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Große Chronik von Gramatneusiedl, Marienthal und Neu-Reisenberg 1915

1915

Im Februar 1915 erscheint ein Militärbevollmächtigter in Gramatneusiedl und beschlagnahmt von dortigen Bauern einige Wiesen, um sie dem Areal des zu errichtenden Flüchtlingslagers Mitterndorf zuzuschlagen, welches erst im Mai 1915 eröffnet wird.

1915

Seit Februar 1915 fungiert die »Landwirtschaftliche Genossenschaft Gramatneusiedl« als offizielle Übernahmsstelle für die »Kriegs-Getreide-Verkehrsanstalt«.

1915

Abgesehen von den Nachrichten über Gefallene, also ermordete Soldaten, wird die Bevölkerung Gramatneusiedls 1915 erstmals direkt von den Auswirkungen des Krieges betroffen: Seit 11. April 1915 sind gemäß Verordnung des Gesamtministeriums vom 26. März 1915 Brot und Mehl zwecks Rationierung nur mehr mittels Brotkarten zu erhalten.

1915

Am 23. Mai 1915 erklärt Italien Österreich-Ungarn den Krieg. Kurz danach, am 31. Mai 1915, wird das in den Gemeinden Mitterndorf an der Fischa (Niederösterreich), Moosbrunn (Niederösterreich) und Gramatneusiedl auf dem im Februar 1915 beschlagnahmten Grund errichtete »k(aiserlich) k(önigliche) Barackenlager Mitterndorf« eröffneet. Es dient italienischsprachigen Flüchtlingen, Deportierten und Evakuierten aus dem italienischen Trentino sowie aus Istrien als Notquartier. Diese Menschen, vorwiegend aus Borgo Vasugana, Brentonico, Caldonazzo, Mori, Roncegno Terme, Telve, Terragnolo, Vallarsa und Vermiglio, stoßen bei der ortsansässigen Bevölkerung auf wenig Gegenliebe, nicht zuletzt deswegen, weil sie sich in den Geschäften vor Ort verpflegen und damit die ohnedies schlechte Versorgungslage verschärfen. Viele Barackenbewohner arbeiten im Lager selbst, andere in den umliegenden Fabriken, einige beim Bahnbau. Das Barackenlager, das zu einem beträchtlichen Teil auf heutigem Gramatneusiedler Gemeindegebiet steht, verfügt über 441 meist aus Holz errichtete Gebäude auf rund 675.000 Quadratmetern. Eigentlich besteht es aus zwei Lagern, welche überwiegend 1915 und 1916 errichtet werden: Im Lager I stehen 96 Baracken mit je zehn Zimmern (belegt mit je zehn Personen), im Lager II insgesamt 196 Baracken mit je sechs Zimmern (belegt mit je sechs Personen). Dazu kommen verschiedene Infrastrukturbauten: drei Schulbaracken mit 42 Klassenzimmern, wo über 40 fast ausschließlich weibliche Lehrkräfte bis zu 2.169 Schüler unterrichteten, zwei Waisenhäuser mit bis zu 250 Kindern, ein Kindergarten, vier von Franziskanerinnen betreute Spitäler (je ein Chirurgisches Spital und Kinderspital, zwei allgemeinmedizinische Spitäler), eine Säuglings- und Zahnärzteambulanz, eine Allgemeinambulanz, vier Notspitäler, ein Siechenhaus, eine Apotheke, eine Kirche, wo acht Priester wirkten, ein Friedhof, ein Freibad am Fischa-Werkskanal mit Liegehalle, eine Volkshalle mit Kino und Theater, eine Feuerwehr, ein Post- sowie ein Telegrafen- und Telefonamt, dazu zahlreiche Verwaltungs- und Wohnbaracken für die Angestellten des Lagers. Es gibt auch eine eigene 60 cm-Schmalspurbahn vom Bahnhof Mitterndorf an der Fischa zum Lager. Die Bedingungen in den zunächst von Regierungskommissär Viktor Imhof (bis 1919: Ritter von Geißlinghof) – seit März 1918 von Friedrich Schmidtkunz – geleiteten Lagern sind katastrophal. Zwischen Juni 1915 und November 1918 sterben hier 1.913 Personen, und 449 werden im selben Zeitraum in den Lagern geboren. Allein aus dem Dorf Vermiglio sterben im Mitterndorfer Lager zwischen 1915 und 1917 insgesamt 204 Menschen, welche auf dem Friedhof in Mitterndorf an der Fischa begraben werden. Im April 1917 leben in den beiden Lagern über 8.200 Flüchtlinge, die höchste Belegzahl beträgt rund 11.600, nämlich zur Jahreswende 1916/17.

In der Lagerstraße sind noch heute Relikte erhalten, allerdings mittlerweile umfunktioniert: die Evidenzkanzlei (Nr. 18), das Postamt (Nr. 20), die Feuerwehr (Nr. 22), die Apotheke (Nr. 30) und am Wasserweg die Spitalswäscherei (Nr. 4).

Ein zur Kontrolle der hygienischen Bedingungen im Lager Mitterndorf eingesetzter Betreuer ist 1915 bis nach seiner Promotion im Februar 1917 der später bekannte Psychiater und Psychologe Jakob Moreno Levy (später Jacob Levy Moreno; d.i. Iakov Moreno Levy; 1889–1974), Begründer der Soziometrie, des Psychodramas und der Gruppenpsychotherapie. Er ist allerdings vorrangig damit beschäftigt, eine Neuordnung dieser Gemeinschaft mit Hilfe soziometrischer Methoden zu versuchen und grundlegende Erfahrungen für seine später entwickelte Methode des Psychodramas zu sammeln: Moreno sieht später im Barackenlager Mitterndorf die Geburtsstätte seiner Soziometrie.

Bereits im November 1917 verlassen die ersten das Lager, und nach Kriegsende, insbesondere seit Januar 1919, versucht man, das Barackenlager aufzulösen und die Menschen in ihre Heimat zurückzuschicken.

1915

Im Frühjahr 1915 werden Gramatneusiedl die ersten Kriegsgefangenen zugeteilt. Bis November 1918 arbeiten hier 32 russische Kriegsgefangene bei Bauern.

1915

Mit 13. Mai 1915 darf Fleisch an Dienstagen und Freitagen nicht mehr verkauft werden.

1915

Seit 31. Mai 1915 ist das Fotografieren, Malen, Zeichnen und Anfertigen von Skizzen in und um Wien verboten. Das Verbot wird mit Kundmachung des Statthalters im Kronland Österreich unter der Enns vom 26. Juli 1916 wieder aufgehoben.

1915

Mit 1. August 1915 wird ein Höchstpreis für Verbrauchszucker im Groß- und Kleinhandel staatlich eingeführt. Weiters wird der Verbrauch von Milch eingeschränkt: Sie darf nicht mehr zur gewerbsmäßigen Erzeugung von Schlagobers und Speiseeis verwendet werden. Seit 15. August ist der Kleinverschleiß von Mehl eingeschränkt, seit 16. August die Erzeugung von Kleingebäck verboten; die Herstellung von Brot und dessen Vertrieb wird amtlich reguliert.

1915

Die Dritte österreichische Kriegsanleihe vom Oktober 1915 erbringt in Gramatneusiedl 58.900 Kronen. Bei der gleichzeitig durchgeführten Materialsammlung werden neben Wolle, Kautschuk und Knochen 58,5 Gramm Gold und 202 Gramm Silber gespendet.

1915

Seit 19. Dezember 1915 wird ein amtlicher Höchstpreis für Schweinefett, Schweinespeck und Schweinefleisch eingeführt, seit 22. Dezember dürfen Rinder und Schweine in Gramatneusiedl nur mehr mit Bewilligung der Bezirkshauptmannschaft Mödling (Niederösterreich) geschlachtet werden, und seit 27. Dezember dürfen Milch und mit Milch hergestellte Getränke im Gast- und Schankgewerbe zwischen 14 und 19 Uhr nicht mehr verkauft werden; außerdem wird der persönliche Milchbezug eingeschränkt.

1915

1915 lässt die Textilfabrik Marienthal den Ballenaufschlagraum und das Sprinklerpumpenlokal. Damit wird die Bautätigkeit der Fabrik bis 1920 eingestellt. ( Plan 1915.)

© Reinhard Müller
Stand: Juni 2010

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