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Die Luftangriffe der Alliierten in Gramatneusiedl und Umgebung vom April bis Oktober 1944

Eintrag von Leopold Eder (1899–1963) in: Denkbuch der Pfarre Moosbrunn. Band 2, S. 120–124.

Transliteration: Reinhard Müller.

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Gefährlicher für unsere Pfarrorte [Moosbrunn, Gramatneusiedl und Velm; Anm. R.M.] wurden die Angriffe am 12. u[nd] 23. April 1944, da zugleich die ganze Gegend v[on] W[iene]r Neustadt, Vöslau [d.i. Bad Vöslau; Anm. R.M.], Tattendorf, Baden–Kottingbrunn u[nd] Fischamend (-Dorf 12.4. u[nd] Haidfeld [recte Heidfeld, zu Fischamend; Anm. R.M.] 23.4.) schwer litten. Brennende Flugzeuge, Fallschirmabsprünge, Flaksplitter überall, schwere Bombardierung der Flugzeugwerke u[nd] friedlicher Objekte zeigten uns die Tragödie des totalen Krieges. Alle in Fischamend beschäftigten Pfarrkinder kamen mit dem bloßen Schrecken davon. Am 23.IV. fielen einige Bomben unweit der Märzmühle [in Velm; Anm. R.M.] am kalten Gang u[nd] auf den Hauslustfeldern; (zw[ischen] Reisenberg u[nd] Wasenbruck zählte man 16 B[omben]-Trichter.) Am Mittw[och], 12./4., dauerte der Angriff v[on] cirka ½12h–¾1h mittags, am Sonntag, 23., v[on] c[irka] 2–3h nachm[ittags]. Beidemale

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überflogen die abziehenden Feinde (z[um] Teile) unsere Orte. In der Gegend v[on] Baden wurden Weinbauern bei ihrer Arbeit beschossen u[nd] getötet. In Fischamend sind am 12./4. gegen 150 Personen getötet worden; dazu kommen noch ausländ[ische] Arbeiter. Am 23./4. sollen um 1000 Bomber unsere Gegenden heimgesucht haben. Die Wellen kamen über Ungarn herein. Während in Moosbrunn im Laufe des Winters drei Beton-Splittergräben v[on] gefangenen Italienern fertiggestellt wurden, haben nach diesen Angriffen die Moosbrunner hinter ihren Häusern auf der Feldseite Unterstände / Bunker gegraben u[nd] mit Holzbalken u[nd] Erde gedeckt, auf der Bachseite ist dies weg[en] Wasserstand nicht möglich.

Am 10. Mai wurde W[iene]r Neustadt wieder angegriffen von 11h–¾1h mittags. Da es bei uns gänzlich ruhig blieb, konnte ich vom Dachboden [des Pfarrhauses in Moosbrunn; Anm. R.M.] aus den Anflug und Kampf über der Stadt beobachten: Wie ein ferner Vogelschwarm durcheinanderschwirrt, so sah es aus; ein fortgesetztes dumpfes Dröhnen der fallenden Bomben, sodaß unser Dach zitterte, war zu hören, drei Feuergarben sah ich aufleuchten von brennenden Flugzeugen.

24. Mai, Mittwoch vor Pfingsten: Moosbrunn bombardiert: Von 10h bis nach ¼12 vorm[ittags], 4 Wellen waren zu hören, zugleich auch Guntramsdorf (Pfarrkirche wurde vernichtet.) u[nd] bei Pellendorf. Es scheint den Flugplätzen Zwölfaxing u[nd] Münchendorf gegolten zu haben. In Moosbrunn-Ober Ort fielen vereinzelt kleine Bomben: Vor dem Kaufhause N[umme]r 65 (Schneider), vor Haus N[umme]r 69, wo Frau Karol[ine] Bürger, geb[orene] Renner, getötet lag; im Gäßchen [!] zw[ischen] Haus 69 u[nd] 92, bei der Leonhardstatue zw[ischen] Haus 147 (Müller) – Weber N[umme]r 126 u[nd] Hrabal N[umme]r 103, in e[inem] Dachboden des Hauses N[umme]r 133 (Glasfabrik), gegenüber dieser fiehlen 10 schwere auf den Spielplatz u[nd] auf Felder ganz nahe dem Funkhause der Polizei, das keinen besond[eren] Schaden erlitt. Die Masse der kl[einen] Bomben fielen auf die Felder: Salzflecken, an der Trumauerstr[aße] bis Gr[enz] Gemeinden, mehrere 1.000 Stück, eine fiel im Friedhofe (Grab-Kreuz N[umme]r 521 Reihe 2, Grab 3.) rechts v[om] Eingang; mehrere vor dem Friedhofe u[nd] auf der Wiese hinter dem Gasthofe Schorn (N[umme]r 101.). Getötet wurden Karl Höllinger, ein stattlicher, großer Mann u[nd] 2 Franzosen an der Trumauerstr[aße], die dem verwundeten Georg Kreuz v[on] N[umme]r 84 zu Hilfe eilen wollten, ersterer hatte einen Durchschuße [!] im Halse bis zur Brust. 2 Pferde (Kreuz u[nd] Flamm gehörig) waren ebenfalls tot. Dies geschah nahe dem Fuchsenhügel (Scheinflughafen!) auf der Straße u[nd] dem daneben laufenden Wiesenwege. Ein 3. Franzose fiel an der Piesting-Neubach (b[ei] Glasfabrik aufwärts.). Kreuz Josef, der stets der Fuhrmann für den Pfarrhof war, fiel auf den Äckern der Salzflecken:

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[…]

Schwer verwundet wurde er in das Haus N[umme]r 28 gebracht, auch drei Slovakinen [!] lagen dort (diese waren in Arbeit auf dem Herrschaftsfelde b[eim] Ziegelofen), wurden alle 4 versehen mit h[ei]l[iger] Ölung von H[och]w[ürden] Rek[tor Friedrich] Wolf; eine Polin: Sophia Król, beschäftigt bei Past N[umme]r 79, blieb tot an der Straße vor der Glasfabrik liegen. Frau [Theresia] Mikes u[nd] ihre Tochter Maria wurden getroffen, als sie ihren Splittergraben am Neubach zu erreichen suchten, erstere schwer; sie erhielt die h[ei]l[ige] Ölung noch im Transportwagen auf dem Kirchenplatze wie auch das Kind Leo Tutsch. Dessen Mutter Frida Franziska Tutsch erhielt eine schwere Verwundung im Splittergraben (am Neubach aufwärts der Glasfabrik); diese, Frau Th[eresia] Mikes, Jos[ef] Kreuz, eine Slovakin [!] Trimlova Anna starben im Spitale W[ien] III., Boerhaveg. [recte Boerhaavegasse; Anm. R.M.]. Der Vorarbeiter Joh[ann] Michalik wurde tot vom Felde zum Hause N[umme]r 28 gebracht, Vater von 5 kleinen Kindern. Kreuz Georg, Gepp Rosalie, Maria Hegenbart, Rosa Hoffmann, Gerti Hoffmann u[nd] andere Verwundete sind im Zustande der Genesung. D[okto]r Andr[eas] Hauswirth hatte einen opfervollen Nachmittag in Moosbrunn. Eine Reihe Männer u[nd] Frauen erhielten das Verdienstkreuz. Die Begräbnisse waren feierlich. Eine öffentl[iche] Totenehrung vor der Schubertlinde erfolgte am Samstag, 3./6., ½8h abends. Es sprach Kreisleiter [Hans] Dörfler.

Am Pf[ingst] Mont[ag] 29.V., wurde Atzgersdorf-Liesing, am 30.V. Pottendorf, am Freitag 16.VI. Floridsdorf u[nd] Umgeb[ung], u[nd] Schwechat, schwer getroffen. Wir hatten stets Alarm, sahen die Anflüge; am 16.6. fielen wieder einige Bomben auf Feldern [!] v[on] Moosbr[unn] u[nd] Gr[amat] Neusiedl. Am Montag 26.VI. wurden heimgesucht Schwechat, Floridsdorf, Korneuburg, Moosbierbrunn [recte Moosbierbaum; Anm. R.M.] ob Tulln. In Pottendorf

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wurden 2 Fabriken, Häuser, in Landegg die Kirche getroffen; in Schwechat fielen einige Bomben in die Kirche, nur eine explodierte u[nd] zerstörte Bänke auf der rechten Seiten [!], die Ölraffin[erie] »Nova« wurde 2 mal, 16. u[nd] 26.VI., getroffen, auch Häuser; In [!] Floridsdorf wurden Vacuum Oil Komp[agnie], Shell Öl, Reichbahnwerkstätte, Häuser in der Umgebung bombardiert, überall gab es Tote: Eine Liste In der Zeitung stand eine Namenliste von c[irka] 200 für Floridsdorf nach dem 16.VI.

Am Samstag, 8. Juli [19]44, fielen wieder viele kleine Bomben auf den Haidäckern, am kalten Gang, wo die Mühle der Fam[ilie] März [in Moosbrunn; Anm. R.M.] getroffen wurde u[nd] einige Schäden erlitt. Der Müllermeister liegt seit einigen Monaten schwer krank darnieder. Ein Slovakenbub [!] des Bauers Joh[ann] Fellner v[on] Velm N[umme]r 10 wurde in der Nähe der Mühle verwundet, die zwei Pferde mußten getötet werden, da sie schwer verwundet wurden. Der Bauer selbst kam mit kleiner Wunde am Arme davon. Bei der Donatusstatue am kalt[en] Gange (v[on] Neuhof aufwärts) fiel ein Arbeiter aus dem Konzentrationslager Lanzendorf, der bei Mart[in] Hintermayer, V[elm] N[umme]r 22, auf dem Felde arbeitete, zwei wurden verwundet. Im Gemeindegasthof-Saal zu Gramatneusiedl lagen acht Verwundete aus der Umgebung. Alle Katholiken erhielten die Lossprechung, die Nichtkatholiken (Ostarbeiter) den Segen v[on] R[ektor] Friedr[ich] Wolf, der per Rad zur Märzmühle u[nd] nach Gr[amat] Neus[iedl] fuhr.

Am 16. Juli, Sonntag, fielen c[irka] 40 schwere Bomben in der Nähe Velms auf den Feldern beim Hahnkreuz, das i[m] J[ahr] 1942 von Fam[ilie] Samstag neu errichtet wurde, vom Pfarrer am Stefanitag 1942 unter Beisein des H[ochwürden] Rektor [Friedrich] Wolf und der Velmer geweiht worden war. Das Kreuz litt keinen Schaden, die Fenster der Häuser (bes[onders] im Unterort) wurden eingedrückt, an der Kirche 16 Tafeln.

Am Annatage [d.i. 26. Juli], Mittw[och], fielen mehrer schwere Bomben in der Nähe des Wasserpumpenwerkes Moosbrunn, es trug keinen Schaden davon.

In Reisenberg wurde bei einem Angriff ein Schafhirte mit vielen Tieren getötet. In Mitterndorf [an der Fischa; Anm. R.M.] brannte es im Hause des Bauers [!] Silberknoll, wo eine kl[eine] Bombe eingefallen war. Die Leuna Danubiawerke (Ölraff[inerie]) in Sieben Hirtenberg brannten am 8./7.[19]44. In Wien III. wurde das Schlachthaus S[ank]t Marx, die Gärtnereien in Simmering, die Straßenbahnwagen-Remise Währing getroffen, wo einige Dutzend Schaffners [!] u[nd] Schaffnerin getötet wurden, In [!] Brigittenau-Währing gab es Schäden.

In der Woche v[om] 20.–28. Aug[ust] 1944 war täglich Alarm, die ersteren nächtlich. Am 23.8. ward Lobau, Floridsd[orf], Korneuburg, Leobersdorf etc.,

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am 24.8. Wien V. (Reinprechtsd[or]fer Str[aße], Matzleinsd[or]fer Platz.) Wien X, Kais[er] Franz Josef Spital a[n der] Triesterstr[aße], Wien XII., Siebenhirten (Danubia) Liesing… getroffen, am 28.8. Moosbierbaum (chem[ische] Fabrik). Einigemale flogen sie darüber – von Italien nach Norden (Tullner Feld), dies war bei allen Anflügen ihr Weg: Plattensee – Neusiedlersee – Donau oder über Steiermark – Traisengebiet. Znaim [d.i. Znojmo, Tschechische Republik; Anm. R.M.], Pardubitz [d.i. Pardubice, Tschechische Republik; Anm. R.M.], Schlesisches Industriegebiet; Slovakei [!] – Ungarn wurden in dieser Woche mit Bomben belegt; bei den Rückflügen gab es stets wieder Alarm; am späteren Vormittag c[irka] 10–11h begann er; einige Stunden dauerte es bis zur Entwarnung.

Sonntag, 10. Sept[ember 19]44: die Mehrzahl der südl[ich] der Donau gelegenen Stadtbezirke Wiens erlitten schwere Verluste an Menschen u[nd] Gebäuden, besonders Hernals / Ottakring, Innere Stadt (Graben, Tuchlauben, Hof, Freyung, Herrengasse) habe ich tags darauf selbst gesehen). Eine Namensliste von über 600 Personen wurde veröffentlicht, die Schätzung auf mehrere Tausend entspricht jedoch den Tatsachen. / Das alte Zeughaus (Feuerwehr), Palais Harrach, Landes Reg[ierung], Ballhaus 2, Schottenkirche wurde beschädigt (, Arsenal etc….[)]

Samstag, 7. Okt[ober]: Ölraff[inerien] u[nd] Tanks: Lobau, – Winterhafen –, Schwechat, Floridsdorf (Umgeb[ung]) schwer getroffen: Eine schwarze Wolkenwand von Wien-Südost war bis Abends von hier sichtbar. Ein Getreidespeicher wurde getroffen;

Mittwoch, 11. Okt[ober], Die Bezirke V., VI., X., XI., XII., auch noch andere. Rob[ert] Koch (K[aiser] Franz Jos[ef]) Spital zum 2. Male getroffen, Philadelphiabrücke, die Notkirche (Nam[en] Jes[u]), Mar[iä] Empf[ängnis] K[irche] XI. …… Der Himmel war fast ganz bewölkt, sodaß man keine Flugzeuge sehen konnte.

Freitag, 13. Okt[ober], Heller Himmel: Wir sahen die Flugzeuge über Wien, Nordost-Floridsdorf, ziehen, mehrere stürzen brennend ab; Flak u[nd] Bombengetöse; Jägerverbände hatten längs Wienerwald bis z[ur] Donau, dann über Floridsdorf Kondenzstreifen [!] gezogen. Immer wieder neue Verbände kamen aus N[ord] West, luden ab u[nd] zogen weiter geg[en] Südost u[nd] Ungarn.

Dienstag, 17. Okt[ober]: Südl[iche] Bez[irke] Wiens: III., V., VI., X., XI. (Ostbahn), XII. (Schönbrunn), getroffen u[nd] Ölquellen in Gegend v[on] Zistersdorf, an drei Abenden sahen wir starken Lichtschein über schwarzer Wolkenschicht unruhig flackern.

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