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Große Chronik von Gramatneusiedl, Marienthal und Neu-Reisenberg 1830 bis 1839

1830

Der Großindustrielle, Bankier und Philanthrop Hermann Todesco (17911844) erhält 1830 von der Niederösterreichischen Statthalterei (Landesregierung) die Genehmigung zur Errichtung seiner Fabrik, welche 1832 durch den Staatsrat bestätigt wird: die »k(aiserlich) k(önigliche) priv(ilegierte) Marienthaler Baumwoll-Gespinnst und Woll-Waaren-Manufactur-Fabrik«, die zweite Textilfabrik Marienthal. Der Kauf des ehemaligen PausingerWurmschen Fabrikgebäudes Gramatneusiedl 43 (ab 1961: Hauptstraße 64) vom neuen Besitzer Franz Knapp wird allerdings erst am 5. Dezember 1832 rechtsgültig abgeschlossen: »links das alte Wohngebäude, dann rechts beim Eingange mehrere Wohnungen, Stallungen und Vorratskammern, dann eine große Werkschupfe, 2 kleine Küchengärten vor dem Einfahrtstor, 1001 Klft.2 (d.s. Quadratklafter; Anm. R.M.) Wiesen, dermalen englische Gartenanlage (d.i. Teil des Parks Herrengarten; Anm. R.M.), ferner der Wiesengrund zwischen der Fischa und Piesting und dem Gramatneusiedler Weg, den Wiesengrund von 847 Klft.2 an der Piesting, worauf die Johanneskapelle steht, endlich 3 Joch 400 Klft.2 Ackerland, dann die auf obigem Wiesgrund zwischen der Fischa und Piesting stehenden Kleinhäusl und Schmiede, (…) eine Lederwalk dermalen Kleinhäusel zu Gramatneusiedl.« Noch 1830 nimmt die Fabrik unter Leitung des Fabrikdirektors Johann Dienert (1790–?) den Betrieb auf, allerdings noch als Flachsspinn- und Hechelfabrik. Erst 1833 erfolgt der Neu- und Umbau der Fabrik. ( Denkbuch Moosbrunn.)

1830

Mit dem Jahr 1830 wird der seit Jahrhunderten mehr oder minder umfangreich betriebene Weinanbau in Gramatneusiedl eingestellt. Er wird erst 1930 wieder aufgenommen werden.

1831

Am 7. Januar 1831 ist auch in Gramatneusiedl – wie fast überall in Österreich – ein Nordlicht zu sehen.

1831

Seit dem 12. Juni 1831 werden fünf Offiziere und 130 Soldaten des unter dem Kommando von Ferdinand Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha (1785–1851) stehenden Husarenregiments Nr. 8 in Gramatneusiedl und Umgebung einquartiert. Erst auf vielfaches Bitten hin werden nach sechs Wochen Teile wieder verlegt.

1831

Im Juli 1831 wird die Grenze gegen Ungarn abgeriegelt, weil dort die Cholera ausgebrochen ist. Im August 1831 wird in Gramatneusiedl im Norden des Ortes, beim so genannten Goldwald (heute zu Ebergassing, Niederösterreich), ein Cholerafriedhof angelegt, doch braucht dieser dann nicht benützt zu werden. Im September 1831 erreicht die Cholera auch das Erzherzogtum Österreich unter der Enns. Erstmals ist auch Gramatneusiedl von dieser Epidemie unmittelbar bedroht. Während im benachbarten Velm (heute zu Himberg, Niederösterreich) zwischen dem 5. Oktober und 2. Dezember 1831 von 21 Erkrankten neun Menschen und in Moosbrunn (Niederösterreich) zwischen dem 13. Dezember 1831 und 16. Februar 1832 beide Erkrankten der Cholera zum Opfer fallen, gibt es in Gramatneusiedl weder Todesopfer noch Erkrankungen. Die Absperrungen zu Ungarn zeitigen aber wirtschaftlich negative Folgen für den Ort. ( Denkbuch Moosbrunn.)

1832

In der »Darstellung des Erzherzogthums Österreich unter der Ens« von Franz Schweickhardt (17941858) findet sich 1832 der erste ausführliche topographische Artikel über Gramatneusiedl unter Einschluss Marienthals. ( Text.)

1832

Mindestens seit 1832 verfügt die Textilfabrik Marienthal über eine Werksküche für die Arbeiterschaft, die von einem so genannten Traiteur geführt wird. Dies ist der für das Jahr 1832 erstmals belegte Josef Rösner (1788–?). Des weiteren gibt es eine Krankenkasse für die Arbeiterschaft, welcher der Arzt aus Moosbrunn (Niederösterreich) täglich zur Verfügung steht. Diese wird 1864 durch den »Arbeiter-Kranken-Verein mit Kranken-Casse Marienthal« ersetzt.

1832

Am 31. Mai 1832 wird das von Franz Griesmüller (1782–1831), kurz zuvor verstorbener Bauer und Wirt in Gramatneusiedl 31 (seit 1961: Oberortsstraße 26), initiierte Holzkreuz mit gemaltem Corpus Christi, das Kreuz an der Oberortsstraße (so genanntes Griesmüller-Kreuz), an der Straße nach Moosbrunn (Niederösterreich) eingeweiht, welches zur Erinnerung an seinen verstorbenen Vater, den Bauern Jakob Griesmüller (1746–?), im April 1832 aufstellt wurde. ( Denkbuch Moosbrunn.)

1832

Im Juni 1832 bricht die Cholera in der Gegend um Gramatneusiedl erneut aus. In Moosbrunn (Niederösterreich) sterben zwischen dem 21. Juli und 24. September 15 von 19 Erkrankten, in Velm (heute zu Himberg, Niederösterreich) zwischen dem 15. August und 13. September 17 von 36 Erkrankten. Gramatneusiedl selbst bleibt von der Epidemie erneut verschont. ( Denkbuch Moosbrunn.)

1832

Für den 20. Juli 1832 ist der erste jüdische Bewohner Gramatneusiedls – im Beichtregister für 1832 – nachweisbar: der Buchhalter Ignaz Münster (1805–?). ( Dokument.) Dieser wohnt und arbeitet in der Textilfabrik Marienthal, Gramatneusiedl 43 (ab 1961: Hauptstraße 64). Durch die Fabrik kommen – wohl erstmals seit dem Ende der Reformation und dem Sieg der Gegenreformation – auch Angehörige der Evangelischen Kirche ins katholische Bauerndorf: Das erwähnte Beichtregister weist für 1832 den Fabriktischler Franz Bierky (1799–?) sowie den Fabriktischler Franz Geisler (1792–?) mit seiner Ehefrau Theresia (1797–?) und den Kindern Magdalena (1818–?) und Andreas (1820–?) als »Evangelisch«, den Paketmacher Heinrich Heider (1804–?) und den Spinnmeister Johann Schoch (1784–?) mit seiner Ehefrau Johanna (1803–?) und Tochter Johanna (1829–?) als »Reformirt« aus.

1832

Im Herbst 1832 wird am höchsten Punkt der Straße nach Velm (heute zu Himberg, Niederösterreich), an der heutigen Wiener Straße, auf Gramatneusiedler Boden eine Dreifaltigkeitssäule (»Gnadenstuhl«) errichtet, vermutlich als Dank für den guten Ausgang der Choleraepidemie in Gramatneusiedl.

1833

Hermann Todesco (17911844) lässt 1833 unter Leitung des neuen Fabrikdirektors Rudolph Münich (1778–?) – er wird 1836 von Karl Becky (1797–?), dieser 1843 von Peter Zimmermann (1788–?) abgelöst – das alte Fabrikgebäude (Theresienmühle) großteils abreißen und an dessen Stelle einen neuen, dreigeschossigen Bau errichten (1845 zu einem Arbeiterwohnhaus umgebaut, 2008 abgerissen), welcher als erster im Ort mit Ziegeln gedeckt ist. Der Komplex besteht aus drei U–förmig angeordneten, miteinander verbundenen Steinbauten. Darin befinden sich nunmehr eine Baumwollspinnerei (1835 mit 6.500 Spindeln) und die erste mit Wasserkraft betriebene Baumwollweberei Österreichs (1835 mit 80 Webstühlen), Kanzlei- und Lagerräume sowie Wohnungen für die Arbeiterschaft und den Fabrikdirektor samt Familie. Hermann Todesco, der gemeinsam mit seinen Söhnen verschiedene Länder bereist, um dort das Fabrik- und Maschinenwesen zu studieren, führt zahlreiche technische Neuerungen ein und versucht vornehmlich, den Produktionsprozess zu rationalisieren. Der Betrieb zählt 1835 insgesamt 286 Beschäftigte in der Spinnerei und 73 in der Weberei, 1843 jedoch – bedingt durch die technischen Verbesserungen – in der Spinnerei nur mehr 140. Gegen Ende der Ära Hermann Todesco, 1843, betreibt die Textilfabrik Marienthal 7.500 Spindeln und erzeugt 200.612 Wiener Pfund Baumwollgarn und Zwirn jährlich.

1833

Hermann Todesco (17911844) gründet 1833 für die Kinder seiner Fabrik die Fabrikschule Marienthal, untergebracht in einem neu errichteten Gebäude vermutlich nahe dem Fabrikgebäude. 1847 wird die Schule in den im Vorjahr neu erbauten Schulhof verlegt. Im Gründungsjahr beträgt die Unterrichtszeit täglich zwei Stunden: 8 bis 10 Uhr die jüngeren, von 13 bis 15 Uhr die älteren Schüler. Der Unterricht erfolgt durch den Lehrer der Schule Gramatneusiedl. An Sonn- und Feiertagen gibt es Religionsunterricht durch den Pfarrer von Moosbrunn (Niederösterreich). Die Fabrikschule wird im August 1885 aufgelöst, die Marienthaler Kinder werden der Schule Gramatneusiedl zugewiesen. ( Denkbuch Moosbrunn und Text.)

1833

Die Kirche gewinnt in den 1830er Jahren in Gramatneusiedl wesentlich an Bedeutung, nicht zuletzt wegen der zunehmenden Angst vor Seuchen. Dennoch ist das Gebäude der Kirche Sankt Peter und Paul stark herabgekommen, weshalb es 1833 gründlich renoviert, dabei auch das Bild »hl. Johannes von Nepomuk« neu gemalt wird. ( Denkbuch Moosbrunn.)

1833

1833 beschließen die Gemeinden Moosbrunn (Niederösterreich), Gramatneusiedl und Velm (heute zu Himberg, Niederösterreich) aus »Dank wegen der so schonend vorübergegangenen Cholera« (Denkbuch der Pfarre Moosbrunn, Band 1, S. 331) jährlich am 14. August eine Wallfahrt nach Maria Enzersdorf am Gebirge (Niederösterreich) abzuhalten.

1834

1834 erscheint das 25. Blatt, »Umgebung von Moosbrunn V(iertel) U(nter dem) W(iener) W(ald)«, der »Perspectiv-Karte des Erzherzogthums Oesterreich unter der Ens« von Franz Schweickhardt (17941858). ( Text.) Die um 1833 von Johann Hollnsteiner (1803–?) gezeichnete und von Lorenz Neumayer (1796–1845) gestochene Karte enthält neben jener von Gramatneusiedl die erste bildliche Darstellung Marienthals. ( Bild.)

1834

Am 24. und 25. Januar 1834 richtet ein heftiger Sturm in Gramatneusiedl schwere Schäden an Häusern und deren Dächer an. Er treibt auch das Wasser aus den Bächen, welche die Felder überschwemmen.

1834

Am 8. September 1834 ist in Gramatneusiedl ein geröteter Himmel zu sehen, der von der Feuersbrunst in Wiener Neustadt (Niederösterreich) verursacht wird, bei der 47 Menschen sterben und über 500 Häuser von insgesamt 631 verbrennen oder schwer beschädigt werden. Die Bewohner Gramatneusiedls sammeln für die Brandopfer bis 14. September 1834 insgesamt 32 Gulden.

1834

Im Herbst 1834 wird das große Fenster des Presbyteriums der Kirche Sankt Peter und Paul neu verglast.

1835

Anton Schallerl (1780–1862), Pfarrer in Moosbrunn (Niederösterreich), beginnt um 1835 mit der Führung einer Pfarrchronik, genannt »Denkbuch der Pfarre Moosbrunn«, betreffend die Mutterkirche Moosbrunn und die Filialkirchen in Gramatneusiedl und Velm (heute zu Himberg, Niederösterreich). Diese für die Geschichte Gramatneusiedls wichtige Quelle enthält auch Schallers Rekonstruktion der Geschichte dieser Pfarre bis 1835 auf Grundlage alter Urkunden (teilweise mit Abschriften) und historischer Werke: »Materialien zu einer Geschichte der l(andes)f(ürstlichen) Pfarre Moosbrunn V(iertel) U(nter dem) W(iener) W(ald). Dekanat Weigelsdorf. Gesammelt vom Pfarrer Anton Schallerl.«. ( Dokument.)

1835

Um 1835 gibt Anton Schallerl (1780–1862), Pfarrer in Moosbrunn (Niederösterreich), eine Beschreibung der Wirtschaft im Ort ( Denkbuch Moosbrunn) sowie eine topographische Beschreibung Gramatneusiedls ( Denkbuch Moosbrunn).

1835

Im März 1835 findet in Wien in den Redoutensälen der Hofburg die »Erste allgemeine österreichische Gewerbsprodukten-Ausstellung« statt. Im Begleitbuch zu dieser ersten Messe Österreichs wird die älteste gedruckte Beschreibung der zweiten Textilfabrik Marienthal veröffentlicht. ( Text.)

1835

Wegen der Zunahme an außerehelich geborenen Kindern – in diesem Jahr sind es in Gramatneusiedl acht – ergeht eine Anzeige an die Herrschaft, das Metropolitankapitel zu Sankt Stephan, und ein Ersuchen um Abhilfe wegen der »zu Fall gekommenen ledigen Weibsbilder« an die Textilfabrik Marienthal. ( Denkbuch Moosbrunn.)

1835

Vom September 1835 bis März 1836 gibt es eine Blatternepidemie (Pocken) in Gramatneusiedl und Umgebung. Im Dorf erkranken vier Personen, von denen zwei sterben.

1836

1836 wird das 1751 angefertigte Gemälde der »hll. Petrus und Paulus« des Hochaltars der Kirche Sankt Peter und Paul aufgefrischt. Dieses wird bereits 1847 durch ein neues Bild ersetzt.

1836

Am 29. April 1836 findet eine fürsterzbischöfliche Visitation der Kirche Sankt Peter und Paul statt. ( Denkbuch Moosbrunn.)

1838

Am 20. März 1838 wird die Eisenbahngesellschaft »k(aiserlich) k(önigliche) priv(ilegierte) Wien–Raaber Eisenbahn-Gesellschaft« gegründet, welche zwischen dem 17. Dezember 1842 und 4. August 1853 den Namen »k(aiserlich) k(önigliche) priv(ilegierte) Wien–Gloggnitzer Eisenbahn-Gesellschaft« führt und danach wieder den Gründungsnamen annimmt. Am 4. August 1853 geht diese mit der am 21. Dezember 1844 gegründeten »k(aiserlich) k(öniglichen) südlichen Staats-Eisenbahn« – seit 23. September 1858 »k(aiserlich) k(önigliche) priv(ilegierte) Südbahn-Gesellschaft« – zusammen. Einer der Direktoren dieser Eisenbahngesellschaft, die 1845/46 den Bahnhof Gramatneusiedl errichten wird, ist Hermann Todesco (17911844), Besitzer der Textilfabrik Marienthal.

1838

Für den 31. Juli 1838 ist im Beichtregister der erste Gärtner der Textilfabrik Marienthal belegt: Josef Scheiber (1796–?).

1839

Die Gemeinde Gramatneusiedl ersteigert das Kleinhäusl Gramatneusiedl 25 (seit 1961: Oberortsstraße 25) des gerichtlich verurteilten Florian Harrer (1806–?), um darin ein Armenhaus einzurichten. Die Gemeinde muss das Haus aber schon 1841 wieder verkaufen. ( Denkbuch Moosbrunn.)

1839

Das nunmehrige Gemeindewirtshaus Nr. 2 – früher Gemeindewirtshaus Nr. 19 – (ab 1961: Bahnstraße 5), wird von Franz Griesmüller (1810–1893) betrieben, zunächst gemeinsam mit seiner Schwester Maria Anna Griesmüller (1807–?), seit 1834 mit seiner Ehefrau Theresia, geborene Weber (1812–1849). Diese kaufen das Gasthaus 1842 von der Freien Gemeinde-Herrschaft Gramatneusiedl.

1839

Am 8. Dezember 1839 hält der »Niederösterreichische Gewerbe-Verein« seine erste ordentliche Sitzung in Wien ab.

© Reinhard Müller
Stand: Juni 2011

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