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Die Abnahme der Glocken der Kirche Sankt Peter und Paul im Januar 1942

Eintrag von Georg Grausam (1911–1977) in: Denkbuch der Pfarre Moosbrunn. Band 2, Einlageblatt zwischen S. 118 und 119.

Transliteration: Reinhard Müller.

[1]

Abnahme der Kirchenglocken

in Gramatneusiedl am 2. Jänner 1942, Freitag.

Der am 1. September 1939 ausgebrochene Krieg braucht viel Material. Daher wurde schon am 15. März 1940 eine Anordnung erlassen: »Die Glocken aus Bronze sind zu erfassen und abzuliefern« (Reichsgesetzblatt I, S[eite] 510 / N[umme]r 48 vom 18. März 1940).

Im Gebiete Wien wurde mit der Glockenabnahme vor Weihnachten 1941 begonnen. Diese wurde hier in Gramatneusiedl, sowie zu Velm, Ebergassing, Rauchenwarth, Brünndlkirche [d.i. Maria Bründl; Anm. R.M.] bei Rauchenwarth, Mannswörth und Kaiser-Ebersdorf dem hiesigen Stadtzimmermeister Michael Hums, Gramatneusiedl N[umme]r 103 [ab 1961: Hauptstraße 12; Anm. R.M.], übertragen.

2. Jänner 1942, ein Tag wie im Spätherbst mit schwerem Nebel, nur etwas kälter, sodaß Glatteis die Straßen frühmorgens überzogen hatte, war der Abschiedstag der Glocken von ihrer Turmwohnung. Nach der Messe, die Kaplan und Kirchenrektor Georg Grausam in der Gramatneusiedler Kirche um halb 8 Uhr früh zelebriert hatte, kam Zimmermeister Josef Hums mit 3 Gehilfen in die Sakristei und meldete, daß er heute die Glocken abnehmen werde, nur eine dürfe auf dem Turme bleiben, die alte aus dem Jahre 1693 stammende Glocke, welche als sogenannte D-Glocke erklärt worden war.

Die Arbeiten auf dem Turme begannen um 8h früh. Sie dauerten bis abends. Um die Mittagszeit konnte die kleinste Glocke (das Zügenglöcklein) abgenommen werden, sie wurde innen durch den Turm und das Sakristeidach herabgetragen. – Um 16 Uhr wurde außen am Turme die 75 k[ilo]g[ramm] schwere Glocke und um 18 Uhr die größte Glocke herabgelassen, für diese mußte das Turmfenster ausgebrochen werden, da der untere Glockenrand größer war als das Fenster.

Seit 14 Uhr warteten schon Leute auf diesen Augenblick. Manchen standen Tränen in den Augen und sie hielten es für kein gutes Zeichen, daß die Glocken in den Krieg wandern mußten, denn sie gedachten derselben Tatsache im Jahre 1917.

Beschreibung der Glocken:

1) Die größte »Peter und Paul« Glocke

300 kg schwer, 84 cm hoch, 80 cm Durchmesser; Inschriften:

[2]

GEWIDMET VON DER OPFERWILLIGEN

B[IN] G[E]G[OSSEN]

BEVOELKERUNG AUS GRAMATNEUSIEDL,

A[NNO] D[OMINI] 1925

MARIENTHAL, NEU-REISENBERG.

 

Die Glocke trägt das Brustbild des Gekreuzigten und die Vollfiguren der Apostel Peter und Paul; am oberen Glockenrand läuft ein schön stilisiertes Bandmuster. Glockenton: H

2) Vorletzte Glocke

75 kg schwer, 53 cm hoch, Durchmesser 53 cm, Glockenton: Fis

Inschriften: (oben statt des Bandmusters)

DURCH FREIWILLIGE SPENDEN ERWORBEN 1925 U[ND] 1934

(Mitte:)

WENN IHR HEUTE MEINE STIMME HÖRT

 

VERHÄRTET EURE HERZEN NICHT

und

GEGOSSEN VON JOSEF PFUNDNER, WIEN X.

3) Letzte Glocke (Zügenglöckerl oder »Dollfußglöcklein«)

40 kg schwer, 38 cm hoch, Durchmesser 40 cm, Glockenton: H

Inschriften: (oben) BUNDESKANZLER-DOLLFUSSGLOCKE.

(Mitte:) PRO PATRIA MORIENS VOLUIT PACEM.

Der Inschrift in der Mitte gegenüber befindet sich ein Medaillonbild des Dollfußkopfes (als Bundeskanzler gestorben am 25. Juli 1934.

Inschrift unten:

19. J. PFUNDNER 34

 

WIEN X.

Die herabgenommenen Glocken wurden in dem Hof des Zimmermeisters Hums, Nr. 103, gebracht. Dort wurde auch eine Bronzeglocke von der Ebergassinger Kirche hingestellt. Der Sohn des Michael Hums, Zimmermeister Josef Hums, wurde zum 2. Mal zum Militär einberufen und mußte am 10. Jänner 1942 einrücken, dadurch konnte er die andern oben angeführten Glockenabnahmen nicht durchführen, sie wurden einer anderen Firma übertragen.

Bis zum 16. März 1942 standen die 4 Glocken so im Hofe Nr. 103, an diesem Tage wurden sie erst vom Autofuhrwerker [Josef] Kowatsch nach Wien überführt.

(Von R[ektor] Georg Grausam.)

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