Friedrich (Wolfgang) Adler

● Die Abhängigkeit der specifischen Wärme des Chroms von der Temperatur. Zürich: Im Selbstverlage des Verfassers 1902, 64 S.; zugleich Philosophische Dissertation, Universität Zürich 1903.

● Die Entdeckung der Weltelemente. (Zu Ernst Machs 70. Geburtstag.) Wien: Vorwärts 1908, 12 S. Separatabdruck aus: Der Kampf, 5.

● (Chefredakteur) Volksrecht. Sozialdemokratisches Tagblatt. Offizielles Organ der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, des Kantons Zürich und der Arbeiter-Union Zürich (Zürich), 13.–14. Jg. (1910–1911).

● (Chefredakteur) Das Volk. Organ der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich (Wien), 1.–4. Jg. (1911–1914).

● (Mitherausgeber) Der Kampf. Sozialdemokratische Zeitschrift (Wien), 1.–8. und 12.–27. Jg. (1907–1914 und 1918–1934).

● Friedrich Adlers politisches Bekenntnis. Friedrich Adlers Ausführungen anlässlich des Attentatsprozesses nach dem stenogrpahischen Bericht der Wiener Arbeiter-Zeitung. Mit einem Vorwort. Wien: Akademischer Verlag 1917, 24 S.

● Die Erneuerung der Internationale. Aufsätze aus der Kriegszeit. Vorwort von Karl Kautsky [und Robert Danneberg]. Wien: Brand 1918, XVI, 215 S. 

● Ernst Machs Überwindung des mechanischen Materialismus. Wien: Brand 1918, 187 S. 

● Nach zwei Jahren. Reden gehalten im November 1918 (Mit einem Anhang: Ein Manifest aus dem Jahre 1915). Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1918, 32 S. 

● Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht. Die Verhandlungen vor dem § 14–Gericht am 18. und 19. Mai 1917 nach dem stenographischen Protokoll. Berlin: Cassirer 1919, 200 S.

● Ortszeit, Systemzeit, Zonenzeit und das ausgezeichnete Bezugssystem der Elektrodynamik. Eine Untersuchung über die Lorentzsche und die Einsteinsche Kinematik. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1920, XVI, 237 S. 

● Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht Stellungnahme bei Kriegsausbruch  das Manifest vom 3. Dezember 1915  die Hauptverhandlungen vor dem Ausnahmegericht am 18. und 19. Mai 1917  das Verhörprotokoll der Voruntersuchung 22. Oktober bis 7. November 1916  nach zwei Jahren. Jena: Thüringer Verlagsanstalt 1923, 263 S.

● Die Besetzung des Ruhrgebietes und die Internationale. Nach einer Rede, gehalten am 14. Februar 1923 in der Wiener Konferenz der sozialdemokratischen Vertrauensmänner. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1923, 35 S.

● (Herausgeber) Friedrich Engels: Notes on the War. Sixty articles, reprinted from the »Pall Mall Gazette«, 18701871. Edited by Friedrich Adler. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1923, X, 142 S.

● Die Lüge von der Kriegsunschuld. [Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1924], 8 S. Separatabdruck aus: Der Kampf, Oktober 1924.

● (Herausgeber) Aberglauben und Wissenschaft. Volkstümliche Hefte über Fragen der Natur und Kultur. Herausgegeben von Friedrich Adler und Katharina Adler. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1924, 1 Band:

1. Band: Ernst Mach: Der Sinn für das Wunderbare. 1924, 56 S.

● The Anglo-Russian report. A criticism of the report of the British trades union delegation to Russia from the point of view of international socialism. London: King 1925, 25 S.

● Der Bericht der britischen Gewerkschaftsdelegation über Rußland. Kritisch untersucht. Mit einem Anhang: Aufrichtige und unaufrichtige Einheitsfront. Prag [Prah]: Parteivorstand der Deutschen sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik 1925, 36 S.

● »Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte…«. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1929, 24 S. Separatabdruck aus: Der Kampf, August 1929.

● (Mitarbeiter) Der Moskauer Prozeß und die Sozialistische Arbeiter-International. [Mit Beiträgen von] Friedrich Adler, Raphael Abramowitsch, Léon Blum, Emile Vandervelde. Berlin: Dietz 1931, 47 S.

● Das Stalinsche Experiment und der Sozialismus. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1932, 15 S. Separatabdruck aus: Der Kampf, Januar 1932

● Die Aufgabe der Emigration in der vergewaltigten Partei. Wien: »Vorwärts« [1933], unpaginiert (4 S.).

● Democracy and revolution. New York, N.Y.: Rand School Press 1934, 23 S.

● The witchcraft trial in Moscow. Issued by the Commission of Enquiry into the Conditions of Political Prisoners. [London]: Labour Publications Department [1936], 36 S.

● (Herausgeber) Der sozialistische Kampf. Journal antihitlérien (Paris), 1.–3. Jg. (1938–1940).

● (Redakteur) Austrian Labor Information (New York, N.Y.), 1. Jg. (1942).

● Bemerkungen zur Lage im okkupierten Oesterreich. [New York, N.Y.]: Friedrich Adler 1943, 23 S.

● (Herausgeber) Victor Adler's Briefwechsel mit August Bebel und Karl Kautsky sowie Briefe von und an Ignaz Auer, Eduard Bernstein, Adolf Braun, Heinrich Dietz, Friedrich Ebert, Wilhelm Liebknecht, Hermann Müller und Paul Singer. Gesammelt und erläutert von Friedrich Adler. Mit Abbildungen, Porträts und Register. Herausgegeben vom Parteivorstand der Sozialistischen Partei Österreichs. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1954, XXVIII, 680 S.

● [Manfred Marschalek]: Gefühl und Politik. Unbekannte Briefe Victor und Friedrich Adlers 1916/17. Wien: Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung 1993 (= Dokumentation. Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung. 1993, 4.), 19 S.

● Physik und Revolution. Friedrich Adler  Albert Einstein. Briefe  Dokumente  Stellungnahmen. Michaela Maier [und] Wolfgang Maderthaner (Hg.). Mit einem Beitrag von Reiner Wieland. Wien: Löcker 2006, 207 S.

Festschrift

● Friedrich Adler zum achtzigsten Geburtstag. (Für den Inhalt verantwortlich: Oskar Pollak.) [Wien: Sozialistische Partei Österreichs] 1959, 24 S.

© Reinhard Müller
Stand:
Juli 2011

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