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Große Chronik von Gramatneusiedl, Marienthal und Neu-Reisenberg 1933

1933

Am 4. Januar 1933 erscheint eine Vorausrezension der noch unpublizierten Marienthal-Studie: »When Men Eat Dogs« von Robert N(oleman) McMurry (1901–1985). Diese beruht auf einem anderen Manuskript als jenem des Buches »Die Arbeitslosen von Marienthal«. ( Text.)

1933

In der Sitzung der Gemeindevertretung von Gramatneusiedl vom 14. Januar 1933 wird das Ansuchen der Bezirkshauptmannschaft Mödling (Niederösterreich) abgelehnt, im Ort Kinder im Rahmen der Winterhilfe-Aktion in Haushalten unterzubringen, mit dem Hinweis darauf, »dass im Orte selbst so viele Kinder von Arbeitslosen sind«. (Sitzungs-Protokoll zur Gemeinde-Ausschußsitzung der Ortsgemeinde Gramatneusiedl am 14. Januar 1933, S. (2).) Andererseits wird ein Runderlass der Industriellen Bezirkskommission Wiener Neustadt (Niederösterreich), betreffend Richtlinien für den freiwilligen Arbeitsdienst ohne Verlesung ad acta gelegt, »bis einmal die Notwendigkeit zum Einreichen sich auch im Orte ergeben sollte.« (Ebenda, S. (2).) Diese Notwendigkeit sollte bereits im September 1933 gegeben sein. ( Dokument.)

Weiters wird genehmigt, dass Anna Gartner, geborene Meindl (1883–1971), für ihr »Elite-Ton-Kino Marienthal-Reisenberg« in Neu-Reisenberg im Hof des Gasthauses »Zum Südpol«, Reisenberg 136 (heute Reisenbergerstraße 11), einen Reklamekasten beim Gemeindeamt Gramatneusiedl im Schloss Gramatneusiedl straßenseitig anbringen darf.

Schließlich wird noch das Problem der Alkoholmissbrauchs durch Arbeitslose kurz erörtert. ( Dokument.)

1933

Zwischen Dezember 1932 und März 1933 erlangt die Wirtschaftskrise in Österreich ihren Höhepunkt. Auch die Arbeitslosigkeit erreicht im Februar 1933 ihren vorläufigen Spitzenwert von etwa 402.000 Arbeitslosen, zu denen noch rund 600.000 Ausgesteuerte kommen. ( Text.)

1933

1933 pachtet die Wiener Firma Walter Prade von der »Actien-Gesellschaft der Baumwoll-Spinnereien, Webereien, Bleiche, Appretur, Färberei und Druckerei zu Trumau und Marienthal« den Spinnereikomplex und das Elektrizitätswerk der ehemaligen Textilfabrik Marienthal, wobei der Pachtvertrag bis 30. Juni 1940 abgeschlossen wird. Prade lässt in einem Trakt der Spinnerei im Januar oder Februar 1933 eine Vigogne-Spinnerei zur Erzeugung eines Mischgarns aus Wolle und Baumwolle einrichten. Die Fabrik, welche anfangs 35 und 1934 etwa 40 Personen beschäftigt, wird im April 1939 geschlossen.

1933

Am 4. Februar 1933 veranstalten der »Männer-Gesang-Verein ›Geselligkeit‹ Marienthal« und der »Deutsche Turnverein Gramatneusiedl-Marienthal« unter ihrem Obmann, dem Schuldirektor Leo Isidor Wiltschke (1876–1945), ein Tanzkränzchen im Gasthaus Richard Radl (um 1901–1965), Gramatneusiedl 19 (ab 1961: Oberortsstraße 5).

1933

In der Sitzung der Gemeindevertretung von Gramatneusiedl vom 25. Februar 1933 wird ein teilweises Hausierverbot in der Gemeinde beschlossen. ( Dokument.)

Weiters wird einstimmig beschlossen, die Krautgartenbrücke, die im Zuge der Piesting-Regulierung neu errichtet werden soll, zukünftig auf Gemeindekosten zu erhalten. Dafür werden 2.600 Schilling veranschlagt. Die Reparatur der Krautgartenbrücke wird erst im September 1933 durch Zimmermeister Josef Hums (1906–1946) ausgeführt.

Schließlich wird einstimmig beschlossen, die Hand- und Zugkosten für die aufgrund der kommissionellen Besichtigung vom 18. Januar 1933 beschlossene Reparatur des Kirchendaches der Kirche Sankt Peter und Paul durch die Freie Gemeinde Gramatneusiedl zu übernehmen.

1933

Im März 1933 erscheint ein Vorbericht zur noch unpublizierten Marienthal-Studie: »Ein Arbeitslosen-Dorf« von Paul Lazarsfeld (1901–1976). Es handelt sich dabei um eine gekürzte, deutschsprachige Fassung des im Dezember 1932 erschienenen Artikels »An Unemployed Village«.

1933

Anlässlich der Ereignisse im Deutschen Reich veranlasst die Bezirkshauptmannschaft Mödling (Niederösterreich) mit Verordnung vom 3. März 1933 eine verschärfte Handhabung der Meldevorschriften. ( Dokument.)

Autoritärer Ständestaat

1933

Am 4. März 1933 kommt es im österreichischen Parlament zu einer heftigen Debatte über die Gültigkeit eines Stimmzettels, die mit dem Rücktritt aller drei Nationalratspräsidenten endet. Diese so genannte Selbstausschaltung des Parlaments ist der symbolische Beginn des autoritären Ständestaats Österreich unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (1892–1934), der seither alle Bemühungen um Weiterführung beziehungsweise Wiederherstellung der parlamentarischen Demokratie – auch gewaltsam – unterbinden lässt.

1933

Am 31. März 1933 wird in ganz Österreich der »Republikanische Schutzbund« behördlich aufgelöst und verboten. Wie in den meisten Orten, so bleibt auch die 1923 gegründete Ortsgruppe Gramatneusiedl-Marienthal weiterhin aktiv, wenngleich nunmehr in der Illegalität.

1933

Leopold Eder (1899–1963), Provisor zu Moosbrunn (Niederösterreich), verfasst im April 1933 einen ausführlichen Bericht über die Lage der katholischen Kirche in Gramatneusiedl, Moosbrunn und Velm (heute zu Himberg, Niederösterreich), über die katholischen Vereine sowie die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Er verweist auch auf die vom »Christlichen Frauenverein« organisierte Ausspeisung, bei der vom Januar bis März 1933 wöchentlich 400 Mahlzeiten kostenlos abgegeben werden. Schließlich geht er in diesem Bericht auch auf die Ursachen ein, welche zur Schließung der Textilfabrik Marienthal geführt hätten; diese Darstellung entspricht zwar nur teilweise den Tatsachen, ermöglicht aber einen Einblick in die damals kursierenden Gerüchte. ( Denkbuch Moosbrunn.)

1933

Im April 1933 erscheint der Artikel »Zur Soziographie der Arbeitslosigkeit« von Hans Zeisl (1905–1992), eine zusammenfassende Arbeit seines Beitrags in der noch unpublizierten Marienthal-Studie. ( Text.)

Ebenfalls 1933 erscheint der Artikel »The Influence of Unemployment on Children and Young People in Austria« von Marie Jahoda-Lazarsfeld (1907–2001), in welchem sie Material aus der Marienthal-Studie verwendet. ( Text.)

1933

In der Sitzung der Gemeindevertretung von Gramatneusiedl vom 29. April 1933 wird gemäß einer Verordnung der Bezirkshauptmannschaft Mödling (Niederösterreich) eine Plakatierordnung für Gramatneusiedl erlassen, die auch Einblick in die politische Situation des Ortes gewährt. ( Dokument.)

1933

Die für den 1. Mai 1933 geplanten Aufmärsche von Sozialdemokraten und Kommunisten werden in ganz Österreich behördlich verboten.

1933

Am 20. Mai 1933 gründet Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (1892–1934) die »Vaterländische Front«, welche in den folgenden Monaten zur einzigen Institution der politischen Willensbildung in Österreich ausgebaut wird.

1933

Nach einer großen Verhaftungswelle von tatsächlichen und angeblichen Mitgliedern wird am 26. Mai 1933 die »Kommunistische Partei Österreichs« (KPÖ) in Österreich behördlich verboten.

1933

In der Sitzung der Gemeindevertretung von Gramatneusiedl vom 1. Juni 1933 wird die mit 1. Juli 1933 für die Gemeinde in Kraft tretende Neuregelung des Bezugs von Arbeitslosen- und Notstandsunterstützung erörtert. ( Dokument.) Die Freie Gemeinde Gramatneusiedl erhebt dagegen einstimmig Protest in Form eines Ansuchens, aus dem hervorgeht, dass seit Ende 1929 zwei Drittel der Bevölkerung arbeitslos sind, dass etwa 1.600 Menschen auf diese Unterstützungsgelder angewiesen sind, wobei nur wenige noch Arbeitslosenunterstützung beziehen, und dass lediglich ein kleiner Teil der ehemaligen Beschäftigten der Textilfabrik Marienthal mittlerweile außerhalb des Ortes Arbeit gefunden hat. ( Dokument.)

1933

Anfang Juni 1933 erscheint das Buch »Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit« im Leipziger »Verlag von S. Hirzel«, auch kurz als »Marienthal-Studie« bekannt.

1933

Mit Verordnung der Bundesregierung vom 19. Juni 1933 werden der »Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei« (Hitlerbewegung) und dem »Steirischen Heimatschutz« jede Betätigung sowie die Bildung neuer derartiger Organisationen in Österreich verboten. Dies betrifft auch die bestehenden Sturmabteilung- (SA.) und Schutzstaffel-Formationen (SS.). Die im Untergrund tätigen Nationalsozialisten werden als »Illegale« bezeichnet, was in den Jahren 1938 bis 1945 als Ehrentitel innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung gilt. In Gramatneusiedl fallen die Illegalen während der folgenden Jahre vor allem durch Wandschmierereien und heimlich ausgestreute Flugzettel auf.

1933

Im Juli 1933 erscheinen die ersten Rezensionen der Marienthal-Studie: am 1. Juli jene von Käthe Leichter (1895–1942) ( Text), am 2. Juli anonym eine von Ludwig Wagner (1900–1963) verfasste in der Zeitung »Der Kuckuck« ( Text) sowie eine weitere anonym in der Zeitschrift »Revue de l’Institut de Sociologie« ( Text).

1933

Die Bezirkshauptmannschaft Mödling (Niederösterreich) verfügt mit Erlass vom 10. August 1933 ein Vorgehen gegen Bemalungen von Häusern mit politischen Sprüchen und Zeichen. ( Dokument.)

1933

1933 wird das Dach der Kirche Sankt Peter und Paul, durch welches bereits Regen ins Innere dringt, repariert.

1933

Am 31. August 1933 erscheint eine Rezension der Marienthal-Studie von Karl Christian Thalheim (1900–1993). ( Text.)

1933

Im September 1933 erscheint eine Rezension der Marienthal-Studie von Pauline Vislick Young (1896–1977). ( Text.)

1933

Im September 1933 geht Paul Felix Lazarsfeld (1901–1976), Initiator und Leiter der Marienthal-Studie, als Stipendiat der »Rockefeller Foundation« in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er sich 1935 endgültig niederlässt.

1933

Die seit 1931 in der Gemeindevertretung von Gramatneusiedl diskutierte Reparatur der Krautgartenbrücke wird im September 1933 durch Zimmermeister Josef Hums (1906–1946) ausgeführt.

1933

Im September 1933 kehrt Marie Jahoda (19072001), Hauptautorin der Marienthal-Studie, nach Marienthal zurück, um hier im Rahmen des freiwilligen Arbeitsdienstes, welcher in der Gemeindevertretung von Gramatneusiedl im Januar 1933 noch als vor Ort unnötig abgetan wurde, mit dem neu gegründeten Verein »Jugend in Arbeit« eine Art Arbeitslosen-Selbsthilfeprojekt zu organisieren. Die Projektleitung ist im Arbeiterheim Marienthal untergebracht, die 12, später 15 beteiligten Marienthalerinnen im Alter von 14 bis 25 Jahren versammeln sich im Heim der Kinderfreunde. Marie Jahoda, die weiterhin in Wien lebt, ist in Marienthal vermutlich bis August 1934 aktiv, ist aber dann auch späterhin noch dort tätig. Im Sommer 1935 erhält dieses Projekt eine Ergänzung durch englische Quäker. ( Dokument.)

1933

Mit Verordnung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß (1892–1934) vom 23. September 1933, »betreffend die Verhaltung sicherheitsgefährlicher Personen zum Aufenthalte in einem bestimmten Orte oder Gebiete«, werden mit Rechtswirksamkeit vom 1. Oktober 1933 so genannte Anhaltelager eingerichtet, in welchen politische Häftlinge ohne Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit festgehalten werden dürfen.

1933

Im November 1933 erscheinen zwei Rezensionen der Marienthal-Studie: jene von Leopold von Wiese (1876–1969) ( Text) sowie jene von Andries Sternheim (1890–1944) ( Text).

1933

In der Sitzung der Gemeindevertretung von Gramatneusiedl vom 4. November 1933 wird die Durchführung der Winterhilfe-Aktion analog jener des Vorjahres beschlossen.

Weiters wird der Verkauf der bisher vom »Rassekaninchen-Zuchtverein ›Vorwärts Marienthal‹« und anderen Kaninchenzüchtern gepachteten Grundstücke an interessierte Mitglieder beschlossen. Die Parzellierung in 28 Grundstücke wird in der Sitzung der Gemeindevertretung von Gramatneusiedl vom 9. Februar 1934 einstimmig beschlossen.

Anlässlich der Ablehnung einer Rechnung durch die Freie Gemeinde Gramatneusiedl kommt es auch zu einer Diskussion über die »Freiwillige Feuerwehr Gramatneusiedl«, auf deren Hilfe der ganze Ort angewiesen sei. ( Dokument.)

Außerdem wird auf die zunehmenden sanitären und hygienischen Probleme in Marienthal seit Schließung der Textilfabrik Marienthal hingewiesen. ( Dokument.)

Schließlich berichtet noch der Leiter des freiwilligen Arbeitsdienstes in Gramatneusiedl, Vizebürgermeister Josef Doleček (1885–1952), über die nächsten Aufgaben dieser Organisation: Instandsetzung der Wirtschaftswege sowie Regalierung, also Bewirtschaftung, von aufgelösten Schottergruben und sonstigen unproduktiven Flächen. ( Dokument.)

1933

Mit Kundmachung der Bundesregierung vom 11. November 1933 wird in Österreich wieder die Todesstrafe eingeführt, und zwar bei Mord, Brandlegung und öffentlicher Gewalttätigkeit durch boshafte Beschädigung fremden Eigentums.

1933

Am 12. November 1933 findet im Gasthof Richard Radl (um 1901–1965), Gramatneusiedl 19 (ab 1961: Oberortsstraße 5), ein von der Volks- und Hauptschule organisiertes Nachmittagskonzert mit Kompositionen des mit 1. August 1933 neu bestellten Schuldirektors Karl Geyer (1887–1978) statt, dessen Erlös zur Anschaffung eines Radios für die Schule verwendet wird. ( Dokument.)

1933

Am 1. Dezember 1933 wird der bisherige Provisor zu Moosbrunn Leopold Eder (1899–1963) als neuer Pfarrer installiert. Seit 1925 in Moosbrunn (Niederösterreich) und Gramatneusiedl tätig, beginnt Eder, systematisch Dokumente und Quellen zu Gramatneusiedl zu sammeln, welche später dem ersten Historiographen Gramatneusiedls, dem Pfarrer Georg Grausam (1911–1977), als eine wichtige Grundlage dienen. ( »Zur Geschichtsschreibung über Gramatneusiedl«.) Neuer Kooperator in Gramatneusiedl wird 1933 Anton Kummerer (1908–1990).

1933

Am 15. Dezember 1933 beschließt die österreichische Bischofskonferenz den Rückzug katholischer Geistlicher aus allen politischen Funktionen.

© Reinhard Müller
Stand: Juni 2010

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