FABRIK & ARBEITERKOLONIE MARIENTHAL

DIE MARIENTHAL-STUDIE

QUELLEN

CHRONIK

BILDER

HÄUSERBUCH

PLÄNE

DIE STUDIE

DAS PROJEKTTEAM

BIBLIOTHEK

ARCHIV

KÜNSTLER-SICHTEN

     

EINFÜHRUNG
 
HOME
IMPRESSUM
FEEDBACK

 
ENGLISH

Bericht über die Lage in Moosbrunn, Gramatneusiedl und Velm vom April 1933

Eintrag von Leopold Eder (1899–1963) in: Denkbuch der Pfarre Moosbrunn. Band 2, S. 84–88.

Transliteration: Reinhard Müller.

84

Jahr 1932/3: Triduen [d.s. Karfreitag, Karsamstag und Ostersonntag; Anm. R.M.] an den drei Orten (H[och]w[ürden] P[ater] Rektor. Georg Nitsch S[ocietas] S[ulpitiensis], Unt[er] Waltersdorf) zur Fastenzeit: Moosbrunn 360, Velm 370, Gram[at] Neus[iedl] 760 zusammen 1490 Beichten. (es [!] war das erstemal.), davon c[irka] 470 Kinderbeichten. Jährl[ich] c. 18.000–20.000 h[ei]l[ige] Kommunionen

Wallfahrten: Wie im Vorjahre am Sonntag n[ach] Floriani [d.i. 8. Mai 1932; Anm. R.M.] Moosbrunner u[nd] Gr[amat] Neusiedler c[irka] 250 Pers[onen] n[ach] Maria Lanzendorf. – Moosbrunner p[er] Auto n[ach] M[ari]a Enzersd[or]f 82 Pers[onen] 15./8.[19]32, Gr[amat] Neus[iedl] n[ach] Maria Ellend 4./9. c[irka] 80 Pers[onen]. In kleineren Grupp[en] nach Gutenstein, M[ari]a Schutz [in Göstritz, zu Schottwien, Niederösterreich; Anm. R.M.], M[ari]a Gugging [zu Klosterneuburg, Niederösterreich; Anm. R.M.] u[nd] S[ankt] Corona [zu Altenmarkt an der Triesting, Niederösterreich; Anm. R.M.], Loretto.

Auferstehungsprozessionen unt[er] großer Beteiligung: zum erstenmal wurde heuer in Filialk[irche] Gram[at]-Neusiedl die Liturgie i[n] d[er] Charwoche gefeiert. D[er] Grabesbesuch war sehr groß. D[ie] Fronleichnamsproz[essionen] waren an allen 3 Orten glänzend besucht.

Die Erstkommunionen (2. Schuljahr) werden seit Jahren sehr feierl[ich] begangen; darauf gemeins[ames] Frühstück d[er] Kinder von d[en] Frauen besorgt.

Durch häufige Katholikenversammlungen u[nd] Veranstaltungen wurde das kath[olisch] christl[iche] Bewußtsein geweckt u[nd] gestärkt gegen den glaubensfeindl[ichen] Geist der sozialdemokrat[ischen] Partei. (Führer!); deren äußere aggressive Kampfesweise hat in dies[en] Jahren sehr abgenommen, der widerchristl[iche] Geist dauert noch an.

85

[…]

Gram[at] Neusiedl:

a. Frauenbund: seit März [recte April; Anm. R.M.] 1912, beging sein 20 jähr[iges] Jubiläum mit besond[erer] Auszeichnung der Leiterin Maria Schweigheit [recte Marie Schweighart; Anm. R.M.] u[nd] 5 Mitgl[ieder] durch ein Bild. Gepflegt wird sehr d[as] relig[iöse] Leben u[nd] Sakr[amenten] Empf[ang]. Für Kirche u[nd] Heimbau schöne Spenden gegeben, Besorgt [!] stets die Erstkomm[union] Feier, die Weihnachtsbescherung der Kinder (durch Nähen u[nd] Stricken für c[irka] 120–160 Kinder. Neue Leiterin: Johanna [recte Anna; Anm. R.M.] Svehla, Mariental [!]. Der Fr[auenbund] Verein besorgte v[om] Jänner – März 1933 die Ausspeisung (wöchentl[ich] 400 Mahlzeiten.)

b. Mädchenbund: Nach Rücktritt der Gründerin u[nd] langjähr[igen] Leiterin: Fr[äu]l[ein] Franziska Heilinger, Handarb[eits]-Lehrerin, die sich um die Jugend u[nd] d[ie] christl[iche] Sache im Orte sehr bemüht hat, waren Vorsteherinnen: Resi Griesmüller [d.i. Theresia Griesmüller, geborene Bürgermeister; 1897–1961; Anm. R.M.], Käthi Wohlschlager, Anna Svehla, Anna Sinka; unter allen Leiterinnen wurde das rel[igiöse] Leben der Mädch[en] (c[irka] 45.) stets gefördert: 4 Gen[eral] Komm[unionen] jährl[ich], monatl[iche] Komm[unionen]. D[er] Mädchenb[und] ist eig[entlicher] Anreger zum Heimbau u[nd] eifr[iger] Förderer durch Spenden (c[irka] 3.000 S[chilling]), er verwaltet

86

die Bibliothek; wirkt mit im Kirchenchore. 20 jährl[iches !] Jubiläum war 29.VI.1930 gefeiert (M]on]s[i]g[no]r[e Karl] Handloß)

c. Burschenverein: c[irka] 30 Mitgl[ieder]. Obmänner waren Franz Schorn, der sich 3 Jahre sehr mühte, Jos[ef] Hums, Jos[ef] Brauneder, Jos[ef] Griesmüller; gegr[ündet] 1926 [recte 1927; Anm. R.M.] pflegt d[er] Verein rel[igiöse], christl[iche] Gesinnung; verbreitete d[as] kl[eine] Volksblatt.

d. Frohe Kindheit (zur Rettung der Kinder vor d[en] sozialist[ischen] Kinderfreunden, vor allem der Arbeiterkinder v[on] Mariental [!].) Die Knaben werden betreut mit vieler Aufopferung v[on] Fr[äu]l[ein] A[nna] Svehla; die Knaben werden zusammengefaßt in d[er] Pfadfindergruppe, c[irka] 30, die Mädchen, c[irka] 50, in Engelgruppen; diese werden v[on] d[en] Schwestern [d.s. »Mariahilfschwestern Don Boscos«; Anm. R.M.] geleitet u[nd] mit Eifer als Apostel geschult. – Der Sakramentenempfang der Kinder an allen Orten der Pfarre nimmt befriedigend zu u[nd] läßt auf Besserung der religiösen Verhältnisse hoffen. – D[ie] frohe Kindheit zählt c[irka] 200 Mitgl[ieder] an Erwachsenen.

Polit[ische] Verhältnisse: Der Sozialismus erreichte hier nach dem Weltkriege e[ine] starke Position u[nd] mit ihm das prolet[arische] Freidenkertum (c[irka] 200 Abfälle vom Glauben, besonders in Mariental [!]); große Versammlungen, Umzüge, starke Hetze gegen Religion, Kirche, Geistlichkeit, sozialist[ische] Jugendbewegung (Kinderfreunde, rote Falken…) sind die Kennzeichen dieser Periode. Katholiken sind vielfach feige, verhetzt durch Zeitungen u[nd] Reden, üben lau oder gar nicht ihre religiös[en] Pflichten; nur e[in] kleinerer Teil leistet Widerstand (bes[onders] d[ie] christl[iche] Gewerkschaft, Mariental [!].), übt s[eine] Religion (vor allem gilt das für Gr[amat] Neus[iedl]-Mariental [!].). Moosbrunn zählt 1365 Einwohner, davon fast d[ie] Hälfte Sozialisten (Glasfabrik!): 8 christl[iche], 7 rote Gemeinderäte. Georg Höller, Landwirt ist Bürgermeister. – Gram[at] Neus[iedl]: 13 rote, 6 christl[iche] Gemeinderäte: B[ür]g[er]m[ei]st[er] Jos[ef] Bilkovsky sowie mehrere Gem[einde] Räte sind abgefallen; Einw[ohner] 2.184 + 282. Neureisenberg: Einwohner 347. B[ür]g[er]m[eister] J[ohann] Neumann, Gemeinde Reisenberg. Im Lager von Mitterndorf 282 Einw[ohner]. Gemeinde Gr[amat] Neusiedl, Pfarre Mitterndorf. – Velm c[irka] 615 E[inwohner]. 7 christl[iche], 4 rote Gem[einde] R[äte]; Jakob Zöchmeister, Landwirt ist B[ür]g[er]m[ei]st[er]. – Nationalsozialism[us] wächst bes[onders] in Gr[amat] Neus[iedl].

Schule: In den Schulen hatten die Katecheten e[ine] sehr schwierige Aufgabe: Viele sozialist[ische] Kinder wollten keine Religion, waren sehr renitent, Disziplin war

87

schwer zu halten; sozialist[ische] Eltern u[nd] rote Vereine waren gegen den Katecheten; doch das alles hat sich in den letzten Jahren sehr gebessert (besonders seit die Arbeitslosigkeit u[nd] Krise hier sehr wirksam wurde, J[ahr] 1929, sind diese Leute gedemütigt!) In Gr[amat] Neus[iedl] gibt es z[irka] 20–30 confessionslose, ungetaufte Kinder (Mariental [!]!); die keinen Rel[igions] Unterricht besuchen, teils noch nicht schulpflichtig sind. – Nur einige Lehrpersonen sind positiv katholisch eingestellt; mehrere je nach Konjunktur; bes[onders] ist Gr[amat] Neus[iedl] sehr sozialistisch gewesen (doch auch das ist derzeit weit besser geworden. V[on] d[er] Gemeinde in Gramatneusiedl wurden im J[ahr] 1927 [recte 1928; Anm. R.M.] eine Hauptschule errichtet. 1931 ein Zubau notwendig; sie wird von über 200 Kindern besucht (Paralellklassen [!]), darunter die Hälfte v[on] auswärts. Kinder in den Schulen:

Moosbrunn c[irka] 170,

Gr[amat] Neus[iedl] 474,

Velm c[irka] 80,

4 Klassen

12 Kl[assen]

2 Kl[assen]

O[ber] Lehr[er Richard] Lochschmidt.

Dir[ektor] Alfred Marschik.

O[ber] Lehr[er] Matth[äus] Mayer.

O[ber] L[ehrer] Schaub

Wirtschaftl[iche] Ereignisse: Für hies[ige] Landwirte trat nach der Konjunktur der Nachkriegsjahre eine Verschlechterung ein: allgem[eine] Krise, dazu teilw[eise] Hagelschlag geg[en] Mitterndorf u[nd] Reisenberg zu, sodaß im letzt[en] J[ahr; gemeint ist 1932; Anm. R.M.] fast kein Kraut wuchs, Preisrückgang, Absatzstockung; viele sind verschuldet (manche aus eig[ener] Schuld!)

Fabriken: Glasfabrik [in Moosbrunn, Glasfabrik 4–6; Anm. R.M.] setzt im J[ahr] einige Monate aus, sonst ist sie in Betrieb; am Weihnachtstage 1931 brannte während des Hochamtes das schöne Herrenhaus nieder. An Arb[eiter] Wohnungen wurd[en] nach d[em] Kriege d[ie] Kübelgasse! u[nd] der holländ[ische] Trakt errichtet. (Volksbenennung)

Mariental [!]. – Trumau A[ktien] G[esellschaft] (Textilfabr[ik]) wurde 1929 völlig zugesperrt: 1.200–1.300 Arbeiter u[nd] ihre Angehörig[en] verloren ihr Brot: Ursache: [Isidor] Mautner sen[ior] soll s[einem] Sohn [d.i. Stephan Mautner; Anm. R.M.], d[er] finanziell zus[ammen]brach, (Spiel od[er] Transaktion?) beigesprungen sein, Kredite (in Waren u[nd] Geld) auf d[ie] Fabrik aufgenommen haben; der Zusammenbruch des Kred[it] Gebers (Sigmath [recte Rudolf Sieghart; Anm. R.M.] in Triest [heute Trieste, Italien; Anm. R.M.]) vernichtete völlig den Betrieb. Mitschuld ist die hohe Lohnforderung, teilw[eise] träge Arbeit, die hoh[en] Gehälter leitender Pers[onen], Krise. Alles wird verkauft, teilw[eise] niedergerissen nach kaum 100 J[ahren] Bestand (1833) – Liberale Wirtschaft – gottfeindl[iche] Arbeiterführer (u[nd] -Massen.)!!

88

Auch in Velm wurde d[ie] Börtelfabr[ik; d.i. die Börtel- und Strickgarnfabrik, Kaplangasse 6; Anm. R.M.] gesperrt, der Betrieb umgestellt auf Handsch[uhe], Socken etc. Schlechte Bezahlung d[er] Arbeiterinnen.

In Marienthal wurde e[ine] kl[eine] Spinnerei mit derzeit 35 Personen eröffnet.

Das Handwerk u[nd] die Geschäftswelt leidet sehr unt[er] diesen Zuständen.

Leopold Eder, Provisor

Register
Kalender
Kleine Chronik
 
Plan Fabrik Marienthal
Plan Neu-Reisenberg
Ortsplan Gramatneusiedl